Pro: Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Bildung der Körber-Stiftung

Sven Tetzlaff

Wer für Wettbewerbe in der Schule wirbt, rührt noch immer an einem pädagogischen Tabu: Das Prinzip des Wettbewerbs stammt aus der Welt der Wirtschaft, wo der eiskalte Wind gnadenloser Konkurrenz und Auslese bläst und der Markt die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer teilt. Soll diese Ratio mithilfe von Schülerwettbewerben in die Schule getragen werden, dorthin, wo Kinder mit gutem Recht auf Schutz, Fürsorge und Zuwendung durch Erwachsene vertrauen können, wo nicht Ökonomie, sondern Pädagogik das Maß der Dinge sein sollte? Gute Pädagogik und Leistungsförderung durch Wettbewerbe werden in dieser Lesart gerne als Widerspruch verstanden – zu Unrecht.

Denn zunächst einmal sind die Entwicklung der modernen Schule und das Leistungsprinzip kein Gegensatz, sondern eng aneinander gekoppelt: Mit dem Abschied von der Ständegesellschaft und dem Aufkommen der Industriegesellschaft sollten nicht mehr Geburt oder Besitz über die erreichbare gesellschaftliche Stellung entscheiden, sondern die in der Schule allein durch Leistung erworbenen Berechtigungen. Das Ideal dieser Bildung fußt auf gleichen Chancen für alle, die durch Leistung ihre Lernanstrengungen in Erfolg verwandeln wollen.

Schülerwettbewerbe fordern die persönliche Leistungsbereitschaft in besonderer Weise heraus, weil sie etwas bieten, das der normale Schulalltag nicht vorsieht: Sie schaffen für Kinder und Jugendliche eine Ernstsituation, in der nicht für Lehrer und Noten gelernt, sondern Experten und letztlich auch die Öffentlichkeit überzeugt werden müssen. Die Anerkennung der gezeigten Leistung im ‚realen Leben‘ ist eine kostbare Währung. Wer mit Schülerinnen und Schülern spricht, die mehrfach an Wettbewerben teilnahmen, kann erfahren, dass häufig nicht die ausgelobten Preise zu Einsatz und Höchstleistung beflügeln: Es ist vielmehr die Aussicht, mit dem eigenen Wissen und Können von der Umwelt in einer Weise ernst genommen zu werden, wie es sonst nur Fachleuten vorbehalten ist.

Sich bewusst mit den eigenen Kompetenzen auseinanderzusetzen und Grenzen auszuloten, beinhaltet auch die Möglichkeit, dass am Ende der Wettbewerbsteilnahme kein Sieg steht. Der Umgang mit Niederlage und Frustration braucht eine gute Begleitung. Viele Schülerwettbewerbe arbeiten deshalb eng mit Lehrerinnen und Lehrern zusammen. Sie sind es, die vor Ort Kindern und Jugendlichen vermitteln können, dass sich Erfolge nicht allein nach Preisen bemessen, sondern in der wertvollen Erfahrung eigenverantwortlichen Arbeitens bestehen. Gute Schülerwettbewerbe bieten überdies die Möglichkeit für Teilnehmer, ein qualifiziertes Feedback für das Abschneiden zu erhalten – auch das ist eine Würdigung des gezeigten Einsatzes.