Mehrere Jungen beten in einem Waisenhaus in der irakischen Hauptstadt Bagdad. © Spencer Platt/Getty Images

Yunus M. darf weiterhin nicht in seinem Gymnasium im Berliner Bezirk Wedding beten , wenn das muslimische Ritual den Schulfrieden stört. Das hat das Bundesverwaltungsgericht in dritter und letzter Instanz entschieden. Die Richter gehen davon aus, dass der junge Muslim durch sein öffentliches Beten religiös motivierte Konflikte anheizen könnte, denn die gab es an der betroffenen Schule in der Vergangenheit. So hatte die Schulleiterin das Gebet einst verboten, weil sie befürchtete, andere Schüler könnten unter Druck gesetzt werden und alte Streitereien um das richtige Fasten und Kopftücher könnten an der Schule wieder  aufflammen.

So weit, so klar. Allerdings gibt das Urteil den Schulen keine konkreten Handlungsmuster vor, wie sie mit religiösen Ritualen und Konflikten umgehen können. Vielmehr betonte das Gericht: Die Religionsfreiheit gilt weiter. Eine Schule dürfe ohne Not kein generelles Bet-Verbot aussprechen und ein solches auch nicht damit begründen, dass andere Schüler von religiösen Ritualen oder Symbolen verschont werden müssen. Wenn ein muslimischer Schüler bete, beziehe die Schule deshalb weder Position noch gefährdet sie ihre Neutralität. Ein Verbot dürfe nur ausgesprochen werden, wenn der Schulfrieden in Gefahr sei.

Doch gerade diese Argumentation mutet seltsam an: Ist der Schulfriede tatsächlich gefährdet, bloß weil sich ein paar Jugendliche in der Pause für einige Minuten gen Mekka neigen? Fühlt sich jemand provoziert, wenn ein christliches Kind vor seinem Pausenbrot die Hände faltet und ein Tischgebet murmelt? Wohl kaum. Und umgekehrt gilt: Wenn es an einer Schule Konflikte um muslimische Pflichten und Zwänge gibt, dann verschwinden diese auch durch ein Bet-Verbot nicht.

Turnhallen mussten nicht zu Gebetsräumen umfunktioniert werden

Ohnehin haben die meisten Schulen keine schlechten Erfahrungen gemacht, wenn sie Schülern mit pragmatischen Lösungen das Beten ermöglichten. Die Schulleiterin des Weddinger Gymnasiums hatte ihr Verbot auch damit begründet, dass zu viele Yunus' Beispiel folgen könnten und die Schule nicht genügend Rückzugsräume zur Verfügung stellen könnte. Die Beispiele anderer Schulen aber zeigen: Beten ist nicht ansteckend, wenn man kein großes Thema daraus macht. Nirgends mussten Turnhallen zu Gebetsräumen umfunktioniert werden. Angeblich ist nicht einmal Yunus M. ständig beten gegangen, als es ihm nach dem erstinstanzlichen Urteil erlaubt wurde.

Das seltsame Nein-aber-Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes verdeckt, dass es in Wahrheit ein viel größeres Thema hinter der Aufregung um zehn Minuten Niederknien steckt. Der Islam ist Realität an Deutschlands Schulen. Wegen der vielen muslimischen Schüler können seine Rituale, Regeln und Institutionen und auch die Konflikte, die damit einhergehen, nicht mehr ignoriert werden. Der Islam muss in die Schulen integriert werden. Wie das aber geschehen soll, ist hoch umstritten.

Gut wäre es, den überaus schwierigen Weg für einen bekennenden Islamunterricht zu ebnen. Besser wäre es, den bekennenden Religionsunterricht an staatlichen Schulen generell zu hinterfragen: Religionen sind in einem wissensorientierten Ethikunterricht viel besser aufgehoben als in einem von den Kirchen kontrollierten. Hier wäre auch der Ort, die Konflikte zu thematisieren, die an einer Schule entstehen, wenn religiöse Überzeugungen andere in ihrer Freiheit einschränken. Sie verschwinden jedenfalls nicht, wenn man einem Schüler das Beten verbietet.

Auch das Bundesverwaltungsgericht stellt in seinem Urteil fest , dass die "Schule gehalten ist, weltanschauliche Zusammenhänge unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Realitäten zu vermitteln, ohne sie in die eine oder andere Richtung einseitig zu bewerten." Würde der Religionsunterricht durch Ethik ersetzt, würden religiöse Symbole und Rituale nicht aus der Schule verschwinden, sie wären aber viel klarer als eine sehr private Angelegenheit zu erkennen.