Seit ihrer Einführung hat die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre für viel Frust gesorgt. Kein Wunder, dass daran überall schon wieder ein bisschen herumkorrigiert wird. Ein neuer, ziemlich umfassender Reformvorschlag kommt nun aus Baden-Württemberg . Dort haben sich vier Gymnasien zu einer Initiative zusammengeschlossen, die fordert, Schüler selbst entscheiden zu lassen, wie viel Zeit sie bis zum Abitur brauchen. "Abitur im eigenen Takt", nennen sie ihre Idee.

Viele Schüler hätten seit der Einführung des G8 bis zu 35 Stunden Unterricht in der Woche. Die Zeit für die Hausaufgaben komme noch obendrauf, kritisiert der Englisch- und Gemeinschaftskundelehrer Matthias Förtsch vom evangelischen Firstwald-Gymnasium in Mössingen, einer der Initiatoren. Da fehle die Zeit für Hobbys und Freunde oder schlicht fürs Erwachsenwerden. 

Er und seine Mitstreiter wollen deshalb trotzdem nicht wie viele der protestierenden Eltern einfach wieder zu G9 – zu neun Jahren Gymnasium – zurückkehren. Stattdessen sollen Oberstufenschüler wählen können, ob sie nach zwei, zweieinhalb oder drei Jahren ihr Abitur machen. Verlängert würde also nur die Oberstufe und das auch nur für einige Schüler.

Gegen eine generelle Abschaffung von G8 sprechen die gegensätzlichen Erfahrungen, die man bisher mit der verkürzten Schulzeit gemacht hat. Zwar sind die G8-Schüler in den meisten Bundesländern im Schnitt einen Tick schlechter und fallen häufiger durch das Abitur als die G9-er. In einigen Bundesländern verhält es sich jedoch auch genau umgekehrt. Der Erfolg hängt also offensichtlich davon ab, wie gut die Verkürzung der Schulzeit umgesetzt wurde. Negativ zu vermerken bleibt gleichwohl, dass mehr Schüler als früher am Gymnasium lange vor dem Abitur scheitern. Vor der Einführung des G8 gingen zum Beispiel in Schleswig-Holstein nach der fünften und sechsten Klasse etwa 300 Schüler von den Gymnasien ab, danach waren es über 900.

In vielen Bundesländern werden kleine Korrekturen vorgenommen

Bislang reagieren die Schulbehörden auf die vielfältigen Probleme jedoch meist nur mit kleineren Änderungen. In einigen Fächern werden ein paar Inhalte gestrichen. In Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen können Gymnasien wählen, ob sie wieder zu G9 zurückkehren wollen. Bayern hält zwar offiziell an G8 fest, führt aber ein so genanntes Flexibilisierungsjahr nach der achten oder neunten Klasse ein. Schüler können also ein Jahr lang die Fächer wiederholen, in denen sie noch nicht stark genug sind. Das Land verspricht zudem, die Jugendlichen mit Mentoren zu unterstützen und den Unterrichtsausfall zu bekämpfen. Kritiker befürchten jedoch, dass das Flexibilisierungsjahr sich lediglich als eine Art freiwilliges Sitzenbleiben herausstellen und den Stress vor und nach dieser Zeit nicht mildern werde.

Auch Matthias Förtsch empfindet diese Reformidee als Flickwerk. Er will wirkliche Flexibilisierung für die Schüler der Oberstufe. Sie sollen selbst entscheiden, was sie sich in welcher Zeit zutrauen oder wozu sie neben der Schule noch Zeit brauchen. Deshalb sollten alle Fächer in Modulen organisiert werden, fordert er. Jeweils vierstündige Kurse ließen sich dann je nach Bedarf kombinieren.

Für den einen hieße das, in zwei Jahren allen Stoff und die Prüfungen durchzuziehen, dafür aber ein Jahr früher die Schule verlassen zu können. Ein anderer könnte Mathe wiederholen, während er in Deutsch schon fertig ist. Wieder andere könnten sich Zeit nehmen, ein halbes Jahr Praktikum oder Auslandsaufenthalt einzuschieben oder noch ein zusätzliches Fach zu belegen.

Durch das Reformmodell der Initiative werde zudem mehr Chancengleichheit realisiert, glaubt Förtsch. Denn Realschüler oder Gemeinschaftsschüler könnten nach dem mittleren Abschluss leichter in die gymnasiale Oberstufe einsteigen, weil sie dort noch aufholen könnten, was ihnen fehlt.