Die von einem Missbrauchsskandal erschütterte Odenwaldschule steht schon wieder ohne Führungsspitze da. Im Streit um eine schnelle Entschädigung der inzwischen 125 Opfer haben die für einen rigorosen Neuanfang stehenden Vorstände Johannes von Dohnanyi und Michael Frenzel am Sonntag überraschend aufgegeben. Dies teilte von Dohnanyi mit. "Es ist nicht mehr um Sachfragen gegangen, sondern um Polemik und Streit", sagte von Dohnanyi zur Begründung. Die beiden Vorstände waren nur ein halbes Jahr im Amt. Der alte Vorstand war Ende März 2010 wegen des Missbrauchsskandals unter Druck geraten und zurückgetreten.

Frenzel als Vorsitzender des Vorstandes und von Dohnanyi als dessen Sprecher hatten sich von Anfang an für eine zügige finanzielle Anerkennung des Leids eingesetzt. Für sie war dies eine unbedingte Voraussetzung für einen Neuanfang. Noch für dieses Jahr war ein sechsstelliger Betrag angekündigt worden. Die Missbrauchsfälle liegen schon Jahrzehnte zurück und gelten als verjährt. Im Zentrum des Skandals stand der inzwischen gestorbene ehemalige Schulleiter Gerold Becker.

Von Dohnanyi sagte weiter, in der Schulleitung und auch in Teilen des Trägervereins habe sich in den vergangenen Wochen Widerstand gegen eine schnelle finanzielle Lösung formiert. Begründet worden sei dies mit der angespannten Finanzlage der Reformschule. "Der Rücktritt war das letzte Geschenk von mir an die Odenwaldschule", sagte von Dohnanyi. "Nun muss die Leitung Farbe bekennen, was sie wirklich will." Komme keine Einigung zustande, werde auch der restliche Vorstand mit seinen fünf Mitgliedern auseinanderbrechen.

Vorstandssprecher von Dohnanyi und Vorstandsvorsitzender Frenzel hatten sich für eine zügige finanzielle Anerkennung des Leids eingesetzt. Nach von Dohnanyis Angaben hat sich in den vergangenen Wochen innerhalb der Schulleitung und des Trägervereins eine Gruppe gebildet, die eine schnelle Anerkennung des Missbrauchs wegen der angespannten Finanzlage der Schule ablehne.

Hoffnungen auf Geld für die Opfer hatte Ende September bereits die frühere Bundesfamilienministerin Rita Süssmuth (CDU) gedämpft. Die Schule selbst könne nicht zahlen. Süssmuth unterstützt das Elite-Internat bei der Neuorientierung.

Medienberichten zufolge kam der siebenköpfige Vorstand der Schule am Sonntag zusammen, um über eine mögliche Entschädigungslösung zu beraten. Frenzel und von Dohnanyi nutzten die Sitzung, um ihren Rücktritt zu erklären. "Wir hoffen, der Schule mit unserer Entscheidung einen Weg eröffnet zu haben, die drängenden Probleme nun endlich konstruktiv und solidarisch anpacken zu können", teilte von Dohnany mit.

Ursprünglich war für den Nachmittag eine Mitteilung der Odenwaldschule angekündigt. Später hieß es, diese werde nicht erfolgen. Weder zur Sitzung noch auf dem Schulgelände waren Medienvertreter zugelassen.

Die Zahl der Missbrauchsopfer hat sich bislang auf 125 erhöht. Bisher war von über 50 Betroffenen in den Jahren von 1966 bis 1991 ausgegangen worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen etwa ein Dutzend Lehrer.