Islamunterricht : Etikettenschwindel im Stundenplan

Die Schule beginnt in Nordrhein-Westfalen mit einem neuen Fach: Islamischer Religionsunterricht. Aber Lehrplan und Lehrer sind die alten.

Stolz erklärte Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) zum Auftakt des neuen Schuljahres, Nordrhein-Westfalen sei das erste Bundesland, das jetzt einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht für Schüler muslimischen Glaubens einführe.  Dafür stellt sie zunächst vierzig Lehrer an 44 Grundschulen zur Verfügung, die insgesamt rund 2.500 Mädchen und Jungen erreichen – weniger als ein Prozent aller muslimischen Schülern an Rhein und Ruhr .

Der Islamische Religionsunterricht (IRU) erscheint von den Schulen auf den ersten Blick gut vorbereitet: Die Eltern konnten ihre Kinder schon vor den Sommerferien für das neue Fach anmelden. Es genügen laut Gesetz schon zwölf Teilnehmer pro Schule. An der offiziell "Katholischen Grundschule Am Domhof" in Bonn kamen weit mehr als Hundert Anmeldungen zusammen, fast jeder zweite Schüler ist also dabei. Auch an der Bonner Andreasschule machen "praktisch alle Muslime" mit, sagt die Leiterin Dorothea Paschen. Die Entscheidung sei den Eltern "wohl nirgendwo besonders schwer" gefallen. "Die neuen Religionslehrer sind ja ausnahmslos alte Bekannte."

Denn sie haben an ihren Schulen bislang Islamkunde gelehrt. Dies ist ein nicht bekenntnisgebundenes Fach, das in NRW bereits seit zehn Jahren an gut 130 Grund-, Haupt- und Realschulen als Versuch läuft. Wenn eine einzelne Schule stattdessen nun IRU einführt, fällt die Islamkunde weg. Wer als Lehrer nicht in den Bekenntnisunterricht wechseln will, unterrichtet weiterhin sein altes Fach an anderen Schulen.

Fachlehrer ohne Fachqualifikation

Ihrer Ausbildung nach sind die bisherigen Islamkunde- und jetzigen Religionspädagogen beispielsweise gelernte Orientwissenschaftler oder ehemalige Türkischlehrer, die auf Sonderwegen in den Schulbetrieb eintraten. In der Regel haben sie kein ordentliches Lehrerstudium und kein Staatsexamen absolviert. Sie einfach als Religionslehrer neu einzusetzen, davor hatte der Professor für islamische Pädagogik an der Universität Münster , Mouhanad Khorchide, gemahnt: "Islamkundler brauchen freilich Fortbildungskurse, um sich auf die neuen Gegebenheiten des bekenntnisorientierten Unterrichts vorzubereiten", sagte er.

Tatsächlich blieb es bei einer anderthalbtägigen "dienstlichen Unterweisung", die er und sein Kollege Bülent Ucar an einem Wochenende durchführten. Für diesen Termin konnte sich aber jeder Kandidat entschuldigen, weil samstags und sonntags ja dienstfrei ist. Zeitraubende Fachqualifikationen stellte NRW also einfach zurück. Deshalb fragen sich kritische Beobachter, ob das Fach überhaupt etwas anderes ist als eine bloße Umetikettierung der traditionellen Islamkunde – zumal inhaltlich bis auf Weiteres nach dem alten Lehrplan unterrichtet wird.

Dabei gibt es heute schon einige ausgebildete Lehramtsbewerber mit einem ordentlichen IRU-Master, zum Beispiel von der Uni Osnabrück. Aber für solche Neueinstellungen hat Ministerin Löhrmann offenbar kein Geld. Ihren Rückgriff auf Islamkundelehrer, der nichts kostet, bezeichnet sie als "planvolles und schrittweises" Vorgehen. Hauptsache ist für sie offenbar, dass NRW Erster beim Start in die neue Zukunft des Religionsunterrichts ist. Niedersachsen , der fortgeschrittenste Mitbewerber im Bundesvergleich, zieht im Schuljahr 2013/14 nach.

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Kommentare

160 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

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"An der offiziell "Katholischen Grundschule Am Domhof" in Bonn kamen weit mehr als Hundert Anmeldungen zusammen."

Ich liebe die Menschheit :)
Man muss die Augen nur auf machen und erkennt an jeder Ecke die Ironie des Lebens :)

Und um auch etwas dem Ernst entgegen zu kommen :

"Ich denke, dass Transparenz die beste Verteidigung und Legitimation in einer Demokratie ist."

Unterschreibe ich auch so, ansonsten kommt von überall nur Gemecker.

Ohne hier jetzt

eine wilde Debatte lostreten zu wollen.

Zum ersten Teil, warum gibt es Geldprobleme. Wenn die vielen Eltern diesen Unterricht wünschen und es Ihnen wie auch dem Autor nicht passt, wie es läuft. Warum nicht selber für einen Lehrer mit IRU-Master bezahlen, der kann ja dann an mehreren Schulen unterrichten.

Denn wie es scheint schafft es die jüdische Gemeinde in Berlin z.B. auch Religionsunterricht an nicht jüdischen Schulen zu organisieren und selbst zu finanzieren ist dies anderen Religionsgruppen die zahlenmäßig bedeutend stärker sind nicht zu zumuten.

Gleiches gilt für die jüdische Gemeinde in Hamburg, wo dies sogar Prüfungsfach im Abitur ist, und von der Gemeinde organisiert wird.

zu Teil 2.
Über die Geheimniskrämerei braucht man sich doch nun wirklich nicht zu wundern, das ist in der dt. politischen Landschaft doch Normalität, denn wenn der Bürger alle Fakten benannt bekäme, dann hätte die verantwortl. Politker und manche Zentralräte arge Probleme.

Spannend wäre nur nocvh zu erfahren wie Prof. Ucar den Demokratiebegriff definiert und diesen in Kontext zur Religion egal welcher Denomination setzt.

Spannend?

„Spannend wäre nur nocvh zu erfahren wie Prof. Ucar den Demokratiebegriff definiert und diesen in Kontext zur Religion egal welcher Denomination setzt.“

Was sollte daran spannend sein? Das ist genauso spannend (genauer gesagt: genauso wenig spannend), wie die floskelhaften Bekenntnisse, die Vertreter der christlichen Konfessionen zu Fragen wie Demokratie und Rechtsstaat abgeben würden...

Fachlehrermangel

ist keine Erscheinung, die sich nur auf diese Gebiet beschränkt.
Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Abwanderung nach dem Studium in andere Bundesländer (einfach der Bezahlung wegen).
- Kein wirklich funktionierender Austausch zwischen den einzelnen Bundesländern, bei explizitem Mangel. Lehrer, die durch hohe Dienstjahre eine dem entsprechende Entlohnung bekommen, wird der Wechsel durch Herabstufung auf das Einstiegsgehalt erschwert.
- Unterschiede im Studium je nach Bundesland.
usw

Kleinstaaterei wird heute als Föderalismus verkauft - der Widerspruch zwischen gepriesenen Bologna Prozess scheitert an den einzelnen und eigenwilligen Wegen der jeweiligen Kultusministerien.

Ähnlichen Irrsinn bekam ich bei der Umstellung in NRW bei der Einführung des ABIs in der 12. Klasse mit. Da ich mein Abi Ende der 90er in einem Bundesland, welches das G8-Model fährt, machte, konnte ich nicht verstehen wie es sein kann, dass in NRW die Schüler unter der Umstellung litten. Jedoch unterschieden sich ihre und meine Schulstunden (Menge) gravierend. Dies kann nur damit erklärt werden, daß das Kultus in NRW einfach den Lehrplan des G9 in das G8 presste um sich Arbeit zu ersparen.
Der artige Binsenbauten sind keine Ausnahme in der deutschen Bildungslandschaft und beschränken sich nicht allein auf NRW.

Lebenswandel überprüft

Weswegen. Vielleicht wegen gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaft? Oder vielleicht den Besuch der katholischen oder evangelischen Kirche?.

Wurde das bei katholischen und evangelischen Religionslehrern auch gemacht? Falls es den Unterricht überhaupt noch gibt.

Und da wirft man den christlichen Kirchen vor, sie würden von ihren Angestellten einen bestimmten Lebenswandel erwarten. Hier erwartet ein religiöser Verband von säkularen Angestellten einen bestimmten Lebenswandel. So mag Inegration im Sinen von "wir machen was die wollen" funktionieren. Ob daraus Akzeptanz und Gmeinsamket erwächst wird sich zeigen.

@ 24 fse69

Das wusste ich nicht. Dann bricht ja meine ganze Schnüffelkritik ein wenig zusammen, und das Ganze ist nur eine Frage der Gleichberechtigung

Man lernt eben immer was dazu. Ein wenig nur bricht aber die Kritik zusammen, weil mich interessieren würde, ob einer in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft katholischen Religionsunterricht geben dürfte.

In einer wirklich aufgeklärten Gesellschaft dürfte er das, weil die nur Lehrer akzeptieren würde, die in der Lage wären, über den Dingen zu stehen und nicht ihre privaten Ansichten zu "objektivieren".

Denn Lehrer sein heisst für mich, den Kindern die Dinge des Lebens nahe zu bringen, auf dass sie selbst entscheiden können, was sie draus machen.

Also warum kein Religionsunterricht zum Abbau von Vorurteilen und Verhinderung von privatem Mief der köchelt, irgendwann brodelt und dann mal wieder überkocht.

@ 42 Brigitel

Sollten Sie ein Elternteil sein, hören Sie dem Kind zu, was es erzählt und beschweren sich beim Lehrer, wenn er Ihrer Ansicht nach Mist erzählt.

Und sie müssten konkret sagen, was unsinnig ist. Sie können z. B. Ostern als unsinnig erklären und es abschaffen. Ich wette mit Ihnen, irgendwann wird was anderes kommen. Und ich feiere lieber Ostern mit von mir wählbaren Konsequenzen als einen Menschen oder ein Ereignis, dessen Handeln oder dessen Ereignisse ich auch noch nach Jahren, vielleicht tatsächlich ganz unzeitgemäß, als Vorbild nehmen soll. Stalin z. B. oder die Oktoberrevolution. Dann lieber die beispielhafte Niederlage.

Stalins Misstrauen spricht doch jedem Menschen mit Sozialkompetenz Hohn. Die Lehren aus der Auferstehung widersprechen nicht sozialer Kompetenz. Und sind nicht gegen Ehrgeiz und Macht in diesem Sinn gerichtet. Manches menschliche Vorbild überlebt sich.

Der Auferstandene hat bis jetzt 2000 Jahre Konjunktur und über ihn kann immer noch die halbe Welt streiten, und man akzeptiert es. Mag Mohammed auch so um- und bestritten sein, würde ich einem Muslim sagen. Es würde ihm und seinen Anhängern gut tun.

Bitte kehren Sie zum Thema des Artikels zurück. Die Redaktion/mak

Tut mir leid für Sie

Meine Tochter hat hingegen beides, Religion und Philosophie, richtig genossen. Die hat aber auch ein spezielles Talent für solche Laberfächer.

Ich selbst musste Reli vertretungsweise unterrichten, waren 'Engel' dran, und ich war völlig überfordert. Die Wänste frech wie nur was und ich kam von der Vorstellung nicht frei, dass die Viecher doch ein riesiges Brustbein haben müssten, an dem die Muskeln für die Flügel befestigt sind...

hihi :)

... "Die Wänste frech wie nur was und ich kam von der Vorstellung nicht frei, dass die Viecher doch ein riesiges Brustbein haben müssten, an dem die Muskeln für die Flügel befestigt sind..." genial :D :D

dass ich in laberfächern nicht gut war/bin, kann man nicht sagen. in Deutsch hatte ich in der abiturklausur eine 1- (völlig unberechtigt, wie ich meine ;) )
das problem im praktischen philosophieunterricht sind einfach die, meiner meinung nach, weltfremden beispiele und das ständige totgerede eines themas. sinnlose argumentationen, die in sackgassen führen oder einfach totschlagargumente beinhalten wurden bis zum erbrechen weitergeführt, ohne zu einem schluss zu kommen.
bitte nicht falsch verstehen, ich sehe den sinn des studierens von philosophen, gedankenexperiementen und ethischen konflikten absolut ein, aber erkenne die art, in der sie in der schule vermittelt wird (meist sehr trocken oder übertrieben liberal), nicht als die optimale an...

Bin noch da

Danke für das Kompliment.
Mit speziellem Talent meinte ich u. a. auch, dass das Mädchen extrem dominant und schlagfertig ist. Gegen ihren Willen wird da nichts tot geredet.

Und dann kommt es natürlich sehr auf den einzelnen Lehrer an. Ihren Religionslehrer kannte ich persönlich, der war einfach sehr gut in seinem Job.

Zu den Engeln: Nie wieder übernehme ich vorbereitetes Material, hinter dem ich nicht selber stehe. Das war mir eine Lehre.