Leserartikel

AbiturWulff als Prüfungsthema

In einer Abiklausur sollten Abiturienten den Ex-Präsidenten mit Philipp aus Schillers Don Carlos vergleichen. Wulff würde dabei gut abschneiden, meint Leser A. Ulrich.

Vor Kurzem habe ich meine Abiturklausur im Fach Deutsch geschrieben. Als ich zu Beginn durch die Themenvorschläge blätterte und mir die zu bearbeitenden Texte und Aufgaben anschaute, war ich verblüfft: Darunter war eine Rede von Christian Wulff, die er anlässlich des zwanzigsten Jahrestages des Mauerfalls gehalten hatte und in der er seinen wohl bekanntesten Satz gesagt hat: "Der Islam gehört zu Deutschland."

Die Aufgabe lautete, Wulffs Ansichten mit der Herrschaftsweise der Figur Philipp aus Friedrich Schillers Don Karlos zu vergleichen. Philipp wird von Schiller als herzloser Despot dargestellt, der die Menschen unterjocht, affektlos agiert und eingezwängt ist in die höfische Etikette. Neben Schillers Philipp wirkt Wulff wie eine Lichtgestalt, seine Vergehen sind verglichen mit denen des Herrschers aus Don Karlos eher harmlos. Wulff würde bei diesem Vergleich also äußerst gut wegkommen.

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Letztlich entschied ich mich gegen diese Aufgabe und bearbeitete stattdessen die Texte von Schopenhauer und Fontane. Wulffs Rede habe ich trotzdem gelesen. Der Ex-Bundespräsident mag noch so umstritten sein, sein Handeln noch so verwerflich; diese Rede verdient Respekt, ob er sie nun selbst geschrieben hat oder nicht. "Ein freiheitliches Land wie unseres lebt von Vielfalt", sagt er darin, "es lebt von unterschiedlichen Lebensentwürfen, es lebt von Aufgeschlossenheit für neue Ideen, sonst kann es nicht bestehen." In diesem Standpunkt unterscheidet sich Wulff am deutlichsten von Schillers Philipp.

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"Der Islam gehört zu Deutschland." Dieser Satz des Ex-Bundespräsidenten war wichtig, er sollte in unseren Köpfen nachhallen. Deutschland ist und bleibt multikulturell. Und das ist gut so. Man muss sich diesen Satz immer wieder vor Augen führen und für Toleranz und Gleichberechtigung zwischen den Kulturen kämpfen – gerade in Zeiten, in denen Rechtsextreme in Ländern wie Holland zunehmende Unterstützung bekommen, in denen in Deutschland jahrelang die Morde einer rechten Terrorzelle unaufgeklärt blieben und in denen die Bundeskanzlerin sagt, Multikulti sei gescheitert.

Ich schätze Wulff nicht besonders und bin froh, dass er zurückgetreten ist. Aber er hat es in die Abiklausur des hessischen Kultusministeriums geschafft; mit einer Rede, die Anerkennung verdient. Er hat etwas gesagt, was bleibt.

 
Leserkommentare
    • Puka
    • 26.03.2012 um 12:13 Uhr

    ließ deinen Carlos nochmal:

    'der König weint!'

    Eine Leserempfehlung
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    • Puka
    • 26.03.2012 um 12:20 Uhr

    Es heißt natürlich

    Der König hat geweint

    • tj38
    • 26.03.2012 um 15:48 Uhr

    Darf man den König öffentlich weinen sehen?

    "Lies!" - ist die Aufforderungsform von lesen. Ein Abiturient in Hessen hätte sih da einen Fehlerpunkt eingehandelt...

    • Puka
    • 26.03.2012 um 12:20 Uhr

    Es heißt natürlich

    Der König hat geweint

    • tj38
    • 26.03.2012 um 15:48 Uhr

    Darf man den König öffentlich weinen sehen?

    "Lies!" - ist die Aufforderungsform von lesen. Ein Abiturient in Hessen hätte sih da einen Fehlerpunkt eingehandelt...

    • Puka
    • 26.03.2012 um 12:20 Uhr

    Es heißt natürlich

    Der König hat geweint

    Antwort auf "ließ deinen"
  1. Natürlich ist es eher der Großinquisitor, der die Fäden in der Hand hält und Philipp als Marionette benutzt. Dass Philipp auch Emotionen zeigen kann und nicht ganz gefühllos ist, am Ende sogar weinen kann, obgleich er dies verurteilt, wirft in Don Carlos letztlich ein anderes Licht auf ihn; dennoch ist er ein Vertreter eines absolutistischen, unfreien Systems, in dem Menschen unterjocht und isoliert (sogar in der eigenen höfischen Etikette!) werden; davon sollte in der Aufgabe ausgegangen werden. Ich fand diesen Vergleich erstaunlich, weil es überhaupt nicht um Wulffs Missetaten oder dergleichen ging, sondern ausschließlich um den Inhalt seiner Rede, in der er Freiheit und Toleranz postuliert. Und ich dachte, dass nach all der freilich berechtigten Kritik an Wulff nicht vergessen werden darf, dass diese Rede wichtig und wirklich gut gewesen ist. Aber da ich Wulff als Menschen nicht schätze, er die Fehler, die er gemacht hat, nicht einsieht und äußerst realitätsfern ist, wollte ich diese Aufgabe nicht bearbeiten, weil ich nicht der Meinung bin, dass Christian Wulff als Kontrastfigur zu Philipp dienen sollte; im Kultusministerium sitzt wohl jemand, der ihn schätzt.

    2 Leserempfehlungen
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    • Puka
    • 26.03.2012 um 13:22 Uhr

    Sehr geehrter Herr Ulrich,
    sie haben gut daran getan, von dieser Aufgabe abzulassen, denn diese Aufgabe ist, wie mir scheint, in ihrer Formulierung bereits unsinnig. Philipp II. eignet sich weder als Eben- noch als Gegenbild Wulffs, sie verbindet zwar auf der einen Seite eine gewisse verbohrte Emotionalität, und die Einsamkeit an der Spitze unter der besonders Philipp leidet, gehen aber wiederum von unterschiedlichen Idealen aus, wie sie selbst darlegen. Jene Toleranzrede Wulffs stellt allerdings so gut wie keine Bezüge zu Don Karlos dar. Selbst der Marquis de Posa interessiert sich wenig für die Freiheit der Religion sondern lediglich für die 'Gedankenfreiheit' ein völlig anderer Themenbereich. Dass ihr Kultusministerium bestrebt war, einen Zeitbezug zur klassischen Literatur herzustellen, ist zwar ehrenwert, hervor kam jedoch eine sichtliche Kopfgeburt, die sich nicht recht ineinander zu fügen scheint.

    • Puka
    • 26.03.2012 um 13:22 Uhr

    Sehr geehrter Herr Ulrich,
    sie haben gut daran getan, von dieser Aufgabe abzulassen, denn diese Aufgabe ist, wie mir scheint, in ihrer Formulierung bereits unsinnig. Philipp II. eignet sich weder als Eben- noch als Gegenbild Wulffs, sie verbindet zwar auf der einen Seite eine gewisse verbohrte Emotionalität, und die Einsamkeit an der Spitze unter der besonders Philipp leidet, gehen aber wiederum von unterschiedlichen Idealen aus, wie sie selbst darlegen. Jene Toleranzrede Wulffs stellt allerdings so gut wie keine Bezüge zu Don Karlos dar. Selbst der Marquis de Posa interessiert sich wenig für die Freiheit der Religion sondern lediglich für die 'Gedankenfreiheit' ein völlig anderer Themenbereich. Dass ihr Kultusministerium bestrebt war, einen Zeitbezug zur klassischen Literatur herzustellen, ist zwar ehrenwert, hervor kam jedoch eine sichtliche Kopfgeburt, die sich nicht recht ineinander zu fügen scheint.

    • Puka
    • 26.03.2012 um 13:22 Uhr

    Sehr geehrter Herr Ulrich,
    sie haben gut daran getan, von dieser Aufgabe abzulassen, denn diese Aufgabe ist, wie mir scheint, in ihrer Formulierung bereits unsinnig. Philipp II. eignet sich weder als Eben- noch als Gegenbild Wulffs, sie verbindet zwar auf der einen Seite eine gewisse verbohrte Emotionalität, und die Einsamkeit an der Spitze unter der besonders Philipp leidet, gehen aber wiederum von unterschiedlichen Idealen aus, wie sie selbst darlegen. Jene Toleranzrede Wulffs stellt allerdings so gut wie keine Bezüge zu Don Karlos dar. Selbst der Marquis de Posa interessiert sich wenig für die Freiheit der Religion sondern lediglich für die 'Gedankenfreiheit' ein völlig anderer Themenbereich. Dass ihr Kultusministerium bestrebt war, einen Zeitbezug zur klassischen Literatur herzustellen, ist zwar ehrenwert, hervor kam jedoch eine sichtliche Kopfgeburt, die sich nicht recht ineinander zu fügen scheint.

    Eine Leserempfehlung
    • tj38
    • 26.03.2012 um 15:48 Uhr

    Darf man den König öffentlich weinen sehen?

    Antwort auf "ließ deinen"
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    • Puka
    • 26.03.2012 um 15:57 Uhr

    nur in der Oper soweit, ich weiß.

    • Puka
    • 26.03.2012 um 15:57 Uhr

    nur in der Oper soweit, ich weiß.

    • Puka
    • 26.03.2012 um 15:57 Uhr
    6. nur in

    nur in der Oper soweit, ich weiß.

  2. Ich kann mir noch sehr viele andere "Persönlichkeiten" vorstellen, die man Wulff gegenüberstellen kann, und neben denen er fabelhaft dasteht.
    Allerdings funktioniert das auch umgekehrt!
    Zum Abi-Thema: man erkennt die Absicht, und man ist verstimmt.

    5 Leserempfehlungen
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    Die Duftnote, die hier das Kultusministerium hinterlassen hat, lässt deutlich erkennen, das es von einem CDU-Landesverband geführt wird, der zu den konservativen Hardlinern in Deutschland zählt.

    Im Vergleich zu Schillers Despoten wirken Wullfs Verfehlungen dann garnicht mehr so schlimm.
    Den Abiturienten soll ja schließlich frühzeitig klar gemacht werden, wo sie gefälligst ihr Kreuz zu setzen haben, wenn sie dann nächstes Jahr zum ersten Mal an einer Bundestagswahl teilnehmen.

    Soviel zum gymnasialen Bildungsauftrag, die Erziehung zum "mündigen Bürger" zu fördern.

    Die Duftnote, die hier das Kultusministerium hinterlassen hat, lässt deutlich erkennen, das es von einem CDU-Landesverband geführt wird, der zu den konservativen Hardlinern in Deutschland zählt.

    Im Vergleich zu Schillers Despoten wirken Wullfs Verfehlungen dann garnicht mehr so schlimm.
    Den Abiturienten soll ja schließlich frühzeitig klar gemacht werden, wo sie gefälligst ihr Kreuz zu setzen haben, wenn sie dann nächstes Jahr zum ersten Mal an einer Bundestagswahl teilnehmen.

    Soviel zum gymnasialen Bildungsauftrag, die Erziehung zum "mündigen Bürger" zu fördern.

    • BerndL
    • 26.03.2012 um 17:40 Uhr

    Vertrauen sie mal unserer Bundeskanzlerin, denn mit dieser Aussage hatte sie RECHT (trifft auch auf ganz Europa zu).
    Die Erde ist keine Scheibe, auch wenn sie sehr flach aussieht.

    " in denen die Bundeskanzlerin sagt, Multikulti sei gescheitert."

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    Woran genau machen Sie das fest, werter BerndL? Dieser Satz von der Bundeskanzlerin, die ich eigentlich schätze, lese ich wie eine Resignation; er ist ein Eingeständnis, dass die Politik sehr viele Fehler gemacht und eine fundierte Integrationspolitik jahrelang gefehlt hat; man ging davon aus, dass die Gastarbeiter Deutschland wieder verlassen werden, was freilich nicht geschehen ist.

    Aber wie sagt man so schön: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Zu sagen, Mulitikulti sei gescheitert, ist eine Bankrotterklärung, es ist tragisch, da Deutschland multikulturell ist und es bleiben wird und es sonst auch gar nicht bestehen könnte. Da ich der Meinung bin, dass eine wirklich lebendige Gesellschaft nur aus verschiedenen Kulturen bestehen kann, die sich gegenseitig ergänzen und tolerieren, muss dafür gesorgt werden, dass Multikulti eben nicht scheitert; es bedarf einer genauen Analyse, warum (!) es nicht so funktioniert, wie es sollte.

    Und die Behauptung, Multikulti funktioniere in ganz Europa nicht, kann ich nicht teilen. London beispielsweise wäre nicht London, wenn dort nicht unterschiedlichste Kulturen aufeinanderprallen würden.

    Woran genau machen Sie das fest, werter BerndL? Dieser Satz von der Bundeskanzlerin, die ich eigentlich schätze, lese ich wie eine Resignation; er ist ein Eingeständnis, dass die Politik sehr viele Fehler gemacht und eine fundierte Integrationspolitik jahrelang gefehlt hat; man ging davon aus, dass die Gastarbeiter Deutschland wieder verlassen werden, was freilich nicht geschehen ist.

    Aber wie sagt man so schön: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Zu sagen, Mulitikulti sei gescheitert, ist eine Bankrotterklärung, es ist tragisch, da Deutschland multikulturell ist und es bleiben wird und es sonst auch gar nicht bestehen könnte. Da ich der Meinung bin, dass eine wirklich lebendige Gesellschaft nur aus verschiedenen Kulturen bestehen kann, die sich gegenseitig ergänzen und tolerieren, muss dafür gesorgt werden, dass Multikulti eben nicht scheitert; es bedarf einer genauen Analyse, warum (!) es nicht so funktioniert, wie es sollte.

    Und die Behauptung, Multikulti funktioniere in ganz Europa nicht, kann ich nicht teilen. London beispielsweise wäre nicht London, wenn dort nicht unterschiedlichste Kulturen aufeinanderprallen würden.

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