Sie inspizieren Turnhallen, Computerräume und Toiletten, nehmen die Lehrer ins Kreuzverhör, scheuchen ihre Kinder von einer Schnupperstunde in die nächste. Die perfekte Schule zu finden, ist für viele Eltern ein Mammutprojekt. Denn wer da einen Fehler macht, verpfuscht seinem Kind die gesamte Zukunft. Oder?

Ein dreiköpfiges Forscherteam der US-Universitäten MIT und Duke hat die Bedeutung von Eliteschulen für die Leistungen von Kindern empirisch untersucht und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen: Die Bedeutung von Kaderschmieden wird massiv überschätzt. Kluge Kinder bringen die gleichen Leistungen, auch wenn sie auf einer normalen Schule sind.

In ihrer Fallstudie mit dem Titel Die Elite-Illusion konzentrieren sich die Ökonomen auf sechs Schulen in Boston und New York - so genannte "exam schools", die von der siebten oder neunten bis zur zwölften Klasse ausbilden. Diese dürfen sich - anders als die restlichen staatlichen Schulen - ihre Schüler in einem strengen Auswahlverfahren aussuchen. Diesen Eingangstests ("exams") haben sie auch ihren Namen zu verdanken.

Die "exam schools" in Boston und New York sind zum Teil mehrere Hundert Jahre alt und haben den Ruf, zu dem besten der USA zu gehören. Ihre Lehrpläne sind anspruchsvoll, und sie haben eine Ausstattung, von der normale Schulen nur träumen können. Hinzu kommt, dass wegen der strengen Auswahl das Leistungsniveau der Klassenkameraden sehr hoch ist. Viele Pädagogen sind überzeugt, dass Kinder nicht nur von den Lehrern, sondern auch von Mitschülern ("peers") viel lernen.

Um die Plätze der Eliteschulen herrscht daher beinharter Wettbewerb. "Auf den ersten Blick ist das verständlich", so die Forscher. "Egal, welchen Indikator man betrachtet, die Exam-School-Schüler sind den Schülern auf anderen staatlichen Schulen weit voraus."

Schüler aus ethnischen Minderheiten profitieren

Um den Effekt der Schulen zu messen, haben die Ökonomen eine clevere Methode ausgeklügelt: Sie vergleichen Schüler, die gerade noch von den "exam schools" angenommen wurden, mit solchen, die ganz knapp abgelehnt wurden und auf eine normale Schule gehen mussten. Beide Gruppen bringen also ganz ähnliche Vorkenntnisse mit. Den Bildungserfolg messen die Ökonomen an den Leistungen, die die Schüler in zentralen Abschlussprüfungen erbringen, und an ihrem Abschneiden bei einem landesweiten Zulassungstest für Universitäten ("SAT score").

Die Ergebnisse sind verblüffend: Es gibt so gut wie keine Unterschiede zwischen den Leistungen beider Gruppen. "Trotz des Lernens mit deutlich leistungsstärkeren Mitschülern und eines wesentlich herausfordernderen Curriculums schneiden die Schüler von Eliteschulen bei einer Vielzahl von standardisierten Tests nicht besser ab", lautet das Fazit der Arbeit.

Wer eine Kaderschmiede besucht hat, könne zwar mit sehr guten Leistungen aufwarten - diese hätte er aber in aller Regel auch dann erbracht, wenn er auf eine ganz normale Schule gegangen wäre, so die zentrale Botschaft der Studie. Dass Eliteschulen leistungsstärkere Absolventen hätten, liege daran, dass sie sich die besten Schüler aussuchten - und nicht daran, dass sie ihnen später mehr beibrächten.

Eine Ausnahme sind Schüler, die aus ethnischen Minderheiten kommen - zumindest in Boston haben diese etwas bessere Englischleistungen. Dieser Befund stützt Ergebnisse anderer Studien, die zeigen: Bei leistungsschwächeren Kindern aus der Unterschicht hat eine gezielte Förderung deutlich positive Effekte auf die Schulleistungen.

Erschienen im Handelsblatt