"Ganztagsschulen bringen die Schüler nicht wirklich voran", behauptet der Leiter einer führenden Nachhilfekette in Bonn. Die Kinder würden nachmittags vielfach nur betreut und verwahrt. "Bei uns geht es intensiver zu." Seine Nachhilfeschüler kommen überwiegend aus den Jahrgangsstufen sechs bis neun, nicht selten aus offenen Ganztagsschulen. In seinem Institut würden sie in Dreier- oder Vierergruppen 90 Minuten unterrichtet. Darunter seien Schüler aus Arztfamilien, aber auch aus weniger gut situierten Familien, sagt er.

Laut der Studie der Bertelsmann-Stiftung "Ausgaben für Nachhilfe" von 2010 erhalten in der Bundesrepublik knapp 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche regelmäßig bezahlten Nachhilfeunterricht. Insgesamt lassen sich die Deutschen die Nachhilfe jährlich zwischen 942 Millionen und rund 1,468 Milliarden Euro kosten. Vorsichtig gerechnet geben Eltern im Bundesdurchschnitt jährlich 108 Euro je Schüler an allgemeinbildenden Schulen aus. Generell greifen Eltern in westdeutschen Ländern tiefer für Nachhilfe in die Tasche als in den ostdeutschen Ländern, mit Ausnahme von Berlin. "Ein florierender Markt und problematisch, weil sich das nur eine kleine Gruppe der Bevölkerung leisten kann", sagt Anette Stein, Projektleiterin der Studie.

Zwar hat sich die Bundesrepublik nach dem PISA-Schock vor zehn Jahren von einem Halbtags- fast schon in ein Ganztagsschulland verwandelt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat vier Milliarden Euro durch das "Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung" in Ganztagsschulen gesteckt. Bis 2009 verwandelten sich mit der Finanzspritze des Bundes fast 7000 Schulen in Ganztagsschulen. Trotzdem brauchen Nachhilfeinstitute nicht auf die Schüler zu verzichten. Vor dem Hintergrund, dass Kinder aus sozial besser gestellten Haushalten erwiesenermaßen mehr als doppelt so häufig bezahlte Nachhilfe erhielten als Kinder aus sozial benachteiligten Familien, sagte die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) schon 2005: "Wir können uns kein Bildungssystem leisten, das auf bezahlte Nachhilfe angewiesen ist und damit die soziale Ungleichheit weiter verstärkt". Auch aus diesem Grund setzte sie auf das Zugpferd "Ganztagsschulen".  Kai Pöhlmann, Institutsleiter einer privaten Nachhilfeeinrichtung aus Hamburg, sagt dazu: "Ein hehrer Anspruch. Aber während der Stillarbeitszeiten in Ganztagsschulen seien die Ablenkungsfaktoren zu groß".

Trotz der Offensive des Bundes hat sich laut Bertelsmann-Studie die Nachhilfe "zu einem etablierten, privat finanzierten Unterstützungssystem neben dem öffentlichen Schulsystem entwickelt". Der Bildungsexperte Klaus Klemm, einer der Autoren der Studie, sagt, es sei längst nicht mehr so, dass nur die Kinder und Jugendlichen Nachhilfe erhielten, die Gefahr liefen, sitzen zu bleiben. "Nachhilfe ist in einem nennenswerten Umfang eine Maßnahme zur Chancenverbesserung und nicht mehr nur eine Maßnahme, um das Scheitern zu vermeiden." Viele Eltern, vor allem aus privilegierten Familien, gingen auf Nummer sicher, um ihren Kindern den Übergang von der Grundschule zum Gymnasium zu garantieren oder um ihnen gute Noten im Abschlusszeugnis zu ermöglichen, damit sie etwa Numerus-Clausus-Fächer studieren können.


Schulleistungen der Ganztagsschüler sind besser

In der Ganztagsschulstudie "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG) haben Forscher ermittelt, wie sich der Besuch einer Ganztagsschule auf die Entwicklung der Schulleistungen auswirkt. Für die Studie wurden Zehntausende Akteure von über 300 Ganztagsschulen aus 14 Bundesländern 2005, 2007 und 2009 wiederholt befragt.

Unter bestimmten Voraussetzungen macht sich den StEG-Autoren zufolge der Besuch einer Ganztagsschule allerdings auf dem Zeugnis bemerkbar: "Die Noten in Deutsch, der ersten Fremdsprache und tendenziell auch in Mathematik entwickeln sich bei jenen Jugendlichen weniger negativ, die mindestens dreimal pro Woche Ganztagsangebote nutzen". Eine wichtige Rolle spiele außerdem die Qualität der Angebote: Einen Einfluss auf die Schulleistungen hätten Ganztagsschulen, wenn die Schüler die Angebote als "motivierend wahrnähmen, sich kognitiv herausgefordert fühlten und sich aktiv beteiligen" könnten. Wären diese Voraussetzungen gegeben, entwickelten sich die Noten besser als die derjenigen Schüler, die die Angebote weniger positiv beurteilten. In dem Zusammenhang steht auch, dass eine "positive Schüler-Betreuer-Beziehung" sich auch positiv auf die Leistungen auswirkt. Individuelle Förderung gelingt demnach eher an vollgebundenen Ganztagsschulen, zum Beispiel an Gesamtschulen. "Die verpflichtende Form des Ganztags reduziert das Risiko, in der Sekundarstufe I eine Klasse wiederholen zu müssen", so die StEG-Studie.

Doch wie hoch ist der Anteil der Ganztagsangebote, die die Schüler als motivierend, geistig herausfordernd und aktivierend wahrnehmen? Hält die Qualität der Hausaufgabenbetreuung und Förderkurse in den Ganztagsschulen mit den Erwartungen der Schüler und Eltern Schritt? Ist sie mit der Qualität der Förderung privater Nachhilfeinstitute zu vergleichen? StEG lässt Fragen offen.

Grenzen individueller Förderung im Ganztagsbetrieb

Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) sagt, es müsse durch eine zweite Ganztagsschuloffensive ein Ausgleich zwischen armen und reichen Bundesländern geschaffen werden. "Erforderlich sind mehr Investitionen in den Ganztag, damit dem Anspruch wirklicher individueller Förderung Genüge geleistet wird." Bei einer Aufhebung des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern in Sachen Bildung könnte der Bund wieder in Köpfe investieren, mehr Lehrer und pädagogische Fachkräfte einstellen und so die Lerngruppen an Ganztagsschulen verkleinern.

"Als Institutsleiter freut es mich, dass der Staat keine Maßnahmen getroffen hat, die den Nachhilfebedarf senken", sagt Kai Pöhlmann. Nachhilfelehrer, die bei ihm unter Vertrag stehen, erteilen den Kindern und Jugendlichen komfortablen Einzelunterricht zu Hause. Zu seinen Kunden gehört auch eine "signifikante Anzahl" von Ganztagsschülern. Die Ganztagsschulen haben den Leitern von Nachhilfeinstituten nicht das Fürchten gelehrt. Im Gegenteil: Die Weichen sind offenbar so gestellt, dass die Leiter von Nachhilfeinstituten sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen müssen. Die schnelle Abfolge von Prüfungen, die Verkürzung der gymnasialen Oberstufe von neun auf acht Jahre und die steigenden Anforderungen der Arbeitgeber sorgen für weiteren Zulauf.