Nur noch drei Stunden Unterricht – dann beginnt für rund 400.000 Schüler und 30.000 Lehrer an diesem Dienstag die Ferienzeit. Die ersten reisen gleich los, andere warten noch ein oder zwei Wochen ab, bevor sie sich mit Eltern oder Freunden auf den Weg machen oder überlegen sich, wie sie die sechseinhalb Wochen in Berlin rumbringen können.

Nicht allen ist allerdings so richtig nach Urlaub zumute: Neben den normalen Sitzenbleibern gibt es dieses Jahr nämlich eine große Zahl von "Turbo-Abiturienten", die das Schuljahr freiwillig wiederholen wollen, um ihre Noten zu verbessern.

Zu groß ist die Sorge, im so genannten Doppeljahrgang nicht konkurrieren zu können: Nach Informationen des Tagesspiegel haben an manchen Gymnasien bis zu 30 Prozent der Schüler angekündigt, das vorletzte Schuljahr freiwillig zu wiederholen.
Die Entwicklung überrascht, denn noch zum Schulhalbjahr hatte eine Umfrage der Bildungsverwaltung ergeben, dass die Noten der Turbo-Schüler kaum schlechter waren als die der Mitschüler, die die Schule regulär durchlaufen hatten. Zuvor hatte es Bedenken, gegeben, dass sich das Fehlen der elften Klasse bei den Noten deutlicher zeigen würde.

Denn die Turbo-Schüler sind nicht nur ein Jahr jünger als ihre Mitschüler in den Grund- und Leistungskursen, sondern sie hatten auch keine Orientierungsphase nach der zehnten Klasse, in der sie sich auf das Kurssystem und den dort zu erwartenden Stoff vorbereiten konnten. Stattdessen mussten sie nach dem Mittleren Schulabschluss sofort in die Kurse wechseln, die in den Abiturschnitt einfließen. Im zweiten Schulhalbjahr hat sich nun herausgestellt, dass dieser schnelle Wechsel vielen Schülern offenbar nicht gut bekommen ist.

"Bei uns werden mindestens 30 von rund 120 Schülern zurücktreten", berichtet Michael Frank vom Leonardo-da- Vinci-Gymnasium in Buckow. Manche Schüler hätten die falschen Leistungsfächer gewählt, andere wollten wiederholen, weil sie mit ihren Noten nicht zufrieden seien.

Franks Gymnasium ist kein Einzelfall. Am Moabiter Heinrich-von-Kleist-Gymnasium werden sogar 30 von 154 Schülern des Doppeljahrgangs "zurücktreten", anstatt in die nächste Klasse zu wechseln. Im Spandauer Siemens-Gymnasium betrifft dies ebenfalls über zehn Prozent der Turbo-Schüler, während die "normalen" Zwölftklässler fast komplett in die nächste Klasse aufsteigen.

Ralf Treptow vom Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasium hat unter den 30 Schülern, die bei ihm "zurücktreten" die Gründe erfragt. Es kam heraus, dass auch die Angst vor der Konkurrenzsituation im Doppeljahrgang eine Rolle spielt: Da im Jahr 2012 in einigen Bundesländern und eben auch in Berlin der doppelte Jahrgang Abitur macht, wird es am Ausbildungsmarkt und in den Universitäten enger. Treptow verweist auch darauf, dass jede Schule einen eigenen Weg finden müsse, um ihren Schülern den Übergang in den nur zwölfjährigen Weg zum Abitur zu erleichtern.

In etlichen Schulen ist das offenbar gelungen. So berichten das Bertha-von-Suttner- und Humboldt-Gymnasium in Reinickendorf, das Tagore-Gymnasium in Marzahn und das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Köpenick, dass es bei ihnen kaum Wiederholer geben wird. Etliche Schulleiter kritisieren allerdings, dass die Bildungsverhalten offenbar nicht die ganze Wahrheit über die Nöte der Turbo-Abiturienten wissen will: Die Verwaltung fragt jetzt zwar ab, wie die Schüler des Doppeljahrgangs im Vergleich abgeschnitten haben. Allerdings wurden die Schulen angewiesen, die Zensuren der Wiederholer herauszurechnen und nicht anzugeben.

Erschienen im Tagesspiegel