SchulsystemBildung in Deutschland – der reinste Hürdenlauf

In Schule und Studium müssen viele Menschen zu viele Hürden überwinden, um an ihr Ziel zu gelangen. So empfinden es 32 junge Autoren. Sie fordern eine Bildungsrevolution. von Bettina Malter

Vollzeit arbeiten und danach vier Stunden Abendgymnasium – so sah Stella Taubers Alltag aus, fünf Tage die Woche, drei Jahre lang. Über den zweiten Bildungsweg machte die Rechtsanwaltsfachangestellte ihr Abitur, um studieren zu können. Doch ihr Ziel verlangte der heute 39-Jährigen viel ab.

Hürde zweiter Bildungsweg

Tauber hatte kaum noch ein Privatleben und Probleme mit ihren Kollegen. "Oft hatten meine Arbeitskollegen kein Verständnis für mich. Wieso sollte ich als einzige keine Überstunden leisten?", schreibt sie in unserem Buch Was bildet ihr uns ein? Vielen ihrer Mitschüler gelang es nicht Beruf, Familie und Schule zu vereinbaren. Für diejenigen, die im Schichtdienst arbeiteten, war es unmöglich. Die Mehrheit brach daher die Schule vorzeitig ab. Von den anfangs 25 Schülern in Taubers Klasse machten nur fünf das Abitur.

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Wir beschreiben den Bildungsweg in Deutschland als einen Hürdenlauf. Viele Kinder und junge Erwachsene müssen eine Hürde nach der anderen überwinden, wenn sie mehr erreichen wollen, als für sie vorgesehen war. Gerade wenn sie glauben, über alle Hürden gesprungen zu sein und sich nun auf das Wesentliche – aufs Lernen – konzentrieren zu können, türmt sich die nächste auf. Noch ist der Glaube verbreitet, dass derjenige, der im deutschen Bildungssystem scheitert, selbst schuld ist. Denn manche sehen die Hürden gar nicht, weil ihnen selbst nur wenige im Weg standen. Wir wollen den Blick auf die Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems lenken.

Deswegen haben wir ein Buch geschrieben, das im Titel die für uns entscheidende Frage stellt: Was bildet ihr uns ein? Wir – das sind Schüler des zweiten Bildungsweges, Studierende, Promovierende, Arbeiterkinder, ehemalige Schüler mit Migrationshintergrund. Wir sind Teil einer jungen Generation, die genug hat, und Veränderungen verlangt. Wir sehen die Hürden, haben wir sie doch selbst überwunden oder sind daran gescheitert.

Die Hürde, das Studium zu finanzieren

Stella Tauber hat als eine der wenigen das Abendgymnasium bestanden. So konnte sie als erste in ihrer Familie an einer Universität studieren – eine Hürde hatte sie geschafft. Für ihre Eltern war diese Entscheidung unverständlich. Wie konnte sie für eine ungewisse Zukunft ihre Arbeit aufgeben? Umso schwerer fiel es Tauber, ihrer Familie mitzuteilen, dass sie ihr Studium der Volkswirtschaftslehre abbrechen würde – sie hatte keine Kraft mehr, Nebenjob und Uni gleichzeitig zu stemmen.

An dieser Hürde, das Studium zu finanzieren, scheitern viele Studierende – genau 19 Prozent. Einen Nebenjob zu finden, der sich auf die ständig verändernden Stundenpläne einstellt, ist schwierig. Noch schwieriger ist es, sehr gute Noten zu bringen, wenn man neben dem vorgegebenen Studiumspensum von 40 Stunden noch arbeiten muss. Der Leistungsdruck ist hoch. Jede Note entscheidet mit, ob ein Studierender zum Masterstudium zugelassen wird oder nicht.

Der Hürdenlauf durch den Bildungsweg beginnt aber lange vor dem Abitur und dem Studium. Gebetsmühlenartig wurde in den Medien, in der Wissenschaft, ja auch in der Politik wiederholt: Die soziale Herkunft ist in Deutschland entscheidend für den Bildungserfolg eines Kindes . Und dennoch – auf die bahnbrechenden Reformen, die versuchen diese Ungerechtigkeit zu durchbrechen, wartet man vergebens.

Leserkommentare
  1. Immer wieder taucht der seltsame Gedanke auf, dass Noten völlig überflüssig seien. Auch wenn Noten niemals direkt vergleichbar sind, da sie von Schule zu Schule und Lehrer zu Lehrer varieren, geben sie doch eine grobe Orientierung. Und eine solche Einordnung der Leistungsfähigkeit ist auch notwendig. Wenn man Noten abschafft, wird es halt andere Maßnahmen geben um die Leistungsfähigkeit der Schüler messen zu können. Dann kommt die Ernüchterung halt später im Leben. Universitäten werden Eingangstests einführen und Arbeitgeber werden ähnliches organisieren. In Amerika kann man das schon beobachten. Da dort die Bildungsqualität enorm schwankt, gibt es Universitätseingangstests wie den SAT, Gmat oder den GRE, die privat organisiert sind und aus denen eine Industrie entstanden ist. Ich finde nicht, dass das erstrebenswert ist.
    Irgendwann muss jeder Mensch einmal lernen mit der Tatsache zu leben, dass es andere gibt die auf einem Gebiet besser sind. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen und der Bessere ist immer der Feind des Guten. Ich verstehe nicht warum wir in Deutschland die Indivualität der Menschen so zwanghaft verleugnen und verdecken müssen. Wenn einmal alle aus einem Jahrgang Abitur machen, heißt das noch lange nicht, dass auch alle gleich intelligent und auf allen Feldern gleich gut sind.

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  2. Stellen Sie sich vor, dass Sie als Personaler einer Bank einen Auszubildenden suchen. Und nun hat der "Weltfrieden" lediglich 1,0-Abis hervorgebracht. Wollen Sie 1000 Gespräche führen? Oder fragen Sie doch im Bekanntenkreis, wen es sich einzuladen lohnt?

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    Antwort auf "Träumerei"
  3. wird seit Jahrzehnten an den immer wieder selben und bekannten Mängeln des Schulsystems ohne Erfolg herumgedoktert.
    Ein hoffnungslsoes Unterfangen, dem zu unterstellen ist, dass ein eingfleischtes Pfründensystem wirkliche Veränderugnen verhindert.
    Es ist nicht davon auszugehen, dass sich die Situation ausgerechnet in Zeiten künstlich knapper Kassen ändert.

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  4. Als Student erlebe ich die Hürden des Bildungssystems jeden Tag. Hohe Anforderungen gepaart mit unmotivierten Dozenten und zum Teil nur noch als kafkaesk zu bezeichnenden Studienordnungen können einem die Lust am Studium gründlich vergällen. Und damit stehe ich bei Weitem nicht alleine da, vielen meiner Komilitonen, die motiviert mit dem Studium begonnen haben, geht es ähnlich.

    Wenn man dann noch von so genannten "Exzellenzinitiativen" hört, die im Grunde nur darauf abzielen, Universitäten nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu "optimieren", so kann man eigetlich nur noch ungläubig den Kopf schütteln.

    Oder auch das hier:
    http://www.ftd.de/karrier...

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    aber wie soll das umgesetzt werden?
    In einem GEO-Bericht wurde einer Problemklasse ein Team der 'besten Lehrer Europas' vorgesetzt, die ein halbes Jahr mit ihnen arbeiteten. Anschliessend belegte die Klasse in einem nationalen Vergleich einen der vordersten Plätze. Dies zeigt: 'gute' Lehrer (oder als solche idealisierte) vermögen das Niveau einer Klasse substantiell zu heben. Nur ist damit noch keine Patentlösung für das ganze Bildungssystem gefunden.

  5. Ein wichtiges Buch! Hoffentlich vermag es etwas zu ändern. Solange aber in Deutschland die Meinung Allgemeingültigkeit hat, dass der sogenannte "Ernst des Lebens" mit dem Schulanfang einsetzt, ergo jeglicher Spass der Kindheit in der Schule ein Ende haben muss, hege ich leider Zweifel daran, dass die Faktoren "Angst", "Leistungsdruck" und "sinnloses Einpauken" ohne Leidenschaft an der Sache endlich aus dem Schulsystem verbannt werden.

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    der Kindheit in der Schule ein Ende haben muss ..."

    Wo steht das geschrieben? Das sind doch mehr oder weniger ernst gemeinte Sprüche von Eltern und Großeltern. Der Spaß am Lernen ist als Konzept doch wahrscheinlich (fast) so alt wie die ganze Pädagogik.

    Aber eines stimmt vielleicht schon: Irgendwann müssen Kinder vielleicht doch lernen, ihr Bedürfnis nach dem Spaß ihrer Wahl zeitweilig zurückzustellen. Aber das passiert nicht erst in der Schule; das passiert schon mit dem liebevollen elterlichen Satz "Gute Nacht -- ab jetzt ins Bett!". Oder mit dem gesunden Gemüse statt dem Schokoriegel. Oder der Aufforderung, morgens aufzustehen und in den Kindergarten zu gehen, auch wenn das Bett warm und der Winter draußen kalt ist.

    Machen wir uns nichts vor: Das Leben macht auch vor der Schule nicht nur Spaß, und ist auch in der Schule nicht komplett spaß-frei.

    Vielleicht kann sogar das ernsthafte Arbeiten an einem spielerischen Problem Spaß machen?

    Aber es ist für Kinder vielleicht auch wichtig zu lernen, dass nicht alles im Leben (auf Anhieb) Spaß macht. Behutsam natürlich, aber irgendwie dann doch. Überforderung und Ängste sind natürlich die falsche Sorte von Ernst. Hier wäre allerdings noch zu klären, wieviel davon von der Schule und wieviel von überzogenen Vorstellungen, Wünschen und Anforderungen von Eltern erzeugt werden.

  6. ... als ich vor nunmehr 25 Jahren aus Sinapur nach Deutschland kam, konnte ich über das Bildungssystem nur den Kopf schütteln.

    Vor allem die Arroganz der Meinung, es sei das "beste System" der Welt stieß mich damals ab.

    Deshalb kam PISA auch für so viele als Schock.

    "Noch ist der Glaube verbreitet, dass derjenige, der im deutschen Bildungssystem scheitert, selbst schuld ist."

    Diese Mentalität steckt m. E. tatsächlich hinter den Problemen - man glaubt nur, was man selbst erlebt hat.

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  7. "Jeder sollte auch seine Grenzen kennen lernen und die schmerzhafte Erfahrung machen müssen, dass man diese Grenzen auch mit bester Förderung nicht wird überschreiten können. Auch dieser Schmerz gehört zum lernen."

    GENAU das sollte nicht das Ziel sein, sondern:
    JEDER SOLLTE SEINE STÄRKEN KENNEN LERNEN.

    Eine Schul- und Studiumreform ist überfällig.

    Sehr interessanter Artikel und ich wünsche den Autoren des Buches Erfolg! in jeder Hinsicht.

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  8. Der Staat kann überhaupt nichts dafür, wenn Abendschüler Familie und Schule nicht vereinbaren können.
    Wenn Abendschüler drei Jahre lang Vollzeit arbeiten, dann ist dieser Weg bewusst gewählt worden. Man kann nämlich nach eineinhalb Jahren Bafög beantragen und zusätzlich 400Euro verdienen. Damit kommt man auf über 1000Euro.
    Vielen ist das aber zu wenig Geld. Deshalb wäre es ehrlicher zu sagen: "Ich arbeite Vollzeit, weil ich meinen Lebensstandard beibehalten möchte. Außerdem habe ich Angst zu kündigen."

    Doch so leicht ist das Abitur nicht, wenn man die letzten 5-10Jahre kaum Englisch gesprochen hat und Mathematik nicht als Hobby betreibt.
    Hinzu kommt, dass viele Abenschüler auf der Hauptschule und Realschule nie irgend etwas lernen mußten. Doch das Abitur zu bestehen,ohne zu lernen, ist so gut wie unmöglich.
    Das sind die Hauptgründe, warum viele Abendschüler das Abitur nicht schaffen.

    In diesem Artikel wurde geschrieben, dass 80% der Hauptschüler das Abitur schaffen könnten.
    Es ist sicherlich ein Fehler, dass diese Schüler auf der Hauptschule vergammeln.
    Doch das weitere Leben sollte nicht nur vom Schulabschluss abhängig sein. Ist es aber meist. Warum? Ich verstehe es nicht.
    Wieso nutzt kein Betrieb das Potenzial der Hauptschüler, die eigentlich aufs Gymnasium gehören?
    Warum?

    Der Staat ist vielleicht dafür verantwortlich, dass Schüler schlecht gefördert werden, aber der Staat ist nicht schuld, wenn die Gesellschaft den Hauptschülern keine Chance gibt.

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  • Schlagworte Abitur | Arbeitskollege | Ausbildungsplatz | Dogma | Familie | Lehrer
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