Während meiner Schulzeit hatte ich mit sehr vielen Lehrern zu tun, an die ich positive als auch negative Erinnerungen habe. Wenn ich mich an die fünfte und sechste Klasse erinnere, wird mir bewusst, wie viel Angst ich doch manchmal hatte. Auch später noch. Oft hatte ich das Gefühl, dass diese Vertrauenspersonen und Bildungsbeauftragten nicht das sind, was sie eigentlich sein sollten.

Mir stellte sich die Frage, was unser Schulsystem uns überhaupt lehren soll. Besonders hat mich dieses Thema in den letzten Jahren der Oberstufe beschäftigt, denn wir lasen Goethe, Schiller, Büchner, Frisch und vieles mehr. Vermitteln deren Werke nicht ein Menschenbild, das auf Autonomie, Humanismus und Freiheit des Individuums fußt? Kritisiert Hesse in seiner Erzählung Unterm Rad nicht, wie brutal Leistungsdruck sein kann? Wie lächerlich diese Werte wirken, wenn ich an meinen Schulalltag denke.

Ich kann einige Lehrer verstehen, die sich diesen wichtigen und verantwortungsvollen Beruf nicht aus Leidenschaft, sondern aus Perspektivlosigkeit gewählt haben. Doch wie kann es sein, dass da welche sind, die trinken und Schüler schikanieren, oder auch einfach nichts tun! Vor Jahren hatten wir zum Beispiel bei einem Lehrer Unterricht, der uns ausschließlich Filme zeigte und sich ab und zu im Hinterraum ein paar Schlucke aus dem Flachmann genehmigte.

Ich habe erlebt, wie Schüler fertiggemacht wurden und weinend aus dem Klassenzimmer rannten. Wie oft saß ich da und hatte Angst, etwas zu sagen. Nicht, weil ich die Antwort nicht wusste, sondern weil ich Angst vor dem Lehrer hatte. Bei einem Lehrer saßen wir alle angespannt im Unterricht. An manchen Tagen war er freundlich, an anderen aggressiv. Wenn er schlechte Laune hatte, ließ er sie immer an den Schülern aus. Er schikanierte sie und ließ ihnen keine Chance, sich zu wehren. Mich hat die Hilflosigkeit in dieser Situation verstört, denn wir konnten absolut nichts dagegen unternehmen.

Die Mutigen, die sich nicht unterwerfen wollen, werden irgendwann gebrochen oder fliegen von der Schule. Weg sind sie, die Werthers, adé Schillers Räuber! Wie war das noch mal mit dem Ausgang des Menschen aus der Unmündigkeit? Sturm und Drang? Das ich nicht lache. Niemand möchte sich die Noten durch Mündigkeit versauen.

In der Dienstordnung für Lehrerinnen und Lehrer steht, dass sie uns insbesondere auch zur Selbstständigkeit erziehen sollen. Das bedeutet doch einen mündigen, aufgeklärten Menschen unter Berücksichtigung seiner Bedürfnisse formen, oder? Doch wie viele werden für eine gute Note zu Kriechern, die dem Lehrer hinterhersabbern wie Pawlowsche Hunde.

Unser Schulsystem spiegelt auch unsere Gesellschaft wider. Individualität wird bestraft, Gehorsam und Mittelmäßigkeit werden belohnt. Im Prinzip zählen Egoismus und Gier – jetzt in der Schule, später auch im Beruf. Schnell studieren, bloß nicht warten! Am besten sofort arbeiten und Geld verdienen. Wer braucht schon Urlaub. Weiter schuften bis ins Grab, ohne je gelebt zu haben. Von den Werten der großen Literaten keine Spur.

Der Name des Lesers ist der Redaktion bekannt.