Katrin hat eine Lernschwäche. Das war der Schulleiterin schon bei der Aufnahme in die erste Klasse aufgefallen. Wie allgemein üblich, stellte sie beim Schulamt einen "Antrag auf Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs". Reiner Zufall und Glück für das Mädchen: Die Bodelschwinghschule Bonn bietet gemeinsamen Unterricht für begabtere und behinderte Kinder an, wie insgesamt elf von 51 Grundschulen in der Stadt. Dieses Angebot folgt der "Behindertenrechtskonvention" der Vereinten Nationen , die hierzulande aber erst in die Gesetze der 16 Bundesländer eingearbeitet werden muss.

Das Ziel ist "Inklusion" statt Ausgrenzung, die Teilnahme möglichst aller Kinder an den allgemeinbildenden Schulen in ihrem Lebens- und Wohnumfeld. Dabei werden die Fachlehrer in der Klasse von Sonderpädagogen unterstützt. Für die förderungsbedürftigen Schüler gilt nicht das Klassen-, sondern ein individuelles Lernziel.

Mangels eines gesetzlichen Anspruchs auf einen Inklusionsplatz an Rhein und Ruhr haben Katrins Eltern nun nach der Grundschule ein Problem: An zwei Bonner Gesamtschulen, die zu allen Abschlüssen bis zum Abitur führen, wurde sie abgewiesen. Für jeweils fünfzig Bewerber gibt es nur jeweils zwölf Inklusionsplätze. Am Ende entschied die Lostrommel – gegen Katrin. Schulrat Christoph Schürmann zuckt mit der Schulter: "An unseren Gesamtschulen gibt es überhaupt weniger Plätze als Bewerber, nicht nur für Förderbedürftige."

Mit einem Unterschied: Ganz unabhängig vom Elternwunsch werden nur in zwei von sechs Parallelklassen an der Bad Godesberger Gesamtschule behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam unterrichtet. Und in den beiden Klassen ist nur für jeweils sechs förderbedürftige Kinder Platz. Wollte man mehr zulassen, wären auch mehr Sonderpädagogen nötig, die die Schulbehörde aber nicht frei gibt. In Bonn sind 472 Kinder und Jugendliche mit Behinderungen im gemeinsamen Unterricht untergekommen – und 1450 an Förderschulen. Die Gymnasien bieten gar keine Plätze für den gemeinsamen Unterricht an.

Auf keinen Fall wollen Katrins Eltern ihre Tochter aber auf eine Sonder- oder Förderschule ohne wirkliche Berufsperspektive schicken. Für die  Akademikerfamilie kommt auch keine Hauptschule in Frage, obwohl es da noch freie Förderplätze gibt. Aber wer will schon sein schutzbedürftiges Kind in die ungewohnte Umgebung mit Klassenkameraden prekärer sozialer Herkunft stecken? Katrins Mutter trägt ihre Bedenken in gewählten Worten vor, um nicht noch deutlicher zu werden. Tatsächlich: Die einzige Hauptschule im Promi-Viertel Bad Godesberg ist der Lernort für Schüler, die aus der Unterschicht kommen und voraussichtlich auch darin bleiben.

Trotz aller Lippenbekenntnisse haben die sechzehn Bundesländer die UN-Konvention bislang höchst zögerlich umgesetzt. Allein Bremen hat die Förderschulen (mit Ausnahme für Blinde, Gehörlose und Schwerstmehrfachbehinderte) per Gesetz abgeschafft. Sie nehmen keine neuen Schüler mehr auf und schließen, wenn der letzte geht. "Zentren für unterstützende Pädagogik" werden in das dreigliedrige System von Grund- und Oberschulen sowie Gymnasien eingegliedert. Das heißt Inklusion für alle. Und dieses System hat den Vorteil, dass es auch die Kinder erreicht, deren Eltern nicht um den richtigen Platz für ihre Kinder kämpfen wie Katrins Mutter.

In Hamburg bleibt die Förderschule nach wie vor eine Wahlmöglichkeit für die Eltern. Wer aber nicht dorthin will, dem muss die Behörde laut Schulgesetz von 2010 einen Platz an einer allgemeinen Schule einräumen, und zwar wie jedem anderen Pennäler möglichst in Wohnortnähe. Mehr als die Hälfte der Eltern entscheiden sich gegen die Sonderschule.

 

Im Bundesdurchschnitt fehlt jedoch meist der Gesetzesanspruch und die Inklusion liegt unter zwanzig Prozent, an Rhein und Ruhr und in Bayern knapp darüber, in Baden-Württemberg immerhin bei dreißig Prozent, in Brandenburg bei vierzig. Nach einem aktuellen Gesetzentwurf sämtlicher Landtagsfraktionen in Bayern werden alle bestehenden Schulformen durch Sonderpädagogen verstärkt. Eine neue Verwaltungsvorschrift in Nordrhein-Westfalen, auf die Fachanwalt Christian Teipel hinweist, markiert die gleiche Richtung: "Dem Wunsch der Eltern auf gemeinsamen Unterricht nicht zu entsprechen, bedarf einer umfassenden Begründung der Schulaufsichtsbehörde ."

Der wachsende Konsens in Richtung Inklusion spiegelt freilich nur einen Teil der vollen Wahrheit. So ist das Ansehen, das Förderschulen genießen, unterschiedlich in den Bundesländern. "Schon aus der DDR-Tradition ist die Förderschule in den neuen Bundesländern viel mehr akzeptiert als in den alten", sagt Stephan Breiding vom brandenburgischen Kultusministerium. "Bei uns haben im Übrigen acht Prozent der Schüler einen anerkannten Förderbedarf, mehr als in der alten Bundesrepublik, wo das Thema offensichtlich eher gesellschaftlich tabuisiert ist."

Außerdem bedeutet Inklusion, also ein oder zwei Schritte hinter den anderen mitgehen, auch für die Eltern manchmal täglichen Schulstress, gesteht Katrins Mutter. "Manche melden deshalb ihre Kinder lieber von der allgemeinbildenden Schule wieder ab und bei der reinen Förderschule an", sagt Schulrat Schürmann.

Katrins Eltern jedenfalls scheuen den Stress nicht. Sie verlangen den gesetzlichen Anspruch auf Inklusion, um das Möglichste für die Zukunft ihrer Tochter tun zu können.