Schülerfirmen organisieren die Pausenversorgung, in Börsenspielen scheffeln Jugendliche virtuelle Aktiengewinne. Im April erreichte die Schulfarm Insel Scharfenberg den ersten Platz des Wettbewerbs " Schul/Banker" des Bundesverbandes deutscher Banken. Die Privatschüler aus dem Berliner Westen investierten und bilanzierten mit Geschick, sie prüften Zinsspannen und handelten mit Wertpapieren. Am Ende gab es 5.000 Euro aus der Kasse der Lobbyisten.

Die Sparkassen veranstalten das Planspiel Börse, die Wirtschaftsverbände fluten die Unterrichtsräume mit Lehrmaterialien. Vielen Pädagogen sind die Angebote der Wirtschaft willkommen, können sie so doch anschaulich vermitteln, wie Wertschöpfung funktioniert. Auch die Schüler mögen es. Knapp drei Viertel plädieren für ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft. Das ergab zumindest eine Umfrage des Bankenverbandes . Wirtschaftsdidaktiker verschiedener Universitäten appellieren seit Jahrzehnten an die Kultusministerien, das Fach verbindlich einzuführen. Bisher können die Schüler in den meisten Bundesländern zwar ein wirtschaftsbezogenes Unterrichtsfach wählen, aber nur in wenigen Ländern ist es Pflicht. Als in NRW ein Modellversuch begann, war das Interesse riesig: 30 Schulen waren eingeplant, beworben hätten sich 70, erzählt Brigitte Balbach vom Lehrerverband lehrer nrw.

Doch die Bildungsbudgets der Länder sind knapp, die Ausstattung vieler staatlicher Schulen ist dürftig. In diese Lücke stoßen Wirtschaftsverbände und andere Interessenvertreter. Kritiker sehen die Schulen mittlerweile von Wirtschaftsliberalen okkupiert. Ein von Unionsparteien und der FDP dominiertes Netzwerk von Wirtschaftsverbänden, Großunternehmen und "wirtschaftsliberal-konservativen Einrichtungen und Akteuren" treibe den Vormarsch der Ökonomie an den Schulen voran, analysieren Lucca Möller und Reinhold Hedtke von der Universität Bielefeld in einer Studie. Die in den Klassenzimmern des Landes verbreiteten Unterrichtsmaterialien seien oft wissenschaftlich und politisch tendenziös, so die Kritik.

Betriebliche Mitbestimmung und andere soziale Aspekte der Marktwirtschaft würden so zum Nischenthema: "In der Realität hat der Mindestlohn nur eine Folge: dass noch mehr Menschen arbeitslos werden", zitieren die Forscher aus einer Broschüre der arbeitgebernahen "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" – eine unter Wissenschaftlern umstrittene These.

Auch die Gewerkschaften machen die Vorstöße der Wirtschaftslobbyisten nervös. "Betriebsräte werden oft als Störer beschimpft, das klinisch saubere Unternehmertum hochgehalten", klagt Matthias Anbuhl, Bundesvorstand und Bildungsfachmann beim DGB , über die den Pädagogen angedienten Lehrmittel. "Hier zeigt sich altes marktradikales Denken, das gerade die Leistung der Betriebsräte und Gewerkschaften bei der Bewältigung der Finanzkrise verschweigt."

Die Bielefelder Forscher nehmen auch den eigenen Stand von der Kritik nicht aus. Zu den Profiteuren gehörten nämlich auch Universitäten, "deren Unabhängigkeit durch interessierte Geldgeber in Gefahr gerät". In der Tat kommen viele Konzepte für den Schulunterricht aus einem kleinen Kreis von Wirtschaftsdidaktikern, deren Gutachten die Wirtschaftslobby bezahlt. Der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Hans Kaminski schrieb für den Bankenverband ein Gutachten, das die Finanzwirtschaftler der Kultusministerkonferenz vorlegten. Sein Essener Kollege Thomas Retzmann entwickelte im Auftrag der gewerblichen Wirtschaft Bildungsstandards für den Wirtschaftsunterricht.

In NRW begleitet Retzmann den Anfang 2010 gestarteten Modellversuch für den Wirtschaftsunterricht. Sämtliche Universitäten des Landes schrieben derzeit an einem Curriculum – jedoch ohne Bezahlung, versichert Realschullehrerverbandschefin Balbach . Mitte Mai soll es fertig sein.

Weil die Zukunft des Modellprojekts nach dem Machtwechsel in NRW zu Rot-Grün unklar ist, springt da die Lobby ein. "Die Unternehmerverbände geben Geld für die Fortbildung der Lehrer", sagt Balbach. Im Bankenverband kann man die Klage über zu große Wirtschaftsnähe des Unterrichtes nicht nachvollziehen. Die Finanzwirtschaft sei bemüht, soziale Marktwirtschaft "in allen Wirkungszusammenhängen darzustellen", sagt Anke Papke, Direktorin beim Bankenverband. Das lasse sich auch in den Konzepten nachlesen, die den Arbeiter nicht nur als Kostenfaktor, sondern auch als Steuerzahler oder Konsumenten darstelle. "Wenn man die herausgegebenen Curricula und die Bildungsstandards genau betrachtet, ist die Kritik unberechtigt."

Im Konflikt der Ideologien und Weltanschauungen plädiert Papke für Sachlichkeit. "Im Streit um die richtigen Konzepte darf man nicht die Motive der anderen Seite in Zweifel ziehen", sagt die Verbandsdirektorin zu den Auslegungen der Bielefelder Forschungsgruppe. Die Gewerkschaften sehen vor allem die Schulpolitiker in der Pflicht. "Die Kultusministerkonferenz sollte eine Clearingstelle einrichten, die die Unterrichtsmaterialien aus dem grauen Markt untersucht und den Schulen klar sagt, welche Materialien für den Unterricht nicht geeignet sind", verlangt DGB-Bundesvorstand Anbuhl. Doch auch unter den Ressortchefs unterschiedlicher politischer Ausrichtungen dürfte ein Konsens schwer zu erzielen sein.