Schule"Es wäre Irrsinn, Gentests nicht zu nutzen"

Auf welche Schule ein Kind geht, könnten Genanalysen entscheiden, sagt der Mediziner Manfred Spitzer. Auch die Stärken von Jungen und Mädchen seien durch das Erbgut bedingt. von 

Können Gentests etwas über ihre Bildungschancen sagen? Berliner Kinder auf dem Weg zur Schule

Können Gentests etwas über ihre Bildungschancen sagen? Berliner Kinder auf dem Weg zur Schule  |  © Andreas Rentz/Getty Images

ZEIT ONLINE:  Herr Spitzer, lernen Mädchen und Jungen unterschiedlich?

Manfred Spitzer: Aus Sicht der Gehirnforschung gibt es kaum Unterschiede im Lernverhalten. Der Nucleus Accumbens, das Motivations- und Lernzentrum, wird bei Mädchen und Jungen in gleicher Weise aktiviert. Es gibt allenfalls Unterschiede in den Interessen. Und daraus folgen in der Bildung ganz bestimmte Probleme. Lesen und die Sprachentwicklung verlaufen für die Jungen ungünstiger, die naturwissenschaftliche Bildung für die Mädchen.

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ZEIT ONLINE: Woher kommen denn diese unterschiedlichen Interessen für die Fächer?

Manfred Spitzer: Lernen geschieht ja nicht nur durch Synapsenänderung, sondern auch, indem man bereits Gelerntes mit Neuem verknüpft. Wenn Sie Interesse für bestimmte Bereiche haben, verfügen Sie dort über mehr Vorerfahrungen und dadurch haben Sie mehr Anknüpfungsmöglichkeiten.

ZEIT ONLINE: Die Bereiche, für die sich Mädchen oder Jungen interessieren, sind aber sozial geprägt, oder?

Manfred Spitzer: Nicht nur; es gibt auch biologisch bedingte Unterschiede. Mädchen neigen mehr dazu, sich für soziale Bereiche zu interessieren. Daran haben eine halbe Million Jahre Evolution des Menschen mitgewirkt. Frauen waren "zu Hause", als wir Jäger und Sammler waren, und die Männer waren die Jäger.

ZEIT ONLINE: Das hat das Gehirn geprägt?

Manfred Spitzer: Ganz sicher. In diesem Zeitraum hatten die Gene Zeit, sich an die Lebensumstände anzupassen. Wir haben Beweise, dass zehntausend Jahre genügen, während derer wir als Bauern Milch getrunken haben, um unsere Genetik zu verändern. Klar ist deshalb auch: Es gibt geschlechtsspezifische Sensibilitäten für bestimmte Dinge.

Manfred Spitzer
Manfred Spitzer

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer ist Gründer des Transferzentrums Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm. Dort hat er auch den Lehrstuhl für Psychiatrie inne. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Grenzbereich der kognitiven Neurowissenschaften und Psychiatrie.

ZEIT ONLINE: Wie sollte die Schule Ihrer Meinung nach damit umgehen?

Manfred Spitzer: Wenn man will, dass sich Mädchen in der siebten Klasse mehr für Physik interessieren, dann muss man eben nicht über Autos und Verbrennungsmotoren reden. Man muss über Dinge reden, die in der Erfahrungswelt von Mädchen liegen. Natürlich ist es höchst politisch unkorrekt, den Chemie-Unterricht mit dem Lippenstift beginnen zu wollen, aber Sie verstehen, was ich meine. Auf der anderen Seite haben wir verstanden, dass Jungen mehr Probleme mit der Sprache haben. Aber gerade in der zweiten Klasse gibt es vor allem Mädchenliteratur zu lesen. Jungen interessieren sich nur wenig für Geschichten – sie lesen lieber Bauanleitungen für Motorräder oder den Sportteil der Zeitung.

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