KinderbetreuungMogelpackung Ganztagsschule

Eltern sind verunsichert. Können die Ganztagsschulen die guten Angebote der Horte ersetzen? Viel spricht dafür – aber bisher stimmt die Qualität oft noch nicht.

Ganztagsschulen haben sich zum Renner entwickelt: rund 13.000 gab es zum Schuljahr 2009/2010 deutschlandweit. Bis Mitte des Jahrzehnts dürfte die Zahl auf knapp 20.000 wachsen. "Die für die Bundesrepublik so prägende Halbtags-Schullandschaft wird sukzessive in ein flächendeckendes Ganztagsangebot transformiert", sagt Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut (DJI), unter anderem Mitautor der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG).

Aus der Studie geht unter anderem hervor, dass die Ganztagsschule den Kindern gut tut. Vor allem ihre sozialen Kompetenzen würden in allen Schulformen und Altersstufen gefördert. Die Hoffnung ist außerdem, dass die Ganztagsschule den Kindern mehr Chancen bietet, die aus sozial schwachen Familien stammen. Ihre Vorteile können Ganztagsschulen sowohl in der gebundenen Form als auch auch in der sogenannten offenen Variante ausspielen, sagt Dr. Natalie Fischer, StEG-Projektkoordinatorin vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main.

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Gebunden oder offen – beide  Formen der Ganztagsschule können gelingen

In der gebundenen Ganztagsschule werden alle Kinder auch nachmittags an fünf Wochentagen unterrichtet und betreut. Das hat den Vorteil, dass der Unterricht einem anderen Rhythmus folgen kann. Zwischen den Unterrichtsblöcken können die Kinder sich bewegen, essen, ihren Interessen nachgehen oder entspannen. Aber auch die offene Ganztagsschule, in der die Nachmittagsangebote größtenteils freiwillig sind, kann gut gelingen. Fischer sagt: "Es kommt immer auf die Qualität der Angebote, der Schule und des Unterrichts an." Doch gerade an der Qualität hapert es wegen der klammen öffentlichen Kassen vielfach.

Die preisgünstige Variante, so fürchten Eltern, soll unter anderem in Hamburg eingeführt werden. Dort schlagen die Wellen hoch, seit Ties Rabe, Senator für Schule und Berufsbildung und neuer Vorsitzender der Kulturministerkonferenz (KMK), erklärt hat, dass an der Elbe nach den Sommerferien an 36 Standorten die "Ganztägige Betreuung und Bildung an Schulen" (GBS) starten solle. In den Genuss der GBS sollen langfristig alle Mädchen und Jungen bis 14 Jahre kommen, das gilt also an den Grundschulen und einem Teil der weiterführenden Schulen.

Essen im 15-Minuten-Takt

Viele Elternvertreter sind äußerst skeptisch. Denn für die GBS sollen Hortplätze verloren gehen – und damit eine qualifizierte Betreuung der Kinder. Die Schulen sollen sich für die Nachmittagsbetreuung ihre Kooperationspartner selbst suchen. Laut Bildungssprecher können dies die bisherigen Hortträger und alle Träger der Jugendhilfe sein. Aber was aus der Sicht der Behörde so einfach erscheint, geht nach Überzeugung der Elternvertreter nach hinten los.

Sabine Buhk, die vom Hamburger Landeselternausschuss (LEA) für die GBS zuständig ist, erklärt es am Beispiel des Mittagessens. Sie sagt, an den 30 Schulen, die jetzt schon nach diesem Prinzip arbeiten, müssten die Kinder in drei Schichten im 20-, teilweise sogar im 15-Minuten-Takt essen. Manche Schulen müssten noch bis zu drei Jahre auf eine angemessene Mensa warten. Im Hort hingegen ist Zeit zum Essen und es gibt Platz für jedes betreute Kind.

Kein Konzept für den Nachmittag

Aber nicht nur das Essen ist ein Problem. Niemand, so Buhk, wisse derzeit, wie die Nachmittage gestaltet werden. Derzeit sei nur sicher, dass die Kinder die Zeit bis 16 Uhr in den Klassen verbringen. Eine sinnvolle Abwechslung von Bewegungs- und Entspannungsphasen sei ebenso wenig erkennbar wie ein Konzept zur Hausaufgabenhilfe oder die Förderung von Talenten. Genau das aber ist Kern und Wesen der Ganztagsschule.

In anderen Bundesländern sind die Pläne schon etwas klarer umrissen. In Nordrhein-Westfalen hat vor allem auf kommunaler Ebene ein von Politik, Verwaltung und Elternschaft getragener Prozess eingesetzt: Jede einzelne Ganztagsschule soll Kern eines Netzwerkes sein. Hort-Erzieher, Mitarbeiter aus Jugendhilfe, Vereinen und Verbänden, aber auch Künstler, Musiklehrer, Sporttrainer, Sozialpädagogen und nicht zuletzt die Lehrer der jeweiligen Schulen selbst arbeiten oft schon in multi-professionellen Teams zusammen. Heraus kommen vielfältige Angebote aller Art, die den Kindern und Jugendlichen Spaß machen.

Leserkommentare
  1. Bedingt durch meine zeitweilige Berufstätigkeit haben meine Kinder beide Erfahrungen machen dürfen: Hortbesuch nach der Schule und Betreuung zuhause. Nachdem ich meine Berufstätigkeit krankheitsbedingt aufgeben musste erhielt ich folgende Rückmeldung von meinen Kindern: "Wie schön, dass wir wieder nach Hause kommen dürfen nach der Schule. Im Hort ist es immer so laut."

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  2. Ganztagsschulen sollte man unbedingt kritisch hinterfragen. Ohne die Freiheit unserer jungen Menschen, die durch Ganztagsschulen sehr früh eingebunden sind in starre oft auch sinnlose Tagesstrukturen, verliert sich die Kreativität und somit der Fortschritt. Meine Frage an die Lehrer vor Ort, ob denn die Ganztagsschüler bessere Noten hätten als die Halbstagsschüler, wurde verneint. Warum sollten wir sie dann deutschlandweit einführen?

    Nur um weitere Verwahrungsplätze für Kinder zu schaffen, denen die wichtigsten familiären Bezugspersonen fehlen, weil die Politik es so möchte. Wir unterlaufen überall (Ganztagskrippe, -kindergarten, -schule) die Kontaktmöglichkeiten zwischen Eltern und Kind. Dies ist so armselig unmenschlich und die negativen psychischen Folgen werden m. E. gewaltig unterschätzt. Kinder werden so zu einer beliebig verschiebbaren und beeinflussbaren Masse, die von Hinz und Kunz rund um die Uhr betreut werden darf. Die eigenen Eltern werden von der Politik zur lästigen Randerscheinung gemacht und zu wirtschaftlichen Produktionsfaktoren degradiert. Ich schäme mich für die nachfolgende Generation und dieses verkorkste politische Denken in unserem Land.

    In der Familienpolitik ist ein grundlegender Umbruch erforderlich. Kinder haben ein Recht auf Betreuung durch ihre Eltern. Frau v. d. Leyen und Frau Schröder zeigen uns jedoch wahnsinnig vorbildlich, wie ein Frauenleben heute auszusehen hat. Emotional verlogen - für mich kein Leit- sondern ein Lei-d-bild!!

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  3. "In Bayern "gibt es noch immer die Vorstellung, dass Kinder nachmittags nach Hause gehören“, sagt auch Ursula Walther, Sprecherin des Bayerischen Elternverbandes (BEV)."

    ist es eigentlich mittlerweile völlig undenkbar, dass es eltern gibt, die möglichst viel zeit mit ihren kindern verbringen möchten? einfach weil sie aus diesem grund kinder bekommen haben - um diese aufwachsen zu sehen und deren lebensweg zu begleiten. kann sich noch jemand vorstellen, dass es eltern gibt, die dafür sogar freiwillig auf sehr viel (geld, ego, zeit, konsum) "verzichten", weil sie eventuell den sinn eines lebens darin sehen, neues leben zu schaffen.

    den wert einer gesunden und liebevollen eltern/kind beziehung wird man aus meiner sicht dann erkennen, wenn die jetzt geforderte ganztags-kita/schul generation in eine der verantwortungsvollen positionen der globalisierten, projektorientierten zukunft hineinwächst, in denen der umgang der menschen untereinander (verhandlungsgeschick, teamfähigkeit, akzeptanz von kulturellen unterschieden, kreativität usw.) wichtiger sein wird, als reines fachwissen, das jedes smartphone liefern kann.

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  4. Ganztagsschule ist für von Verwahrlosung bedrohte Kinder snnvoll. Ansonsten zerstört sie einen Teil der Kindheit. So gut sie auch sein kann, sie ist immer Programm.

    Eins meiner Kinder hat über Jahre hinweg nachmittags mit einem Freund einen "geheimen Garten" als Refugium geschaffen. Der Freund besuchte eine andere Schulart.

    Ganztagsschulen verstärken die Ghettoisierung innerhalb der Schulart. Die Kinder kommen nur noch mit "ihresgleichen" in Berührung.

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  5. Einige Ganztagsschüler, die ich kenne, sitzen bis zu 8 Stunden in der Schule und dann noch mal vor Hausaufgaben, die in der Schule nur unzureichend erledigt werden konnten. Anschließend sitzen auch diese Kinder vorm Fernseher und lassen sich - weil mental erschöpft - nur noch berieseln.

    Eben weil unsere politischen Vorgaben nur wirtschaftlichen Belangen folgen, lassen wir unsere Kinder in Ganztagseinrichtungen familiär verwahrlosen. Kinder sollten zumindest halbtags die Möglichkeit haben Ruhe, Geborgenheit und Liebe durch Familie zu erfahren. Warum müssen denn die meisten Eltern berufstätig sein? Weil politische Vorgaben den Familien die Butter auf dem Brot nicht gönnen. Warum nehmen wir dies immer als starre Gegebenheit hin? Wir könnten und sollten dies unbedingt ändern.

    Viele Ganztagskinder haben aufgrund der zeitlichen Einschränkung nicht die Möglichkeit, Kontakte außerhalb der Schule zu knüpfen, was zur sozialen Verarmung führen kann. Außerschulische Lern- oder Sportangebote können aufgrund des Zeitmangels ebenfalls nicht besucht werden. Die Mär vom besseren Sozialverhalten hätte ich gerne belegt - im Bekanntenkreis kann ich es jedenfalls nicht feststellen. Natürlich kommt auch standardmäßig wieder das Argument, dass Schulen mehr Geld brauchen genau wie Kitas und ähnliche Einrichtungen. Warum legen wir diese Mehrausgaben nicht als Einkommen in die Hand der Eltern - dann brauchten wir diese ganze künstlich geschaffene Betreuungsmaschinerie überhaupt nicht.

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    • multix
    • 07.02.2012 um 17:11 Uhr

    denn dem liegt ein noch andere Faktoren einbeziehendes Konzept zugrunde.

    Im Vordergrund wird hier sehr oft die Förderung von sozial - und lernschwachen SchülerInnen gesehen, wogegen die besseren und durch häuslich präsentere Elternteile, i.d.R. die Mutter, benachteiligt seien bzw. die Chance auf außerschulische Verabredungen und Aktivtäten verlieren...

    Das ist ein grober Unfug, denn die demographische Entwicklung wird für rapide zurückgehende Kinder - und Schülerzahlen sorgen, womit die Chance sich außerhalb der Schulen - bspw. in der Nachbarschaft - zu verabreden ebenso rapide zurückgeht, es sei denn man zieht in eine Neubausiedlung auf der grünen Wiese die von jungen Familien bevölkert wird - in ihrer monosozialen Struktur aber mit dem ersten Generationswechsel zur Verödung bestimmt ist.

    Wenn ich das Beispiel unseres Jüngsten nehme, dann hatte der in unserer Straße ganze drei ca. gleichaltrige optionale Spielgefährten - da das einzige Mädchen lieber mit Mädchen spielte, waren es nur noch 2. Die waren Brüder und eine solche Konstellation ist recht ungünstig für Spielanfragen...

    Verabredungen waren demnach halbtagsschulbasiert, aber selten - weil besonders die middle-class-kids über ihre Mütter verabredet und/oder einen vollen Terminkalender (Sport, Musikschule usw.) hatten, d.h. einen ziemlich verplanten Tagesablauf.

    Wir werden uns damit abfinden müssen, dass Schule zunehmend der zentrale und deshalb ganztägig gut ausgebaute Lern - und Erfahrungsort für Kinder wird.

    m.

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    Antwort auf
  6. Welches Familien- und Menschenmodell wird in der Zukunft gelebt und weitergegeben ?
    Was passiert und wie geht eine gesamtgeschulte Jugendgeneration damit um, wenn sie selbst das Alter erreicht und eine "familiäre Lebensgemeinschaft" gründen möchte ?

    Es wäre erstmal dringend an der Zeit, die KMK, nachgeordnete Institute und ähnliche pädagogische Hirngespinste auszumisten, zu entschlacken und wenn nötig - abzuschaffen.

    Die KMK ist nachgewiesenermaßen die schwerfälligste Einrichtung die wir im Bildungswesen haben.

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