Schule: "Es wäre Irrsinn, Gentests nicht zu nutzen"
Auf welche Schule ein Kind geht, könnten Genanalysen entscheiden, sagt der Mediziner Manfred Spitzer. Auch die Stärken von Jungen und Mädchen seien durch das Erbgut bedingt.
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Können Gentests etwas über ihre Bildungschancen sagen? Berliner Kinder auf dem Weg zur Schule
ZEIT ONLINE: Herr Spitzer, lernen Mädchen und Jungen unterschiedlich?
Manfred Spitzer: Aus Sicht der Gehirnforschung gibt es kaum Unterschiede im Lernverhalten. Der Nucleus Accumbens, das Motivations- und Lernzentrum, wird bei Mädchen und Jungen in gleicher Weise aktiviert. Es gibt allenfalls Unterschiede in den Interessen. Und daraus folgen in der Bildung ganz bestimmte Probleme. Lesen und die Sprachentwicklung verlaufen für die Jungen ungünstiger, die naturwissenschaftliche Bildung für die Mädchen.
ZEIT ONLINE: Woher kommen denn diese unterschiedlichen Interessen für die Fächer?
Manfred Spitzer: Lernen geschieht ja nicht nur durch Synapsenänderung, sondern auch, indem man bereits Gelerntes mit Neuem verknüpft. Wenn Sie Interesse für bestimmte Bereiche haben, verfügen Sie dort über mehr Vorerfahrungen und dadurch haben Sie mehr Anknüpfungsmöglichkeiten.
ZEIT ONLINE: Die Bereiche, für die sich Mädchen oder Jungen interessieren, sind aber sozial geprägt, oder?
Manfred Spitzer: Nicht nur; es gibt auch biologisch bedingte Unterschiede. Mädchen neigen mehr dazu, sich für soziale Bereiche zu interessieren. Daran haben eine halbe Million Jahre Evolution des Menschen mitgewirkt. Frauen waren "zu Hause", als wir Jäger und Sammler waren, und die Männer waren die Jäger.
ZEIT ONLINE: Das hat das Gehirn geprägt?
Manfred Spitzer: Ganz sicher. In diesem Zeitraum hatten die Gene Zeit, sich an die Lebensumstände anzupassen. Wir haben Beweise, dass zehntausend Jahre genügen, während derer wir als Bauern Milch getrunken haben, um unsere Genetik zu verändern. Klar ist deshalb auch: Es gibt geschlechtsspezifische Sensibilitäten für bestimmte Dinge.

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer ist Gründer des Transferzentrums Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm. Dort hat er auch den Lehrstuhl für Psychiatrie inne. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Grenzbereich der kognitiven Neurowissenschaften und Psychiatrie.
ZEIT ONLINE: Wie sollte die Schule Ihrer Meinung nach damit umgehen?
Manfred Spitzer: Wenn man will, dass sich Mädchen in der siebten Klasse mehr für Physik interessieren, dann muss man eben nicht über Autos und Verbrennungsmotoren reden. Man muss über Dinge reden, die in der Erfahrungswelt von Mädchen liegen. Natürlich ist es höchst politisch unkorrekt, den Chemie-Unterricht mit dem Lippenstift beginnen zu wollen, aber Sie verstehen, was ich meine. Auf der anderen Seite haben wir verstanden, dass Jungen mehr Probleme mit der Sprache haben. Aber gerade in der zweiten Klasse gibt es vor allem Mädchenliteratur zu lesen. Jungen interessieren sich nur wenig für Geschichten – sie lesen lieber Bauanleitungen für Motorräder oder den Sportteil der Zeitung.





"Aber manche brauchen dafür eine bestimmte Diät. Und wenn sie die nicht bekommen, dann werden sie stark behindert. Und deswegen machen wir den Gentest vorher." Richtig. Und nun ersetzen Sie einmal das Wort "Diät" durch "Förderung", und dann verstehen Sie auch, warum der Vergleich hinkt: Schwächere Schüler hierzulande bekommen eben keine "Diät", sondern sie werden ausgesondert (oftmals im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich sehe nicht, dass politisch etwas anderes gewollt ist. Und solange das so ist, bin ich skeptisch gegenüber Gentests. Wenngleich ich zugebe, dass man dann möglicherweise weniger Migrantenkinder auf Sonderschulen schicken würde.
Mediziner und Wissenschaft...ganz schlechte Kombination (bis auf wenige Ausnahmen).
Der kalte Mechanismus des Optimums. Dann wird nach Genom selektiert und differenziert. Für Mediziner nichts Verwerfliches, die sind es gewohnt sich emotional zu entkoppeln. Das Einzige was zählt ist das Ergebnis. Und da hat er nicht unrecht. Ein auf genetische Veranlagung optimiertes Lernen sollte theoretisch tatsächlich zu optimierten Ergebnissen führen.
Die gesellschaftlichen Konsequenzen ("Minderbegabte" wird bestimmt ein Super-Behördenausdruck) spielen bei dieser Betrachtung leider keine Rolle. Hier hätte ich mir einen Pro und Contra Artikel gewünscht.
bei weitem nicht der einzige Faktor - und schon gar nicht der allein bestimmende.
Genausowenig wie jemand mit einer Disposition zu Krebs, tatsächlich auch an Krebs erkranken oder gar sterben muss, so wenig ist es zwingend vorgegeben, welchen Bildungserfolg ein Mensch erreicht wenn er "gute" oder "weniger gute" Gene hat.
Es gibt in der Literatur unzählige Beweise für Abweichungen in beide Richtungen. Sowohl hochbegabte Underachiever, die kaum ihr Leben geregelt bekommen, als auch höchst erfolgreiche Menschen mit erstaunlich schlichter Intelligenz.
Und die Suche nach dem "Verbrechergen" ist schon so lange erfolglos unternommen worden, dass man dieses Thema wohl endlich mal abhaken sollte.
Statt Menschen auf Grund einiger weniger Faktoren in irgendwelche Schubladen zu stecken, sollten wir endlich versuchen die Vielfalt des Lebens als Bereicherung zu begreifen und das Bestmögliche daraus zu machen. Das ist komplexer, schwieriger und vermutlich auch teurer - aber in meinen Augen die einzige mögliche Art und Weise damit menschenwürdig umzugehen.
Spitzner gibt der Problematik aktuell Konturen. Gentests sind leistungsstark, wenn - wie bei der Phenylketonurie - in den ganz überwiegenden Fällen eine "einfache" monogene Stoffwechselerkrankung vorliegt, deren Manifestation im Gehirn präventiv durch Diät im Kindes- und Jugendalter praktisch verhindert werden kann.
Ansonsten ist die genetische Forschung weit davon entfernt, die komplexe polygene und umweltbeeinflusste "Intelligenz" durch Gentests mit hoher diagnostischer Effizienz testbar zu machen. Intelligenz ist ein schwer definierbarer und zu komplexer Phänotyp.
Ganz unabhängig aber von dieser Problematik ist zu bedenken:
1. Man braucht ein verbessertes Bildungssystem, wenn Bildungsreserven zu mobilisieren sind.
2. Begabte Schüler profitieren von einem besseren Angebot mehr als Minderbegabte.
3. Ein verbessertes Bildungssystem differenziert besser, sodass "einseitige" Begabungen besser abschneiden (wen wunderts?).
4. Das primäre Ergebnis ist unvermeidbar Ungleichheit.
Ungleichheit muss aber nicht das Ende sein.
Eine soziale und demokratische Politik sieht gerade hier die Herausforderung darin, 1. Chancengleichheit für alle Kinder herzustellen & 2. Verantwortung der Stärkeren für die Schwächeren einzufordern. Sie sieht sich permanent gefordert, ohne Unterschied bei Deutschen & Ausländern Nachteile bei den Schwächeren & Migranten nach Möglichkeiten auszugleichen. Hier gilt für mich allerdings: Wer mehr Unterstützung gibt, darf auch mehr Eigenbeitrag einfordern.
Generell: Ein diagnostischer Test ist effizient, wenn er mit ausreichend hoher Sensitivität und Spezifität ein sicheres Krankheitsmerkmal erfasst.
Mit chemischen Methoden gelingt es bei der Phenylketonurie sehr gut, die erhöhten Phenylalaninspiegel genau zu messen und einen pathologischen Schwellenwert zu definieren.
Mit einem Gentest ist die Phenylketonurie nicht einfacher zu charakterisieren. Beobachtet man eine bekannte pathologische Mutation, so stellt man fest, dass damit der Phenylalaninspiegel und zukünftiger Verlauf nicht genauer vorherzusagen ist als mit der Phe-spiegelbestimmung, weil noch weitere zusätzliche Genaktivitäten den Phänotyp bestimmen. Schon dieses einfache Beispiel zeigt, dass man mit Gentests sehr große Schwierigkeiten hat und nur unzureichend testen kann.
Unbestreitbar zeigen die Zwillingsstudien überdeutlich Hinweise auf einen wesentlichen Einfluss genetischer Faktoren bei der Ausprägung von "Intelligenz". Trotz dieser eindeutigen Erkenntnis kann es aber sein, dass man mit Gentests kein hinreichendes Ergebnis mit ausreichend hoher diagnostischer Effizienz (Sensitivität Spezifität) und einem brauchbar hohem prädiktiven Wert erzielen kann. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es gar nicht gelingt die notwendig hohe Anzahl von Testpersonen zu rekrutieren, die für eine derartige Testentwicklung notwendig wäre, um alle Variationsmöglichkeiten zu erfassen.
Da bleibt noch viel zu tun und die Politik kann darauf kaum warten.
Ohne Zweifel muss das Ziel sein jedes Kind, jeden Schüler, jeden Jugendlichen gemäß seiner Fähigkeiten, Talente und Schwächen zu fördern. Die Zielsetzung ist demnach die richtige. Meiner Meinung braucht es dafür aber guten Unterricht in kleinen Lerngruppen mit guter Schulausstattung und vor allem tragfähige pädagogische Konzepte, bei welchen Lernbehinderungen automatisch diagnostiziert werden. Da spielt viel mehr rein als eine bloße genetische Disposition.
Nachhaltige Lernprozesse sind immer selbst entdeckend, das gilt auch für das Erkennen der eigenen Schwächen und Stärken. Hierzu gilt es Kindern und Jugendlichen Hilfestellungen, Anreize und Rückmeldung zu geben, kurz Interesse zu zeigen. Die Vorgabe, was man gefälligst gut oder schlecht zu können hat, darf nicht von dritter Stelle, auch von keinem Gentest, getroffen werden. Das ist Teil des Selbstbildes und Selbstbewusstseins, das sich einjeder selbst entscheiden kann/darf/muss.
...was der Artikel so sagt. Jedoch befürchte ich, daß durch die Verkürzung der Thesen in der öffentlichen Wahrnehmung und VOR ALLEM die Kalkulation der Politiker nur ein "Eliten fördern, Rest kaputtsparen" dabei herauskommt. Anstatt nämlich allen den "guten Acker" zur Verfügung zu stellen, ist es nämlich billiger und ungefährlicher für die eigene Macht, nur ein paar clevere Kinder [darunter natürlich die der Geldelite] zu fördern.
Richard Feynman hatte einen nicht gerade herausragenden IQ von 125 - und hat den Nobelpreis bekommen und die Physik maßgeblich beeinflußt.
Intelligenz, oder das Potential zur Intelligenz, ist eine Leerstelle, ein Freiraum. Insofern haben Sie mit dem "Eimer" schon recht.
Es sind die frei programmierbaren Hirnareale, die uns intelligent machen, alles was nicht als feste Verschaltung vorgesehen ist.
Ich behaupte, diese Areale sind so reichlich bemessen, dass sie auch heute noch lange nicht ausgeschöpft sind. Etwaige Größenunterschiede dieses "Eimers" spielen darum keine Rolle. Warum sonst wäre im Lauf der Geschichte ein ständiger Intelligenzanstieg möglich gewesen, wenn da keine Reserven wären?
Ich behaupte weiterhin, dass es "optimale" Förderung nicht gibt und nicht geben kann.
Nicht nur sind die Menschen unterschiedlich beschaffen, so dass dem einen gut tun mag, was dem anderen schadet. Nein, auch im einzelnen Menschen können verschiedene Möglichkeiten in Konkurrenz zueinander stehen, und jede Förderung in eine Richtung wird auch eine Hemmung der anderen sein.
Für alles was ein Mensch wird, zahlt er den Preis all dessen, was er nicht mehr sein kann.
Die Sorte Intelligenz, die in unseren Schulen geschätzt wird, ist nicht die einzig richtige. Wenn wir sie zum Maßstab aller denkbaren Lebensbewältigung erklären, begehen wir den Fehler der Überanpassung. Überanpassung aber, einseitige Beschränkung auf wenige Kriterien, führt eines Tages zur Lebensuntüchtigkeit.
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