Sekundarschulen : Eine überfällige Schulreform und ihre Probleme

Haupt- und Realschulen gibt es in Berlin nicht mehr. Wie kommen die neuen Sekundarschulen im zweiten Jahr der Schulreform zurecht?

Anja*, sagt ihre Lehrerin, könnte auch Gymnasiastin sein. Stattdessen lernt das ruhige Mädchen mit den langen Haaren in der 8. Klasse einer Integrierten Sekundarschule (ISS) in Berlin-Spandau. In dieser Schulform wurden im vergangenen Jahr die Haupt- und Realschulen zusammengefasst. Die Schüler können alle Abschlüsse machen bis zum Abitur – das allerdings erst nach 13, nicht wie an den Gymnasien nach zwölf Jahren. An den ISS lernen Schüler mit sehr unterschiedlichen Kenntnissen und Fähigkeiten in der gleichen Klasse.

In Anjas Klasse ist auch John*: klein, laut, Justin-Bieber-Frisur, Kapuzenpulli mit Glitzermuster. John redet gerne dazwischen. Als Anja einen Brief vorliest, den sie verfasst hat, reagiert er genervt: "Boah, schreib doch gleich einen Roman." Gäbe es die Sekundarschule nicht, wäre John vielleicht Hauptschüler geworden.

Das Stigma "Hauptschüler" ist Vergangenheit

An den ungeliebten Hauptschulen meldeten Berliner Eltern zuletzt nur noch sieben Prozent der Sechstklässler an. Jetzt ist das vorbei. Das Stigma des "Restschülers" haftet nur noch den Schülern der auslaufenden Jahrgänge an. Eines der großen Ziele der Schulreform ist es, die Chancen potenzieller Hauptschüler zu verbessern.

Dafür fusionierten Schulen und Lehrer mussten sich auf eine neue Schülerklientel einstellen. Oft ist eine Schule jetzt auf mehrere Standorte verteilt. Das chronisch klamme Berlin setzte die Reform mit minimalen Mitteln um.

Funktioniert sie trotzdem? Klar wird das erst, wenn die ersten Sekundarschüler ihre Abschlüsse machen. Ein Zwischenfazit aber könnte lauten: Ja, die Reform funktioniert – den Umständen entsprechend.

 

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Realität und Utopie

Ich bin seit einem Monat als Sonderschullehrerin an einer integrativen Grundschule in einem Problemviertel im Ruhrgebiet tätig. Ich bin keine ausgebildete Sonderschullehrerin, ich habe Diplom-Pädagogik studiert und bin über Umwege an diese Stelle gekommen. Ich mache diesen Job gerne, sehr gerne, aber sehe auch die Probleme. Und leider muss ich den Berliner Kollegen recht geben. Keine Einarbeitung, keine passgenauen Fortbildungen, zu wenig Teamarbeit, da die Lehrerinnen und Lehrer vor Ort,die schon lange an der Schule tätig sind, eingefahrene Konzepte im Kopf haben und nicht auf die Herausforderungen eines integrativen Unterrichts vorbereitet sind. De facto ist es oft so, dass schwierige Schüler "rausgeschmissen" werden, wenn der (Klassen-)Lehrer überfordert ist. Auch wird bei diesem Modell eine ideale Schülerschaft angenommen, die es so nicht gibt. Schüler helfen sich nicht unbedingt gegenseitig - sie nutzen die Schwächen der anderen viel zu oft, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Warum sollten Schüler da auch anders sein, als Erwachsene im Berufsalltag? Ich halte das Modell des integrativen Unterrichts für eine Spitzenidee, an der Umsetzung muss aber noch gearbeitet werden. Überall einfach Inklusion drauf zu schreiben, funktioniert leider nicht. Hoffentlich noch nicht.

Die Privatschulen werden sich freuen,

denn die Schlauen werden die Beine in die Hand nehmen. Anja wird ja wohl schon jetzt gemobbt und es ist nur eine Frage der Zeit (und eventuell des Einkommens) wann hier die Schule gewechselt wird. Auch dass immer davon ausgegangen wird, das die leistungsstarken Schüler die Schwachen mitziehen, halte ich für einen Irrtum.Gerade Jungs wollen das nicht.Wie die Leistungsstarken hier profitieren, sehe ich auch nicht unbedingt. Endlose Wiederholerei, bis es auch der Letzte kapiert hat, langweilt irgendwann nur noch.

In einigen Jahren

wird die Sekundarschule als Erfolg verkauft werden, obwohl sich nichts geändert haben wird.
Denn nicht die Struktur ist das Problem, sondern das konsequente Kaputtsparen. Wenn ich nichts investieren will, kann ich umdeklarieren und umstrukturieren, wie ich will, das Ergebnis wird nicht besser werden. Das eine Problem wird nur mit einem anderen Problem getauscht. "Elite"förderung und Einheitsbrei gleichzeitig wird in einer Sekundarschule schlicht und ergreifend am fehlenden Personal scheitern, so wie schon die Ganztagsschulen bisher an der Realität der fehlenden Räume (Küche, Kantine usw.) gescheitert sind. Und selbstverständlich werden die meisten Oberstufenschüler keinen Bock auf Ganztagsschule haben.

Dennoch wird es ein Erfolg sein, so wie das jahrgangsübergreifende Lernen, das so "erfolgreich" ist, dass es an vielen Schulen wieder abgeschafft wird.

Strukturänderungen machen die Schüler nicht intelligenter, es lassen sich soziale Defizite auffangen (wenn sie bei der Minderzahl der Schüler vorhanden sind). Letzteres aber auch nur dann, wenn man neben der Umdeklarierung ernsthaft auch am Personalschlüssel Änderungen vornehmen würde.

Schon die Kita ist insoweit ein Armutszeugnis.

Mit anderen Worten: Anspruch und Wirklichkeit werden nicht übereinstimmen und damit wird das Ganze kaum zu einem nennenswerten Erfolg führen. Aber wir sind dem Zeitgeist gefolgt.
Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Probleme der Schule in den letzten 30, 40 Jahren geändert haben.