Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sind Schrittmacher für den islamischen Religionsunterricht an staatlichen Schulen . Für den Religionsunterricht brauchen die Pädagogen laut Grundgesetz eine Lehrerlaubnis der Religionsgemeinschaft, bisher also vor allem von den großen christlichen Kirchen. Der Islam wird nun mangels einer Kirche durch einen "Beirat" vor den Landesregierungen vertreten. Anfang Juni hat das niedersächsische Gremium in einem Vorschriftenkatalog festgelegt, wovon es seine Erlaubnis für Religionslehrer im Staatsdienst (Idschaza) abhängig macht. Dabei bleibt nichts privat, die Religionswächter durchleuchten das Leben in der Totale.

So müssen die Bewerber außer dem Fachstudium und Vorbereitungsdienst in der Schule auch ein erfolgreiches "Motivationsgespräch" vor dem Beirat bestehen. Darin geht es auch um die persönliche "Stellung zu religiös begründeten Regeln in der staatlichen Rechtsordnung in Deutschland". Das heißt im Klartext: Wie kann oder soll traditionelles islamisches Recht (Scharia) hierzulande zur Geltung kommen?

Ferner brauchen die angehenden Lehrer ein Empfehlungsschreiben vom Vorstand und Prediger (Imam) einer Moscheegemeinde, die durch den Beirat vertreten wird. Dieser vertritt den Landesverband der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) , der größten muslimischen Organisation in Deutschland, und die Schura , einen zweiten, internationalen Landesverband von Muslimen. Die Ditib wird finanziell und personell vom türkischen Staat gesteuert. Er entsendet und bezahlt die Imame, die oft ohne Deutschkenntnisse kommen.

Ob diese Prediger mit dem hiesigen Schulleben wirklich so gut vertraut sind, um mit ihren Empfehlungsschreiben über den Zugang in den Staatsdienst entscheiden zu können? Auch islamische Universitätstheologen, die lieber nicht genannt werden wollen, zweifeln an der fachlichen Kompetenz der Verbände. Kein Grund zur Aufregung, meint jedoch Firouz Vlady, der Geschäftsführer des niedersächsischen Beirats. Die Ditib müsse ihre Geistlichen "eben an die Leine nehmen", damit sie keine verqueren Erwartungen an künftige Lehrer in Hannover oder Osnabrück stellen.

Kein Grund zur Aufregung, sagt auch Rechtsprofessor Heinrich de Wall in einem Gutachten für den Kultusminister des Landes. Die Idschaza-Ordnung sei nicht nur unbedenklich sondern notwendig, weil die Landesregierung den Beirat als einen Partner betrachte so wie die Kirchen. Sie müsse ihm deshalb auch die gleichen Rechte einräumen. So sieht es auch der Religionssoziologe der Universität Osnabrück Rauf Ceylan – solange man den entsprechenden Artikel 7.3. im Grundgesetz nicht infrage stellen will. Denn wenn auch die christlichen Kirchen keine Lehrerlaubnis erteilen müssten, wäre alles wieder diskutabel.

Die islamische Lehrerlaubnis ist gut katholisch

Die Religionsgemeinschaften schöpfen ihre Rechte mit Sonderregelungen allerdings sehr unterschiedlich aus. Der niedersächsische Beirats-Sprecher Vlady sagt, man habe sich auf Vorschlag des Schulministeriums an den entsprechenden katholischen und evangelischen Vorschriften orientiert und das eigene Programm in der Mitte dazwischen angesiedelt.

Tatsächlich kennen die evangelischen Kirchen in Niedersachsen überhaupt kein besonderes Zulassungsverfahren. Die Lehrerlaubnis ( Vocatio ) gilt mit der abgeschlossenen Lehrerausbildung als erteilt. Anschließend müssen die Bewerber zwar noch an einer zweieinhalbtätigen Infoveranstaltung teilnehmen. Aber Kerstin Gäfgen-Track vom Landeskirchenamt Hannover erklärt: "Wir haben die Zulassung praktisch an die Prüfer im Studium und in der Lehrerausbildung delegiert. Nur bei schweren Verstößen gegen unsere pluralistischen Lehrmeinungen schreiten wir noch ein, beispielsweise gegen kreationistische Anschauungen in der Schöpfungslehre." In einem solchen Fall kann die Lehrerlaubnis entzogen werden.

Demgegenüber erscheint die islamische Idschaza-Ordnung gut katholisch. Denn das Bistum Osnabrück verlangt beispielsweise von Religionslehrern auch im Privatleben die Beachtung kirchlicher Vorschriften . Dazu gehört, dass Paare "in einer aus Sicht der Katholischen Kirche gültigen Ehe" leben, Eltern ihre Kinder taufen lassen und katholisch erziehen. Geschiedene, die sich wiederverheiraten, verlieren die Lehrerlaubnis. Wie angehende muslimische Fachkollegen brauchen auch katholische Religionslehrer zwei Empfehlungsschreiben über eine "aktive Teilnahme am Leben der Kirche, eines von einer Person im geistlichen Amt",  also etwa vom Gemeindepfarrer.