KonfessionsschulenSchulverweis oder Religionsunterricht

Eine Muslimin besucht eine evangelische Grundschule, aber nicht den Religionsunterricht. Die Schulaufsicht spricht von "Täuschung", die Konsequenzen haben muss. von 

"Religion: nicht teilgenommen" – das war jahrelang ein neutraler Zeugnisvermerk für manche Schüler an einer Evangelischen Grundschule in Mönchengladbach. Jetzt soll das nicht mehr gelten, wie die Muslima Zeynep Öztürk erfuhr. Ihre Eltern hatten sie im vergangenen Herbst zum dritten Schuljahr auf die konfessionelle Ganztagsschule umgemeldet, damit sie näher an ihrem Zuhause unterrichtet werden kann. Weil Zeynep aber nicht am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen wollte, wurde sie schon bald einfach von der Schule verwiesen. "Dabei garantiert das Gesetz ausdrücklich die Befreiung vom Bekenntnisunterricht ", sagt Zeyneps Vater.

Zeynep klagte gegen den Verweis, der "Türkischer Elternverein" unterstützt ihren Gang vor Gericht. Bis zur rechtlichen Klärung kann das Mädchen erst einmal weiter die Schule besuchen. Wahrscheinlich wird sie die Grundschule längst verlassen haben, wenn ihre Klage entschieden ist.  Doch an dem Fall Zeynep hat sich inzwischen eine Grundsatzfrage entwickelt, die sich bis ins nordrhein-westfälische Schulministerium hineinzieht: Kann eine konfessionelle Schule ihren Schülern zur Last legen, dass sie nicht den Religionsunterricht besuchen?

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Staatliche Bekenntnisschulen, egal ob katholisch oder evangelisch, unterscheiden sich kaum von den in Nordrhein-Westfalen üblichen Gemeinschaftsschulen. Sie geben Schülern und Lehrern mit dem "richtigen" Taufschein allerdings Vorrang bei der Aufnahme beziehungsweise Einstellung. Bekenntnisschulen entstanden zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs, heute gibt es sie nur noch in Nordrhein-Westfalen und Teilen Niedersachsens. An Rhein und Ruhr sind es immerhin noch gut tausend, ein Drittel aller Grundschulen.

Zeynep wird nicht die einzige Muslimin sein, die eine konfessionelle Schule besucht, aber sich vom Religionsunterricht abgemeldet hat. Doch wenn man nachfragt, warum gerade sie einen Verweis bekam, stößt man auf Schweigen. Die Schulleitung möchte sich zu dem Fall nicht äußern. Und die Mönchengladbacher Schulamtsdirektorin beharrt auf ihrer Sichtweise: Die Befreiung eines Kindes islamischer Konfession würde unweigerlich die Abmeldung weiterer islamischer Kinder (vom Religionsunterricht) zur Folge haben. Die "Homogenität einer Bekenntnisschule", also ihr (christliches) Selbstverständnis, "wäre nicht mehr gegeben." Schließlich sind schon gut ein Viertel der Schüler an Zeyneps Schule Muslime, ihr Anteil ist höher, als der der Protestanten.

Zeyneps Fall schlägt inzwischen hohe Wellen in Mönchengladbach. Der städtische Integrationsbeauftragte spricht von einer bedauerlichen "Verhärtung und Zuspitzung". Im nordrhein-westfälischen Schulministerium stellt man sich hinter die Entscheidung der Schulaufsicht. Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) unterstützt das Vorgehen. Gründe wollte ein Sprecher nicht nennen.

Laut Schulgesetz, da hat Zeyneps Vater Recht, müssen Kinder nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Religionsfreiheit beinhaltet auch die Freiheit, nicht zu glauben, oder einer anderen Glaubensrichtung anzugehören. Daher muss die Schulbehörde zu juristischen Tricks greifen. Sie wehrt sich nicht gegen die Abmeldung vom Unterricht, sondern überhaupt gegen die Anmeldung an einer Bekenntnisschule. Die Argumentation: Zeyneps Eltern hätten nicht erkennen lassen, dass ihre Tochter sich dem Religionsunterricht verweigern würde. Sie hätten sie also über ihre wahre Gesinnung "getäuscht". Deshalb sei der Schulbesuch gemäß Verwaltungsrecht hinfällig .

Der Grund für den skurril anmutenden Täuschungsvorwurf ist folgender:  Ein Schulverweis wäre nach dem Gesetz sonst nur möglich gewesen, wenn irgendwie " das öffentliche Interesse gefährdet würde ". Tatsächlich räumt die Schulleiterin ein, dass Zeynep im Unterricht nicht negativ auffällt. Mithin wäre ein Rausschmiss aus überragendem öffentlichen Interesse kaum zu begründen, meinen Schulrechtsexperten wie der Anwalt Christian Teipel oder der Jura-Professor Raimund Wimmer.

Skurril ist auch eine andere Tatsache. Grundsätzlich sei es schon hinnehmbar, wenn Eltern und Kinder dem Religionsunterricht nur zustimmen, "um sich einen Platz an der Schule zu sichern", heißt es aus dem Ministerium. Sie dürften sich im Nachhinein auch vom Unterricht abmelden: "Der Staat muss das hinnehmen."

Doch bei der Anmeldung dürfe die von vornherein beabsichtigte Ablehnung des Religionsunterrichtes nicht "ganz offenkundig" sein . In Zeyneps Fall ist aber laut der Mönchengladbacher Schulamtsdirektorin zwischen An- und Abmeldung zu wenig Zeit vergangen "Bereits drei Wochen nach Schulbeginn" habe Zeynep dem Religionsunterricht den Rücken zugedreht. Offenbar hätte sie mit diesem Schritt warten sollen. Wie lange, hat ihr bislang niemand gesagt.

Dabei sind muslimische Kinder durchaus wichtig für die Bekenntnisschulen. Der CDU-Bildungsexperte im Landtag, Michael Solf, verweist darauf, dass an manchen konfessionellen Schulen im Land bis zu 44 Prozent der Kinder muslimischen Glaubens sind. "Ohne die müssten die meisten Bekenntnisschulen etwa im Ruhrgebiet oder auf dem Lande schließen", sagt auch Norbert Müller, Vorstandsmitglied bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in NRW. Er hat beobachtet, dass, wenn es um die Existenz einer Schule geht, "das Ja oder Nein zur Religion" plötzlich kein Problem mehr sei. Lehrer Müller spricht daher in Zeyneps Fall von "gehobener Heuchelei".

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Leserkommentare
  1. > "Bereits drei Wochen nach Schulbeginn" habe Zeynep dem Religionsunterricht den Rücken zugedreht. Offenbar hätte sie mit diesem Schritt warten sollen. Wie lange, hat ihr bislang niemand gesagt. <

    Das muss man ganz langsam mehrmals lesen. Danach sollte man verhindern mit dem Kopf auf den Tisch zu schlagen oder sich die nächstbeste Schnapsflasche zu greifen. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

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    "Wie lange, hat ihr bislang niemand gesagt."

    Also hat Zeynep nicht aus freien Stücken "reagiert" - sondern hatte irgendwelche "Vorsager". Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass eine Schülerin im Grundschulalter schon so gewitzt politisch agiert...

  2. Es handelt sich hier um BEKENNTNISSCHULEN, die das Bekenntnis zum christlichen Glauben vorraussetzen. Indem die Eltern ihre Kinder - unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit und Einstellung - zu einer solchen Schule schicken, erklären sie sich auch einverstanden, dass diese an der Unterweisung im Fach evangelische bzw. katholische Religion teilnehmen. Wer an diesem Relgionsunterricht nicht will, muss zu einer anderen, bekenntnisunabhängigen Schule gehen. Für mich hat das alles nichts mit Intoleranz zu tun.

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    • Elite7
    • 20. Juli 2011 20:17 Uhr

    schließlich ging ich auch zu einer "katholischen" Realschule. Dennoch wars jedem freigestellt, den Unterricht zu besuchen oder auch nicht. Und der Grund wurde ja auch genannt: Man wollte, dass sie in näherer Umgebung zur Schule gehen konnte.
    Außerdem wird die Schule ja nicht mal von der Kirche getragen und wir sind doch immer alle so stolz darauf Schule und Glaube trennen zu können. Da soll man sich wirklich mal nicht so haben.

    • Buh
    • 20. Juli 2011 21:30 Uhr

    diese schlimmen muslimischen Eltern. Was fällt ihnen ein eine nähere Schule für ihre Kinder zu suchen. Was fällt ihnen eind as Kind ordnungsgemäß vom Religionsgehirnwäschenunterricht freizustellen!

    Ich bitte Sie! Es bricht der Schule kein Zacken aus der krone, wenn ein muslimisches Kind den Religionsgehirnwäschenunterricht nicht beglückt. Für das Kind hingegen dürfte die nähere Schule ein Segen sein.

    dass auch die sogenannten Bekenntnisschulen zu über 90% aus staatlicher Kasse finanziert werden? Wir unterstützen also mit unseren Steuergeldern Schulen, in denen Kinder und Lehrer, die einen anderen Glauben haben oder ihr Leben abseits der kirchlichen Moralvorstellungen leben, diskriminiert werden dürfen.

    Das ist der eigentliche Skandal.

    • cider
    • 21. Juli 2011 12:37 Uhr

    Schuldbildung sollte m.E. nach allgemein säkularisiert sein. Fächer wir evangelische/katholische/islamische Religion gehören nicht in eine vom Staat geförderte Grundschulausbildung, da sie der freien Glaubensbildung stark im Wege stehen. Das maximal denkbare sollte ein Fach sein, welches allgemeine Religionslehre beinhaltet.
    Nach ihrer Argumentation wäre die Gründung einer islamischen Grundschule, aus welcher Schulkinder ausgeschlossen werden, wenn sie nicht zum Islamunterricht gehen, vollkommen akzeptabel. Ich halte das für falsch, da ich auch nicht möchte, dass mein Kind zum Islamunterricht gezwungen wird.

    Ich kann die Begründung, dass die konfessionelle Grundschule leichter zu erreichen ist vollkommen nachvollziehen. Warum soll ich denn gezwungen sein mir eine konfessionslose Grundschule am anderen Ende der Stadt zu suchen, da ich nicht möchte, dass mein Kind in den Religionsunterricht gezwungen wird?

    PS: Warum ihr Kommentar soviel Zustimmung erhält ist mir ein Rätsel - ich hoffe, dass dies nicht der tatsächlichen Meinung der Gesellschaft entspricht.

  3. "Wie lange, hat ihr bislang niemand gesagt."

    Also hat Zeynep nicht aus freien Stücken "reagiert" - sondern hatte irgendwelche "Vorsager". Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass eine Schülerin im Grundschulalter schon so gewitzt politisch agiert...

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    • Buh
    • 20. Juli 2011 21:28 Uhr

    ich hab mich schon in der ersten Klasse über den Religionsunterricht geärgert und Verstanden, dass da etwas nicht stimmt mit diesen ganzen Jesus-Geschichten. Sie unterschätzen Kinder, wie mir scheint.

    Aber das ist ja auch nicht der Punkt. Der Punkt ist doch, dass die Schule etwas bemängelt, aber selbst nicht weiß, was sie will/was richtig ist.

  4. Sind diese "Bekenntnisschulen" noch zeitgemäß?

    Viel interessanter finde ich die Frage warum es zwei Jahre lang kein Problem war und nun plötzlich doch.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen undbeteiligen Sie sich mit differenzierten Beiträgen an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/vn

    >>Viel interessanter finde ich die Frage warum es zwei Jahre lang kein Problem war und nun plötzlich doch.<<

    Steht doch im Artikel:

    "Ihre Eltern hatten sie im vergangenen Herbst zum dritten Schuljahr auf die konfessionelle Ganztagsschule umgemeldet, damit sie näher an ihrem Zuhause unterrichtet werden kann."

    Heißt: Das Mädchen war vorher auf einer anderen Schule, dann wollten die Eltern nicht mehr den längeren Weg und dachten sich: Da ist ja auch eine Schule und das mit der Konfession interessiert und einfach nicht!
    So inszeniert man Dramen wo keine sein müssten ^^.

  5. ich teile sogar Ihre kritische Meinung.

    Allerdings sollten Sie dann im Gegenzug das Home-Schooling nicht verteufeln und als Ausdruck religiöser Intoleranz geiseln, wie Sie das bei der ZEIT oftmals schon getan haben.

    Insbesondere sollten Sie dann auch Eltern nicht kritisieren, die ihre Kinder an Tagen an denen Sexualkunde im Unterricht behandelt wird krank melden und verhindern, dass ihre Kinder zwangs-gegendert werden.

    Denn was des einen Glaube, scheint Ihnen wichtiger zu sein, als des Anderen Glauben.

    Übrigens: Am Schwimmunterricht nehmen Muslima oftmals auch nicht teil. Ich werde es vermutlich aber nicht schaffen meine Tochter von dieser Veranstaltung abzumelden, wetten?

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    • dubie
    • 21. Juli 2011 10:27 Uhr

    was verstehen sie bitte darunter???

    Sie meinen mit "zwangs-gegendert" doch nicht etwa, dass die Kinder gezwungen werden zu begreifen, dass ein Junge ein Junge und ein Mädchen ein Mädchen ist?

    Oder dass sie gezwungen werden zu verstehen, dass sie nicht der Storch gebracht hat und die Blümchen und Bienchen auch nichts damit zu tun hatten?

  6. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen undbeteiligen Sie sich mit differenzierten Beiträgen an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/vn

    Antwort auf "Zeitgemäß"
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    aber ich äußere mich SEHR differenziert, wenn ich feststelle, dass eine Schülerin der 3. Klasse für politische Agitation instrumentalisiert wird, oder auch politisch missbraucht, je nachdem wie man differenzieren möchte.

  7. Angenommen ich bestelle demnächst in der nächsten Dönerbude einen Schweinefleischdöner!

    Wenn die mir das nicht geben wollen, darf ich dann wegen Diskriminierung klagen?

    Auf diesem Niveau findet die Diskussion über die Schülerin gerade statt.

    Wo evangelisch drauf steht, ist auch evangelisch drin!

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    Aber sicher doch. Das ist genau wie bei der CDU/CSU.

    "Wo evangelisch drauf steht, ist auch evangelisch drin!"

    Nun ja, eine staatliche Schule ist in erster Linie "staatlich". Privat darf man ja diskriminieren, was so viele so gerne tun. Aber staatlich finanziert gibt es Gesetze dagegen.

    "Wenn die mir das nicht geben wollen, darf ich dann wegen Diskriminierung klagen?"

    - Wenn es eine staatliche Dönerbude ist vermutlich schoon.

    • 8ende8
    • 21. Juli 2011 13:45 Uhr

    Ja einverstanden, aber dann auch nur evangelisches Geld!

  8. "Schließlich sind schon gut ein Viertel der Schüler an Zeyneps Schule Muslime, ihr Anteil ist höher, als der der Protestanten."
    --------------
    Dann schlage ich vor, eine muslimische Bekenntnisschule einzurichten oder solche Bekenntnischulen einfach abzuschaffen.
    Wer will, kann dann seine Kinder ja auf eine private Bekenntnisschule schicken. Ich war in einem Klosterinternat. Dort waren die Obligenheiten vertraglich geregelt. U.a. führte das wiederholte Schwänzen des Religionsunterrichts oder der Messe zum Schulverweis.

    Noch heute gibt es eine Vielzahl von Gymnasien in kirchlicher Trägerschaft, die den Schülern ähnliche Verpflichtungen auferlegen. Das ist ok, da diese Schulen eben oft von den Eltern präferiert werden, ob ihres gehobenen Bildungsniveaus.

    Ob kofessionsgebundene Grundschulen allerdings noch zeitgemäß sind, bezweifele ich doch sehr.

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