SchulreformIst das Turbo-Abi gescheitert?

Die westdeutschen Bundesländer zweifeln an G8, dem Abitur in acht Jahren. Eine überfällige Kehrtwende – oder rückwärtsgewandter Unsinn? Unsere Redakteure diskutieren.

Vom Sommer 2013 an sollen hessische Gymnasien zwischen G8, dem Abitur in acht Jahren, und G9 wählen können. In Schleswig-Holstein ist es schon so weit. Auch im Bildungsbericht der Bundesregierung, der an diesem Freitag vorgelegt wird, ist von einem Trend zur Entschleunigung die Rede. Brauchen Schüler wieder mehr Zeit?

Pro: Eltern in Panik, Schüler ohne Wissensgewinn, Politiker ohne Sparerfolg. Das Abitur sollte bundesweit wieder nach neun Jahren abgelegt werden, kommentiert Parvin Sadigh.

Nicht nur aufgescheuchte Eltern hadern mit G8, dem verkürzten Abitur in acht Jahren. Endlich rudern nun auch die Schulpolitiker in einzelnen Bundesländern vorsichtig zurück. Ein bisschen G9 soll wieder erlaubt werden. Ehrlicher wäre es, bundesweit zuzugeben, dass G8 gescheitert ist.

Anzeige

Es ist gescheitert, weil sowohl die Lehrpläne als auch die Art des Lernens unverändert geblieben sind. Die Schulpolitiker haben die Chance verpasst, mit dieser Reform gleich auch zu überdenken, wie viel und auf welche Weise Jugendliche am besten lernen.

Parvin Sadigh
Parvin Sadigh

Parvin Sadigh ist Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Sinnvoll wäre es gewesen, die Lehrpläne abzuspecken. Die Schüler hätten zwar nicht die gleiche Menge an Detailwissen vermittelt bekommen wie noch die G9-Generation. Aber man hätte sie bestenfalls dazu motivieren können, selbstständig und motiviert weiterzuforschen. Stattdessen werden die üblichen Berge von Spezialkenntnissen einfach in kürzerer Zeit in die Köpfe von Pubertierenden gepresst. Manch ein Achtklässler hat eine 45-Stundenwoche. Was da wohl nach der Klausur hängen bleibt an wirklichem Wissen?

Die kürzere Schulzeit sollte angeblich den jungen Leuten dienen. Sie sollten im internationalen Vergleich nicht zu alt sein – und nach dem ebenfalls verkürzten Studium auf dem Fachkräftemarkt konkurrenzfähig. Ebenfalls wichtig war dem Staat, Geld zu sparen und früher an Steuergeld zu kommen.

Aber diese Pläne gehen nicht auf. Denn erstens wollen viele Firmen diese unreifen Menschen gar nicht haben. Sie sollen ja Verantwortung übernehmen. Dazu brauchen sie Lebenserfahrung, Interessen und Meinungen. Zweitens spielen viele der Abiturienten nicht mit. Sie wollen nämlich nach der Schule oder spätestens nach dem Bachelor-Studium einmal etwas Reales erleben: Tiere pflegen, nach Peru reisen, Videos drehen. Oder einfach nichts tun und sich selbst aushalten.

Schon jammern Eltern, Lehrer, Politiker, Journalisten wieder: Warum werden die nicht erwachsen? Warum haben die nur Selbstverwirklichung im Kopf? Ganz einfach, weil die ja irgendwann mal stattfinden muss. Eigentlich wäre die Pubertät die richtige Zeit dafür. Doch gerade in dieser Phase ist der G8-Stundenplan extrem voll mit abstraktem Wissen, das kaum Bezug zum echten Leben hat.

G8 ist nicht gescheitert, weil man den armen Kindern keine Anstrengung abverlangen kann. Sondern weil die Schule sie in die falsche Richtung drängt und die Politiker ihr Ziel damit verfehlt haben. Zurück zu G9 wäre eine Chance auf mehr Bildung. Die Schüler könnten sich mehr Zeit für das Wesentliche nehmen.

Leserkommentare
    • Ursa
    • 22.06.2012 um 20:59 Uhr

    Und natürlich EXTREM bescheurt, da durchsichtig, war der angebliche Einführungsgrund. In Wahrheit hat man - wie so oft in der sog. Bildungspolitik- einfach Geld sparen wollen. Und man hat verwechselt, dass bspw. "Schnelles Addieren und Multiplizieren" nicht gleichbedeutend ist mit Reflexionskompetenz. Aber das wiederum ist vielleicht ein grundsätzliches Problem der Hochbegabung, unter der zu viele ausschließlich Fertigkeiten verstehen.
    Aber Leute: wie wäre es, wenn unsere Kinder mal so viele Lehrerinnen hätten, dass der Klassenteiler nicht mehr in den Sekundar 1- Klassen bei 30 und mehr liegt. DAS wäre daoch mal ein Ansatz. Ach, vergessen, kostet ja wieder Geld. Und wer soll dann noch das verdiente Gehalt unserer unzähligen StaatssekretärInnen im Schlüsselbereich Bildung zahlen??

    2 Leserempfehlungen
  1. Ohne die Ergäbe dieser Kommentar keinen Sinn! Allerdings bin ich anderer Ansicht (auch begründbar).

  2. Nein! Ich will nicht, dass mir irgendwelche SPDler in das bayerische Bildungssystem hineinreden. Außerdem ist mir das staatliche Eigenleben des Freistaats Bayern ein Herzensanliegen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    solchen beschraenkten Einlassungen zu moeglichen Reformen verkommt unser Bildungssystem.

    solchen beschraenkten Einlassungen zu moeglichen Reformen verkommt unser Bildungssystem.

  3. Ich halte öffentlich zugängliche Ergebnislisten aller Gymnasien für hilfreich. Damit würde öffentlich, was die Schule als Ergebnis abliefert. Konkret für das Abitur wären das "Anzahl der Oberstufenschüler">"zum Abitur zugelassene Schüler">"Teilnahmer an den schriftlichen Abiturprüfungen">"Schüler ohne mündliche Zusatzprüfung (wg. Durchfallen)">"Schüler die das Abitur bestanden haben" und die Durchschnittsnote. Noch mehr Sinn macht das bei einem Zentralabitur. Schulintern heruntergebrochen je Lehrkraft, um eine Qualitätssicherung der Lehrleistung zu gewährleisten, mit der Pflicht schlechte Lehrer nachzuschulen. Stofffülle abspecken und dann entweder eine richtige Ganztagsschule -trotz Mehrkosten- im G8 oder wie im G9 eine Schule mit angpasster Infrastruktur. Auch G8er haben das Recht auf vernünftige Rahmenbedingungen. Das darf keine Frage des Geldes sein. Spannen wir einen Rettungsschirm über das Gymnasium und unsere Kinder!

    Irgendwer muss ja mal unsere Schulden bezahlen, und die der Griechen .. (jetzt schweife ich ab, Entschuldigung. War irgendwas mit Rettungsschirm. Wenigtens 4:2 gewonnen.. Nein, auch nicht .. das war nicht der Euro, das war die EURO)

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    oder haben Sie einfach Ihren Vorschlag nicht zu Ende gedacht? Erstens gibt es nur in wenigen Bundesländern ein echtes Zentralabitur (wegen der schulinternen Aufgabenauswahl und den rein schulinternen Prüfern gehört Bayern nicht wirklich dazu), was zweitens bedeutet, dass die Gefahr sich erhöht, dass in den Schulen die Noten noch mehr verschenkt werden, damit die Schule in der Öffentlichkeit gut dasteht, und drittens ist die Ursache eines schlechten Abschneidens einer Klasse oder einer Schule oder eines Kurses im Abitur nicht unbedingt ein schlechter Lehrer (kann schon im Ausnahmefall sein), sondern immer häufiger eine uninteressierte Schülerschaft, die weiß, dass ihr eigentlich nichts passieren kann, weil die Schuld immer bei den Lehrern (seltener beim System), so gut wie nie aber bei den Schülern gesehen wird.
    Für Fußballfans: Wenn ein Trainer aus einer untalentierten Laientruppe ohne Interesse keine erfolgreiche Nationalmannschaft machen kann, wieso soll es bei den ungleich komplexeren intellektuellen Vorgängen, die für die Erlangung der Hochschulreife notwendig sind, anders sein?

    oder haben Sie einfach Ihren Vorschlag nicht zu Ende gedacht? Erstens gibt es nur in wenigen Bundesländern ein echtes Zentralabitur (wegen der schulinternen Aufgabenauswahl und den rein schulinternen Prüfern gehört Bayern nicht wirklich dazu), was zweitens bedeutet, dass die Gefahr sich erhöht, dass in den Schulen die Noten noch mehr verschenkt werden, damit die Schule in der Öffentlichkeit gut dasteht, und drittens ist die Ursache eines schlechten Abschneidens einer Klasse oder einer Schule oder eines Kurses im Abitur nicht unbedingt ein schlechter Lehrer (kann schon im Ausnahmefall sein), sondern immer häufiger eine uninteressierte Schülerschaft, die weiß, dass ihr eigentlich nichts passieren kann, weil die Schuld immer bei den Lehrern (seltener beim System), so gut wie nie aber bei den Schülern gesehen wird.
    Für Fußballfans: Wenn ein Trainer aus einer untalentierten Laientruppe ohne Interesse keine erfolgreiche Nationalmannschaft machen kann, wieso soll es bei den ungleich komplexeren intellektuellen Vorgängen, die für die Erlangung der Hochschulreife notwendig sind, anders sein?

  4. in Sachsen glänzend funktioniert und das mit höherem Niveau als heute in den meisten Bundesländern. Warum soll es also nicht in Gesamtdeutschland funktionieren?

    Könnte es nicht sein, dass das Niveau der Abiturienten gesunken ist, weil immer mehr Kinder das Abitur machen (und natürlich immer mehr studieren) und dass deshalb die Probleme entstehen?

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nein, es liegt daran dass sich das Wissen der Menscheit mittlerweile alle 5 Jahre verdoppelt und auch bei nur bruchteilhafter Uebernahme in Lehrplaene den Schuelern/Innen kontinuierlich mehr abverlangt wird.

    Klassische Symptome: Kurzfristege Reinpressen von Informationen fuer Pruefungen gefolgt von sofortigem Vergessen...

    Ohne Streichung von alten Inhalten sind nunmal keine neuen aufzunehmen.

    Nein, es liegt daran dass sich das Wissen der Menscheit mittlerweile alle 5 Jahre verdoppelt und auch bei nur bruchteilhafter Uebernahme in Lehrplaene den Schuelern/Innen kontinuierlich mehr abverlangt wird.

    Klassische Symptome: Kurzfristege Reinpressen von Informationen fuer Pruefungen gefolgt von sofortigem Vergessen...

    Ohne Streichung von alten Inhalten sind nunmal keine neuen aufzunehmen.

    • Nevil
    • 23.06.2012 um 11:35 Uhr

    haben aber auch über 30 Wochenstunden, sodass sie oft erst gegen halb 3 oder auch einmal nach halb 4 (nach 8 Stunden) nach Hause kommen, um meistens das Schulzeug in die Ecke zu schmeißen und zum Training zu gehen. Allerdings liegt die Schule um die Ecke... Eine Vielzahl von Freistunden gibt es an der Schule nicht, auch nicht in der Oberstufe.
    Sie sind keine Überflieger, sondern liegen zwischen 2 und 3 im Durchschnitt, womit sich meine Schwester zufrieden gibt. An den meisten Wochenenden ist aber natürlich neben den Sportturnieren das Erledigen von HA und lernen angesagt, das bleibt nicht aus bei zwei- oder dreimal Training in der Woche.
    Aber diese "rollende Woche" kenne ich auch: ich hatte eine Stunde Schulweg und es war auch samstags Schule (dann nicht vor 13.30 Uhr zu Hause). Da musste man auch mal sonntags an das Schulzeug ran...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sollten sie eigentlich mittags zu Hause sein! Vor allem, wenn es noch das Klassensystem ist und sie keine zusätzlichen Arbeitsgemeinschaften belegt haben. (5 mal 6 ist 30!)
    Im Gymnasium ist in diesen Klassen eigentlich nachmittags zwischen 2 und 3 Stunden Lernen angesagt, damit man den Stoff bewältigen kann. Wenn jemand das nicht tut, weiß ich wirklich nicht, wie er zwischen 2 und 3 stehen kann (oder er ist hochbegabt, oder die Schule verlangt entsprechend wenig).
    In der Oberstufe 6 bis 7 Stunden zusätzlich bei notwendigen Freistunden (das war früher anders, aber es gab auch nicht so viele Alternativen z.B. in den Fremdsprachen) ist es tatsächlich so, wie ich in dem entsprechenden Beitrag geschrieben habe. Dann stünde eigentlich noch mindestens 2 Stunden Lernen auf dem Plan (und es ist zum Erlangen guter Noten - auch unter gelockerter Bedingungen - notwendig). Da geht den Schülern, die wirklich im Abitur gut abschneiden wollen, tatsächlich die Puste aus. Und ein gutes Abschneiden ist angesichts der Tatsache, dass die Konkurrenz immer größer wird, für die Absolventen immer wichtiger. Vor allem, wenn man ein NC-Fach studieren möchte.
    PS: Ich kenne auch noch das System mit einer 6-Tage-Woche. Das war entspannter, weil man den Nachmittag tatsächlich sich einteilen konnte und der Freizeitstress am Wochenende nicht so da war. Aber wir hatten noch eine wesentlich stärker ausgewählte Gymnasiastentruppe und deshalb trotz NC größere Chancen, den angestrebten Studienplatz zu bekommen.

    sollten sie eigentlich mittags zu Hause sein! Vor allem, wenn es noch das Klassensystem ist und sie keine zusätzlichen Arbeitsgemeinschaften belegt haben. (5 mal 6 ist 30!)
    Im Gymnasium ist in diesen Klassen eigentlich nachmittags zwischen 2 und 3 Stunden Lernen angesagt, damit man den Stoff bewältigen kann. Wenn jemand das nicht tut, weiß ich wirklich nicht, wie er zwischen 2 und 3 stehen kann (oder er ist hochbegabt, oder die Schule verlangt entsprechend wenig).
    In der Oberstufe 6 bis 7 Stunden zusätzlich bei notwendigen Freistunden (das war früher anders, aber es gab auch nicht so viele Alternativen z.B. in den Fremdsprachen) ist es tatsächlich so, wie ich in dem entsprechenden Beitrag geschrieben habe. Dann stünde eigentlich noch mindestens 2 Stunden Lernen auf dem Plan (und es ist zum Erlangen guter Noten - auch unter gelockerter Bedingungen - notwendig). Da geht den Schülern, die wirklich im Abitur gut abschneiden wollen, tatsächlich die Puste aus. Und ein gutes Abschneiden ist angesichts der Tatsache, dass die Konkurrenz immer größer wird, für die Absolventen immer wichtiger. Vor allem, wenn man ein NC-Fach studieren möchte.
    PS: Ich kenne auch noch das System mit einer 6-Tage-Woche. Das war entspannter, weil man den Nachmittag tatsächlich sich einteilen konnte und der Freizeitstress am Wochenende nicht so da war. Aber wir hatten noch eine wesentlich stärker ausgewählte Gymnasiastentruppe und deshalb trotz NC größere Chancen, den angestrebten Studienplatz zu bekommen.

    • APGKFT
    • 23.06.2012 um 12:33 Uhr

    ja zugeben das die böse Margot Honecker etwas geleistet hat. Das ist aber ein Sakrileg!!!

    4 Leserempfehlungen
  5. oder haben Sie einfach Ihren Vorschlag nicht zu Ende gedacht? Erstens gibt es nur in wenigen Bundesländern ein echtes Zentralabitur (wegen der schulinternen Aufgabenauswahl und den rein schulinternen Prüfern gehört Bayern nicht wirklich dazu), was zweitens bedeutet, dass die Gefahr sich erhöht, dass in den Schulen die Noten noch mehr verschenkt werden, damit die Schule in der Öffentlichkeit gut dasteht, und drittens ist die Ursache eines schlechten Abschneidens einer Klasse oder einer Schule oder eines Kurses im Abitur nicht unbedingt ein schlechter Lehrer (kann schon im Ausnahmefall sein), sondern immer häufiger eine uninteressierte Schülerschaft, die weiß, dass ihr eigentlich nichts passieren kann, weil die Schuld immer bei den Lehrern (seltener beim System), so gut wie nie aber bei den Schülern gesehen wird.
    Für Fußballfans: Wenn ein Trainer aus einer untalentierten Laientruppe ohne Interesse keine erfolgreiche Nationalmannschaft machen kann, wieso soll es bei den ungleich komplexeren intellektuellen Vorgängen, die für die Erlangung der Hochschulreife notwendig sind, anders sein?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service