OECD-Studie Bildungsrendite Inspiration für die gute Sache

Eine OECD-Studie hat ausgerechnet, wie viele Billionen Euro Deutschland durch gute Schulen gewinnen würde. Die Zahlen schaffen Verwirrung. Jan-Martin Wiarda erklärt die Zusammenhänge.

Ein Land, das seine Kinder in ordentliche Schulen schickt, profitiert langfristig enorm von seinen Investitionen ins Bildungssystem: Die Kinder werden zu schlaueren Erwachsenen, die den Wohlstand der Gesellschaft mehren und das Bruttosozialprodukt steigen lassen – zum Wohle aller.

Kurz gefasst, ist das die an sich wenig überraschende Kernaussage einer Studie, die Bildungsforscher der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor einigen Tagen vorgestellt haben. Das Besondere an der Untersuchung ist, dass die Experten es nicht bei der allgemeinen Beschreibung von Zusammenhängen belassen haben, sondern scheinbar exakte Zahlen nennen, wie hoch der Profit ausfallen könnte.

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Dadurch haben sie nicht nur Zustimmung geerntet, sondern auch jede Menge Verwirrung gestiftet: Kann so eine Berechnung überhaupt richtig sein? Oder handelt es sich nicht doch um pseudowissenschaftliche Behauptungen?

Zu den Hintergründen: Ein durchschnittlicher Anstieg der Schülerleistung in Mathe und in den Naturwissenschaften um 25 Pisa-Punkte, so die Forscher, würde allein der Bundesrepublik ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von rund 5 Billionen Euro bringen. Dieser Betrag ist bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren über das gesamte Leben der aktuellen Schülergeneration hinweg zu erwarten. Der gesamte ökonomische Ertrag würde das Zweieinhalbfache der augenblicklichen Wirtschaftsleistung ausmachen. Das entspricht 50 bis 100 Milliarden und zwischen zwei und fünf Prozent mehr pro Jahr.

25 Pisa-Punkte sind dabei noch nicht einmal besonders viel, 38 Punkte entsprechen in etwa dem Lernfortschritt, der in einem Schuljahr erreicht wird. Für andere Länder haben der Pisa-Forscher Andreas Schleicher, der Stanford-Professor Eric H. Hanushek und der Münchner Bildungsökonom Professor Ludger Woessman ähnliche Erträge errechnet.

Wie genau die Wissenschaftler auf ihre Ergebnisse gekommen sind, lässt sich in ihrem Untersuchungsbericht nachlesen. Eine detaillierte Schilderung an dieser Stelle würde nicht nur den Rahmen dieses Artikels sprengen, sondern zur Aufklärung im Grunde wenig beitragen. Wichtig sind indes zwei Punkte: Die OECD-Experten betonen eindringlich, dass der Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Wohlstand zwar einerseits durch viele Untersuchungen nachgewiesen sei, dass sich jedoch anderseits die genaue Höhe des Ertrags nur bestimmen lasse, indem man bestimme Grundannahmen in mathematische Formeln gieße. Weniger wissenschaftlich ausgedrückt heißt das: Es kann so kommen, wie die OECD es projiziert, das zusätzliche Wachstum kann jedoch auch ganz anders ausfallen, höher und geringer.

Mit Pseudowissenschaft hat das nichts zu tun, im Gegenteil: Sämtliche Prognosen in der Wirtschaftsforschung, Sozialwissenschaft und anderswo arbeiten mit ähnlichen Methoden – solange man sie offen benennt und auch die Aussagekraft der Ergebnisse entsprechend beschreibt, geht das in Ordnung. Die Daten können in der Tendenz hilfreich sein. Das Problem ist, dass in der massenmedialen Verkürzung die Forscherfußnote "mit beschränkter Haftung" meist wegfällt und Vermutungen zu feststehenden Aussagen mutieren. Und so klingt es plötzlich hanebüchen, wenn 25 Pisa-Punkte scheinbar exakt in 10.000 Milliarden Euro umgerechnet werden.

Leser-Kommentare
  1. Und als aufgeklärter Leser weiß ich z.B. das das englische "billion" mit Milliarde und nicht Billion korrekt übersetzt wird.

  2. Redaktion
    2. Danke!

    Vielen Dank für Ihren Hinweis. Es sind tatsächlich Billionen gemeint (1.000 Milliarden). Die Redaktion/sh

  3. ..das sei ein Märchen vom weißen Kälbchen, das bedeutet, dass nur ein Verrückter wird wohl in so ein Unsinn glauben... Dass das alles mit der Gabel auf dem Wasser geschrieben ist, sieht ja auch ein Blinder... Ich freue mich aber über Andreas Schleicher wieder was zu erfahren, kann aber nicht wahr nehmen, das sein Namen mit diesen Phantasien zusammen hängt. Ich wusste einen anderen Mr. Pisa...

    • pbosch
    • 28.01.2010 um 19:26 Uhr

    Wenn man Bildung mit Wissen gleichsetzt, dieses Wissen richtig aufbaut und nutzt als einzigen nennenswerten Rohstoff, den wir haben, und ihn richtig einsetzt, dann kommen im Laufe einer Generation leicht ein paar Billionen zusammen.

    Oder ist Wissen - so betrachtet - weniger wert als andere Rohstoffe?

    Übrigens leicht zu errechnen über den ROI (return of investment) und nachhaltiger zu errechnen über den VOI (Value on Invest = Nutzen, Nutzenkette und Vernetzung).

    Unsere Erbsenzähler und Kaputtsparer rechnen halt falsch.

  4. ... an die Wissenschaftler, die sich trauen, die Steigerung von Bildung (oder Wissen) mit konkreten Zahlen für den Gewinn in Euro zu verbinden.

    Anders kriegt man in unserem Land die Mehrheit der Menschen leider nicht mehr zu Mehrausgaben in die Bildung motiviert.

  5. Gib Dir Mühe! Streng Dich an! Lass nicht locker! - Die üblichen pädagogischen Lebensstrategien wirken sich - offenbar ohne dass dies Pädagogen wie Betroffenen bewusst wird - geradezu vernichtend aus: Wer sich Mühe gibt, kriegt sie. Wer sich anstrengt, ist angestrengt, sonst nichts. Und wer nicht locker lässt, ist immer verspannt. Als Ich-kann-Schule-Lehrer bezeichne ich den üblichen päd. Umgang mit Energie als haarsträubend. Man lernt ja von klein auf, sich selbst zu behindern, sich das Leben schwer zu machen, sich zu blockieren. Und wenn man mit diesen hirnrissigen Strategien schließlich leergebrannt zusammenklappt, dann wähnt man immer noch, man sei selber schuld, weil man diesen Unsinn nicht noch stärker gemacht habe. Dass unsere Pädagogik ein Verlustegeschäft ist, habe ich in der neuen Ich-kann-Schule schon vor Jahrzehnten vorgerechnet. Nett, dass sie dass bei OECD jetzt auch machen. Die bisherigen Verluste, waren die jetzt berechnet oder konnte man da noch nicht rechnen?
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

  6. @FranzJosefNeffe

    Mit grossem Interesse verfolge ich Ihre Beiträge zur Ich-kann-Schule. Laut Ihrem Beitrag ist Lernen mühelos und anstrengungslos in lockerer Haltung. Wie geht das?

    Seit Jahren habe ich mir vorgenommen, Spanisch zu lernen, der Aufwand und die Mühen waren mir bisher zu gross.

    Wie und wo erfahre ich mehr über das "Ich-kann" Prinzip?

    Ideal wäre es, die Vokabeln nicht lange pauken und die Aussprache üben zu müssen, sondern am Tag vor dem nächsten Urlaub morgens aufzustehen und zu sagen:
    "Ich-kann" spanisch.

    Bereit für einen Selbstversuch grüßt Sie,
    der Bonifaz.

  7. Natürlich ist eine generelle "Streng-dich-an"-Atmosphäre nicht zielführend. Ihr "Wer sich Mühe gibt, kriegt sie. Wer sich anstrengt, ist angestrengt, sonst nichts. Und wer nicht locker lässt, ist immer verspannt." würde ich so aber nicht unterschreiben. Denn gerade dadurch, dass man hin und wieder nicht locker lässt, kann man sich selbst übertreffen und eigene Grenzen überwinden (ich kenne das aus eigener Erfahrung).

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