Missbrauch am Canisius-Kolleg Der Täter wurde weitergereicht
Hinweise auf den sexuellen Missbrauch von Schülern gab es bereits 1981. "Prügelnde Lehrer waren normal", sagt ein Ex-Schüler. Der Chef der deutschen Jesuiten will aufklären.
Über 1000 Mails habe er in den vergangenen Tagen bekommen, sagte Stefan Dartmann, der Provinzial des Jesuitenordens, darunter auch Schreiben von Opfern sexuellen Missbrauchs durch die beiden Jesuitenpater Wolfgang S. und Peter R.. "Selbst wenn wir uns damals an die Öffentlichkeit gewandt hätten, hätte uns keiner geglaubt", habe ihm ein Mann geschrieben. Das habe ihn erschüttert, sagte der Ordenschef. Er sei auch deshalb am Montag nach Berlin gekommen, um den Opfern zu sagen: "Wir glauben Euch." Dartmann versicherte, dass er "nichts vertuschen" wolle.
Dann legte der Ordensmann dar, was er bislang über die "Missbrauchsgeschichte" der beiden Täter Wolfgang S. und Peter R. erfahren habe, die bis 1979 beziehungsweise 1981 am Canisius-Kolleg unterrichtet haben. Auch an den Orten, an denen sie nach dem Ausscheiden in Berlin tätig waren, seien die beiden "übergriffig" geworden, sagte Dartmann. So ging Peter R. 1982 von Berlin nach Göttingen, um Jugendarbeit für Pfarreien aufzubauen. Dort wurde er verdächtigt, Mädchen belästigt zu haben. 1986 ist ein Mordanschlag auf Peter R. verübt worden, der ihn leicht verletzte. Als er nach einer Ausbildungsstation in Mexiko nach Deutschland zurückgekehrt war, hat ihn die Ordensleitung beurlaubt und ihm den Austritt nahegelegt. 1995 ist er aus dem Orden ausgeschieden, dann aber vom Bischof in Hildesheim in Dienst genommen worden - obwohl sich auch in Hildesheim eine Mutter beschwert hatte, dass er gegenüber der 14-jährigen Tochter "übergriffig" geworden sei. "Was der Bischof in Hildesheim von der Vorgeschichte des Paters wusste, müssen die Ermittlungen ergeben", sagte Dartmann.
Laut Dartmann war der zweite Täter, Pater Wolfgang S., von 1975 bis 1979 als Lehrer für Deutsch, Religion und Sport am Canisius-Kolleg und danach bis 1982 an der Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg tätig.
Auch dort meldeten sich jetzt drei ehemalige Schüler, an denen sich S. vergriffen haben soll, erklärte der Leiter des Gymnasiums. Einer soll zu verstehen gegeben haben, dass mit dem Bekanntwerden weiterer Opfer zu rechnen sei. Von 1982 bis 1984 war S. am Kolleg in St. Blasien im Schwarzwald tätig. Der Berliner Pater habe sich ihm gegenüber offenbart, sagte der Ex-Direktor dieser Schule. Er habe die Ordensleitung informiert, S. habe die Schule 1984 verlassen. 1985 ging er nach Chile und trat 1992 aus dem Orden aus. In Hamburg sowie in Baden-Württemberg war er in psychologischer Betreuung, wie Ordensprovinzial Stefan Dartmann mitteilte.
In einem Fragebogen zur Rückversetzung in den Laienstand habe S. 1991 seine sexuellen Übergriffe in St. Blasien und in Hamburg selbst gestanden, sagte Dartmann. Diese hätten in einem "exzessiven körperlichen Bestrafungsritual" bestanden, nicht aber in Geschlechtsverkehr. Bei dem Fragebogen sei ihm Diskretion zugesagt worden, weshalb man ihn nicht angezeigt habe, sagte Dartmann. Das Papier sei nach Rom gesandt worden und liege mittlerweile unter Verschluss.
Der erste Hinweis auf Missbrauch ist ein Brief von 1981 an den Schulrektor, an den Ordensoberen und ans Erzbistum, in dem sich gerade ausgeschiedene Schüler des Kollegs über die Sexualpädagogik von Pater R. beschwert und um ein Gespräch gebeten hatten. Dartmann hat den Brief jetzt in den Ordensarchiven gefunden. Offenbar sei er unbeantwortet geblieben, sagte der Ordenschef. "Ich verstehe nicht, warum dieser Brief nichts bewirkt hat", sagte Pater Klaus Mertes, der Rektor des Kollegs am Montag. "Da haben Schüler mit großem Mut Missstände angesprochen. Da muss man doch sofort nachfragen. Ich schäme mich dafür, dass nichts getan wurde."
Pater Karl-Heinz Fischer, der das Canisius-Kolleg von 1981 bis 1989 leitete, sagte am Telefon, er habe während seiner Amtszeit weder von dem Brief noch von Missbrauchsvorwürfen erfahren. "Das Gesamtbild" habe damals aber ergeben, dass Peter R. für die Jugendarbeit ungeeignet ist", sagte Fischer. Er habe seinen damaligen Vorgesetzten, den Jesuitenchef für Norddeutschland und Ex-Rektor, Pater Rolf Dieter Pfahl, benachrichtigt. Dieser habe die Versetzung angeordnet.
Am gestrigen Montag meldete sich auch erstmals Kardinal Georg Sterzinsky ausführlich zu Wort. Um Missbrauchsfälle künftig zu verhindern, forderte er Eltern und Lehrer auf, Kinder frühzeitig über Sexualität aufzuklären. In einem Interview mit dem RBB wandte er sich direkt an die Kinder: "Wenn euch etwas Merkwürdiges passiert, dann müsst ihr damit rausrücken, dann müsst ihr euch den Eltern anvertrauen."
Pater Mertes sagte, als er 1994 an die Schule kam, habe er Gerüchte über sexuellen Missbrauch von Schülern gehört. Seitdem habe er das Thema bei jedem Jahrgangstreffen angesprochen und den ehemaligen Schülern signalisiert, dass er ein offenes Ohr dafür habe. 2006 habe sich dann erstmals ein Opfer schriftlich erklärt, der für eine kleine Gruppe sprach. 2008 habe sich eine weitere ehemalige Schülerin gemeldet, die für ein anderes Opfer sprach. Erst durch die Aussagen von Opfern im vergangenen Dezember und Anfang Januar sei ihm der "systematische Charakter der Vergehen" klar geworden. Ein wichtiger Beitrag zur Wiedergutmachung gegenüber den Opfern sei die rigorose Aufklärung, sagte Mertes.
"Wer im Orden und von den Schulrektoren was gewusst hat, soll jetzt Ursula Raue ermitteln", sagte Ordenschef Dartmann. Vermutlich seien die Vergehen verjährt - "was vielleicht ein Skandal ist". Vieles spreche dafür, dass die Taten verjährt sind, sagte auch Martin Steltner, der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft hat auch geprüft, ob sich die Kirchenleitung strafbar gemacht habe. Bisher sei allerdings nicht zu erkennen, dass die Ordensoberen den Missbrauch geduldet hätten.
Mehrere Ex-Schüler katholischer Elitegymnasien berichteten dem Tagesspiegel am Montag von gezielten Demütigungen und üblichen Prügelstrafen. Schläge als Erziehungsmittel sind in der Bundesrepublik seit 1973 verboten. Doch noch Mitte der 80er habe es, berichtete ein Berliner Jurist, an einem Kollegium am Niederrhein Ohrfeigen und Schläge gegeben. "Prügelnde Lehrer waren völlig normal", sagte der Mann, der die Schule bis zur neunten Klasse besucht hatte.
Der Artikel ist bei Tagesspiegel Online erschienen
- Datum 02.02.2010 - 12:13 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 15
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Bereits 1991 hat ein Pater den in den Jahren "1975 bis 1982" begangenen Missbrauch gestanden. Er verließ den Orden und alles war in Ordnung. Man konnte zur Tagesordnung übergehen. Strafanzeige wurde nicht erstattet, damit wurde gewartet bis die Verbrechen verjährt waren. Jetzt kann man erschüttert sein und gleichzeitig das Gesicht wahren. Villeicht hätte man weiteren Opfern die Qualen ersparen können, die diser "ehemalige Pater " mit Sicherheit noch missbraucht hat. Wie scheinheilig ist es, jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen, wohl wissend, dass es keinen Prozess mehr geben wird. Die Deutsche Bischofskonferenz zeigt sich " tief betroffen" und alles ist wieder gut.
Ich habe mit vielen Missbrauchsopfern zu tun, " das Opfer hat immer lebenslänglich".
...haben sich doch mit Sicherheit im Rahmen der Beichte ihren jeweiligen Beichtvätern anvertraut.
Außer den beiden immer wieder Absolution zu erteilen, hätte man vielleicht diskret etwas zum Schutz der anbefohlenen Kinder tun können.
Im Namen Gottes Kinderschäder
Die Kirche führt ihre eigenen Ermittlungen jedoch nicht für die Gerechtigkeit der Opfer vielmehr um Rufmordschaden zu verhindern und die Täter aus den eigenen Reihen zu schützen. Das alles im Namen des Glaubens? Wer Kinderschänder vor Strafe schützt sollt sich schämen der Bevölkerung christlichen Glauben zu verbreiten. Bei den immer wieder aufgedeckten neuen Fälle dürften es sich mit Sicherheit nur um die Spitze des Eisbergs handeln. Wie lange akzeptieren die Christen das bis es das eigene Kind betrifft? Die Kirche schweigt wie immer und die kirchlichen Täter lehren den Menschen Gottes Gebote die selber nicht eingehalten werden.
Kirchen sind offensichtlich ein Paradies für pädophile Straftäter. Ist die tat erst einmal begangen wird man stillschweigend weitergereicht bis alles verjährt ist und
danach wird alles einfach nur noch totgeschwiegen.Karin Schneider ManagerSOS
es gibt Verbrechen , über die kein Gras wächst.
8 von Hochhut?)
Jedenfalls gehören diese Verbrechen dazu .
Beim Lesen des Artikels jagt mir ein Schauer nach dem anderen über den Körper. Es ist wirklich unglaublich , wie die katholische Kirche diese Verbrecher in Ihren Reihen deckt und solche abscheulichen Taten nicht zur Anzeige bringt. Gott sei Dank bin ich schon lange nicht mehr in diesem "Verein".
Ja sind wir noch im Mittelalter, wo man sich von Schuld freikaufen kann?
Hein Mück von nebenan geht sofort in den Knast - und hier??
Zöllibat? / Hein Mück hilft es auch nicht vor Gericht, wenn er lange keinen Sex hatte.
WO ist der Staatsanwalt ???? !!!!!!
Glaubhafte Insider - Informationen spiegeln wieder was eigentlich schon lange bekannt sein dürfte. Alleine in den letzten 5 Jahren wurden in Rom mehr als 7500 Fälle weltweit gemeldet, die systematisch und bewußt verschwiegen wurden. Sexueller Mißbrauch- Pädophile Übergriffe sind in den Reihen der Kirchen längst kein Geheimnis mehr. Kam ein Verdacht auf, wurden lediglich Personalkonsequenzen gezogen und die Täter unter dem Deckmantel des Schweigens von A nach B
versetzt. Ruf- und Imagepflege waren dabei wichtiger als Opferschutz. Die Opfer selber haben gegen das mächtige Bollwerk der Kirchen wenig Chancen und sind daher zu Schweigen verurteilt. Die Taten verjähren und Rom schweigt beharrlich. Keimt hin und wieder dochmal ein Verdacht auf,
in dem ein Vergehen aufgedeckt wird, erfolgt medienwirksam die Bekämpfung derartiger Machenschaften.Was kaum bekannt sein dürfte sind auch andere strategische Schachzüge der Kirchen im Umgang mit Sexualstraftätern aus den eigenen Reihen. Viele dieser Täter werden in Entwicklungsländer
versetzt. Wer glaubt, dass dieses aus reiner Buße geschieht ist leider auf dem falschen Weg. Vielmehr gilt ein Priester in bestimmten Ländern aus Respektsgründen als unantastbar und kann somit weiter seinen Neigungen nachgehen ohne dabei strafrechtlich belangt zu werden.
Hauptsache Rom schweigt. Warum wohl? Karin Schneider ManagerSOS
Natürlich muss zwischen Prügeln und sexuellem Mißbrauch differenziert werden. Es ist aber klar herauszuarbeiten, inwieweit das für einige der kirchlichen Orden überhaupt möglich ist. Und zwar auch wenn es sich um Übergriffe einzelner ihrer Mitglieder handelt.
Denn das lustvolle bestrafen und bestraft werden, hat da Tradition, sage ich. So wie die Riten heute und früher bei Militär und andern weltlichen Organisationen. Opus Dei wird nachgesagt, seine Mitglieder üben sich in Selbstgeisselung. So etwas hat immer eine sexuelle Komponente.
Wenn die katholische Kirche von anderen Religionen Fortschritt erwartet, hat sie in diesem Bereich schonungslos aufzuarbeiten.
Generelle Unterstellungen gegenüber der katholischen Kirche werden folgen. Damit muss mal leben. Jesus hat sich für solcherlei Praktiken meines Wissens nicht ausgesprochen.
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