Als der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth vor einigen Jahren Aufsehen mit der These erregte, wissenschaftliche Studien sprächen gegen die Existenz eines freien Willens, erntete er nicht selten Ignoranz. Die Hirnforschung hat mir nichts zu sagen, konterten manche Juristen, und wollten nicht an der Willensfreiheit als einem Pfeiler des Rechtssystems rütteln lassen. Jetzt könnte sich der Vorgang wiederholen. Diesmal geht es um Erziehung und Lernen, Prozesse, für deren Verstehen das Gehirn von großer Wichtigkeit ist. Sein Plädoyer dürfte vielen Erziehungswissenschaftlern nicht geheuer sein. Hinzu kommt, dass er sich auch noch herausnimmt, sie zu kritisieren.

"Die an den Hochschulen betriebene Didaktik und Pädagogik" sei "für die Schulpraxis in großem Maße irrelevant", weil die Hochschul-Didaktiker die "von Psychologen und Neurobiologen gewonnenen Einsichten nicht aufnehmen oder sogar vehement ablehnen", schreibt Roth in seinem neuen Buch "Bildung braucht Persönlichkeit".

Lehrer wiederum würden das an der Universität Gelernte rasch vergessen und sich per Versuch und Irrtum durchs Berufsleben wursteln. Es ist eine ernüchternde Diagnose, die Roth stellt. Seit etlichen Jahren beschäftigt sich der Wissenschaftler und Präsident der Studienstiftung mit Fragen der Hochschuldidaktik und der schulischen Bildung, hält Vorträge vor Lehrern und besucht Schulstunden. Das deutsche Schulsystem besitze einen Wirkungsgrad, "der gegen Null strebt", lautet sein Urteil.

Intelligenz, Motivation und Fleiß sind die drei Säulen, auf denen für Roth der Lernerfolg fußt. Bildung ist dabei mehr als erlerntes Wissen, in ihrem Zentrum steht auch die zu fördernde Persönlichkeit des Lernenden. Die Schüler müssen lernen, Stress zu verarbeiten und Enttäuschungen zu verkraften, sie sollen dazu in der Lage sein, sich selbst zu beruhigen und zu motivieren, sich im Griff zu haben und negative Gefühle zu kontrollieren. Zugleich sollen sie Bindungen aufbauen können, einfühlsam und realistisch sein und Risiken erkennen. Zugegeben, eine solche reife Persönlichkeit entsteht nicht in ein paar Jahren – aber in Kindheit und Jugend lässt sich viel mehr erreichen als später, sagt Roth.

Unterschiede in der Intelligenz sind etwa zur Hälfte angeboren, also genetischen oder vorgeburtlichen Ursprungs, zitiert Roth Ergebnisse der Zwillingsforschung. Das ist ein erheblicher Anteil, aber kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Umwelteinflüsse können den Intelligenzquotienten (IQ) um bis zu 20 Punkte nach oben oder unten verschieben, wobei mit den Jahren das Gewicht der Gene zunimmt. Das ist beachtlich, hat doch ein durchschnittlicher Erwachsener einen IQ von 100 und ein Abiturient einen IQ von im Durchschnitt 110.

Roth weist auf den großen Einfluss hin, den die "Bildungsnähe" des Elternhauses hat . Die Aufgabe des Staates sieht er vor allem darin, "bildungsfern" aufwachsenden Kindern zu helfen. Etwa mit Ganztagsschulen und frühzeitigen Sprachkursen für Kinder aus Einwandererfamilien. Nicht nur an diesem Beispiel zeigt sich, dass Hirnforschung und Mainstream in der Bildungspolitik kein Widerspruch sein müssen. Roth befürwortet auch ein langes gemeinsames Lernen.

In den Bildungsbehörden existiere der Wahn, Schüler müssten immer mehr wissen und lernen, kritisiert Roth. Statt nach dem Prinzip des Nürnberger Trichters Unmengen von Wissen in die Schüler hineinzupressen, sollten die Lernpläne radikal reformiert und entschlackt werden, schlägt er vor. Denn das Gehirn ist keine Festplatte mit fast beliebiger Kapazität. Lerninhalte sollten anschaulich und alltagsnah präsentiert werden, entscheidend für das Einprägen ins Gedächtnis sei Wiederholen in zunehmend längeren Abständen: nach sechs Stunden, nach einem Tag, nach zwei Wochen.