Vorbildliche Schulen Abschied von der Anstalt
Sieben Schulen erhielten heute von Angela Merkel den Deutschen Schulpreis. Deren mutige pädagogische Praxis könnte die Richtung vorgeben für den Bildungsgipfel am Donnerstag.
Eigenwillige Geschichten haben die mit dem Schulpreis geehrten Schulen alle. Die Schule in Templin, der Heimatstadt von Angela Merkel, zum Beispiel, war noch vor ein paar Jahren eine Sonderschule für geistig Behinderte. Dann hat sie sich auch für nicht behinderte Kinder geöffnet; sie ist beliebt und erfolgreich damit. Das Firstwald Gymnasium in Baden-Württemberg, ebenfalls in evangelischer Trägerschaft, erweiterte sich um eine Grundschule, deren Pädagogik die höhere Schule nun inspiriert und voran bringt. Eine staatliche Realschule in Bayern bringt körperliche Bewegung in den Alltag und untersucht zusammen mit Neurobiologen, wie Bewegung den Leistungen und der Freude am Lernen bekommt.
Und dann die Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch in den Kalkalpen. "Sie hat bei unserem Peter ein Wunder vollbracht", sagte Dagmar Loesing, Peters Mutter, heute in Berlin, nachdem diese Schule aus der Hand von Angela Merkel den mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis erhalten hatte.
Sieben Schulen wurden von der Bundeskanzlerin mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Zum vierten Mal wurde er vergeben. Gestiftet haben ihn die Robert Bosch Stiftung und deren kleine Schwester, die Heidehof Stiftung, die von Robert Boschs Kindern ins Leben gerufen wurde. In der Jury sitzen Erziehungswissenschaftler, darunter der Deutsche Pisa Chef, reformerische Pädagogen, aber auch der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz.
Der Deutsche Schulpreis zeigt seit 2006, welch ausgezeichnete Schulen es in diesem Land gibt. Schulen mit Eigensinn, Institutionen, die gewissermaßen eine Biografie haben. Sie begnügen sich nicht damit Lehrpläne zu erfüllen und Erlasse ausführen. 24 Schulen wurden in den vier Jahren prämiert. Allesamt haben eine einladende und zu Leistungen herausfordernde Atmosphäre geschaffen. Von Kindern, Jugendlichen und auch von Lehrern wird Lernen dort als eine Vorfreude auf sich selbst erlebt, als die Möglichkeit zur eigenen Biografie. Das gilt auch für die Institution selbst.
Damit wird Lernen in einem tieferen Sinne ermöglicht als gewohnt. Es wird nicht nur Wissen in Köpfe kopiert, die dabei gewöhnlich immer gleichgültiger werden. Die ungewöhnlichen Wege dieser Schulen sind für sie inzwischen ebenso normal, wie es für die Kinder in diesen Schulen normal wird, verschieden zu sein. An diesen Schulen wird ein tief greifender Paradigmenwechsel offenbar. Oft haben sich diese Schulen gegen die Bildungsverwaltung durchgesetzt oder in Nischen ihr Programm begonnen.
So ist die mit dem Hauptpreis bedachte Sophie-Scholl-Schule im Allgäuer Oberjoch an eine Kurklinik für herz- und lungenkanke Kinder angeschlossen, die dort in der Regel nur vier bis acht Wochen sind. Als die Schulleiterin vor zehn Jahren anfing, fand sie eine Art Nachhilfeinstitut vor. Inzwischen wurde daraus ein Gasthaus des Lernens, in dem jeweils 200 Kinder und Jugendliche ihre Freude am Lernen wiederfinden. Diese Schule zeigt, was die viel diskutierte "Individualisierung des Lernens" tatsächlich bedeutet und wie sie geht. In altersgemischten Klassen sitzen Abiturienten neben Hauptschülern, verlangsamte Lerner neben Überfliegern. Sie werden als Individuen behandelt, manchmal erstmals in ihrem Schülerleben. Sie alle steigern sich, kommen in ihre Heimatschulen gestärkt und häufig mit Wissensvorsprüngen zurück.
Ebenfalls ausgezeichnet wurde das Oberstufenkolleg in Bielfeld. Es führt schon seit den siebziger Jahren Jugendliche auf ihrem zweiten oder dritten Bildungsweg zum Abitur und zur Hochschule. Einem weiteren Preisträger, der Grundschule Süd in Landau, gelingt es Kinder aus sozialen Brennpunkten wieder neugierig zu machen. Ähnliches leistet die Schule am Park in Behrenhoff in der Nähe von Greifswald. Dort werden Kinder, die von anderen Schulen häufig schon aufgegeben worden waren oder Sonderschulkarrieren hinter sich haben zum Abschluss gebracht. Und weil manch einer argwöhnte, das könne wohl nicht mit rechten Dingen zugehen, lässt die Schule die Abschlüsse seit ein paar Jahren extern abnehmen. Kein Schüler ist in den vergangenen Jahren durchgefallen.
Was macht diese Schulen so erfolgreich? Sie achten auf die Kinder und Jugendlichen, die sie besuchen. Jedes Kind hat seine Biografie. Und die Schule lebt ihre Ziele auch im Alltag, in den tausend kleinen Dingen, auf die es ankommt. Die Lehrer verbieten sich das Jammern und erlauben sich, aus den Problemen, unter denen sie leiden, eigene Lösungen, oftmals pädagogische Erfindungen zu machen. Die Schulen lernen dazu und entfalten einen Geist, in dem Kinder lernen wollen. Angela Dombrowski, Leiterin der Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch, nennt diesen Geist, "das Wollen leben". Selbst etwas zu wollen, das ist nicht banal. Dafür eine Atmosphäre zu schaffen, das ist die Kernidee der guten Schulen.
Die Schulpreisverleihung, der Preis wurde in der St. Elisabeth Kirche in der Invalidenstraße in Berlin von der Kanzlerin verliehen, bekam eine ungewollte symbolische Aufladung. Er wurde am Vortag des dritten Bildungsgipfels der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten und mitten in der Woche erneuter "Bildungsstreik"-Aktionen von Schülern und Studenten verliehen.
Bei der Feier mit der Bundeskanzlerin und allerlei Prominenz begeisterten vor allem die Kinder aus den sieben gekrönten Schulen mit ihrer Klarheit und Klugheit in den Interviews mit der Moderatorin Sandra Maischberger. Die Kanzlerin war dann überrascht von der Frage, was sie denn heute gelernt hätte. "Ich – heute – gelernt?" Und zu ihrer Schulzeit fiel ihr vor allem die Anstrengung ein, "außer in Russisch und Mathe." Ein Enkel von Robert Bosch wusste, dass sich sein Großvater vor allem in Schule gelangweilt hätte. Er auch. Da würden immer noch Bleigewichte an die Füße gehängt. Deshalb, so der Bosch Erbe; "Freiheit für die Schulen!"
Das Szenarium dieser Woche mit Schulpreis, Bildungsgipfel und wieder erwachenden Schülern und Studenten bieten den Prospekt einer anderen, künftigen Bildungspolitik: Der Staat setzt den Rahmen und sorgt für die nötigen Ressourcen. Dann lässt er die Schulen frei. Er begnügt sich mit Aufsicht und Beratung und feiert die guten Schulen.
Die sich emanzipierende Intelligenz der pädagogischen Praxis indessen bildet inzwischen selbst Netze. Dadurch inspirieren sich die Schulen gegenseitig, fordern sich heraus und lernen voneinander. Das alte vertikal gestrickt Netz von Aufsicht, Behörden und aufgedunsenen Ministerien geht mehr und mehr in ein horizontal gewobenes Netzwerk über. Die Politik des Netzwerke, man möchte sie Polytik nennen, weil sie die Vielfalt pflegen, ist der alten Politiker-Politik an Ergebnissen und Effizienz überlegen. Auch das macht den verdienstvollen Schulpreis zumal in diesen Tagen politischer Verwirrung und Ratlosigkeit zu einer sozialen Skulptur, an der Joseph Beuys, der Erfinder dieses Begriffs, seine Freude gehabt hätte.
- Datum 09.06.2010 - 16:08 Uhr
- Serie Bildungskolumne
- Quelle ZEIT ONLINE
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daß man auf die Kinder im einzelnen achten und einen Geist des Lernen-Wollens entwickeln kann, wäre das A & O in unseren Schulen, aber leider ist Frau Merkels Antwort nur: "Ich – heute – gelernt?" - dazu fällt morgen der geplante Gipfel für die Bildung aus und ist auf Monate verschoben! - Das ist wirklich der Gipfel bei all' den Kürzungen, die landauf, landab in Sachen Bildung, speziell Schulen, in den letzten Wochen gelaufen ist! - Dafür gibt es Diätenerhöhung bei Wulffs Truppe in Niedersachsen; das ist Verhöhnung pur vom Bundespräsidentenkandidaten. -
Man kann es auch anders beschreiben:
Eine Stiftung der Privatindustrie stiftet einen Preis in Höhe von 100000€, viel Geld, von dem öffentliche Schulen nur träumen können, der jeweils von einem der ranghöchsten Vertreter der Bundesrepublik vergeben wird - wahlweise Bundespräsident oder Kanzlerin. Die Preisträgerschulen erläutern sich anschließend gegenseitig ihre Methoden, wieder finanziert von der Stiftung. Außerdem werden von der Stiftung finanzierte Entscheidertreffen organisiert. Dort treffen Bildungspolitiker und Schulverwaltungsleitungen auf Journalisten.
Regelmäßig rekrutieren sich die Preisträger aus dem Schulverbund "Blick über den Zaun", von der gleichen Stiftung finanziert und an der Odenwaldschule ins Leben gerufen. Unter den Organisatoren des Schulpreises finden sich Mitglieder des Vorstands sowie der ehemalige Leiter der Odenwaldschule. Bleibt noch zu sagen, dass Teile der Stifterfamilie Absolventen der Odenwaldschule waren.
Wissenschaftliche Untersuchungen großer Schulstudien können regelmäßig nicht bestätigen, dass die Methoden der Reformpädagogik bei Übertragung in die Breite öffentlicher Schulen mit üblichen personellen und sächlichen Voraussetzungen irgendeinen positiven Effekt haben - das Gegenteil ist häufig der Fall- nur wird diese Evidenz nie mit derart hohem Aufwand unter derart großer politischer Anteilnahme und allgemeinem Beifall in die Lande gepustet.
Man kann diese Netzwerkpolitik auch privat finanzierte Wissenschaftsvermeidung nennen.
Man stelle sich folgendes vor:
Eine Stiftung des Gesundheitswesens sucht nach neuen bisher nicht verbreiteten Methoden, bei denen sich Patienten gut versorgt fühlen. Zu jeder Methode findet sich ein höchst dankbarer Peter, der einer Methode seine Heilung verdankt. Eine Jury, deren Zusammensetzung unklar ist, vergibt Preise für die besten Methoden. Bundespräsident oder Kanzlerin zeichnen aus. Anschließend dürfen sich - stiftungsfinanziert - die Preisträger austauschen.
Dann werden - stiftungsfinanziert - politische Entscheider im Gesundheitswesen und Medizinverwaltungen mit diesen Methoden vertraut gemacht und stiftungsfinanziert Medizinjournalisten dazugeladen.
Diese sorgen für mediale Verbreitung der Methoden der Preisträgerschulen.
Basis des ganzen ist eine Privatklinik, in der viele Prominente, auch dankbare Mitglieder der Stifterfamilie behandelt wurden. Diese Klinik erregte später Aufsehen durch eine kriminelle Häufung von Fehlbehandlungen, die lange auch von höchsten Stellen vertuscht und verleugnet wurden.
Ehemalige Leiter und Mitglieder dieser Klinik sitzen an zentraler Stelle der Medizinpreisvergabe.
Gelegentlich werden die Methoden der Preisträgerkliniken wissenschaftlich untersucht. Die positiven Effekte können an öffentlichen Kliniken nicht nachvollzogen werden, sie sind entweder wirkungslos oder haben eine erhöhte Nebenwirkungsrate. Die Verbreitung dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse wird stark erschwert.
Nicht vorstellbar?
Es sind Schulen, keine Kliniken.
Liebe Johanna Redlich,
haben Sie die Verleihung auf Phönix gesehen? Ich schon, und ich hatte nicht den Eindruck, daß eine Tendenz zur Bevorzugung der reformpädagogischen Institute erkennbar sei. Welcher Schulleiter der Odenwaldschule war denn dort oder wäre Organisator gewesen? Vom einzigen, von dem ich weiß, dass er zeitweilig in der Vorjury war, nämlich W. Harder, war nichts zu sehen.
Ich bin absolut Ihrer Meinung, daß die Ergebnisse des Wettbewerbs nur sehr schwer auf Regelschulen übertragbar sind, aber die Komplexität einer solchen Aufgabe oder eines solchen Vorhabens ist kein Grund, es erst gar nicht zu versuchen. Ihr Hinweis auf die Über-den-Zaun-Schulen erscheint mir jedoch zu kurz gegriffen, ich bezweifle, daß ihre Quote überdurchschnittlich ist. Und selbst wenn sie es wäre, ist das u.U. nur ein Hinweis darauf, daß dort schlicht und einfach engagiertere Leute sitzen. Jetzt können Sie mich hauen und behaupten, ich hätte den Regelschullehrer als unengagiert bezeichnet, was ein trauriges Mißverständnis wäre.
Die Preisverleihung habe ich nicht gesehen. Wenn man sich die Schuldarstellungen der Preisträgerschulen anschaut fällt - bei allen Unterschieden - als gemeinsames Merkmal die völlig andere Schüler-Lehrer-Relation auf. Die Hauptpreisträgerschule hat 2-12 Kinder pro Lerngruppe, bei einer Schule handelt es sich um eine der wenigen Modellschulen eines Landes, also einer Schule mit besonderem Personalschlüssel. Die Templiner Schule gibt an, 130 Schüler in 8 verschiedenen Klassen zu unterrichten.
Ich kritisiere die Darstellung als Vorbild für öffentliche Schulen und das der Industrie entlehnte Multiplikatorenmodell mit der Botschaft, hier könne die Regelschule endlich einmal lernen, wie sie besser arbeiten kann. Die schädliche Wirkung rührt daher, dass die Verbreitung valider wissenschaftliche Untersuchungen, ob diese Methoden heruntergebrochen auf die realen Bedingungen öffentlicher Schulen funktionieren oder nicht, im Gegenzug stark vernachlässigt werden.
Und ja, ich meinte Wolfgang Harder.
Ich halte die Frage nach der Schulentwicklung durchaus für wesentlich.
Neue Methoden sollten bitte mit valider wissenschaftlicher Prüfung auf ihre Wirkungen und Nebenwirkungen hin untersucht werden, bevor sie ins Schulleben eingeführt werden und nicht im Kurzschlusssystem über stiftungsfinanzierte Multiplikatorenmodelle mit medialen Rückenwind propagiert werden.
Entscheidend ist doch: wir haben Schulpflicht, das ist immerhin gemeinschaftlich sanktionierte Freiheitsberaubung, die eine besondere Verantwortlichkeit impliziert.
Eltern und Schüler haben - meine ich - das Recht, dass sie an öffentlichen Schulen nur mit wissenschaftlich gut untersuchten Methoden beschult werden.
Für Privatschulen mag etwas anderes gelten, genau wie es wissenschaftliche Schulmedizin und Heilpraktiker gibt. Heilpraktiker müssen die Wirksamkeit ihrer Methoden auch nicht nachweisen. Da reicht der Nachweis aus, keine Gefahr für die Volksgesundheit zu sein.
Nicht einmal das traf auf die Odenwaldschule zu.
Wir brauchen keine Schulpreise mit Multiplikatorenmodellen, wie sie z.B. die Arbeit der Pharmaindustrie prägen.
Das öffentliche Schulwesen braucht endlich so etwas wie das IQWiG, ein unabhängiges Institut für Qualitätsentwicklung und Wirtschaftlichkeit im Schulwesen.
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