Bildungsforscher Baumert"Vom Können der Lehrer hängt alles ab"

Lehrer brauchen solides Fachwissen und Grundwissen in der Sonderpädagogik. Pisaforscher Jürgen Baumert erklärt im Interview, was er der Berliner Lehrerbildung empfiehlt. von 

ZEIT ONLINE: Herr Professor Baumert , Sie gelten als führender Bildungsforscher des Landes. Vor einiger Zeit haben Sie Vorschläge zur Neugestaltung der Lehrerbildung in NRW vorgelegt, nun für Berlin . Weshalb ist Ihnen das Thema so wichtig?

Jürgen Baumert : Weil vom Können der Lehrkräfte alles abhängt. Wenn es um die Verbesserung der Schulen geht, dann wird viel zu viel über Strukturen geredet. Dabei ist es für den Erfolg der Schüler weit wichtiger, ob die Lehrkraft etwas vom Fach versteht und weiß, wie er es am besten vermittelt. Und keine Vereinfachung der Schulstruktur wird Erfolg haben ohne eine Neuordnung der Lehrerbildung. Nicht die Struktur macht den Unterschied, sondern die Lehrkraft.

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ZEIT ONLINE:   Was ist das Besondere Ihres Vorschlags für Berlin?

Jürgen Baumert

ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und ehemaliger PISA-Koordinator. Am 26.9. hat eine Expertenkommission unter Baumerts Leitung im Auftrag der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres einen Vorschlag zur Neugestaltung der Lehrerbildung in Berlin vorgelegt.

Baumert : Wir richten die Lehrerbildung auf die Zukunft ein, richten uns nach der neuen Schulstruktur. Eine große Aufgabe für die Schulen wird die sogenannte Inklusion sein, der gemeinsame Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung. Ein anderer Trend – nicht nur in Berlin – ist, dass es neben dem Gymnasium nur eine weitere Schulform gibt, an der begabte Schüler auch das Abitur ablegen können.

ZEIT ONLINE:   Was schlagen Sie konkret vor?

Baumert : Für die Sekundarstufe, also für die Gymnasien und die Integrierten Sekundarschulen, wird ein Lehrertyp ausgebildet: der Lehrer für Sekundarschulen und Gymnasien.

ZEIT ONLINE:   Sie wollen also den Gymnasiallehrer abschaffen?

Baumert : Im Gegenteil. Vorbild für diesen Lehrertyp ist der Gymnasiallehrer. Alle sollen auf dieses Niveau gehoben werden.

ZEIT ONLINE:   Es müssen also zwei Fächer studiert werden?

Baumert : Ja, mehrere Studien zeigen, dass Lehrkräfte mit solidem Fachwissen besseren Unterricht geben.

ZEIT ONLINE:   Welche Antwort haben Sie auf die Inklusion?

Baumert : Jeder Lehrer muss Grundlagen der Sonderpädagogik studieren. Es wird dann an den Schulen zusätzlich spezialisierte Sonderpädagogen geben, die in das Kollegium integriert sind – also selbst unterrichten und beratend und unterstützend tätig werden.

ZEIT ONLINE:   Was schlagen Sie für die Grundschullehrer vor?

Baumert : Auch die müssen in Zukunft ein solides Fachwissen bekommen, alle in Deutsch und Mathematik; dazu kommt ein drittes Fach. In Berlin ist das besonders wichtig, weil die Grundschule ja bis zur sechsten Klasse geht. Und die Grundschullehrer müssen ebenfalls alle in Sonderpädagogik qualifiziert werden.

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Leserkommentare
  1. Alle sollen auf das Niveau des Gymniasiallehrers gehoben werden und gleichzeitig Sonderpädagogen sein!!!

    Ich stelle mir gerade meine Mathematiklehrerin vor, die sonderpädagogisch tätig ist.

    Ich kann das irgendwie nicht so gut vereinbaren, diese beiden Vorstellungen.

    Aber das soll kein Maßstab setzen, es wird andere MathematiklehrerInnen geben.

    Schon die Mathelehrerin, die sie ablöste war eine "Andere".

    Mit anderen Worten: warum führt man wenn alle von Gymniasallehrern unterrichtet werden, egal ob Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf, Gymniasiasten und Schüler einer Form von Berliner Gesamtschule, nicht ganz einfach die Einheitsschule ein????

    Die könnte man dann ja auch schön ausbauen, mit Küchen zum Beispiel, Schwimmhallen, Werk-und Theaterräumen und Naturwissenschaftlichen Labors.

    Schönen Gruß!

    Eine Leserempfehlung
  2. Sinn und Zweck von Bildung - der Arbeitsmarkt? Charakter- und Herzensbildung? Werte der Aufklärung? Political correctness?

    Wenn man endlich wüsste, was am Ende überhaupt bei rauskommen soll - meiner Ansicht nach freie, mündige, 'plurale' Bürger (Deutsch, Geschichte, Ethik, vllt. Religion, Grundkenntnisse in der Bedeutung von Mathematik, Geometrie, Geografie, Sportsgeist usw.)-, wüsste man auch, was hinzuzufügen wert wäre - z.B. Analysis, die Informatik, die Fremdsprachen.

    Es gilt für die Schüler in unserer Zeit anzukommen. Man erzieht und bildet sie, damit sie nachvollziehen können, warum wir heute wo stehen - aber wo stehen wir denn?

    Da unsere Gesellschaft selbst noch keine Identität hat, irgendwo zwischen tausenden von rechthaberischen Doktrinen umherschwirrt, nichts, was sie wagt, auf der Vergangenheit, der Historie aufbaut, kann man auch junge Menschen nicht entsprechend bilden. Es gibt keinen Ort, an den sie gelangen können, an den man sie hinführen muss, zum Teil gibt es nicht einmal klare Maßstäbe.

    Kurz: nicht die Bildung selbst ist das Problem, sondern unser Land und sein Selbstverständnis. Bisher hat es keins.

    Was man heute im Namen der Pädagogik als Fortschritt bezeichnet, ist doch meistens nichts als ein sehr kleiner Schritt zurück zu dem, was man selbst einmal in Grund und Boden redete. Statt es zu kritisieren, ruinierte man es im Ganzen, setzte eine Künstlichkeit oben drauf, die nicht funktionierte, und kehrt nun, scheinbar, unkritisch zum Alten zurück.

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    Eriksen beschreibt Deutschland als ein Land, daß sehr vielfältigen Einflüssen in seiner Geschichte ausgesetzt war:

    römische Einflüsse, nordeuropäischer Prostestantismus, Individualismus aus den skandinavischen Ländern, mysthischen Einflüssen aus dem Osten und dem Orient und so weiter...

    Diese vielfältigen Einflüsse liessen nie so eine so selbstverständliche nationale Identität wachsen, wie sie in anderen nationalen Flächenstaaten selbstverständlich sein mag, aber sie haben ohne Frage zu den kosmopolitischen Karakter und den kosmopolitischen Fasetten in Kunst und Wissenschaft gefördert. Andererseits kämpften und kämpfen? die Deutschen dann auch immer mit diesen Identitätsfragen...

    Es ist doch besser sich über das Patchwork dieses Landes zu freuen, denn es ist sein ideengeschichtlicher Reichtum.

    Lieber weiter so experimentell vor sich hin wurschteln...

  3. Eriksen beschreibt Deutschland als ein Land, daß sehr vielfältigen Einflüssen in seiner Geschichte ausgesetzt war:

    römische Einflüsse, nordeuropäischer Prostestantismus, Individualismus aus den skandinavischen Ländern, mysthischen Einflüssen aus dem Osten und dem Orient und so weiter...

    Diese vielfältigen Einflüsse liessen nie so eine so selbstverständliche nationale Identität wachsen, wie sie in anderen nationalen Flächenstaaten selbstverständlich sein mag, aber sie haben ohne Frage zu den kosmopolitischen Karakter und den kosmopolitischen Fasetten in Kunst und Wissenschaft gefördert. Andererseits kämpften und kämpfen? die Deutschen dann auch immer mit diesen Identitätsfragen...

    Es ist doch besser sich über das Patchwork dieses Landes zu freuen, denn es ist sein ideengeschichtlicher Reichtum.

    Lieber weiter so experimentell vor sich hin wurschteln...

    Antwort auf "Meine Meinung"
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    Das stimmt doch gar nicht. Natürlich kann eine wechselhafte Geschichte eine Identität begründen - ALLE historische Erinnerung tut das! Martin Luther, Goethe, Schopenhauer, Nietzsche, Kant, Hitler, Kafka, Gorbatschow, 9. November, Bismarck, Völkerwanderung, Prussen, Balten, Mozart, Beethoven, Wissenschaft, Kunst, Mathematik, Philosophie, Chemie usw. usw., von mir aus auch - *sich überwind* - Hegel, all das ist deutsche Kultur und begründet eine Identität. Meiner Auffassung nach in seiner Gesamtheit die Werte - wenn auch oft verzehrt oder kleingeredet - der Aufklärung.

    Danke, dass Sie so offen sind mit Ihrer letzten Aussage (das meine ich nicht ironisch oder sarkastisch). Doch gerade hier mein vollster Widerspruch - dieses experimentelle Hinwurschteln übersieht, dass die Probleme der Bildung die jungen Menschen betreffen, auch wenn es Spaß machen mag, zu experimentieren und auszuprobieren. Und ich finde Spaß durchaus nicht unwissenschaftlich. - Aber diesbezüglich gibt es sicherlich bessere Alternativen.

  4. Das stimmt doch gar nicht. Natürlich kann eine wechselhafte Geschichte eine Identität begründen - ALLE historische Erinnerung tut das! Martin Luther, Goethe, Schopenhauer, Nietzsche, Kant, Hitler, Kafka, Gorbatschow, 9. November, Bismarck, Völkerwanderung, Prussen, Balten, Mozart, Beethoven, Wissenschaft, Kunst, Mathematik, Philosophie, Chemie usw. usw., von mir aus auch - *sich überwind* - Hegel, all das ist deutsche Kultur und begründet eine Identität. Meiner Auffassung nach in seiner Gesamtheit die Werte - wenn auch oft verzehrt oder kleingeredet - der Aufklärung.

    Danke, dass Sie so offen sind mit Ihrer letzten Aussage (das meine ich nicht ironisch oder sarkastisch). Doch gerade hier mein vollster Widerspruch - dieses experimentelle Hinwurschteln übersieht, dass die Probleme der Bildung die jungen Menschen betreffen, auch wenn es Spaß machen mag, zu experimentieren und auszuprobieren. Und ich finde Spaß durchaus nicht unwissenschaftlich. - Aber diesbezüglich gibt es sicherlich bessere Alternativen.

  5. die mit den Begriffen Methodik und Didaktik nicht umgehen können. Wie wird da nur der Unterricht?

    • McMagge
    • 27. September 2012 19:18 Uhr

    meine tochter musste schon öfters erstmal falsch lernen um dann wochen später richtig zu lernen zb punkt vor strich rechnung .. bitte bitte liebe lehrer lehrt unseren kindern von anfang an den richtigen weg sie werden es schon verstehen denn sie sind mindestens so schlau wie wir früher waren

  6. So wie für die Schüler "alles vom Können der Lehrer abhängt", so hängt für die Lehrer alles vom Können ihrer Professoren ab - dies wäre ein logischer Schluss, gegen den sich Herr Baumert mit Sicherheit verwehren wird: In welchem Bundesland war er als lehrerbildender Hochschullehrer tätig?
    Das Negieren von strukturellen Zusammenhängen, bei denen die Güte des Lehrers nur einen Teil darstellt, ist eines Professors nicht würdig, da schlicht unwissenschaftlich und falsch - setzen sechs! Schlimmer noch: Es leistet bestenfalls der politischen Denkrichtung Vorschub, man müsse nur die Beamten zu mehr (bes. schulhausinternen, da kostenlosen) Schulungen verpflichten und alles wird gut; Investitionen in Strukturen vor Ort können damit nämlich unterlassen werden und alles kann ansonsten so bleiben, wie es ist. HURRA!

    • mutant
    • 05. Oktober 2012 11:06 Uhr

    habe selten einen Kommentar gelesen, bei welchem ich in nichts übereingestimmt habe. Er sagt die Lehrer brachen mehr Fachwissen-das halte ich gelinde gesagt für übertrieben. Wenn ich sehe das Grundschullehrer in Mathematik den ganzen Abiturkram nochmal durchgehen um später die Grundrechenarten zu lehren, finde ich das schon übertrieben. Der gute Mann will einen Superlehrer der alles kann. Das Problem sehe ich wo anders. Hier möchte ich Bezug nehmen auf die Ergebnisse der Leistungsfähigkeit/Kenntnisstand der Grundschüler nach Bundesland. Die Stadtstaaten kommen am schlechtesten weg und die süddeutschen Regionen am besten. Man müsste einfach eine Statistik zeigen wo die Ergebnisse mit dem Anteil von Migranten verglichen werden. (Nur ein Beispiel)Dann würde man sehen was los ist. Es liegt nicht alles an den Lehrern. Den diese sind keine Erzieher. Gewisse Gepflogenheiten sollten die Kinder mitbringen sonst ist die Wissensvermittlung zum Scheitern verurteilt. Gleichmacherei in den Schulen wird das Problem noch verstärken. Abiturienten die der deutschen Sprachen nicht mächtig sind nutzen niemandem etwas. Über solche Tests könnte man gut nachvollziehen wie es um das Niveau der Schüler steht. Leider gibt es wenig vergleich zu den Leistungen von vor 30 Jahren.
    Selbst wenn die Superlehrer ausgebildet werden nach dem Vorbild von Herrn Baumert wird sich nix ändern.

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    ich zitiere: "Abiturienten die der deutschen Sprachen nicht mächtig sind" Zitatende
    Wie viele deutsche Sprachen gibt es denn? Und sind Sie sicher, dass Sie wenigstens der deutschen Schriftsprache mächtig sind? Ich (als Migrantin und künftige Deutschlehrerin) sehe da etliche Komma-, Grammatik- und andere Fehler. Bevor Sie über Leute herziehen, die (angeblich) der deutschen Sprache(n) nicht mächtig sind, schauen Sie doch bitte bei sich selbst. Wie war das nochmal mit dem Balken im eigenen Auge?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jürgen Baumert | Abitur | Grundschule | Gymnasium | Lehrer | Mathematik
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