SchulprojektUnterricht gegen das Mobben im Netz

Lehrer testen im Unterricht ein Programm gegen Internet-Mobbing. Der Psychologe Herbert Scheithauer erklärt im Interview, warum und wie es wirkt.

Bedrohen, peinliche Fotos posten, öffentlich Häme ausschütten. Mobbing im Internet kann viele Formen annehmen. Häufig sind Schüler davon betroffen. Einer der Studie der Techniker Krankenkasse zufolge war jeder dritte deutsche Schüler zwischen 14 und 20 Jahren schon einmal als Täter, Opfer oder Beobachter an Internet-Mobbing beteiligt. Der Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer von der FU Berlin entwickelte deshalb mit seinem Team das von der EU geförderte Projekt Medienhelden, mit dem er die Medienkompetenz unter Schülern verbessern und Internet-Mobbing vorbeugen will.

ZEIT ONLINE: Herr Scheithauer, im Netz findet man viele gute Ratschläge, die Internet-Mobbing unter Schülern vorbeugen helfen sollen. Warum ist ihr Projekt noch notwendig?

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Herbert Scheithauer: Das Besondere an "den Medienhelden" ist, dass wir direkt an die Schulen gehen, nicht nur Informationen ins Netz stellen. Wir bilden Lehrer fort, die dann mehrere Wochen lang in den siebten bis zehnten Klassen Unterricht in Medienkompetenz machen. Nicht als AG am Nachmittag, sondern während der regulären Schulstunden. Viele Jugendliche leben heute in einer komplett medialen Welt, manche sind permanent online. Auf der anderen Seite haben wir viele ältere Lehrer, die diese Medien nur sporadisch nutzen. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Aber in einer Gesellschaft wie unserer, in der neue Medien so wichtig sind, müssen sie auch im Unterricht vorkommen.

ZEIT ONLINE: Die Technik ist in vielen Schulen bereits vorhanden...

Scheithauer: Das stimmt. Doch wie man damit sinnvoll arbeitet, ist oft unklar. Das geht nicht. Deshalb geht es nicht nur darum, Mobbing zu verhindern, sondern Schülern beizubringen, wie sie neue Medien kompetent nutzen können.

ZEIT ONLINE: Was wird genau gelehrt?

Scheithauer: Zunächst muss man das Bewusstsein für Mobbing im Netz schärfen. Täter machen das oft gar nicht aus Bösartigkeit. Sie verstehen einfach nicht, dass ein ins Netz gestelltes Bild für die abgebildete Person negative Konsequenzen haben kann. Man muss den Schülern die Folgen ihres Verhaltens klarmachen. Sie sollen lernen, Verantwortung für andere übernehmen. Deshalb machen wir viele Rollenspiele, in denen die Schüler die Rollen von Tätern, Opfern und Beobachtern einnehmen. Zusätzlich geben wir den Jugendlichen direkte Hinweise, wie man das Netz und soziale Netzwerke verwenden sollte: Nicht alles freigeben, unter Pseudonym veröffentlichen. Wo liegen die Fallen, wie kann ich mich schützen?

ZEIT ONLINE: Müssen Schulen dann immer ihr Team als Experten in die Schule einladen?

Scheithauer: Nein. Wir wollen als Psychologen nicht selbst in die Klassen gehen, sondern die Schulen fit machen, diesen Unterricht eigenständig durchzuführen. Im Mai veröffentlichen wir ein Buch mit Methoden und Hinweisen für Lehrer und Arbeitsmaterial für Schüler. Die Lehrer setzen das gemeinsam mit den Schülern um, können uns aber jederzeit kontaktieren und Fragen stellen.

ZEIT ONLINE: Sind es nicht vor allem Einzeltäter, die mobben?

Scheithauer: Phänomene wie Mobbing auf dem Schulhof und im Netz entstehen nicht nur durch Einzelne. Sie kommen in jeder Gruppe vor, die zwangsweise zusammen arbeiten muss. Nur wenn man gezielt mit den Gruppen arbeitet, lässt sich vorbeugen. Deshalb muss es zum Handwerk der Lehrer gehören, systematisch diesen Problemen entgegenzuwirken.

Leserkommentare
  1. ... erfahrung mit (cyber-)mobbingprogrammen an schulen: die schüler findens gut, dass unterricht ausfällt, die lehrer haben nicht den geringsten plan von was sie reden und die leute, die eingeladen werden sind absolut peinlich und haben auch keine ahnung von der realität.
    diese projekte waren immer absoolut nutzlos. mobbing ist nicht schön, passiert in dieser kritischen pubertätsphase aber leider fast zwangsläufig. in der oberstufe wird dann eigentlich gar nicht mehr gemobbt. man wird eben erwachsen.

    3 Leserempfehlungen
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    @Luquegana: Dem kann ich im Allgemeinen nicht zustimmen. Man kann nicht alle Lehrer pauschal über einen Kamm scheren und sagen, sie würden nicht wissen, von was sie reden.
    Dass es an manchen Schulen besser bzw. schlechter umgesetzt wird, ist natürllich klar.
    Grundsätzlich ist eine Prävention bei dieser Thematik durchaus zu begrüßen und genau dann richtig umgesetzt, wie im Interview beschrieben: Die Lehrer müssen geschult werden! Bzw. sie werden ja gerade deshalb geschult, damit sie wissen, wovon sie reden.
    Mobbing mit dem Satz "Man wird eben erwachsen" abzuhaken, finde ich ziemlich naiv. Für mich gehört zum Erwachsenwerden nicht das Niedermachen anderer Personen. Eine Gesellschaft, die so denken würde, wäre für mich von grund auf krank und kaputt.
    Wenn die Lehrer an ihrer Schule ihren Schülern keine Achtsamkeit beigebracht haben, finde ich das höchst bedenklich!!

    @Luquegana: Dem kann ich im Allgemeinen nicht zustimmen. Man kann nicht alle Lehrer pauschal über einen Kamm scheren und sagen, sie würden nicht wissen, von was sie reden.
    Dass es an manchen Schulen besser bzw. schlechter umgesetzt wird, ist natürllich klar.
    Grundsätzlich ist eine Prävention bei dieser Thematik durchaus zu begrüßen und genau dann richtig umgesetzt, wie im Interview beschrieben: Die Lehrer müssen geschult werden! Bzw. sie werden ja gerade deshalb geschult, damit sie wissen, wovon sie reden.
    Mobbing mit dem Satz "Man wird eben erwachsen" abzuhaken, finde ich ziemlich naiv. Für mich gehört zum Erwachsenwerden nicht das Niedermachen anderer Personen. Eine Gesellschaft, die so denken würde, wäre für mich von grund auf krank und kaputt.
    Wenn die Lehrer an ihrer Schule ihren Schülern keine Achtsamkeit beigebracht haben, finde ich das höchst bedenklich!!

  2. Der richtige Ansatz, da lohnt es sich auch mal wieder Kinder in die Welt zu setzen. (http://vermehrung.org/) Bislang gibt es ja nur entweder Geldstrafe oder Geschenke...an Grundlagen wird zu wenig gearbeitet.

    2 Leserempfehlungen
  3. @Luquegana: Dem kann ich im Allgemeinen nicht zustimmen. Man kann nicht alle Lehrer pauschal über einen Kamm scheren und sagen, sie würden nicht wissen, von was sie reden.
    Dass es an manchen Schulen besser bzw. schlechter umgesetzt wird, ist natürllich klar.
    Grundsätzlich ist eine Prävention bei dieser Thematik durchaus zu begrüßen und genau dann richtig umgesetzt, wie im Interview beschrieben: Die Lehrer müssen geschult werden! Bzw. sie werden ja gerade deshalb geschult, damit sie wissen, wovon sie reden.
    Mobbing mit dem Satz "Man wird eben erwachsen" abzuhaken, finde ich ziemlich naiv. Für mich gehört zum Erwachsenwerden nicht das Niedermachen anderer Personen. Eine Gesellschaft, die so denken würde, wäre für mich von grund auf krank und kaputt.
    Wenn die Lehrer an ihrer Schule ihren Schülern keine Achtsamkeit beigebracht haben, finde ich das höchst bedenklich!!

    Antwort auf "meine..."
  4. ... Täter machen das oft gar nicht aus Bösartigkeit. Sie verstehen einfach nicht, dass ein ins Netz gestelltes Bild für die abgebildete Person negative Konsequenzen haben kann. Man muss den Schülern die Folgen ihres Verhaltens klarmachen. Sie sollen lernen, Verantwortung für andere übernehmen...

    das bezeichnet man doch wohl,
    als Emotionale Störungen? als massiver Mangel in der Reflexionsfähigkeit,
    Mangel an Mitgefühl, Menschenwürde!
    natürlich auch als vorsätzliches Mobbing
    (früh übt sich das ein ...!)

    Ethik ist doch Schulfach?(aber nicht solche wie?)
    bei der Sorte Pädagogen?

    ich sag nichts mehr!

    Eine Leserempfehlung
  5. Ein interessanter Artikel. Allerdings bleiben einige Fragen offen:

    1)
    Wie viele Stunden pro Woche wurden in der zehnwöchigen Phase aufgewendet.

    2)
    "Wir haben beispielsweise herausgefunden, dass der zehnwöchige Unterricht zu weniger Mobbing, mehr Empathie und einem höheren Selbstwertgefühl der Schüler führt. "

    Wie stark war der Effekt. Ein kleines bisschen weniger Mobbing? Deutlich weniger Mobbing? Gar kein Mobbing?

    3)
    Weshalb braucht man tatsächlich 10 (in Worten ZEHN) Schulstunden, um Kindern zu vermitteln, dass Beleidigungen, Verunglimpfungen, Drohungen etc., dass alles das üble Dinge sind. Sind diejenigen, die das in 3 Stunden nicht begriffen haben, tatsächlich in der Lage bzw. willens, es in weiteren 7 Stunden zu begreifen?

    Nicht falsch verstehen:
    Der Ansatz ist sehr löblich, aber der Effekt muss tatsächlich den betriebenen Aufwand rechtfertigen. Gerade in einer Zeit, wo Fachunterricht wegen Lehrermangel (oder besser gesagt: Geldmangel) gekürzt wird.
    Denn andere Bildungs-Inhalte müssen hier -- um es deutlich zu sagen -- einer solchen Präventionskampagne geopfert werden.

    Und die Gefahr besteht, dass Schule mehr und mehr Selbstverständlichkeiten transportieren soll und deshalb immer weniger tatsächliche Bildungs-Aspekte transportieren kann.

    Eine Leserempfehlung
  6. ... man mal genau darüber nachdenkt ist dieses Programm überflüssig aus Folgenden Gründen:
    1)
    Es wurde/wird immer gemobbt, egal ob früher, heute oder in 100 Jahren.
    2)
    Wo liegt der Unterschied ob ich jemanden vor einer Gruppe lächerlich mach oder in Internet?
    3)
    Täter machen das oft gar nicht aus Bösartigkeit. Sie verstehen einfach nicht, dass ein ins Netz gestelltes Bild für die abgebildete Person negative Konsequenzen haben kann.
    Ich finde Schüler der Stufe 7-10 sollten das schon wissen. Finden sie nicht?

    Alles in allem ist Mobbing natürlich schlimm. Frage nur: Ist dieses Programm wirklich hilfreich?

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