Auf dem Klassenfoto vom Einschulungstag ist Mia noch drauf. Sie steht am Rand, mit Tränen in den Augen. Als die Lehrerin die Kinder in Zweierreihen zur ersten Unterrichtsstunde in ihr neues Klassenzimmer führte, weigerte sich Mia mitzugehen. Das Mädchen schrie wie am Spieß. Stefanie Schmidt, Mias Mutter, trug, zerrte, schob sie hinter den anderen Kindern her. Stefanie Schmidt erinnert sich an eine Mischung aus Mitleid, Hilflosigkeit, Wut auf die Tochter, die sie empfand, weil Mia sich so massiv wehrte.

Als sie vor der Klassentür ankamen, forderte die Lehrerin Mia auf hereinzukommen. "Wir wollen anfangen." Die Mutter bat darum, die Tochter begleiten zu dürfen. Die Lehrerin erwiderte: "Das Kind muss das alleine schaffen." Doch das Kind war so außer sich, dass es nichts mehr mitbekam. Stefanie Schmidt sagt, dass die Lehrerin einfach die Klassentür vor ihnen zugemacht habe.

Die Strategie, mit der die Schmidts am darauffolgenden Montag, Mias erstem regulären Schultag, die so offensichtlichen Trennungsängste ihrer Tochter bekämpfen wollten, scheiterte schon am Schultor. Mia klammerte sich mit aller Kraft daran fest. Der Vater sollte sie diesmal abgeben. Letztlich verbrachte er den Tag entweder mit einem schreienden Kind – das passierte, sobald sie das Schulhaus betraten – oder mit einem vom Schreien erschöpften Kind, auf das er auf dem Schulhof einredete, es doch wenigstens einmal zu versuchen mit dem Unterricht. Am Nachmittag nahm er, wieder zu Hause, völlig entnervt der Tochter eines der Geschenke ab, das sie zur Einschulung bekommen hatte.

Bauchschmerzen und Durchfall

"Mein Mann begriff erst nicht, in welcher Not Mia sich befand", sagt Stefanie Schmidt. Sie ist von Beruf Sozialpädagogin, ihr Mann arbeitete damals im Vertrieb einer Computerfirma. Heute ist er Unternehmensberater. Die Familie bewohnt ein Townhouse in Weißensee . Roter Klinker, steile Treppen, im ersten Stock ein Wohnzimmer mit offener Küche. Dort sitzt Mia, mittlerweile acht. "Das Schulgebäude war so riesig", sagt sie. "Alles war fremd. Ich hatte Angst davor. Da waren so viele Kinder, so große Jungs." Sie wurde krank, litt unter Bauchschmerzen und Durchfall. Mia ist nicht ihr richtiger Name. Auch die anderen Betroffenen der Geschichte sind anonymisiert.

Stefanie Schmidt breitet Kopien auf dem Tisch aus, Dokumente ihres Kampfes mit den Berliner Behörden, ein Kind aus der Schule herauszuholen, das in jedem anderen Bundesland ohnehin noch ein weiteres Jahr im Kindergarten geblieben wäre. Mia war damals fünf Jahre alt und noch so klein, dass sie weder die Schultür noch die Tür zur Toilette aus eigener Kraft aufbekam. "Mia war schlicht und ergreifend noch nicht schulreif", sagt Stefanie Schmidt.

Doch die Eigenschaft "schulreif" gibt es in Berlin nicht mehr. Im Jahr 2005 wurde sie durch "schulfähig" ersetzt. Seitdem gilt die Entwicklung eines Kindes nicht mehr als natürlicher Prozess, sondern als herstellbar. Frauke Meister erzählt, wie ihr Sohn Freddy bei der schulärztlichen Untersuchung "total unkoordiniert" die Aufgaben angegangen sei. Sogar die Ärztin habe grinsen müssen. Dennoch landete er im Jahr drauf in der Schule.

Kleines Kind, große Schultasche

Die Mutter empfand seinen Anblick damals als rührend: "So ein kleiner Kerl mit so einer riesigen Schultasche." Freddy war noch fünf, er wurde erst nach den Herbstferien sechs Jahre alt. Doch Freddy gefiel es in der Schule. Er fand schnell Freunde. Auch das erste Zeugnis des Sohnes beruhigte Frauke Meister. Anfangs habe er "die schulischen Anforderungen eher zögernd" bewältigt, stand da, aber im Lauf des Jahres "ein Zutrauen" entwickelt, das sich "auf seine Leistungsbereitschaft positiv" ausgewirkte habe.

Frauke Meister sitzt in einem Café in Charlottenburg . Sie kommt gerade von ihrer Arbeit in einem Friseursalon um die Ecke. Vor ihr liegen Freddys in Klarsichthüllen eingepackte Zeugnisse. Manchmal, sagt sie, habe sie sich schon gewundert, wie laut es damals in Freddys Klasse zugegangen sei. Die Eltern seien sich einig gewesen, dass die meisten Kinder den Unterschied zwischen Schule und Kindergarten nicht begriffen hätten.

Später war sie immer wieder verblüfft, wie schlecht ihr Sohn las. Doch in seinem zweiten Zeugnis stand, dass Freddy sich beim Lesen "bemüht" und "große Fortschritte" erzielt. Frauke Meister blättert durch die Zeugnismappe. Da steht zum Beispiel: "Freddy schreibt Texte meist fehlerfrei ab." Das könnte auch andeuten, dass er viele Fehler macht, wenn er Texte selbst verfassen soll. "Im Nachhinein", sagt Frauke Meister, "denke ich, dass ich aus den Beurteilungen etwas hätte herauslesen können." Doch sie sei eben "keine professionelle Schriftdeuterin", und die Lehrer hätten kein Gespräch mit ihr gesucht.

Die erste Note, die Freddy nach Hause brachte – er ging bereits in die vierte Klasse, an seiner in Wilmersdorf gelegenen Schule wurden vorher keine Zensuren vergeben – war eine Sechs. Er bekam sie in Deutsch. "Ich habe erst mal geheult", sagt Frauke Meister. Dann tröstete sie den Sohn. Sie habe ihren verspielten Jungen doch nur eingeschult, sagt sie, weil sie dem Motto Glauben geschenkt habe, mit dem die Schulreform von 2005 propagiert wurde: Das Kind werde dort abgeholt, wo es stehe. "Mit einem Mal war klar: Der stand in der vierten Klasse immer noch da. Niemand hatte den abgeholt."