Einschulung : Schreiend und weinend in die erste Klasse

In Berlin werden Kinder schon mit fünf eingeschult. Für viele ist das zu früh. Und für manche der Beginn eines familiären Dramas.

Auf dem Klassenfoto vom Einschulungstag ist Mia noch drauf. Sie steht am Rand, mit Tränen in den Augen. Als die Lehrerin die Kinder in Zweierreihen zur ersten Unterrichtsstunde in ihr neues Klassenzimmer führte, weigerte sich Mia mitzugehen. Das Mädchen schrie wie am Spieß. Stefanie Schmidt, Mias Mutter, trug, zerrte, schob sie hinter den anderen Kindern her. Stefanie Schmidt erinnert sich an eine Mischung aus Mitleid, Hilflosigkeit, Wut auf die Tochter, die sie empfand, weil Mia sich so massiv wehrte.

Als sie vor der Klassentür ankamen, forderte die Lehrerin Mia auf hereinzukommen. "Wir wollen anfangen." Die Mutter bat darum, die Tochter begleiten zu dürfen. Die Lehrerin erwiderte: "Das Kind muss das alleine schaffen." Doch das Kind war so außer sich, dass es nichts mehr mitbekam. Stefanie Schmidt sagt, dass die Lehrerin einfach die Klassentür vor ihnen zugemacht habe.

Die Strategie, mit der die Schmidts am darauffolgenden Montag, Mias erstem regulären Schultag, die so offensichtlichen Trennungsängste ihrer Tochter bekämpfen wollten, scheiterte schon am Schultor. Mia klammerte sich mit aller Kraft daran fest. Der Vater sollte sie diesmal abgeben. Letztlich verbrachte er den Tag entweder mit einem schreienden Kind – das passierte, sobald sie das Schulhaus betraten – oder mit einem vom Schreien erschöpften Kind, auf das er auf dem Schulhof einredete, es doch wenigstens einmal zu versuchen mit dem Unterricht. Am Nachmittag nahm er, wieder zu Hause, völlig entnervt der Tochter eines der Geschenke ab, das sie zur Einschulung bekommen hatte.

Bauchschmerzen und Durchfall

"Mein Mann begriff erst nicht, in welcher Not Mia sich befand", sagt Stefanie Schmidt. Sie ist von Beruf Sozialpädagogin, ihr Mann arbeitete damals im Vertrieb einer Computerfirma. Heute ist er Unternehmensberater. Die Familie bewohnt ein Townhouse in Weißensee . Roter Klinker, steile Treppen, im ersten Stock ein Wohnzimmer mit offener Küche. Dort sitzt Mia, mittlerweile acht. "Das Schulgebäude war so riesig", sagt sie. "Alles war fremd. Ich hatte Angst davor. Da waren so viele Kinder, so große Jungs." Sie wurde krank, litt unter Bauchschmerzen und Durchfall. Mia ist nicht ihr richtiger Name. Auch die anderen Betroffenen der Geschichte sind anonymisiert.

Stefanie Schmidt breitet Kopien auf dem Tisch aus, Dokumente ihres Kampfes mit den Berliner Behörden, ein Kind aus der Schule herauszuholen, das in jedem anderen Bundesland ohnehin noch ein weiteres Jahr im Kindergarten geblieben wäre. Mia war damals fünf Jahre alt und noch so klein, dass sie weder die Schultür noch die Tür zur Toilette aus eigener Kraft aufbekam. "Mia war schlicht und ergreifend noch nicht schulreif", sagt Stefanie Schmidt.

Doch die Eigenschaft "schulreif" gibt es in Berlin nicht mehr. Im Jahr 2005 wurde sie durch "schulfähig" ersetzt. Seitdem gilt die Entwicklung eines Kindes nicht mehr als natürlicher Prozess, sondern als herstellbar. Frauke Meister erzählt, wie ihr Sohn Freddy bei der schulärztlichen Untersuchung "total unkoordiniert" die Aufgaben angegangen sei. Sogar die Ärztin habe grinsen müssen. Dennoch landete er im Jahr drauf in der Schule.

Kleines Kind, große Schultasche

Die Mutter empfand seinen Anblick damals als rührend: "So ein kleiner Kerl mit so einer riesigen Schultasche." Freddy war noch fünf, er wurde erst nach den Herbstferien sechs Jahre alt. Doch Freddy gefiel es in der Schule. Er fand schnell Freunde. Auch das erste Zeugnis des Sohnes beruhigte Frauke Meister. Anfangs habe er "die schulischen Anforderungen eher zögernd" bewältigt, stand da, aber im Lauf des Jahres "ein Zutrauen" entwickelt, das sich "auf seine Leistungsbereitschaft positiv" ausgewirkte habe.

Frauke Meister sitzt in einem Café in Charlottenburg . Sie kommt gerade von ihrer Arbeit in einem Friseursalon um die Ecke. Vor ihr liegen Freddys in Klarsichthüllen eingepackte Zeugnisse. Manchmal, sagt sie, habe sie sich schon gewundert, wie laut es damals in Freddys Klasse zugegangen sei. Die Eltern seien sich einig gewesen, dass die meisten Kinder den Unterschied zwischen Schule und Kindergarten nicht begriffen hätten.

Später war sie immer wieder verblüfft, wie schlecht ihr Sohn las. Doch in seinem zweiten Zeugnis stand, dass Freddy sich beim Lesen "bemüht" und "große Fortschritte" erzielt. Frauke Meister blättert durch die Zeugnismappe. Da steht zum Beispiel: "Freddy schreibt Texte meist fehlerfrei ab." Das könnte auch andeuten, dass er viele Fehler macht, wenn er Texte selbst verfassen soll. "Im Nachhinein", sagt Frauke Meister, "denke ich, dass ich aus den Beurteilungen etwas hätte herauslesen können." Doch sie sei eben "keine professionelle Schriftdeuterin", und die Lehrer hätten kein Gespräch mit ihr gesucht.

Die erste Note, die Freddy nach Hause brachte – er ging bereits in die vierte Klasse, an seiner in Wilmersdorf gelegenen Schule wurden vorher keine Zensuren vergeben – war eine Sechs. Er bekam sie in Deutsch. "Ich habe erst mal geheult", sagt Frauke Meister. Dann tröstete sie den Sohn. Sie habe ihren verspielten Jungen doch nur eingeschult, sagt sie, weil sie dem Motto Glauben geschenkt habe, mit dem die Schulreform von 2005 propagiert wurde: Das Kind werde dort abgeholt, wo es stehe. "Mit einem Mal war klar: Der stand in der vierten Klasse immer noch da. Niemand hatte den abgeholt."

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

104 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Humankapital

Natürlich gibt es dafür einen Grund - Menschen sind 'Humankapital'. Politik und Wirtschaft erwarten, das sie maximale Leistung bei minimalen Kosten erbringen. Das - und NUR das - ist der Kern unserer kapitalistischen Gesellschaft.
Es gab mal so etwas wie eine soziale Orientierung der Marktwirtschaft, aber die diente ausschließlich dazu, den sozialen Frieden zu wahren, also den Menschen genau jenes Minimum an Wohlstand zu gewähren, bei dem sie noch ruhig bleiben und Privilegien und Eigentum der wohlhabenden und herrschenden Elite unangetastet lassen ... mit anderen Worten: Brot und Spiele.
Heute, in der globalisierten Welt, brauchen wir das nicht mehr. Dank der Armut in der dritten Welt und der allgegenwärtigen Drohung der Wirtschaft, in immer billigere Länder weiterzuziehen, ist Konkurrenzdruck der Menschen untereinander so groß, dass sie sich selbst ausbeuten und gegenseitig im Schach halten. Es gibt so viel Ersatz an billigen Arbeitskräften, dass der soziale Friede nicht mehr gebraucht wird.
Entsprechend müssen dank der Armutsangst und der Konkurrenzsituation schon Kinder auf maximale Produktivkraft getrimmt werden.
Begleiteffekte sind, das sich jüngere Berufseinsteiger viel leichter auszubeuten und zu indiktrinieren sind, also für das Versprechen auf Karriere auch auf elementarste Rechte verzichten und sich selbst ausbeuten. Und natürlich sind die Menschen auch schneller ausgebrannt und können ersetzt werden ... gegen noch Jüngere, die mit vier eingeschult wurden?

Zitat

Das im Artikel genannte Problem lässt sich auf das von mir zitierte Aussage reduzieren. Diese eine Aussage schildert und verdeutlicht das gesamte Problem.

Zitat:
"Seitdem gilt die Entwicklung eines Kindes nicht mehr als natürlicher Prozess, sondern als herstellbar."

Gehen Sie mal zu einem Pferdetrainer, zu einem Hundetrainer oder überhaupt zu einem Tierhändler. Und sagen Sie dem "Entwicklung? Natürliche Prozesse sind nur ein Mythos. In der heutigen Zeit kann ich erwarten dass der Köter gefälligst mit sechs Wochen bereit ist das Stöckchen zu holen, und der Gaul schon mit einem Jahr bei Olympia teilnehmen kann. Es ist ein Prozess, stellen Sie den Zustand gefälligst her."

Würden Sie sagen das ist okay, und früher was es genauso?`
Nein, würden Sie nicht. Aber genau das - auf den Menschen bezogen - sagt doch das neue Schulgesetz aus.
Natürliche Entwicklung? Reife? Alles nicht im Sinne der gewünschten Zucht.

Wieso ist die Entwicklung so gegensätzlich?
Im Tierschutz geht es (bis auf den Massenbetrieb) immer weiter aufwärts. Warum geht es bei dem Menschen inzwischen in die entgegengesetzte Richtung und nicht auch nach oben?

Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, hoffe ich das ich lieber als Pferd für Olympia aufwache, wo mir der Kopf so weit auf den Hals gedrückt wird das ich fast ersticke - als als junger Mensch auf dessen Wiege vom Staat vorgeschrieben steht: Humankapital, erste Stufe. Nächstes Züchtungsziel in zwei Jahren erreicht."

Merkwürdig

In Großbritannien werden die Kinder mit 4 Jahren in die Primary School (4-7 Jahre) eingeschult. Das läuft dort ohne Probleme. Jedoch werden die Schüler in GB viel mehr geführt als hier und die Eltern sind auf den frühen Schuleintritt eingestellt. Eventuell sollte man an diesen Schrauben mal drehen.

Führung

Sie sagen es doch selbst, da ist der Unterschied.
Es ist eben ein Unterschied ob der Lehrer weiss das er ein halbes KIndergartenkind vor sich hat - oder ob der Lehrer jeden "Abweichler" als gestört hinstellt und jeder "Therapeut" gleich von ADHS spricht.

PS

ADHS gilt genau wegen einem solch weiten Diagnosespektrum als "erfundene Krankheit", erfunden von Menschen die vergessen haben das Kinder gerne mal lauter sind. Also lauter als Erwachsene.

Daran anknüpfend

sei auch die École maternelle in Frankreich erwähnt. Das Problem ist wohl in der Tat, dass die hiesige Grundschulpädagogik und -lehrer nicht auf solch junge Kinder eingestellt und daher partiell überfordert sind. Es bedarf eben einer sensiblen Gestaltung der Eingewöhnungsphase und eine entwicklungsgemäßen Pädagogik, die sowohl emotionale als auch kognitive Überforderung vermeidet. Das JüL ist - sofern professionell umgesetzt - keine schlechte Sache. Andere Maßnahmen erzieherischer Begleitung sollten aber hinzukommen. Die sog. "Schulreife" ist ein Konstrukt. Entwicklung ist fluide, daher sollten auch die Übergänge fließend gestaltet werden und Raum für Individualisierung lassen.

Totalversagen der lehrerin

Ich bin zwar kein ausgebildeter paedagoge, aber der mutter das mitgehen verbieten und dann die tuer zuzumachen halte ich fuer den voellig falschen ansatz. Wie kalt muss man sein um eine solche haerte zunfordern "das kind muss das allein schaffen" ... Oder halt gar nicht..... Erziehung in Deutschland.

Unfassbar

Ich bin auch kein Pädagoge. Aber ich weiß von meiner Freundin, die Dipl.-Soz.Päd. ist, dass es im Vorschulalter ganz wichtig für den weiteren Lebensverlauf des Kindes ist, GEMEINSAM MIT DER MUTTER erst ein Vertrauensverhältnis gegenüber der Lehrerin aufzubauen, weil sonst ein Leben lang Verlustängste die Folge sind. Die Mutter muss sich schrittweise von dem Kind entfernen, während die fremde Person gleichzeitig sich dem Kind nähern muss - und zwar in dem Tempo, dass das KIND vorschreibt. Das kann Stunden, Tage aber auch Wochen dauern. Je nach Kind.

Wie ich auch erfahren habe, müssen Lehrer in Deutschland keine pädagogische Ausbildung haben. Diese Information hat mich vollkommen entsetzt. Die Mathematiklehrerin am Gymnasium der Tochter meiner Freundin hat beispielsweise meine Freundin um Hilfe gebeten, weil sie keine pädagogische Ausbildung hat und es Probleme in der Klasse gab, die zur Isolation eines Kindes führten.

Mannomann, wenn ich diesen Bericht lese, muss ich wieder an meine eigene Kindheit und das Grauen daran zurückdenken. Das solche erwachsenen Personen ohne entsprechende Qualifikation auch heutzutage noch auf Kinder losgelassen werden, erschreckt mich.

Pädagogik in der Lehrerausbildung hierzulande

ist auch im Grundschullehramt völlig unterbelichtet und umfasst im Kerncurriculum ganze 3 Veranstaltungen mit je 2 SWS im Grundstudium.
Das sind schlicht gesagt nichts anderes als vorlesungsgestützte Crash-Kurse, die mit Prüfungsarbeiten nach Lehrbuch oder "Seminar"-Apparat abgeschlossen werden.

Jede Kinderpflegerin weiß mit Abstand mehr über Entwicklungspsychologie als Lehramtskandidatinnen.

von in der Praxis erlernter individuumbezogener Einfühlung gar nicht zu reden.

Lehramt heißt Didaktik nach Vorgabe. Lehr/Lernpsychologie?
Fehlanzeige auf ganzer Linie.

Warum ausgerechnet Lehrkräfte mit ihren 12 Wochen Ferien im Jahr (abzüglich Vorbereitung) die Berufssparte mit der höchsten Rate an Burn-out-Fällen ist, ist in dieser Leerstelle ursächlich begründet.

Die Leute sind fachlich wie menschlich häufiger überfordert als andere - und die haben mit unseren Kindern zu tun.
Da stimmt was nicht. Im System.

Rudimentäres Streifen?

Als Gymnasiallehrerin habe ich zehn Semester lang sowohl Pädagogik als auch Psychologie in Seminaren und Vorlesungen zu belegen gehabt sowie in beiden Bereichen diverse Zwischen- und Abschlussprüfungen absolviert. Das trifft auf die Didaktik für meine beiden Fächer, die ich unterrichte, ebenfalls zu.
So rudimentär kann mein Studium dann wohl doch nicht gewesen sein.

so, so...

...'ich weiss nicht, wie die primary school genau laeuft...'

aber :-) -> 'im uebrigen sollte gb kein vorbild fuer uns sein. das schulsystem ist fuer die allgemeinheit eine katastrophe.'

wie kommen sie darauf? wenn ich 'nichts' ueber ein schulsystem weiss, gebe ich darueber keine 'derartigen' aussagen ab!

zum thema: kommentar no. 14 ist treffend. fuer ein 4 jaehriges kind 'darf' es kein problem sein, eingeschult zu werden: wenn es vorher die krippe und (oder) anschliessend einen kindergarten besucht hat, 'darf' es mit dem sich anschliessenden schulbesuch keine 'probleme' haben -> wenn doch, und wie im obigen fall ein 'abnabelungsproblem' 'immer noch' besteht, ist in der erziehung etwas* 'schief' gelaufen... daher: nicht den fehler 'immer' in der schule oder noch besser 'im system' suchen! ersteinmal die eigene erkenntnis bemuehen...

cheers

p.s. analog koennte man auch schreiben: 'schreiend und weinend in den gerichtssaal' -> forderung daher: jugendstrafrecht bis 40! :-) will heissen: 'irgendwann' muss man halt mal zur schule und auch im leben lernen, verantwortung zu tragen - das kann durchaus mit 4 jahren 'in der schule' beginnen...

* 'etwas' meint den prozess des 'nicht loslassen koennens'.

Ich entschuldige mich...

für den Eindruck den ich hinterlassen habe.

"...'ich weiss nicht, wie die primary school genau laeuft...'

aber :-) -> 'im uebrigen sollte gb kein vorbild fuer uns sein. das schulsystem ist fuer die allgemeinheit eine katastrophe.'

wie kommen sie darauf? wenn ich 'nichts' ueber ein schulsystem weiss, gebe ich darueber keine 'derartigen' aussagen ab!"

Bei meiner Aussage bezog ich mich weniger auf den Schulbetrieb, den ich tatsächlich nicht kenne, als auf die Tatsache, dass GB in Sachen Privatschule traditionell sehr stark ist.
Ich halte es für wichtig, dass Schüler aller Bevölkerungsgruppen (je nach Leistung und Befähigung) zusammen unterrichtet werden. Das erdet eine Gesellschaft.
Auf Dauer ist es für eine Gesellschaft gefährlich, wenn die Kinder einer bestimmten Einkommensschicht, mit anderen Kindern nichts mehr zu tun haben.