Schülergenossenschaften Schülerfirma mit demokratischem Gewissen

In Schülergenossenschaften lernen Jugendliche eine Wirtschaftsform kennen, die angesichts von Wirtschafts- und ökologischen Krisen wieder populär wird.

Genossenschaftsverbände haben ein eher provinzielles Image. Aber die aktuellen wirtschaftlichen und ökologischen Krisen bringen sie wieder ins Gespräch. Die Vereinten Nationen haben jedenfalls das Jahr 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt. Denn in dieser Geschäftsform wird unternehmerisches Denken durch soziales und ökologisches Gewissen gezügelt.

Die Bildungsministerien reagieren darauf. Auch Schüler sollen diese bodenständige, regional verwurzelte Form des Wirtschaftens kennenlernen. In den Lehrplänen kämen vor allem Aktiengesellschaften (AGs) und Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbHs) vor, selten jedoch Genossenschaften, sagt Joachim Prahst vom Genossenschaftsverband in Hannover.

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Niedersachsen

Als erstes Bundesland hat das niedersächsische Kultusministerium die Gründung von Schülergenossenschaften im Jahr 2006 angestoßen. Außer den Grundschulen nehmen alle Schulformen am Projekt Nachhaltige Schülergenossenschaft teil. Im laufenden Schuljahr sind rund 50 Schülergenossenschaften aktiv.

NRW und Rheinland-Pfalz

Seit März 2011 gibt es das Projekt Schülergenossenschaften: nachhaltig wirtschaften – solidarisch handeln auch in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Die Projektträger starten mit 30 interessierten Schulen – in drei Jahren sollen in beiden Ländern insgesamt 90 Schülergenossenschaften entstehen.

Baden-Württemberg

Das Land startet im Jahr 2012 das Projekt Schülergenossenschaften in Baden-Württemberg mit Informationsveranstaltungen und Auftaktworkshops. Ziel des Projektes: Schüler sollen die genossenschaftliche Prinzipien Selbsthilfe, Selbstbestimmung, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung kennenlernen und lernen, Wirtschaft und Demokratie zu verbinden. Eine Sprecherin des Kultusministeriums geht von 30 Neugründungen ab Beginn des nächsten Schuljahres aus.

Und wer weiß schon, dass die meisten Landwirte, Winzer und Gartenbauer Mitglieder von Genossenschaften sind und sich zugleich IT-Kräfte, Kreative, Kleinunternehmer und andere Freiberufler wie die Pinguine angesichts extremer Kälte zusammenschließen, um gegen die großen Player am Markt zu bestehen? Die Finanzkrise lässt Genossenschaften wie Häfen der Stabilität aussehen. Pleiten sind dort selten. Das liegt unter anderem daran, dass die Prüfer eine enorme Rolle spielen. 



Genossenschaften tauchen in Lehrplänen nicht auf

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In einer Schülergenossenschaft lässt sich diese Geschäftsform besonders gut kennenlernen. So wie bei Chill in im niedersächsischen Salzgitter-Bad. Der Ort ist laut Jürgen Hesse, einem Lehrer der Realschule Salzgitter-Bad, ein "schlimmer sozialer Brennpunkt". Viele Schüler aus armen Familien setzten sich bis vor Kurzem mit knurrendem Magen ohne Frühstück ins Klassenzimmer. Kein Geld, um sich ein Brötchen in der Bäckerei zu kaufen. Im Wahlpflichtunterricht Wirtschaft in den neunten Klassen entwickelte Hesse deshalb die Idee einer Schülerfirma. Er stellte seinen Schülern die unterschiedlichen Rechtsformen von Unternehmen vor. Doch sie stimmten nicht für Unternehmensformen, mit denen schnelle Entscheidungen der Geschäftsführung vorbehalten sind.

"Das demokratische Prinzip der Genossenschaft ist bei uns beliebt", sagt Alina Schrader, 16, Vorsitzende der Schülergenossenschaft. Innerhalb der Schülergenossenschaft hat jedes Mitglied nur eine Stimme – unabhängig vom Alter. Als Startkapital bringen die Schüler jeweils einen Euro ein. "Jedes Mitglied ist dazu berechtigt, an den Mitgliedsversammlungen teilzunehmen. Hier können alle ihre Meinung äußern", schreiben die Jugendlichen in ihrem Blog. Im Jahresturnus wählen die Mitglieder Vorstand und Aufsichtsrat. Auch über die Geschäftsstrategie entscheiden die Mitglieder.

Die Mitgliederversammlung ist das wichtigste Organ der Genossenschaft. Im Auftrag der Mitglieder überwacht ein dreiköpfiger Aufsichtsrat die Arbeit des Vorstands. "Die Stimme eines Lehrers wiegt genauso viel wie die Stimme eines Schülers, Leute aus höheren Klassen haben nicht mehr zu bestimmen als Schüler der unteren Stufen", erklärt Alina Schrader.

Schon ab 7.30 Uhr, vor Beginn des Unterrichts, kann man inzwischen für einen Euro ein Frühstück kaufen: Brötchen, Müsli, Salate, Gemüse, Joghurt und Saftschorlen stehen zur Wahl. Obst und Gemüse bezieht die Einkaufsabteilung von regionalen Anbietern, die biologisch angebaute Produkte herstellen. Der Gewinn, den die Schülergenossenschaft erwirtschaftet, wandert in ein kostenloses Buffet. "Wir schlagen keinen Profit daraus", sagt Schrader. In ihrer Genossenschaft sind die Schüler Eigentümer und Kunde zugleich, das Prinzip heißt "Identitätsprinzip".

Realitätstest mit externen Prüfern

Die Schülergenossenschaften werden von Partnergenossenschaften unterstützt: Deren Mitarbeiter beraten die jungen Unternehmer dabei, nach der Geschäftsidee eine Satzung und einen Geschäftsplan auszuarbeiten. Bevor sie ihren Laden in ein Schülerregister des Genossenschaftsverbandes eingetragen können, erscheint ein externer Prüfer. Auch die Buchhaltung von Chill in schaute sich ein Kontrolleur genau an und stellte fest, dass die Mitgliederliste nicht ordnungsgemäß geführt war, erzählt Hesse. Aber die Zusammenarbeit mit den Partnergenossenschaften bedeutet nicht nur Kontrolle, sondern ist auch motivierend. "Es bringt einen anderen Ernst in die Schülergenossenschaft", meint Rudolf Schröder vom Institut für Ökonomische Bildung der Universität Oldenburg.

Die Verantwortlichen investieren viel Freizeit

Im Wahlpflichtunterricht Wirtschaft, der zweimal in der Woche auf dem Stundenplan steht, haben die Neuntklässler die nötige Zeit, sich um den Betrieb von Chill in zu kümmern. Doch offenbar reicht das nicht aus. Denn nicht nur Schrader, auch ihr Lehrer opfert eine Menge Freizeit, um den Laden am Laufen zu halten. Denn das demokratisch ausgehandelte Geschäft und die Selbstverwaltung verschlingen in der Regel mehr Zeit als eine Schülerfirma, die etwa als GmbH gegründet wurde.

Werden sich Schülergenossenschaften im Bundesgebiet weiter etablieren? Vermutlich ja. Sie können sogar zum Vorbild für Kommunen werden, die zunehmend auf das freiwillige Engagement ihrer Bürger angewiesen sind. So baut die Schülergenossenschaft Molitoris Windkraft aus Harsum in der Nähe von Hildesheim 4,5 Meter hohe Windräder. Mit dem Strom lassen sich Fernseher und DVD-Spieler im Unterricht kostenlos betreiben. Das Technikwissen verkauft die Firma an andere Schulen weiter. Zwar sind alle Schülerfirmen, ob in Form einer Genossenschaft, einer Aktiengesellschaft oder einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung, erst einmal nur pädagogische Veranstaltungen – sie haben keinen eigenen Rechtsstatus. Alle dürfen sie nur wenig Gewinn erzielen. Doch der Unterschied ist, dass nachhaltige Schülergenossenschaften an soziale und ökologische Geschäftsfelder gebunden sind.

Sowohl schwarz als auch rot und grün regierte Bildungsministerien schmücken sich jedoch inzwischen mit Schülergenossenschaften, und eine Begleitstudie kam zum Ergebnis, dass Schülergenossenschaften "vorausschauendes Denken" und "Partizipation" trainieren – Qualitäten, an denen es in der Wirtschaft mangelt.

 
Leser-Kommentare
  1. Was haben diese Genossenschaften denn den Schorrern aus der Politik zu bieten, damit jene ihnen vorteilhafte Gesetze zimmern?

    Solche Verbände werden nicht eben mal zum Geburttagsfeiern ins Kanzleramt geladen und erhalten von der Zentralbank Gratisgeld, um die verzockten Bilanzen risikolos und auf Kosten der Allgemeinheit wieder flicken zu können.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wo auch sonst, sollte die jugend das wirtschaften lernen?

    "Was haben diese Genossenschaften denn den Schorrern aus der Politik zu bieten [...]? Solche Verbände werden nicht eben mal zum Geburttagsfeiern ins Kanzleramt geladen"

    Der antikapitalistische Reflex ist ja aller Ehren Wert ... allein, das Genossenschaftswesen in Deutschland ist komplex fristet alles andere als eine von den Mächtigen ignorierte Randexistenz.

    So fehlt es den Kredit- und Agrargenossenschaften definitiv nicht an Lobby. Und fragen Sie mal Herrn Brüderle, ob es für einen rheinland-pfälzischen Wirtschaftminister ratsam ist, sich mit den Wintergenossenschaften anzulegen :-)

    Aber Ihnen sei zugutegehalten, dass Sie sich durch die naive Einleitung des Artikels haben einfangen lassen:

    "Genossenschaftsverbände haben ein eher provinzielles Image."

    Mag ja sein, trotzdem könnte man dazuschreiben, dass etwa 17 Mio. Deutsche Mitglieder in Genossenschaften sind - soviel zur Provinzialität. Natürlich ist die Zahl etwas irreführend, denn darin verschwimmt bisweilen die Grenze zwischen Mitarbeitern und Kunden (sofern Mitglieder) der betreffenden Unternehmen.

    Dennoch ist der der deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband mit diesen 17 Mio. der mitgliederstärkste Wirtschaftsverband Deutschlands.

    Ob die den Schnorrern aus der Politik was zu bieten haben? Natürlich - und natürlich bieten Sie mit, denn Genossenschaften sind nicht automatisch "die Guten".

    ... was der Einfluss der Genossenschaften und Verbände ist oder - vielmehr - war.

    Aber die jungen Menschen - und auf die kommt es an - können die Zeichen der Zeit lesen. Zum Glück.

    wo auch sonst, sollte die jugend das wirtschaften lernen?

    "Was haben diese Genossenschaften denn den Schorrern aus der Politik zu bieten [...]? Solche Verbände werden nicht eben mal zum Geburttagsfeiern ins Kanzleramt geladen"

    Der antikapitalistische Reflex ist ja aller Ehren Wert ... allein, das Genossenschaftswesen in Deutschland ist komplex fristet alles andere als eine von den Mächtigen ignorierte Randexistenz.

    So fehlt es den Kredit- und Agrargenossenschaften definitiv nicht an Lobby. Und fragen Sie mal Herrn Brüderle, ob es für einen rheinland-pfälzischen Wirtschaftminister ratsam ist, sich mit den Wintergenossenschaften anzulegen :-)

    Aber Ihnen sei zugutegehalten, dass Sie sich durch die naive Einleitung des Artikels haben einfangen lassen:

    "Genossenschaftsverbände haben ein eher provinzielles Image."

    Mag ja sein, trotzdem könnte man dazuschreiben, dass etwa 17 Mio. Deutsche Mitglieder in Genossenschaften sind - soviel zur Provinzialität. Natürlich ist die Zahl etwas irreführend, denn darin verschwimmt bisweilen die Grenze zwischen Mitarbeitern und Kunden (sofern Mitglieder) der betreffenden Unternehmen.

    Dennoch ist der der deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband mit diesen 17 Mio. der mitgliederstärkste Wirtschaftsverband Deutschlands.

    Ob die den Schnorrern aus der Politik was zu bieten haben? Natürlich - und natürlich bieten Sie mit, denn Genossenschaften sind nicht automatisch "die Guten".

    ... was der Einfluss der Genossenschaften und Verbände ist oder - vielmehr - war.

    Aber die jungen Menschen - und auf die kommt es an - können die Zeichen der Zeit lesen. Zum Glück.

  2. wo auch sonst, sollte die jugend das wirtschaften lernen?

    • dAnjou
    • 13.02.2012 um 18:30 Uhr

    Zumindest zu meiner aktiven Zeit dort war die ETSAG eine der Vorzeige-Schülerfirmen. Und gegründet wurde sie sogar schon 1997!

    http://www.etsag.de/

  3. p { margin-bottom: 0.21cm; }
    Wohl irgendwas reingerutscht...

    Eine Leser-Empfehlung
  4. gab es das sogenannte "Planspiel Börse", bei dem man sich ein fiktives Aktienportfolio anlegen und sein Vermögen mehren konnte. Wer am Ende am reichsten war, gewann.

    Ich muss sagen, dass mir die obige Idee eindeutig besser gefällt. Sie könnte sanft den Weg in Richtung einer sogenannten "Solidarischen Ökonomie" weisen, wie sie heutzutage am meisten in Brasilien praktiziert wird.

  5. "Was haben diese Genossenschaften denn den Schorrern aus der Politik zu bieten [...]? Solche Verbände werden nicht eben mal zum Geburttagsfeiern ins Kanzleramt geladen"

    Der antikapitalistische Reflex ist ja aller Ehren Wert ... allein, das Genossenschaftswesen in Deutschland ist komplex fristet alles andere als eine von den Mächtigen ignorierte Randexistenz.

    So fehlt es den Kredit- und Agrargenossenschaften definitiv nicht an Lobby. Und fragen Sie mal Herrn Brüderle, ob es für einen rheinland-pfälzischen Wirtschaftminister ratsam ist, sich mit den Wintergenossenschaften anzulegen :-)

    Aber Ihnen sei zugutegehalten, dass Sie sich durch die naive Einleitung des Artikels haben einfangen lassen:

    "Genossenschaftsverbände haben ein eher provinzielles Image."

    Mag ja sein, trotzdem könnte man dazuschreiben, dass etwa 17 Mio. Deutsche Mitglieder in Genossenschaften sind - soviel zur Provinzialität. Natürlich ist die Zahl etwas irreführend, denn darin verschwimmt bisweilen die Grenze zwischen Mitarbeitern und Kunden (sofern Mitglieder) der betreffenden Unternehmen.

    Dennoch ist der der deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband mit diesen 17 Mio. der mitgliederstärkste Wirtschaftsverband Deutschlands.

    Ob die den Schnorrern aus der Politik was zu bieten haben? Natürlich - und natürlich bieten Sie mit, denn Genossenschaften sind nicht automatisch "die Guten".

  6. ... was der Einfluss der Genossenschaften und Verbände ist oder - vielmehr - war.

    Aber die jungen Menschen - und auf die kommt es an - können die Zeichen der Zeit lesen. Zum Glück.

  7. Genossenschaften können eine sinnvolle Organisationsform sein und sind selbstverständlicher Teil eines freiheitlichen Wirtschaftssystems. Deswegen gibt es ja auch heute zahlreiche Genossenschaftsbanken, Wohnungsbaugenossenschaften, Produktionsgenossenschaften usw. Der insbesondere im letzten Teil konstruierte Gegensatz zwischen "Genossenschaft" und "Wirtschaft" ist absurd. Genossenschaften sind Teil der "Wirtschaft".

    Die Genossenschaft ist nicht per se eine bessere Organisationsform als eine AG oder GmbH. Auch diese moralisch-erhabene Verklärung der Genossenschaften deckt sich nicht mit der Realität. So waren regelmäßig landwirtschaftliche Genossenschaften in Lebensmittelskandalen involviert. Eine Überhöhung ist deswegen unangemessen.

    Die "demokratische Komponente" hat sicherlich ihre guten Seiten, kann aber wegen ihrer schwierigen Entscheidungsprozesse ein Hindernis in einem dynamischen Wettbewerbsumfeld sein.

    Inwiefern Genossenschaften per se vorausschauender sind als die ach so böse "Wirtschaft" sehe ich nicht und wird von dem Autor ja auch völlig ohne Begründung in den Raum geworfen.

    Ich bin ein Freund eines freien Wirtschaftssystems und solange Genossenschaften eine freie Vereinigung von Bürgern sind, habe ich nichts gegen sie. Im Gegenteil, ich würde es begrüßen, wenn mehr Leute im Rahmen von Genossenschaften unternehmerisch tätig würden.

    Eine Leser-Empfehlung

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