Sieben von zehn Lehrern aller Fächer, Schulformen und –stufen geben an, Schüler in ihren Klassen zu haben, die große Probleme mit der deutschen Sprache haben. Unverkennbare Sprachdefizitie haben sogar Gymnasiasten, aber besonders betroffen sind die Hauptschüler. Das zeigt eine Meinungsumfrage aus diesem Frühjahr, deren Ergebnisse jetzt vorliegen .

Fast genauso viele Lehrer, ebenfalls fast siebzig Prozent, fühlen sich von den auseinander fallenden Sprachkenntnissen in ein und derselben Klasse überlastet. Weniger als ein Drittel hat sich im Hochschulstudium mit "Deutsch als Zweitsprache" (DaZ) vertraut gemacht. Verpflichtend sind solche Kurse inzwischen nur für Lehramtsbewerber in Berlin und Nordrhein-Westfalen .

Wer über eine "DaZ"-Kompetenz verfügt und wer nicht, ist auch eine Altersfrage. Die Lehrer, die demnächst in Pension gehen, waren schon fest im Amt, als die Bundesregierung 1979 in einem Memorandum erstmals vorsichtig andeutete, dass es eine massenhafte Zuwanderung gegeben hat – fast zwanzig Jahre nachdem die ersten angeworbenen Gastarbeiter aus der Türkei kamen. "Die Politik, auch die Bildungspolitik, hat seitdem viel zu lange geschlafen", sagt Ties Rabe heute, der Hamburger Schulsenator und Präsident der Kultusministerkonferenz .

Teure Sprachförderung ist nicht immer erfolgreich

Seit gut zehn Jahren bemühen sich nun die einzelnen Bundesländer und private Stifter umso mehr mit Hunderten von Initiativen, das Versäumte auszugleichen. "In der Zeit sind dreistellige Millionenbeträge ausgegeben worden", betont Rabe und verweist auf einen internen Sachstandsbericht der KMK, der aber vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wird.

Der Grund für die Geheimhaltung: "Die Fülle der Maßnahmen zeigt nicht die erwünschten Erfolge", stellt Pädagogik-Professor Michael Becker-Mrotzek fest. Er leitet das soeben gegründete Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität Köln . Erstes Ziel des Forschungs- und Beratungsinstituts ist es deshalb, die unterschiedlichen Initiativen zu vergleichen und herauszufiltern, was wirklich funktioniert.

Außerdem will das Institut mit einem Hochschulwettbewerb gute DaZ- Ansätze im Lehramtsstudium fördern. Laut Institutschef Müller-Beckert muss sich auch ein Fachlehrer für Mathe und Physik mit Sprachdiagnostik und -förderung auskennen. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes , Heinz-Peter Meidinger , warnt jedoch vor hektischen Neuerungen. "Mit immer mehr Lernbausteinen wird das Studium schnell überfrachtet oder aber in bloße Schnupperkurse aufgelöst."

Einen dritten Arbeitsschwerpunkt sieht das Mercator-Institut in der Weiter- oder Nachqualifizierung von Lehrern. Nicht einmal jeder Fünfte hat im vergangenen Jahr überhaupt an irgendeiner Fortbildung teilgenommen. Senator Rabe betont jedoch, zumindest die Lehrer in Hamburg seien verpflichtet, sich weiterzubilden – im Umfang von dreißig Stunden pro Jahr. Sprachförderung könnte also gelernt werden.