Immerhin: Die Qual endloser Verhandlungen hat in Hamburg nun ein Ende. Sechs zähe Sitzungen lang stritten sich der schwarz-grüne Senat und die Initiative Wir wollen lernen über die Einführung der sechsjährigen Primarschule – ohne Ergebnis. Jetzt soll ein Volksentscheid Klarheit bringen.

Der Hamburger "Schulkrieg" ist damit noch lange nicht beigelegt. Er könnte sich sogar ausweiten bis nach Nordrhein-Westfalen, wo die SPD und auch Grüne und Linke bei der Landtagswahl am 9. Mai für längeres gemeinsames Lernen antreten.

Auch in Hamburg dürfte bis zum Volksentscheid weiter gestritten werden – zu viele haben ein Interesse daran, dass sich die Gemüter in dieser Sache nicht beruhigen. Man findet sie kaum auf der Seite des schwarz-grünen Senats, der um des Schulfriedens willen, zu vielen Zugeständnissen bereit war.

Anders sieht es bei der Führung der Reformgegner aus. Sie hatten bisher erfolgreich Ressentiments gestreut und Ängste verbreitet, und es sieht so aus, als wollten sie dieses Spiel weiterspielen. Auch, weil sie dafür gesellschaftlichen Rückenwind haben. Denn der Angstpegel steigt. Diese Woche wurde eine Forsa-Umfrage veröffentlicht, wonach 61 Prozent der Befragten angaben, sie hätten große Angst, dass Kinder in Deutschland keine gute Ausbildung erhalten. Diese Angst ist größer als die vor steigender Arbeitslosigkeit (59 Prozent), und sie wird nur noch von der vor höherer Staatsverschuldung (62 Prozent) übertroffen.

Angst ist ein Feind des Lernens. Das gilt in der Politik wie im Klassenzimmer. Ein Motiv für die Einführung des "längeren gemeinsamen Lernens" in Hamburg ist denn auch, Angst aus dem System zu nehmen. Angst lähmt. In der Schule führt sie dazu, dass man lieber intelligent guckt, als eine vermeintlich dumme Frage zu stellen. Oder nur für die Prüfung zu lernen. Dieses Pseudolernen nimmt zu, sobald die Kinder vor der Frage stehen: Schaffe ich es zum Gymnasium?

Das Schlagwort für eine Umsteuerung des Lernens, das den Einzelnen mit seinen Wünschen, Stärken und Schwächen erst nimmt, heißt "Individualisierung". Sie ist das wirkliche Thema hinter Schulreformen, wie der in Hamburg. Dass jeder Mensch anders lernt ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit und dennoch eine lang vernachlässigte und für viele – gerade auch für Pädagogen – eine neue Erkenntnis. Lernen in der Schule wurde bisher überwiegend als die passive Seite von Belehrung verstanden, nicht als konstruktive Leistung aktiver Individuen, von denen keines wie ein anderes tickt.