ZEIT ONLINE: Herr Sonnenberger, der Europäische Menschenrechtsgerichtshof hat entschieden, dass Mütter den Vätern nicht mehr das Sorgerecht für das gemeinsame Kind verweigern können. Haben Sie als Vätervertreter damit ihr Ziel erreicht?

Rainer Sonnenberger: Das Urteil des Gerichtshofes stärkt Väter- wie Kinderrechte. Insofern ist heute nicht nur ein guter Tag für Väter, sondern auch für Kinder. Es ist gut, dass nun feststeht, dass die Verweigerung des Sorgerechts eine Menschenrechtsverletzung darstellt. Sie verstößt damit auch gegen das Diskriminierungsverbot und gegen das Grundrecht auf Familie.

ZEIT ONLINE: Wie sollte das Urteil jetzt in Deutschland umgesetzt werden?

Sonnenberger: Unsere Sorge ist, dass es zu einer halbherzigen Frickel-Lösung kommt gemäß dem Schema: Wenn der Vater das Sorgerecht will, muss er es einklagen. Der Bund sollte sich bei der Gesetzgebung am europäischen Ausland orientieren: In Frankreich etwa hat der Vater das Sorgerecht, sobald er die Vaterschaft anerkennt. Nur, wenn die Mutter Widerspruch einlegt, befassen sich die Ämter mit dem Fall. Wir brauchen in Deutschland den großen Wurf: Väter gehören dazu, das sollte im Gesetz auch so drinstehen.

ZEIT ONLINE: Das klingt sehr weitreichend.

Sonnenberger: Das absolut Mindeste wäre eine Prüfung im Einzelfall, ob die Verweigerung der Mutter berechtigt ist. Künftig muss ein Gericht notfalls deren Zustimmung ersetzen können, um dem Vater das Recht zur Sorge zusprechen. Für die Väter wäre das jedoch eine schwerer Weg: In einem solchen Verfahren müsste der Vater in einem Rechtsstreit nachweisen, dass er mit der Mutter kooperationsfähig ist. Das ist vollkommen absurd. Deshalb brauchen wir eine Lösung nach französischem Vorbild.

ZEIT ONLINE: Wenn mehr Eltern – wie auch immer – das gemeinsame Sorgerecht erhalten, wird es auch mehr Konflikte über Einzelfragen geben. Wie können diese Konflikte besser gelöst werden?

Wir brauchen eine Lösung nach französischem Vorbild

Sonnenberger: Denkbar wäre der Einsatz eines Beraters oder Mediators. Der sollte für die Zeit seines Einsatzes ein Teilsorgerecht erhalten. Er versucht, über das gemeinsame Sorgen der Eltern für das Kind Einverständnis zu erzielen. Einigen sich die Eltern nicht, ist sein Votum entscheidend.

ZEIT ONLINE: Sollte dieser Berater beim Jugendamt angesiedelt sein?

Sonnenberger: Wie eine von uns vorgenommene Sorgerechtsbefragung zeigt, sind die Erfahrungen mit den Jugendämtern nicht gerade gut. Er könnte bei einem freien Träger angesiedelt sein. Auch könnten Psychologen, etwa über ein psychologisches Institut, für diese Aufgabe gewonnen werden – entsprechende Gesetzesänderungen vorausgesetzt.

Mit Rainer Sonnenberger sprach Tilman Steffen.