ZEIT ONLINE: Stehen Mädchen- und Jungenförderung in einem Interessenkonflikt?

Manfred Spitzer: Nein, es leidet ja auch kein Deutscher drunter, wenn ein Türke besser Deutsch lernt. Deshalb leidet auch kein Mädchen, wenn ein Junge besser lesen kann. Das Verständnis der Geschlechter untereinander wird eher gefördert, wenn beide es gut können. Was man aber auch sehen muss: Je besser das Bildungssystem wird, desto ungleicher werden die Ergebnisse werden.

ZEIT ONLINE: Warum?

Manfred Spitzer: Ganz einfach. Was bestimmt bei Goldmedaillengewinnern heute, wer gewinnt? Die Genetik. Denn alle guten Athleten trainieren maximal. Und wenn alle maximal üben, dann gibt es nur noch eine Varianzquelle für Unterschiede: die einen haben die etwas besseren und die anderen die etwas schlechteren Gene. Und die entscheiden dann über die Goldmedaille. Nun sind wir in der Bildung weit davon entfernt, dass wir alle maximal fördern. Mit schlechtem Unterricht sind einfach alle hinterher schlecht. Aber eine Studie zeigt, dass es mit gutem Unterricht eine viel größere Variationsbreite der Resultate gibt. Dies liegt an den Unterschieden in der Begabung, die man nicht leugnen sollte. Das hören viele nicht gern. Es kann aber gar nicht anders sein. Ein Beispiel: Sie nehmen verschiedene Weizensorten, die verschieden hoch wachsen. Wenn Sie alle auf schlechten Acker werfen, dann mickern alle vor sich hin. Wenn Sie die verschiedenen Weizensorten jedoch auf den besten denkbaren Acker werfen, dann gibt es die größten Unterschiede. Warum? Die Sorten unterscheiden sich durch die Gene.

ZEIT ONLINE: Brauchen die einen nicht einfach einen anderen Acker als die anderen? Ein guter Unterricht fördert die Kinder individuell.

Manfred Spitzer: Wechselwirkungen zwischen den Genen und der Umwelt gibt es auch beim Menschen. Wir wissen zum Teil auch schon, warum der eine das braucht und der andere das. Aber wir sind ja noch weit davon entfernt, dass wir Gentests machen und dann sagen: du brauchst dieses Bildungssystem, oder musst auf jene Schule. Da würde hierzulande wahrscheinlich ein Aufstand stattfinden.

ZEIT ONLINE: Das finden Sie ungerechtfertigt?

Manfred Spitzer: Die Amerikaner sind auf dem Weg dahin, die Engländer auch. Es gibt durchaus Genetiker die sagen, natürlich müssen wir das machen. In der Medizin ist das ja längst Usus. Sie machen einen Gentest, und wenn bei einem Kind eine Phenylketonurie gefunden wird, dann braucht es eine phenylalaninfreie Ernährung, sonst wird es krank. Nehmen Sie nun einmal an, Sie stellen bei einem Kind eine genetische Anlage für Schwierigkeiten beim Spracherwerb fest oder für besondere Gewaltbereitschaft. Dann würden Sie doch auch versuchen, für eine entsprechende Umgebung sorgen, um ungünstige Lernprozesse zu verhindern. Wir sind fast soweit mit den entsprechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es wäre Irrsinn, das nicht zu nutzen.

ZEIT ONLINE: Überschätzt das nicht den Einfluss der genetischen Disposition auf den Bildungserfolg? Wenn entschieden wird, auf welche weiterführende Schule das Kind geht, dann ist ja schon ganz viel mit ihm passiert.

Manfred Spitzer: Ja, aber das bedeutet nicht, dass bis dahin schon alles, was genetisch unterschiedlich war, ausgeglichen ist. Im Gegenteil, wenn das Bildungssystem gut ist, dann wurden die Unterschiede sogar vergrößert. Momentan sind wir davon noch meilenweit entfernt. Aber in hundert Jahren könnten wir soweit sein.

ZEIT ONLINE: Ist das das Ziel, dass die Unterschiede so groß wie möglich sind?

Manfred Spitzer: Wenn unser Ziel maximale Bildung ist, das maximal erreichbare Bildungslevel für jeden, dann auf jeden Fall.

ZEIT ONLINE: Wir wollen natürlich, dass alle gut ausgebildet sind.

Manfred Spitzer: Ja, wir wollen ja auch, dass alle gesund sind. Aber manche brauchen dafür eine bestimmte Diät. Und wenn sie die nicht bekommen, dann werden sie stark behindert. Und deswegen machen wir den Gentest vorher. Ich weiß, dass das eigenartig klingt, aber der Gentest ist unsere Chance, die bislang sehr nebulösen, multifaktoriellen Ursachen für den Bildungserfolg in den Griff zu bekommen und nicht nur darüber zu reden.