BildungsaufsteigerErst die emotionale Krise, dann der Aufstieg

Wie kommen benachteiligte Kinder nach oben? Aufsteiger haben den Wunsch, sich weiterzuentwickeln, sagt Soziologe El-Mafaalani. Und sie haben Helfer aus anderen Milieus. von 

ZEIT ONLINE: Herr El-Mafaalani, der Bildungserfolg der Kinder hängt in Deutschland stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Wollten die, die trotz schwieriger Startbedingungen aufgestiegen sind, schon als Kinder reich oder berühmt werden?

Studie zu Bildungsaufsteigern

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat in seiner qualitativen, nicht repräsentativen Studie mit 20 Menschen gesprochen, die aus Unterschichtsfamilien in hohe Positionen aufgestiegen sind. Sie sind alle in Arbeitervierteln aufgewachsen und bekleiden jetzt politische Ämter, sind Professoren, Führungskräfte in der Wirtschaft oder Künstler. Die Biografien wurden verglichen: Wie sind sie verlaufen und wie wurden sie verarbeitet?

Aladin El-Mafaalani: BildungsaufsteigerInnen aus benachteiligten Milieus. Habitustransformation und soziale Mobilität bei Einheimischen und Türkeistämmigen

Aladin El-Mafaalani: Das war das Spannendste für mich: Zwar ist dieser Wunsch gerade für die unteren Schichten typisch. Sie sind stärker auf
das Geld fixiert, gerade weil es so knapp ist. Das führt aber nicht dazu, dass sie sich in der Schule anstrengen. Wer Reichtum und Ruhm  will, wird von Heidi Klum , Dieter Bohlen oder Mesut Özil abgelenkt. Bildung wird da nicht als Weg zum Ziel erkannt. Hierfür fehlt auch die Orientierung an Berufen, für die Bildung eine besondere Rolle spielt. Zudem lassen die deutschen Lehrpläne nicht unbedingt erkennen, wofür man etwas lernt.

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ZEIT ONLINE: Was mussten die Kinder aus der Unterschicht mitbringen oder erleben, damit sie es trotzdem nach oben schafften?

El-Mafaalani: Zwei Dinge sind es, die in allen Aufsteiger-Biografien auftauchen. Erstens haben alle eine starke Irritation oder Kränkung und damit eine emotionale Krise erlebt. Und sie haben ihre Herkunft als Ursache für diese Krise gesehen. Sie sind zu der Einsicht gelangt: Meine Lebensverhältnisse bieten mir zu wenig Möglichkeiten. Ich muss mich ändern. Dieses intrinsische Motiv, also die Bereitschaft oder der Drang, sich selbst zu verändern, passt viel besser zur deutschen Vorstellung von Bildung als Selbstzweck. Ein solches Motiv bedeutet aber auch, sich damit nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich von der Familie und dem Herkunftsmilieu zu distanzieren. Gewohnheiten und Werte verändern sich. Alles was in der Kindheit gut war, wird neu bewertet. Das ist sinnvoll, denn die in der Kindheit erlernten Muster funktionieren im Herkunftsmilieu gut, aber eben nicht in höheren Milieus. Gleichzeitig besteht die Gefahr, der Familie und den Freunden fremd zu werden.

Zweitens hatten alle Kontakte zu Menschen aus höheren Milieus. Zur richtigen Zeit ist im Jugendalter jemand da gewesen, der geholfen hat. Das Gleiche geschah dann meist noch einmal im Erwachsenenalter. Irgendjemand hat die schützende Hand über sie gehalten. Das hat natürlich auch mit Zufällen zu tun. Da freundet sich ein Mädchen mit der Tochter von Ärzten an, wechselt mit ihr zusammen aufs Gymnasium und profitiert von der Unterstützung der Eltern dieser Freundin bis zum Studium.

ZEIT ONLINE: Können Sie andere Beispiele nennen?

El-Mafaalani: Ja, ein türkischstämmiger Junge zum Beispiel. Er fühlte sich von seiner Gang verraten. Seine Welt brach zusammen. Zu dem
Zeitpunkt hatte er lediglich den Hauptschulabschluss – und diverse kriminelle Sachen gemacht. Er hat extrem reagiert, wollte plötzlich ganz anders sein und hat einfach entschieden, den Deutschen mehr zu vertrauen als türkischstämmigen Menschen. Er hat seine Haare lang wachsen lassen, bunte Sachen getragen und wurde von der alten Peer-Group als schwul beschimpft. Ein harter Weg. Aber es zeigt sich immer wieder, dass jede Krise auch eine Chance sein kann.

ZEIT ONLINE: Ähneln sich die Biografien der deutsch- und der türkischstämmigen Aufsteiger? Oder gibt es gravierende Unterschiede?

Leserkommentare
  1. in Deutschland stark von ihrer sozialen Herkunft ab, so das ewige Mantra. Spätestens der zweite Bildungsweg eröffnet aber auch hierzulande den Spätzündern eine Chance, zerstört aber im gleichen Maße das Bild, wonach mehr und mehr Förderung für Unwillige zielgerichtet wäre.

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    • E.Wald
    • 15. Juni 2012 8:47 Uhr

    sozial schwache Kinder bei gleicher Leistung deutlich weniger Anerkennung und Chancen bekommen (v.a. Gymnasialempfehlungen), ist das Mantra wahr. Kluge Kinder zu unterfordern, verdummt und demotiviert sie (das kennen Sie auch aus der Hochbegabtenforschung), deshalb ist der 2. Bildungsweg nur Augenauswischerei (und nur für jene, die mit dem im Artikel angesprochenen glücklichen Zufall in Berührung kommen).

    Leider ist die deutsche Gesellschaft immer noch davon überzeugt, dass sozial schwache Eltern erstens selbst dumm sind und zweitens ihre "Dummheit" zwingend vererben. (Ein angeblich "biologischer" Zusammenhang, der nur in Deutschland in dieser Stärke existiert).
    Diese Überzeugung führt dazu, dass Deutschland Potential verschenkt. Ich glaube nicht, dass es sich in absehbarer Zeit ändert; es gibt niemand, der das ernsthaft ändern wollte.

    • keibe
    • 14. Juni 2012 21:23 Uhr

    "Haben die, die trotz schwieriger Startbedingungen aufgestiegen sind, schon als Kinder reich oder berühmt werden?"

    so rein vom Satzbau.

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    Redaktion

    Da ist beim Redigieren das falsche Verb hineingeraten. Statt haben muss es natürlich heißen. Wollten... Wir haben das geändert. Danke für den Hinweis!

    • Keiner
    • 14. Juni 2012 22:23 Uhr

    Wenn die Story kein Fake ist, dann Hut ab!

    http://www.ftd.de/karrier...

    Eine Leserempfehlung
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    Die USA sind aber immernoch ein Land der Möglichkeiten, und jedem steht es zu, nach Glück zu streben (was auch immer damit gemeint ist). Eine derartige Geschichte ist in Deutschland undenkbar. Als elternlose, sozial benachteiligte Putzfrau hätte dieses brave Mädchen lebenslang die Böden ihrer Schule geputzt. Amerika ist da viel entwickelter und fortschrittlicher.

  2. Bei den Einschulungen meiner Kinder habe ich hunderte Kinder gesehen, die fröhlich, neugierig und wißbegierig ihre Schulkarriere starteten.

    Da waren keine sozialen Herkunftsunterschiede zu erkennen.

    Am Ende der 4. Klasse, wenn die Empfehlungen für die weiterführende Schule gegeben worden waren, sehe ich entmutigte und desinteressierte 10-jährige.

    In diesen vier Jahren werden Potentiale vergeudet und Hoffnungen enttäuscht.

    Die Lehrer können selten etwas dafür, ich habe die meisten als wohlwollend und ausgesprochen engagiert erlebt. Gerade bei der Benotung wurde immer gerungen, wie man denn den Vorschriften Genüge tun kann und gleichzeitig das Kind motiviert.

    Die zunehmend ausgehebelte Lernmittelfreiheit vererbt den sozialen Status. Wer seinen Kindern nicht die notwendige(n) Literatur, Nachschlagewerke kaufen kann, ist auf das Angebot der Schule beschränkt, das häufig in einer lose-Blatt-Sammlung besteht.

    Die Fixierung auf die Schulempfehlung macht schon kleine Kinder zu Konkurrenten und setzt sie unter Druck, dem sie dann durch Ignoranz entfliehen, um sich andere Bestätigungen zu holen.

    In der Grundschule werden die Weichen gestellt.

    k.

    12 Leserempfehlungen
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    Ich geben Ihnen Recht, dass die allermeisten Kinder im Einschulungsalter sehr neugierig, interessiert und wissbegierig sind. Und das diese Lernbegeisterung steil abfällt.

    Aber ich glaube nicht, dass die Lehrmittelfreiheit dabei eine Rolle spielt. Denn wer es möchte, kommt sehr kostengünstig an Informationen.
    Ein Besuch in der örtlichen Bibliothek zum Beipsiel liefert die nötigen Nachschlagewerke und nebenbei auch noch eine Menge Lesestoff.
    Das Internet enthält nicht nur eine unglaubliche Menge von Skripten sondern auch für Kinder aller Altersklassen viele Bildungsangebote, die kostenlos sind.
    Nur ist das eben mit etwas Aufwand verbunden.

    Ich sehe hier das Problem an der gleichen Stelle wie im Artikel. In den bildungsfernen Schichten, was grob auch mit dem Einkommen korelliert, hat Bildung eben keinen großen Stellenwert, aus dem nicht haben ist ein nicht haben wollen geworden.
    Und dann wird eben der Fernseher angemacht oder ähnliches, anstatt mit dem Kind zu lernen oder die nötigen Bedingungen zu schaffen.

    Der Zusammenhang zwischen Bildung und Einkommen der Eltern ist nicht in dem Sinne proportional, dass eine Anhebung des durchschnittlichen Einkommens die durchschnittliche Bildung erhöhen würde. Es ist eher so, dass gebildete Eltern mit größerer Wahrscheinlichkeit gebildete Nachkommen hervorbringen. Das Bildung auch oft Grundstein für wirtschaftlichen Erfolg ist, ist ein andere Sache. Korrelation impliziert nicht zwangsläufig Kausalität.

  3. Ich geben Ihnen Recht, dass die allermeisten Kinder im Einschulungsalter sehr neugierig, interessiert und wissbegierig sind. Und das diese Lernbegeisterung steil abfällt.

    Aber ich glaube nicht, dass die Lehrmittelfreiheit dabei eine Rolle spielt. Denn wer es möchte, kommt sehr kostengünstig an Informationen.
    Ein Besuch in der örtlichen Bibliothek zum Beipsiel liefert die nötigen Nachschlagewerke und nebenbei auch noch eine Menge Lesestoff.
    Das Internet enthält nicht nur eine unglaubliche Menge von Skripten sondern auch für Kinder aller Altersklassen viele Bildungsangebote, die kostenlos sind.
    Nur ist das eben mit etwas Aufwand verbunden.

    Ich sehe hier das Problem an der gleichen Stelle wie im Artikel. In den bildungsfernen Schichten, was grob auch mit dem Einkommen korelliert, hat Bildung eben keinen großen Stellenwert, aus dem nicht haben ist ein nicht haben wollen geworden.
    Und dann wird eben der Fernseher angemacht oder ähnliches, anstatt mit dem Kind zu lernen oder die nötigen Bedingungen zu schaffen.

    Der Zusammenhang zwischen Bildung und Einkommen der Eltern ist nicht in dem Sinne proportional, dass eine Anhebung des durchschnittlichen Einkommens die durchschnittliche Bildung erhöhen würde. Es ist eher so, dass gebildete Eltern mit größerer Wahrscheinlichkeit gebildete Nachkommen hervorbringen. Das Bildung auch oft Grundstein für wirtschaftlichen Erfolg ist, ist ein andere Sache. Korrelation impliziert nicht zwangsläufig Kausalität.

    2 Leserempfehlungen
  4. zu den ganzen Lobeshymnen, die ständig auf Deutschland gesungen werden. Ich nehme auch mal an, dass sich Zeit-Online auch für ein Medium des Bildungsbürgertums hält. Aber angesichts solcher Artikel

    http://www.zeit.de/wirtsc...

    kann ich mir das irgendwie nicht vorstellen. Da geht es doch genauso nur darum reich und berühmt zu sein und möglichst viele Investitionen anzulocken. Also selbst wer die Zeit liest ist wohl nicht gefeit vor diesen Plattitüden der benachteiligten Milieus. Da wird ja selbst von Forschung und Entwicklung behauptet man bräuchte nur genug Geld drauf kippen und schon läuft es von allein. Da ist ja keine Phrase platt genug, um nicht weiter gedroschen zu werden. Und hey - das hält ja hier totzdem niemanden mit Rang und Namen davon ab sich hier im Licht der Öffentlichkeit zu sonnen.

    Ich jedenfalls weis auch bei diesem Interview hier nicht was das mir z.B. bringen soll außer die Bestätigung dafür, was wir ohnehin längst wissen. Das das Wirtschaftswunderland Deutschland weit weniger wunderbar erscheint, wenn es darum geht objektiv guten Leuten mal eine Chance zu geben. Da helfen mir weder die Geschichten von Aufsteigern bei Migranten noch Freundschaften zu Ärtzekindern weiter.

    • tecnyc
    • 15. Juni 2012 1:06 Uhr

    Ich (Biodeutscher) erkenne mich in vielem von dem Gesagten wieder, besonders was die Distanzierung von der eigenen Familie und der unkritischen Betrachtung höherer Schichten betrifft. Auch bei mir hat der Kontakt zu einem Kind der Bildungsschicht zu einer kritischen Hinterfragung des eigenen familiären Wertesystems geführt. Seitdem gelten bei mir intellektuelle Leistungen als Top-Priorität und nicht mehr Sport, der tiefergelegte VW Golf und RTL.

    5 Leserempfehlungen
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    "Seitdem gelten bei mir intellektuelle Leistungen als Top-Priorität und nicht mehr Sport, der tiefergelegte VW Golf und RTL."

    Ich (Arbeiterkind) brauchte dazu keine Freunde aus sogenannten "Bildungsschichten". Meine Freundinnen aus der Schulzeit, alle Arbeiterkinder, haben studiert, sind selbstaendig, arbeiten in guten Positionen. Warum unterstellt man eigentlich der gesamten Arbeiterschicht ein Desinteresse an Bildung? Ich habe schon in frueher Kindheit eine Leidenschaft fuer das Lesen entwickelt, Buecher geradezu verschlungen, ohne zu wissen, was jetzt ein Bildungsbuergertum ist, oder dass meine Eltern fuer bildungsfern gehalten werden, nur weil sie aus dem Arbeitermilieu stammen!

    • Nest
    • 15. Juni 2012 8:10 Uhr

    ...dass sich die Knappheit durch Effizienzüberlegungen quasi vom Portemonnaie auf die Bildung ausweitet.
    ("Kinder, die mit wenig Geld und wenig hilfreichen Kontakten aufwachsen, entwickeln eine Routine, mit Knappheit insgesamt umzugehen. Sie fragen sich auch in der Schule immer: Ist das wirklich nötig? Wofür lerne ich das?")
    Dem sollte man vielleicht mal nachgehen.

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