Bildungspolitik Vergiftetes Lob für Deutschland

Wer hätte das gedacht: Die OECD lobt die deutsche Bildungspolitik. Doch längst nicht alles sieht die Organisation positiv, Deutschland steht erst am Anfang. Ein Kommentar

In fast allen Industrieländern ist die Zahl der Akademiker schneller gewachsen als in der BRD

In fast allen Industrieländern ist die Zahl der Akademiker schneller gewachsen als in der BRD

Manche Sätze muss man zweimal lesen, um sie zu glauben. "OECD lobt deutsche Bildungserfolge" ist so einer. Gerade für unsere Kultusminister muss sich die Aussage der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung so anhören wie für Muslime ein Lob des Islam aus dem Munde Thilo Sarrazins. Denn jedes Jahr im Frühherbst geben die Statistikexperten aus Paris den deutschen Schulen und Universitäten schlechte Noten – und jedes Jahr streiten die politisch Verantwortlichen wie bockige Kinder alle Versäumnisse ab.

Und jetzt so etwas: In ihrem neuen Bericht stellt die internationale Organisation die wachsenden Akademikerzahlen in Deutschland positiv heraus. Hatten 1995 nur 14 Prozent einen Hochschulabschluss, waren es 2008 bereits 25 Prozent. Mit einigem Recht könnte man das stete Wachstum der Akademikerschaft (nach den siebziger Jahren) als zweite historische Bildungsexpansion bezeichnen.

Anzeige

In kaum einem anderen Land, weist eine weitere OECD-Studie nach, finden junge Menschen zudem so schnell einen Arbeitsplatz wie in Deutschland. Dafür verantwortlich sei das gute Zusammenwirken von Schule und Unternehmen bei der dualen Ausbildung. Bildungsmusterländer wie etwa Finnland haben eine weitaus höhere Jugendarbeitslosigkeit.

Doch die OECD wäre nicht die OECD, käme das süße Lob nicht zusammen mit bitteren Wahrheiten daher. Denn bei allem deutschen Ehrgeiz – in fast allen anderen Industrieländern ist die Zahl der Höhergebildeten noch schneller gewachsen: im gleichen Zeitraum durchschnittlich von 20 auf 40 Prozent. Zwar stimmt es, dass das duale Lernen deutschen Auszubildenden den Zugang zum Beruf bahnt. Geht der Arbeitsplatz jedoch verloren, erweist sich der Weg häufig als Sackgasse. Denn anders als ein breit angelegtes Studium, zeichnet sich eine berufliche Ausbildung durch Spezialisierung aus, die sich bei der Suche nach einem neuen Job als hinderlich erweist.

Wie jedes Jahr rät die OECD Deutschland deshalb zu Recht, die Quote seiner Akademiker weiter zu erhöhen. Arbeitslosigkeit haben sie kaum zu befürchten, denn die Nachfrage nach qualifizierten Absolventen wird weiter schneller steigen als das Angebot. Bereits heute mangelt es an Lehrern, Ärzten und Informatikern, morgen werden Betriebswirte, Ingenieure oder Finanzbeamte fehlen. Also, weiter so, Bildungsrepublik Deutschland, du bist auf der richtigen Spur – nur leider erst ganz am Anfang.
 

 
Leser-Kommentare
  1. ...ach wie schön.

    Dazu muss man nur das Studium verdummen (siehe England) - und es wird an Arbeitskräften für handwerkliche Berufe fehlen (siehe England)...

    Nebenbei gibt es auch noch eine Menge arbeitslose Akademiker - die freuen sich sicherlich wenn noch mehr auf den Markt drängen - mit schlechteren Abschlüssen (schlechter im Sinne von weniger gelernt).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte nicht überheblich werden

    Beim Guardian Online werden zur Zeit die Ergebnisse dieser Studie für Großbritannien diskutiert und leser-kommentiert:
    http://www.guardian.co.uk...

    Man kommt zu ziemlich dem gleichen Ergebnis wie die Zeit-Leser: Quantität heißt nicht Qualität. Interessant die Anmerkung eines Hochschullehrers in deren Diskussion: "Rather than worrying about having as many people with degrees as Poland and Slovakia, I'd be much more interested in us producing graduates who have the multi-lingual skills and the all-round superior learning abilities I routinely encounter in Scandinavian and German graduates."
    Irgendwas machen wir wohl doch richtig, auch ohne 50% Akademiker pro Jahrgang (wie Neuseeland).

    Die OECD scheint Äpfel mit Birnen zu vergleichen, oder beim Erbsenzählen nur Steinchen zu finden.

    Auch bei uns schießen die privaten Hochschulen, oder anuniversitären Einrichtungen, die Fantasieabschlüsse für Fantasieberufe ausgeben, wie Pilze aus dem Boden.
    So verschieden sie sind, die saftigen Studiengebühren einen sie.
    Bei Lichte betrachtet bieten sie häufig weniger als eine fundierte duale Ausbildung.
    Dort erhält man Geld vom Ausbildungsbetrieb, beim Pudding-Diplom fließt viel Geld in die Taschen der Ausbilder.

    Das ist der eigentliche Unterschied.

    Bitte nicht überheblich werden

    Beim Guardian Online werden zur Zeit die Ergebnisse dieser Studie für Großbritannien diskutiert und leser-kommentiert:
    http://www.guardian.co.uk...

    Man kommt zu ziemlich dem gleichen Ergebnis wie die Zeit-Leser: Quantität heißt nicht Qualität. Interessant die Anmerkung eines Hochschullehrers in deren Diskussion: "Rather than worrying about having as many people with degrees as Poland and Slovakia, I'd be much more interested in us producing graduates who have the multi-lingual skills and the all-round superior learning abilities I routinely encounter in Scandinavian and German graduates."
    Irgendwas machen wir wohl doch richtig, auch ohne 50% Akademiker pro Jahrgang (wie Neuseeland).

    Die OECD scheint Äpfel mit Birnen zu vergleichen, oder beim Erbsenzählen nur Steinchen zu finden.

    Auch bei uns schießen die privaten Hochschulen, oder anuniversitären Einrichtungen, die Fantasieabschlüsse für Fantasieberufe ausgeben, wie Pilze aus dem Boden.
    So verschieden sie sind, die saftigen Studiengebühren einen sie.
    Bei Lichte betrachtet bieten sie häufig weniger als eine fundierte duale Ausbildung.
    Dort erhält man Geld vom Ausbildungsbetrieb, beim Pudding-Diplom fließt viel Geld in die Taschen der Ausbilder.

    Das ist der eigentliche Unterschied.

  2. zu genießen. Pisa lässt grüßen!

    Die Bewerter vergleichen die Verhältnisse in ihren Herkunftsländern - die man schon deshalb gut findet, weil man in ihnen groß geworden ist - mit den Verhältnissen in Ländern in denen es anders ist. Da ist die Beurteilung ganz einfach.

    Wir sollten unseren Weg gehen, aber mit kleineren Klassen und motivierteren Lehrern, denen Beruf noch Berufung ist.

  3. Der Kommentar "Vergiftetes Lob für Deutschland" spricht tatsächlich für eine Krise im deutschen Bildungssystem. Denn wie (zunehmend) verengte, "entrümpelte" und "studierbare" Bachelorstudiengänge als "breit angelegtes Studium" gegen eine allzu spezialiserte Berufsausbildung in Stellung gebracht werden, das ist beeindruckend. Könnte die geforderte Erhöhung des Akademikeranteils aus verschiedenen Gründen womöglich dazu führen, dass der gleiche Inhalt mit einer akademischen Verpackung versehen wird? Aber wenigstens würden OECD-Statistiken schöner aussehen. Eine Gesellschaft, die sich solches vormachen lässt, sollte tatsächlich etwas an ihrem Bildungssystem ändern.

  4. @lapidar:
    "Wir sollten unseren Weg gehen, aber mit kleineren Klassen und motivierteren Lehrern, denen Beruf noch Berufung ist."

    ...und genau dazu brauchen wir mehr Akademiker, da Lehrer nun einmal solche sind. Sie haben Recht, dass wir mehr MOTIVIERTE Lehrer benötigen. Leider ist für viele immer noch das Motto "Dann werd ich halt Lehrer" maßgeblich, wie ich jeden Tag sehe.

    @voteman:
    Ihr Kommentar ist selbst nur zu wahr. Ich studiere im neuen Studiensystem post Bologna und die zunehmende Einengung des Studiums wird sowohl von den Studierenden als auch den Professoren bemängelt. Gerade im Bereich der Geisteswissenschaften ist ein Studium mit Vertiefung gewisser Teilaspekte unter dem Druck, eine gewisse Anzahl von Punkten erhalten zu müssen, häufig unmöglich. Zwar wurden nach dem europaweiten Bildungsstreik weitgehende Verbesserungen angekündigt, von denen ist allerdings noch nicht viel zu sehen. Das Prinzip an sich ist gut, die Umsetzung hapert noch und in solchen Zeiten kommt ein Warnschuss der OECD zwischen den Zeilen vielleicht genau richtig.

  5. Ich würde gerne mal eine Debatte über Naivität führen. Es hat sich seit den 1990ern im Westen bewährt über konstantes Krisengeschrei und Schwarzmalerei, Angstmache ("Wenn...dann...") die Bevölkerung in die gewollte Richtung zu steuern. Das beinhaltet auch den Bildungsbereich. Die Reformen des vergangenen Jahrzehnts machen aus unserem Nachwuchs keine aufgeklärteren, selbstständigereren oder kritischeren Geister sondern den perfektionierten Hamster der emsig sein Rad nach Anweisung bewegt. Dementsprechend biedererer und biederer werden auch die "Träume" meiner Generation. Häuschen, Auto, bisl Geld auf dem Konto. Das ist zwar eine angenehme Existenzgrundlage aber doch kein Traum, kein Ziel, keine Vision. Ich denke bei der Gegenwart oft an Endes Buch "Momo". Zur Entstehungszeit mag das überzeichnete und plakative Gesellschaftskritik gewesen sein, dystopische Literatur für Kinder und Jugendliche. Wie auch bei "1984" überholt die Realität aber langsam die Fiktion. Und die Hamster jubeln...

  6. In Deutschland ist eine Lehre nun wirklich recht breit angelegt.
    was man bei uns in der ``Lehre ``lernt , ist woanders schon ein Studium .
    Beispiel : Ein ( Dipl ) Ingenieur der FH hat eine andere Ausbildung als ein Dipl. Ing. der TU nach dem Vorexamen, was ja nun nichts anderes als ein Bachelor ist.
    Ein Betriebswirt und einen Bachelor der Betriebswirtschaft zu vergleichen geht garnicht.
    Was soll die Ausbildung zu einem Bachelor , der nicht gebraucht wird.
    Die Frage stellt sich, warum man immer ins Ausland schielen muss.
    In Amerika studiert, man um dann Polizist zu werden. Bei uns wird man so gut ausgebildet, dass einem im Ausland die Jobs offenstehen.

  7. gerade die hoch qualifizierten Berufe (mit Ausnahme Arzt und Anwalt), viel mehr der Globalisierung ausgesetzt sind als die einfachen Berufe.
    Einen Handwerker, Fliessenleger, Automechaniker, Heiztechniker, Installateur, Friseur e.t.c. kann man eben nicht auslagern. Den Informatiker und Ingenieur aber eben zum grossen Teil schon. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.
    Am besten faehrt man daher vielleicht mit einer mittleren Fachqualifizierung, ausser man ist eben bereit oefters sehr weite Strecken umzuziehen und sogar das ein und andere mal das Land zu wechseln.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Pencil
    • 07.09.2010 um 18:41 Uhr

    Das sehe ich genau anders rum. Die einfachen Jobs sind staerker der Globalisierung ausgesetzt, da keine grosse Ausbildung erforderlich ist, sondern nur die Migration und das Angebot zu einem niedrigen Preis. Ich denke da nur an die Grenzoeffnung der EU und die handwerklichen Berufe in Deutschland (polnische Handwerker) oder in Schweiz (deutsche Handwerker). Anders ist das bei Jobs, die eine hohe Qualifikation benoetigen, da trotz Globalisierung noch immer erhebliche Laenderunterschiede, bspw. gesetzlicher oder oekonomischer Natur (Arbeitsmarkt) existieren.

    • Pencil
    • 07.09.2010 um 18:41 Uhr

    Das sehe ich genau anders rum. Die einfachen Jobs sind staerker der Globalisierung ausgesetzt, da keine grosse Ausbildung erforderlich ist, sondern nur die Migration und das Angebot zu einem niedrigen Preis. Ich denke da nur an die Grenzoeffnung der EU und die handwerklichen Berufe in Deutschland (polnische Handwerker) oder in Schweiz (deutsche Handwerker). Anders ist das bei Jobs, die eine hohe Qualifikation benoetigen, da trotz Globalisierung noch immer erhebliche Laenderunterschiede, bspw. gesetzlicher oder oekonomischer Natur (Arbeitsmarkt) existieren.

    • WIHE
    • 07.09.2010 um 15:03 Uhr

    von Leuten aus Staaten,
    die weder das Zeug zum Exportweltmeister noch zum Vizeweltmeister haben.

    Das Schlimme ist, die Leute haben es geschafft, uns den Bachelor (Junggesellen) einzureden,
    wahrscheinlich, weil sie uns weder den Titel Exportweltmeister noch Exportvizeweltmeister so richtig
    gönnen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service