InklusionEltern behinderter Kinder sollen keine Bittsteller sein

Wie können Berlins Schulen behindertengerecht werden? Die Vorsitzende des Beirats Inklusive Schule im Interview über Elternängste und die Ausstattung der Schulen. von Susanne Vieth-Entus

Frage: Beim Thema "Inklusion" ist momentan mehr von Ängsten als von Chancen die Rede . Ist das auch im Beirat zu spüren, dem Sie vorsitzen?

Sybille Volkholz: Wenn es um Erziehung von Kindern geht, ist die Diskussion sehr schnell von Ängsten geprägt. Das ist auch im Beirat zu spüren. Trotzdem stehen dort die Chancen, die in einem guten Inklusionsprozess liegen können, im Vordergrund. Ich würde mehr von der gemeinsamen Sorge um ein gutes Aufwachsen von Kindern sprechen.

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Frage : Eltern von Kindern mit Behinderungen rufen bei uns an, weil sie nicht wollen, dass ihre Förderschule abgeschafft wird. Sollen sie zur Inklusion gezwungen werden?

Sybille Volkholz

Sybille Volkholz, 68, leitet den Beirat "Inklusive Schule".

Volkholz : Mit der gemeinsamen Erziehung gibt es in Berlin schon über 20 Jahre lange Erfahrung und zwar überwiegend positive. Auch in diesem Prozess ist es zur Schließung von Schulen gekommen. Die UNKonvention gibt diesem Prozess der gemeinsamen Erziehung einen neuen Anstoß, und das ist gut. Eltern werden nicht zur Inklusion gezwungen, aber alle Schulen sollen in die Lage versetzt werden, behinderte Kinder unterrichten zu können. Aber auch dies wird noch einen längeren Zeitraum brauchen.

Frage : Zuerst soll die große Mehrheit von Förderschulen abgeschafft werden , die von Kindern mit Verhaltens-, Lern- und Sprachproblemen besucht werden. Die Regelschulen befürchten, dass man sie mit pauschalen und unzureichenden Personalzuweisungen abspeisen will.

Volkholz : Rund 50 Prozent dieser Kinder werden heute schon in der Grundschule unterrichtet. Dieser Anteil wird größer. Es steht nicht die Abschaffung von Schulen im Vordergrund, sondern die Förderfähigkeit der Regelschule. Die Überlegung ist, den Schulen eine verlässliche Grundausstattung für die sonderpädagogische Förderung zu geben, die sie flexibel für die Kinder verwenden kann, die dies brauchen. Diese Grundausstattung muss nicht geringer sein als die bisherige. Dieser Prozess muss begleitet werden mit sorgfältiger Rechenschaftslegung und Evaluation. Diese Frage ist im Beirat aber noch umstritten und nicht entschieden.

Frage : Nach den Erfahrungen mit JüL und der Früheinschulung misstrauen viele Eltern großen Reformen.

Volkholz : Diese Ängste müssen ernst genommen werden. Deshalb gibt es ja auch Modellbezirke für die Inklusion. Und deshalb wird der Übergang ja auch verlangsamt. Der Prozess wird sich über Jahre hinziehen, der Beirat hat als Zielzeitraum 2020 ins Auge gefasst.

Frage : Und dann wird es keine Förderschulen mehr geben ?

Volkholz : Vielleicht wird es noch eine Anzahl von Förderschulen geben, sofern die Nachfrage seitens der Eltern da ist.

Frage : Sollen auch die Schulen aufgelöst werden, die sich um die besonders aufwendigen Förderschwerpunkte kümmern wie geistige Behinderung?

Volkholz : Auch heute sind schon Kinder mit diesen Behinderungen in Regelschulen integriert. Der Beirat hat die Planung des Senats von Schwerpunktschulen akzeptiert, unter der Bedingung, dass es an diesen Schulen mehr nichtbehinderte als behinderte Kinder gibt. Damit soll verhindert werden, dass es sich um verkappte Förderzentren handelt. Es soll in jedem Bezirk und in jeder Schulform Schwerpunktschulen geben. Ob es 2020 noch einzelne Förderschulen geben wird, ist nicht die Frage. Ziel der Inklusion ist nicht die Abschaffung von Schulen, sondern die Verbesserung der Förderung.

Frage : Die Eltern haben aber Angst, dass sie nicht gefragt werden. Schon jetzt dürfen manche Förderschulen keine neuen Klassen mehr aufmachen.

Volkholz : Es gibt auch Eltern, die sich beschweren, dass ihr behindertes Kind nicht schon jetzt in die Schule auf der anderen Straßenseite gehen kann. Die Schulentwicklung muss immer versuchen, einen möglichst großen Konsens hinzubekommen. Es wird in den Regionen Beratungs- und Unterstützungsstellen für Lehrkräfte und auch Eltern geben, mit deren Hilfe die Kinder die Förderung erhalten, die sie brauchen.

Leserkommentare
  1. gefragt!

    Inklusion ist ein großartiges Ziel: jedoch darf man nie vergessen, daß viele Kinder in geschützen Räumen besser gefördert werden können.

    Es liegt doch alles an der Kompetenz und den Personalkosten!!!

    Ein Mittelweg können Spezialabteilungen an gewöhnlichen Schulen sein.

    Und manchmal ist es schon gut wenn ein Kind nicht direkt auf eine Förderschule geschickt wird. Man spricht hier von einem breiten Spannweite von Behinderungen, denn jeder Mensch ist ja anders.

    Warum bei "leichten" Verhaltensstörungen ein Kind auf eine Förderschule geschickt wird, bleibt mir ein Rätzel. Kinder brauchen auch andere Kinder als positive Vorbilder. Dieser pädagogische Effekt läßt sich leichter mit Inklusion vereinbaren als mit isolierenden Sonderschulen.

    Manchmal müssen auch Eltern umdenken und nicht nur LehrerInnen.

  2. Danke für dieses kritische Interview.

    Hier kam sehr gut raus, dass es bei Inklusion erst mal grundsätzlich gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe geht.

    Ich finde es begrüßenswert, wenn die Inklusion langsam Einzug in Deutschland halten würde und zwar so, dass man für das gleichberechtige gesellschaftliche miteinander leben keinen Extrabegriff mehr braucht wie "Inklusion".

    Wenn wir heute damit anfangen, den Kindern ein Bewusstsein zu schaffen, wie bunt das Leben sein kann, wird sich auch die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung grundlegend ändern und Ausgrenzungen verringern.

    Natürlich ist dies ein schleichender Effekt, der nicht von heute auf morgen stattfindet. Die behutsame Einführung sollte gewährleistet sein, damit sich niemand übergangen fühlt - weder Eltern noch Kinder.

  3. Auch wenn die Fragen schon kritisch waren, so hat sich er Autor dieses Interviews mit Phrasen abspeisen lassen. Es findet sich nichts Konkretes in den Atnworten. Der wichtigen Frage nach der Finanzierung wird so billig ausgewichen, dass sich der Autor schämen sollte, da nicht nachgehakt zu haben.

    Das ganze Projekt Inklusion wird eine große Sparmaßnahme auf Kosten aller Kinder.

    Die Idee, auch Menschen mit Behinderungen und Auffälligkeiten in die Gesellschaft zu integrieren ist gut und sollte vernünftig verfolgt werden.

    Aber so, wie Inklusion jetzt läuft, werden einfach nur Schulen und Stellen abgebaut und durch völlig unzureichende, aber weitaus billigere Hilfen ersetzt.

    Am Ende ist die Gesellschaft viel tiefer gespalten als jetzt, da jedes Kind, das einen besonderen Betreuungsaufwand hat, sehr schief angeguckt wird, denn die schon weit überstrapazierten Ressourcen der jeweiligen Schulen werden dann noch stärker bei einzlenen Schülern gebündelt, so dass die Ausbildung für den Rest schlechter wird.

    Nein, das Ziel mag richtig sein, aber der Weg ist es nicht, er ist auf der einen Seite ideologisch verblendet und übersieht die Schwierigkeiten der praktischen Umsetzung, auf der anderen Seite durchkalkulierte Sparmaßnahme.

    Und das schlimme ist: Jeder, der ernsthaft etwas gegen diesen unvernünftigen Kurs sagt, ist natürlich dafür behinderte Kinder abzuschotten und die Gesellschaft nicht mit ihnen zu behelligen.

  4. Einen Erfahrungsbericht, wie Inklusion umgesetzt wird, findet man hier

    http://www.lehrerforen.de...

    Es ist zum Gruseln.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der aber auch wirklich zum Gruseln ist.

    Sonderschulpaedagogen auf Tur!

    So kann das nicht funktionieren.

    Weder fuer die Lehrer noch fuer die Schueler.

  5. Bei dem Interview wird ausführlich mit dem Bild des (leicht) behinderten Kindes gespielt, dass lediglich etwas Förderung braucht, um beim Regelbetrieb mitschwimmen zu können. Das mag ja auch auf einen großen Teil der Behinderten zutreffen.

    Die Kinder mit schweren Verhaltensproblemen beeinträchtigen aber massiv ihre Mitschüler. Früher hat man solche Kinder in die Förderschule oder falls das nicht mehr ging, in die Hauptschule gesteckt. Die werden dann wohl bald alle in die Restschule gesteckt und produzieren dann ganze Jahrgänge von Gestörten, denn deren Treiben geht auch nicht an den Opfern vorüber. Das alles, um ein paar Kröten einzusparen. Sollen die sich doch mal nicht so anstellen. Den Hauptschulabschluss kann man dann vollständig vergessen.

  6. Der aber auch wirklich zum Gruseln ist.

    Sonderschulpaedagogen auf Tur!

    So kann das nicht funktionieren.

    Weder fuer die Lehrer noch fuer die Schueler.

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