Pro- und Contra Nutzen oder schaden Schülerwettbewerbe?

Schülerwettbewerbe boomen: Befürworter sind von den Leistungen beeindruckt, zu denen sie Schüler antreiben. Die Gegner glauben, zu viele werden entmutigt. Ein Pro und Contra

Pro: Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Bildung der Körber-Stiftung

Sven Tetzlaff

Sven Tetzlaff

Wer für Wettbewerbe in der Schule wirbt, rührt noch immer an einem pädagogischen Tabu: Das Prinzip des Wettbewerbs stammt aus der Welt der Wirtschaft, wo der eiskalte Wind gnadenloser Konkurrenz und Auslese bläst und der Markt die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer teilt. Soll diese Ratio mithilfe von Schülerwettbewerben in die Schule getragen werden, dorthin, wo Kinder mit gutem Recht auf Schutz, Fürsorge und Zuwendung durch Erwachsene vertrauen können, wo nicht Ökonomie, sondern Pädagogik das Maß der Dinge sein sollte? Gute Pädagogik und Leistungsförderung durch Wettbewerbe werden in dieser Lesart gerne als Widerspruch verstanden – zu Unrecht.

Denn zunächst einmal sind die Entwicklung der modernen Schule und das Leistungsprinzip kein Gegensatz, sondern eng aneinander gekoppelt: Mit dem Abschied von der Ständegesellschaft und dem Aufkommen der Industriegesellschaft sollten nicht mehr Geburt oder Besitz über die erreichbare gesellschaftliche Stellung entscheiden, sondern die in der Schule allein durch Leistung erworbenen Berechtigungen. Das Ideal dieser Bildung fußt auf gleichen Chancen für alle, die durch Leistung ihre Lernanstrengungen in Erfolg verwandeln wollen.

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Schülerwettbewerbe

Zählt man alle Schülerwettbewerbe im Bundesgebiet unabhängig von ihrer Bedeutung auf, kommt man auf weit über 300. In diesem Pool sind zahlreiche Eintagsfliegen, wie beispielsweise Wettbewerbe, die in erster Linie kommerzielle Zwecke verfolgen. Höchstens 90 bis 140 Wettbewerbe sind Achim Lipski, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bundesweiter Schülerwettbewerbe, zufolge tatsächlich ernstzunehmende Wettbewerbe. Je nach Art der gestellten Aufgaben unterscheiden Experten zwischen "ausführenden und darbietenden" (Jugend musiziert), "entdeckenden und herausfindenden" (Mathematik-Olympiade), "erfindenden und konstruierenden" (Roboterwettbewerbe) sowie Wettbewerben mit Projektcharakter.

Wettbewerbstypen

Die Kultusministerkonferenz (KMK) empfiehlt rund 30 bundesweit ausgeschriebene Wettbewerbe und zwar in den vier Kategorien: 1. sprachlich-literarisch-künstlerische Wettbewerbe, 2. gesellschaftswissenschaftliche Wettbewerbe, wie etwa den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, 3. mathematisch-naturwissenschaftlich-technische und 4. Sportwettbewerbe. Nur Wettbewerbe, die mehrmals in der Hälfte der Bundesländer ausgerichtet wurden, listet sie auf.

Neue Wettbewerbstypen, wie beispielsweise der Deutsche Schulpreis, setzen bei der Schulentwicklung an und belohnen etwa die Kooperation von Schulen mit außerschulischen Einrichtungen. Diese Wettbewerbe haben Projektcharakter, bringen die Teilnehmer also dazu, sich über einen längeren Zeitraum mit einem Thema in Gruppen zu befassen. Sie leisten einen Beitrag zur Professionalisierung der Lehrer. Sie geben nicht nur Schülern Anreize, sich zu messen, sondern grundsätzlich allen Leuten, die am Schulleben beteiligt sind.

Schülerwettbewerbe fordern die persönliche Leistungsbereitschaft in besonderer Weise heraus, weil sie etwas bieten, das der normale Schulalltag nicht vorsieht: Sie schaffen für Kinder und Jugendliche eine Ernstsituation, in der nicht für Lehrer und Noten gelernt, sondern Experten und letztlich auch die Öffentlichkeit überzeugt werden müssen. Die Anerkennung der gezeigten Leistung im ‚realen Leben‘ ist eine kostbare Währung. Wer mit Schülerinnen und Schülern spricht, die mehrfach an Wettbewerben teilnahmen, kann erfahren, dass häufig nicht die ausgelobten Preise zu Einsatz und Höchstleistung beflügeln: Es ist vielmehr die Aussicht, mit dem eigenen Wissen und Können von der Umwelt in einer Weise ernst genommen zu werden, wie es sonst nur Fachleuten vorbehalten ist.

Sich bewusst mit den eigenen Kompetenzen auseinanderzusetzen und Grenzen auszuloten, beinhaltet auch die Möglichkeit, dass am Ende der Wettbewerbsteilnahme kein Sieg steht. Der Umgang mit Niederlage und Frustration braucht eine gute Begleitung. Viele Schülerwettbewerbe arbeiten deshalb eng mit Lehrerinnen und Lehrern zusammen. Sie sind es, die vor Ort Kindern und Jugendlichen vermitteln können, dass sich Erfolge nicht allein nach Preisen bemessen, sondern in der wertvollen Erfahrung eigenverantwortlichen Arbeitens bestehen. Gute Schülerwettbewerbe bieten überdies die Möglichkeit für Teilnehmer, ein qualifiziertes Feedback für das Abschneiden zu erhalten – auch das ist eine Würdigung des gezeigten Einsatzes.

Leser-Kommentare
  1. Dafür sind dann ja Sie da, Herr Psychologe! Eine solche Verschiebung der Sicht auf die Realität habe ich bei einem Fachmann lange nicht erlebt. In dem Artikel steht ja, dass eine sorgfältige Begleitung nötig ist. Sie würden ja auch nicht das Autofahren verbieten, weil ein paar Leute nicht ordentlich fahren lernen.

    • JoHJ
    • 04.03.2011 um 17:13 Uhr

    Von pädagogischer Seite möchte ich gegen Wettbewerb nichts sagen. Der Vergleich untereinander ist Kindern frühzeitig bekannt und wesentlicher Teil ihres Spielverhalten, Anreiz ihrer Aktivitäten und wichtiger Inhalt ihres sozialen Erlebens.

    Wettbewerb wird für dann mich zur Farce, wenn die Bedingungen nicht mehr stimmen und Kinder beginnen, das zu durchschauen. Wettbewerbe innerhalb einer Klasse, in denen sich Eltern mit ihrem Fachwissen oder gar mit einer Fachmannschaft aus ihrem beruflichen Hintergrund einmischen, führen zu Frust und zu Demotivation derer, die mit eigenen Mitteln gearbeitet haben. Wenn dies durch unkritische Preisvergabe noch belohnt wird, haben die Ehrlichen keine Chance mehr - und für das Leben nichts Gutes gelernt.

  2. Im Allgemeinen sehen Eltern, die Schule, die Umgebung jegliche Teilnahme an Wettbewerben und damit über die übliche Teilnahme am Schulunterricht gehenden Einsatz nur positiv ansehen, egal welche Leistung die Kinder dort zeigen. Es ist also weder schlimm, noch problematisch, wenn ein Schüler dort nicht in allen Runden des Wettbewerbes große Erfolge zeigen. Schon das weiterkommen in der Schul- oder Klassenrunde wurd nur mit positiven Bewertungen einhergehen. Die meisten Schulen würdigen die Teilname und denken, dass jedes Ergebnis gut ist, schließlich ist es eine Extra-Leistung.

    Wenn Eltern oder die Umgebung Druck machen und von den Kindern beim Wettbewerb zuviel fordern, dass es psychisch Nachteile für diese Kinder bringt, wie in dem extremen und sicher nicht üblichen Fall, der oben beschrieben wurde, dann liegt das Problem nicht in dem Wettbewerb, da die Eltern/etc diesen Druck und Stress den Kindern auch machten, wenn es den Wettbewerb nicht gäbe, weil es dann andere Dinge gibt, wo diese den entsprechenden Druck ausüben. Wenn solche Probleme wegen der Wettbewerbe kommen, dann kämen und kommen sie auch im normalen Leben und lassen sich damit durch ein Ende der Wettbewerbe nicht lösen. So würde beim Musik-lernen oder bei den Noten dieser Druck gemacht - Ich erinnere nur an die Debatte über Amy Chua, deren Kinder auch ohne Wettbewerb pschisch zusammenbrechen, wenn sie es nicht schaffen.

  3. ..und vor über 20 Jahren bei "Jugend testet" den 2. Platz belegt. Die Preisverleihung fand in Berlin (Sitz der Stiftung Warentest) statt; Sowohl der offizielle Teil aus auch das Rahmenprogramm waren Erlebnisse, an die ich noch gerne zurückdenke.

  4. Eckhard Schiffer kritisiert ausdrücklich nur die "schöpferischen" Wettbewerbe; laut ihrer Erklärung im Textkasten lauten die Kategorien "ausführend und darbietend", "entdeckenden und herausfindenden" und "erfindenden und konstruieren".
    In welche Kategorie fällt "schöpferisch" ?

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