Plötzlich wird die Frage aufgeworfen, ob die Deutschen nicht religiös genug seien, weil sie so wenige Kinder bekommen.  Malte Lehming hat dieses Thema unter dem Titel "Religiöser werden für mehr Kinder" aufgegriffen.

Doch die vermutete Korrelation zwischen Religiosität und Geburtenrate ist – auf Europa bezogen – schlicht Unfug: Europas Katholikennation Nummer Eins, Polen, hat, wie auch einige andere postkommunistische Länder, eine niedrige Geburtenrate, ebenso die katholisch geprägten Länder Portugal , Spanien und Italien .

"Fruchtbarkeits-Europameister" (so französische Medien) ist hingegen zum dritten Mal infolge Frankreich (pro Frau werden dort 2,02 Kinder geboren, in Deutschland 1,35 Kinder) - ein Land mit vergleichsweise wenig konfessionell gebundenen Bürgern. Gleiches gilt für die skandinavischen Länder, deren Geburtenzahlen ebenfalls zu den höchsten in Europa zählen.

Auch die Differenzierung zwischen "tradierten" und "vitalen" religiösen Gesellschaften verwirrt eher, als dass sie einen Sinnzusammenhang zur Geburtenrate erhellen würde – eine "vital" gelebte und eine "tradierte" Religiosität schließen sich oft nicht aus, sondern existieren parallel zueinander in unterschiedlichen Alterskohorten oder sozialen Milieus. Und viele Menschen, auch in Deutschland, leben ihre Religiosität in verschiedenen Lebensabschnitten oder -phasen mit unterschiedlicher Intensität. Die Begriffe suggerieren eine Statik im Denken und Fühlen, die nicht der Wirklichkeit entspricht.

Überhaupt: Wer pauschal von einer mangelnden Religiosität spricht, geht vor Luther zurück, der das intime Zwiegespräch zu Gott höher hielt als klerikal-kollektiven Prunk und Pathos – und genau diese Art von intim-privater Religiosität, die durchaus von vielen Menschen in postmodernen Dienstleistungsgesellschaften gelebt wird, lässt sich nicht an der Zahl von Kirchenbesuchen, -eintritten oder -austritten ermessen.

Offenbar fehlt im Moment jeder Gradmesser für die Gründe des Geburtenrückgangs in Deutschland. Und es wird wieder einmal die Schuld beim Einzelnen gesucht, ihm, vor allem jedoch: ihr, der Frau, ins Gewissen geredet und in ihr ein moralisches Defizit vermutet, anstatt – ganz profan – den Blick auf die familienpolitischen Versäumnisse der letzten Jahrzehnte zu richten: Denn die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder sind hierzulande nach wie vor absolut unzureichend.

In den alten Bundesländern gibt es in vielen Regionen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes für nur fünf Prozent der unter Dreijährigen einen Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte (Frankreich: fast 50 Prozent). Während es in Deutschland auch noch für ein Drittel der Kinder im Alter von über drei Jahren keinen Platz gibt, gehen in Frankreich fast 100 Prozent der über Dreijährigen in eine Kindertagesstätte.