Österreich Ein Volksbegehren will Österreichs Schulen "finnlandisieren"

Das österreichische Schulsystem ist ungerecht und unmodern. In den Pisa-Studien schneidet Österreich regelmäßig schlecht ab. Aber in diesem Herbst kommt Bewegung in die Schuldebatte.

Teilweise standen die Menschen Schlange. Selbst am Sonntag wurden die Amtsstuben vormittags für das Volksbegehren "Österreich darf nicht sitzen bleiben" geöffnet.

"Finnlandisierung" ist das Schlagwort, mit dem zusammengefasst wird, was das Begehren erreichen soll: Österreichs Bildungssystem soll so weit reformiert werden, dass das Land mit dem PISA-Dauersieger Finnland mithalten kann. Der Industrielle und frühere sozialdemokratische Politiker Hannes Androsch hat das umfangreiche Bildungsvolksbegehren gestartet.

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Zwölf Punkte umfasst es. Es beginnt damit, dass das Schulsystem von zu viel Bürokratie und parteipolitischen Einflüssen befreit werden soll. Kindergartenpädagogen sollen aufgewertet und mit Lehrern gleichgestellt werden. Das "Sitzenbleiben" soll abgeschafft werden. Flächendeckend wollen die Initiatoren eine Ganztagsbetreuung in Kindergärten und Ganztagsschulen einführen.

Gefordert wird auch, Kinder bis zum Ende der neunjährigen Schulpflicht gemeinsam zu unterrichten. Momentan wird nach der 4. Klasse aussortiert, wer ins Gymnasium kommt und wer in die Hauptschule. Eine dritte Schulform wie die Realschule in Deutschland existiert nicht. Gesamtschulen gibt es bislang auch keine, nur Schulversuche, die sich  "kooperative Mittelschule" nennen und in denen 10- bis 14-Jährige gemeinsam unterrichtet werden. Ähnlich wie in Deutschland werden auch in Österreich Migranten im Bildungssystem benachteiligt; ihnen sollen bessere Chancen eingeräumt werden. Außerdem fordert das Volksbegehren mehr Geld für die Universitäten.

Bis Donnerstag können alle Österreicher ab 16 Jahren noch unterzeichnen. Die Prognosen kündigen bis jetzt einen Erfolg an.

Bildung wird in Österreich vererbt

Die Unzufriedenheit der Österreicher mit ihrem Bildungssystem ist nichts Neues. Baustellen gibt es zahlreiche: In Österreich wird Bildung bis heute vererbt, nur fünf Prozent aller Hochschulabgänger des Jahres 2009 stammen von Eltern ab, die höchstens einen Pflichtschulabschluss gemacht haben – der entspricht dem Hauptschulabschluss oder dem Unterstufenabschluss am Gymnasium. Kindergartenpädagogik ist bis heute kein akademisches Fach. Viele Kindergärten und die überwiegende Zahl der Schulen schließen vor dem Mittagessen, was es Müttern erschwert, einen Ganztagsjob anzunehmen.

In den PISA-Tests schneidet Österreich regelmäßig schlecht ab. Jedes Mal folgt darauf eine Debatte über die Fehler im System, die ebenso schnell wieder erlischt. Übrig bleiben zwei ideologische Blöcke, die einander den Weg verstellen: Die beiden großen Parteien, Sozialdemokraten (SPÖ) und Volkspartei (ÖVP), stellen zwar eine gemeinsame Regierung, auf eine Reform des Bildungswesens können sie sich jedoch nicht einigen.

Fordert die SPÖ eine Gesamtschule bis zur 9. Schulstufe, nennt die ÖVP diese Idee die "Eintopfschule". Plädiert die SPÖ für die flächendeckende Einführung der Ganztagsschule, kontert die ÖVP, eine Ganztagspflicht würde die Eltern in ihrer Entscheidungsfreiheit einschränken.

Leser-Kommentare
  1. 1. *lol*

    "Sie sind für die Politik aber nicht bindend."

    ...der Souverän darf seinem "Vertreter" keine Handlungsanweisung geben? Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass der Westen nicht demokratisch ist, hier hätten wir ihn. In D gibts nichtmal diese Mini-Volksbegehren.

  2. Man kann nur hoffen, das die Österreicher sich mit Ihren Forderungen durchsetzen und die Politik sich raushält.
    Bildung ist einfach zu wichtig um im politischen System, dass auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet ist entschieden zu werden.
    Ich würde mir ein vergleichbares Volksbegehren in Deutschland wünschen (gleichzeitig in allen Bundesländern).

    Eine Leser-Empfehlung
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    Sehr geehrter Klemme12,
    in Ihrem Beitrag äußern Sie den Wunsch nach einem Volksbegehren in der BRD analog zu der in Österreich.

    "Volksbegehren müssen in Österreich ab 100.000 Unterschriften im Parlament behandelt werden und diese Hürde wird das Begehren sicher überspringen. Sie sind für die Politik aber nicht bindend."

    Nun die Art von Volksbegehren wie in Österreich gibt es bereits auch bei uns. Allerdings unter dem Namen Petition.
    Sie können jederzeit auf der folgenden Seite eigene Petitionen verfassen und unterstützen. Sofern sich für eine Petition mehr als 50 000 Unterzeichner finden, haben Sie ein Recht auf eine öffentliche Anhörung und eine Entscheidung bzgl. Ihrer Petition.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Art. 17 GG:

    "Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden."

    Und hier können Sie sich einbringen bzw. aktiv an den demokratischen Prozessen in unserem Land teilhaben:

    https://epetitionen.bunde...

    Viele Grüße

    Sehr geehrter Klemme12,
    in Ihrem Beitrag äußern Sie den Wunsch nach einem Volksbegehren in der BRD analog zu der in Österreich.

    "Volksbegehren müssen in Österreich ab 100.000 Unterschriften im Parlament behandelt werden und diese Hürde wird das Begehren sicher überspringen. Sie sind für die Politik aber nicht bindend."

    Nun die Art von Volksbegehren wie in Österreich gibt es bereits auch bei uns. Allerdings unter dem Namen Petition.
    Sie können jederzeit auf der folgenden Seite eigene Petitionen verfassen und unterstützen. Sofern sich für eine Petition mehr als 50 000 Unterzeichner finden, haben Sie ein Recht auf eine öffentliche Anhörung und eine Entscheidung bzgl. Ihrer Petition.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Art. 17 GG:

    "Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden."

    Und hier können Sie sich einbringen bzw. aktiv an den demokratischen Prozessen in unserem Land teilhaben:

    https://epetitionen.bunde...

    Viele Grüße

  3. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, das seit 3 Jahren in Zypern das gesamte Bildungssystem umgebaut wird. In Anlehnung an das finnische System hat die zypriotische Regierung schon kurz nach ihrer Wahl eine Erziehungsreform beschlossen. Leiter dieser Reform ist Georgios Tsiakalos, Professor der Aristoteles Universität Thessaloniki, Griechenland, früher Professor der Universität Bremen. Das besondere an der Bildungsreform in Zypern ist u.a., das eine große Anzahl Lehrer freiwillig und ehrenamtlich in den letzten Jahren an dieser Reform mitgearbeitet haben. Bewusst war die Entscheidung, in den ersten Jahren möglichst wenig über die Arbeit nach Außen verlauten zu lassen, um die behutsam durchgeführte Änderung nicht zu gefährden. Nun kann man nur fragen, wann folgt Deutschland?

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    • Otto2
    • 07.11.2011 um 17:10 Uhr

    jedenfalls für die heute in Deutschland (vielleicht auch in Österreich) Regierenden.
    Ministerpräsident Platzek (Brandenburg) reiste vor wenigen Jahren nach Finnland, um deren vorbildliches Bildungssystem kennenzulernen. Die Finnen waren erstaunt. Sie erklärten ihm, er kennte doch eigentlich das "Geheimnis", sie hätten die wesentlichen Strukturen ihres geschätzten Schulsystems sich in der DDR abgeschaut!
    Das hat er übrigens (nicht wörtlich) selbst öffentlich geäußert.

    • Otto2
    • 07.11.2011 um 17:10 Uhr

    jedenfalls für die heute in Deutschland (vielleicht auch in Österreich) Regierenden.
    Ministerpräsident Platzek (Brandenburg) reiste vor wenigen Jahren nach Finnland, um deren vorbildliches Bildungssystem kennenzulernen. Die Finnen waren erstaunt. Sie erklärten ihm, er kennte doch eigentlich das "Geheimnis", sie hätten die wesentlichen Strukturen ihres geschätzten Schulsystems sich in der DDR abgeschaut!
    Das hat er übrigens (nicht wörtlich) selbst öffentlich geäußert.

    • gaelic
    • 07.11.2011 um 16:48 Uhr

    Sorry, aber der Artikel ist fehlerhaft:

    Nach der vierten Klasse (Volksschule) wird nicht aussortiert, sondern man sucht sich aus (die Eltern) wohin das Kind geht. Das ist insbesondere in größeren Städten ein Thema, am Land gibt es meist nichts auszusuchen, allerdings stimmt da auch in den Hauptschulden meist die Qualität.
    Und bzgl. Realschule erschließt sich mir nicht ganz der Zweck. Ein noch komplizierteres System, keine Matura/Abitur sondern nur Mittlere Reife. Damit verschlimmbesserst man meiner Meinung nach die Situation noch mehr.

    Und die generelle Forderung des Volksbegehrens (auch wieder meine pers. Meinung): mehr Geld für Unterreicht und Bildung.
    Ob es dann unbedingt eine Gesamtschule (verpflichtend?) sein muss ist dann nicht so wichtig. Die Pisa Studie ist zwar nicht unwihtig, aber es ist doch nur ein Test aus vielen mit beschränkter Aussagekraft.

    • Otto2
    • 07.11.2011 um 17:10 Uhr

    jedenfalls für die heute in Deutschland (vielleicht auch in Österreich) Regierenden.
    Ministerpräsident Platzek (Brandenburg) reiste vor wenigen Jahren nach Finnland, um deren vorbildliches Bildungssystem kennenzulernen. Die Finnen waren erstaunt. Sie erklärten ihm, er kennte doch eigentlich das "Geheimnis", sie hätten die wesentlichen Strukturen ihres geschätzten Schulsystems sich in der DDR abgeschaut!
    Das hat er übrigens (nicht wörtlich) selbst öffentlich geäußert.

    Antwort auf "Der finnische Weg!"
  4. denn gerade die mangelnde Konkretisierung wird bei der Umsetzung sofort wieder zum Streitpunkt.

    Letztlich spricht einiges für gemeinsames Lernen, aber manches dagegen.
    Der Vorteil des gemeinsamen lernens liegt fast ausschließlich darin, das sich die Bildungsschichten nicht so früh separieren und sich von einander abgrenzen.
    Gemeinsames Lernen ist vor allem in der akademisierten Ausbildung von erheblichen Nachteil für weniger theoretisch begabte Schüler.
    Solange man in der akademisierten Ausbildung heutiger Prägung einen Gewinn an sich sieht, ist dieser Konflikt nicht auflösbar.
    Das hängt primär mit Vorurteilen und Statusdenken zusammen.

    Präferieren würde ich eine Volksschule bis zu 9. Klasse, dann Trennung in Gymnasium und betriebliche Ausbildung.
    wobei die betriebliche Ausbildung im Abschluss dem Gymnasium gleichgestellt werden sollte und entsprechende Berufschulbelegung zur gleichwertigen Zulassung an den Universitäten führen muss.

    Vermutlich wird dann das Gymnasium deutlich an Reputation einbüßen, weil sich realtiv schnell erweisen würde, das der Anteil qualifizierter Abgänger der Berufsausgebildeten deutlich höher ausfallen wird, als bei den Gymnasien. Jedenfalls solange das Gymnasium kein Statusvorteil besitzt.

    Solange der Statusvorteil bleibt ist eine Änderung nur auf Kosten der Qualität oder Anzahl möglich.

    H.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Was wird bei PISA gemessen und warum?! Wenn man früher immer gefragt hat, wozu man irgendein Wissen braucht, so stellt sich niemand diese Frage bei der PISA-Studie. Die Konsequenz aus der (im übrigen ideologisch stark beeinflussten und völlig unwissenschaftlich angelegten) Studie ist in Deutschland schon gezogen worden: Ohne oben genannte Frage zu stellen, richtet man sowohl Lehrstoff als auch Unterrichtsmethoden auf diese "Studie" aus. Die Konsequenz ist das sogenannte kompetenzorientierte Arbeiten (von Lernen kann man da nicht sprechen), das seit circa 6 Jahren in Bayern (und meines Wissens auch in BW) durchgesetzt wird. Das Ergebnis in allen(!) Fächern: Die Schüler machen mehr Fehler und haben weniger Grundwissen. Wie man ohne Grundwissen "Kompetenzen" entwickeln soll, bleibt ein Geheimnis der Entwickler der PISA-"Studie". Die "Feinjustierungen" im letzten Abitur sprachen Bände.
    Bisher hatte man in bayerischen Schulen immer gute Ergebnisse, auch wenn vielleicht mancher bei besserem Wissen schlechtere Noten hatte als in anderen Bundesländern.
    Es ist wie bei einem eigentlich ganz gut funktionierenden Uhrwerk: Wenn man es verbessern will, kann man versuchen, eine Stellschraube zu verstellen. Aber doch nicht alle gleichzeitig!!
    Wieso fragt man immer wieder die Eltern und berücksichtigt nicht in ausreichendem Maße die Meinung der Fachleute? Und das sind immer noch die Lehrer! Die Eltern wollen häufig einen möglichst hohen Abschluss mit guten Noten, nicht unbedingt Bildung!

  6. Wieso werden Migranten benachteiligt und wie sollen ihnen bessere Chancen eingeräumt werden?

    Werden sie diskriminiert? Wenn ja, von wem, denn in vielen Klassen stellen sie bereits von 80-100% der Schüler.
    Fehlt ihnen die rechtliche Gleichstellung?

    Oder haben sie, wie in Deutschland Sprachprobleme. Dann WERDEN sie aber nicht benachteiligt, sondern SIND benachteiligt. Ein kleiner, aber feiner Unterschied.

    Wie soll dann die Hilfe aussehen? Teure, exklusive Sprachkurse? In welchem Alter dann?

    Oder sind sie einfach so statistisch schlechter? Dann wäre die Benachteiligung einfach nur eine Behauptung.

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