Es begann mit einem harmlosen Handyfoto, das die 12-jährige Julia von ihrer Schulfreundin Carla schoss. Die war nämlich eines Morgens mit gelockten Haaren im Gymnasium erschienen. Carlas Mädchenclique fand das "irgendwie drollig". Sie sähe aus "wie Shaun das Schaf". Den und ähnliche Sprüche musste sich Carla anhören. Carla, ein dominantes Mädchen, war es nicht gewohnt, veräppelt zu werden. Ihre Mutter rief erbost bei Julia an, um sich über den Schnappschuss zu beschweren, den Julia nicht weiter verbreitet hatte. Sie trat in der Schule eine Lawine an Anti-Mobbing-Maßnahmen los. 

Fälle wie diesen, in dem Eltern sich vorschnell in die Konflikte Gleichaltriger einmischen und behaupten, ihr Kind werde gemobbt, erlebt der Sozialpädagoge Lothar Drat vom Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing e.V. aus Wiesbaden immer wieder. Von Hysterie will er zwar noch nicht sprechen, es gebe jedoch Hinweise, dass viele Eltern heute schneller als früher intervenieren, wenn es um ihre Kinder geht. "Allerdings handelt es sich dabei vorwiegend um Eltern aus der Mittel- und Oberschicht und oft um solche mit sozialen Berufen wie Lehrer, Sozialpädagogen, Psychologen", so Drat. 

Die Pädagogin und Mediatorin Christa D. Schäfer vom MediationsZentrum Berlin e.V. bestätigt das. "Alle sind sensibler geworden - das ist eigentlich eine schöne Sache." Allerdings wird der Begriff Mobbing heutzutage von vielen recht inflationär verwendet. Die Eltern bringen ihn laut Drat aus Hilflosigkeit ins Spiel. Sie möchten vor allem, dass Lehrer, Schulamtsvertreter etc. schnell eingreifen, wenn ihr Kind Hilfe braucht.

Nach den Erfahrungen von Schäfer, die den Berliner Schulen als Mediatorin zur Verfügung steht, gehen auch viele Kinder und Jugendliche mit dem Begriff recht bedenkenlos um: "In manchen Gegenden gehört der Begriff einfach zum alltäglichen Sprachgebrauch, ohne dass die Kinder und Jugendlichen genau wissen, was sich dahinter verbirgt. Viele sind auch durch die Schule so sozialisiert, dass der Mobbing-Vorwurf sehr schnell ins Spiel kommt."

Laut Drat gab es eine ähnlich extreme Sensibilisierung vor 15 Jahren, als die öffentliche Diskussion zum Thema sexueller Missbrauch ihren Höhepunkt erreichte. "Mobbing ist ein Modebegriff geworden", sagt Drat. Er wird von manchen Kindern und Jugendlichen bewusst instrumentalisiert. Manche machen sich damit wichtig, versuchen Aufmerksamkeit zu erregen, andere gegeneinander auszuspielen. Manche verschanzen sich auch dahinter, um nicht an eigenen Schwächen arbeiten zu müssen.

Selbst kleine Kinder hätten inzwischen kapiert, dass der Ausdruck eine eigene Macht besitzt. "Die reagieren dann beispielsweise auf Strafen wie Taschengeldentzug mit Sätzen wie 'Mama, du mobbst mich'", erzählt Drat.

Der Mobbing-Vorwurf wurde schließlich auch im Fall Carla erhoben. Zwei Schüler der Oberstufe (die Anti-Mobbing-Beauftragten der Schule), die Direktorin und eine Schulpsychologin wurden benachrichtigt. Die Psychologin verteilte Fragebögen, sprach mit allen Beteiligten und fand bald heraus, dass die Anschuldigungen überzogen waren. Die Anti-Mobbing-Beauftragten waren zuvor jedoch über ihr Ziel hinaus geschossen. Sie hatten die Mädchen aus Carlas Clique ins Kreuzverhör genommen und mit Suggestivfragen traktiert.  

 

"Warn- und Eingreifsysteme gegen Mobbing, in denen Schüler zwischen Schülern schlichten, funktionieren in der Regel ganz gut," so Drat, "ich bezweifle jedoch, dass sie das immer tun, weil der Eine oder Andere gern auch mal den Sheriff spielt". Im Gegensatz dazu halten sich Lehrer nach Schäfers Beobachtungen aus Mobbing-Konflikten inzwischen manchmal zu oft heraus, weil es ja an ihren Schulen Schlichter und Mediatoren gebe.

Sowohl Schäfer als auch Drat warnen jedoch vor einer Bagatellisierung und Verkennung echten Mobbings. Deshalb gelte für Eltern und Lehrer gleichermaßen: Mit Kindern und Schülern im Gespräch bleiben, gut zuhören und die Schilderungen mit der nötigen Distanz analysieren. Auf keinen Fall sollte man einem Kind, das behauptet, es werde gemobbt, zu früh die Frage stellen: "Und was hast du dazu beigetragen?" Zudem fordert Schäfer, dass die Schulen noch mehr als bisher präventiv arbeiten: "Es gibt viele, die im Bereich soziales Lernen nichts machen und sich dann wundern, wenn es explodiert."

Eltern, Lehrer, Schlichter und Mediatoren sollten sich jedoch immer wieder ihre eigene Begrenztheit bewusst machen. In vielen Fällen kann man darauf vertrauen, dass Kinder und Jugendliche Querelen und Reibereien untereinander klären. Ein einzelnes Lösungskonzept ideologisch zu vertreten, ist nicht sinnvoll: "Wenn Leute etwa die Mediation grundsätzlich über jeden Konflikt stülpen wollten", so Drat, "dann verpassen sie vielleicht einfache Lösungschancen." Früher hat zum Beispiel auch der Hausmeister mal ganz pragmatisch eingegriffen. 

Carlas Clique hatte sich sowieso schon lange einen Verhaltenskodex gegeben. Die Mädchen nahmen Fairness sehr wichtig. Eine von ihnen wurde inzwischen zur Anti-Mobbing-Beauftragten der Schule gewählt. Es ist allerdings nicht Carla.