BildungsgerechtigkeitIst die gerechte Schule eine Illusion oder das Ziel?

Thomas Kerstan sucht eine pragmatische Lösung: ein Bildungsminimum für alle. Taner Ünalgan fordert mehr Idealismus: die gerechte Schule. Ein Video-Streitgespräch

Deutsche Schulen sind seit Langem in der Kritik. Unter anderem weil sie ungerecht sind. Kinder von Akademikern machen wesentlich häufiger Abitur und studieren danach als Kinder aus den sogenannten bildungsfernen Schichten.

Der Ressortleiter der ZEIT-Chancen Thomas Kerstan hat in einem seiner Artikel zu mehr Pragmatismus aufgerufen: Die Schule könne keine Gerechtigkeit herstellen, schreibt er, weil sie die unterschiedlichen Voraussetzungen, die die Kinder aus ihren Elternhäusern mitbrächten, nicht ausgleichen kann. Deshalb solle man akzeptieren, dass nicht alle gleich seien und ein anderes Ziel anstreben: ein Bildungsminimum. Ziel sollte es seiner Ansicht nach sein, dass 15-jährige Schüler mindestens richtig lesen und rechnen können. "Wenn es gelänge, die Gruppe jener Schüler, die das Bildungsminimum nicht erreichen, in den kommenden Jahren von derzeit 20 Prozent auf zum Beispiel 15 oder gar 10 Prozent zu verkleinern, wäre das ein stolzes Ergebnis."

Taner Ünalgan, der Bundeskoordinator der Jusos-SchülerInnen-Gruppe, reagierte darauf mit einem offenen Brief. Denn er ist überzeugt, dass gerechte Bildung keine Illusion ist. Ünalgan hält ein Bildungsminimum, das alle erreichen soll, für ein viel zu kleines Ziel. "Was ist das denn für eine armselige Vorstellung?", schreibt er. Er behauptet, dass Deutschland den Mut aufbringen sollte, die Schulen konsequent zu reformieren: mit Gemeinschaftsschulen und "echten" Ganztagsschulen, mit kleinen Klassen, individueller Förderung und anderen Maßnahmen. Kein einfacher Weg, aber machbar, glaubt er.

Die Diskussion zwischen Taner Ünalgan und Thomas Kerstan führen wir hier in ihren Videobeiträgen weiter.

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Leserkommentare
  1. Die bildungsgerechte Schule wird es kaum geben, solange es bildungsferne Elternhäuser gibt. Elternhäuser, die ihre Kinder nicht fördern, können in der Tat nur ausgeglichen werden, wenn der Nachwuchs weg kommt in eine unterstützende Umgebung. Eltern, die mit ihren Kindern nicht lesen, schwimmen oder radfahren, eventuell sogar einschliessen in einen abgekapselten Familienverbund brauchen sich über die dann folgenden Defizite nicht wundern. Ich kenne türkische Eltern, deren Kinder klavierspielen, malen, im Verein sportlich (international!) aktiv sind und dann beste Schulnoten aus diesen ungerechten Schulen nach Hause bringen. Es geht also doch, wenn die Eltern dies ermöglichen.

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    • Ockenga
    • 11. Dezember 2012 16:37 Uhr

    KARLOS111 hat recht.
    Zuerst kommt das Elternhaus. Die Fehler die dort gemacht werden sind primär. Die kann der Staat mit seinen Bildungsangeboten nicht ungeschehen machen. Der Staat kann nur versuchen, die elterlichen Ungerechtigkeiten zu reparieren. Wer das leugnet, der läuft im argumentativen Kreis.

    • akraft
    • 21. September 2012 19:31 Uhr

    Gleichgültig wer über Bildung diskutiert - er ist ein Experte, denn er hat ja irgendwann einmal eine Schule besucht. So scheint es zumindest zu sein, denn obwohl scheinbar Einigkeit darüber besteht, dass die Voraussetzungen der Kinder sehr individuell sind, geht man doch davon aus, dass jeweils ein Mensch (ein Lehrer) dazu in der Lage ist, die Vielzahl an individuellen Vorbedingungen nicht nur zu erkennen sondern auch entsprechend zu handeln (zu fördern).

    Ein einfaches Beispiel zeigt aber, dass das nicht möglich ist. Wir nehmen einfach den (nicht untypischen) Fall eines 5. Klässlers, der nun seit fünf Wochen die Schulbank drückt. Im Mathematikunterricht fällt auf, dass er immer wieder mit dem Kopfrechnen Probleme hat. Was passiert? Er wird in den "Förderunterricht" gesteckt. Dort wird er einfach mit Aufgaben bombardiert, die ihm zu mehr Übung verhelfen sollen. Nun kann man dem Lehrer (ich bin selbst einer) keinen Vorwurf machen. Wie soll er denn die lange Liste möglicher Ursachen abhaken? Einige davon könnten sein:

    - eingeschränktes Sehvermögen
    - fehlendes Verständnis einer Menge
    - hirnorganischer Schaden
    - allgemeine kognitive Störung (ugs. "geringer IQ")
    - Raumlageorientierungsstörung
    - Blockade durch psychische Probleme
    - fehlende Verinnerlichung der Rechenoperationen
    - Fehler bei der Umsetzung des Textes in eine Rechenoperation
    - diverse andere Lern- bzw. Bewusstseinsstörungen

    Das kann kein Lehrer nebenbei diagnostizieren oder therapieren.

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  2. Herr Kerstan, Schulbildung endet nicht mit einer Ausbildung (oder einem Studium). Das Ziel von Bildung ist nicht alleine die Produktion von Arbeitskräften, die dann ein bestimmtes Bildungsminimum erreichen müssen, sondern ist neben der Arbeitsfähigkeit auch ein wesentlicher Bestandteil der persönlichen Lebensgestaltung und somit auch des persönlichen Lebensstandards. Dies ist daher ebenfalls eine moralische bzw. ethische Frage.

    Man kann schon behaupten, dass das Schulsystem die Chancen der Schüler hierzulande verbaut. In diesem Punkt stimmte ich vollkommen mit Herrn Ünalgan überein. Der notwendige Grad an Flexibilität reicht einfach nicht und die qualitativen Unterschiede der jeweiligen Schulen ist viel zu groß! Schon unaufwändige Änderungen könnten hier ein besseres Angebot realisieren, vor allem dort wo es, in weitestem Sinne, an bürokratischen Hindernissen scheitert.

    Meiner persönlichen Ansicht nach ist die Seperation der Schule und der Bildungswege ein absolutes Unding und die Verbesserungen der letzten Jahrzehnte reichen bei weitem nicht. Das hierdurch regelrecht unterdrückte Bildungspotential ist gewaltig. Eine Gleichstellung ist zwar per se natürlich nicht möglich oder gar gewünscht, aber so wie es jetzt ist, ist es für viele Schüler diskriminierend.

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  3. "... ein Bildungsminimum, dessen Ziel es sein sollte, dass 15-jährige Schüler mindestens richtig lesen und rechnen können."

    Das ist kein Ziel, das ist eine bedingungslose Kapitulation vor menschlicher Ethik und Moral wie wir diese einmal kannten.

    Mit Sicherheit auch ein feuchter Traum verschiedenster "neoliberaler" Jünger und Eliten, aber dennoch und gerade deshalb eine Kapitulation der Gesellschaft.

    Dinge welche früher in jeder Baumschule nach wenigen Klassen als Grundlage galten, und erreicht wurden, werden im Jahre 2012 des Herrn als erstrebenswert für 15Jährige!!! verkauft. Ohne Worte.

    Einer der Hauptfehler dürfte es schon sein, die Schulen zum Thema einzelstehend zu betrachten. Doch diese existieren meines Wissens nicht in einem Paralleluniversum, sondern in dieser Gesellschaft. Und diese ist sehr, sehr krank.

    Wenn Bildung sich an den "Märkten" orientiert ist die Sache eigentlich schon verloren. Dafür gibt es übrigens die Ausbildung. Kleiner aber feiner Unterschied.

    Bildung trägt zur Reife des Menschen bei, vermittelt ein Grundgerüst Umwelt, Geschichte und Gesellschaft zu begreifen. Bildung formt im besten Fall Menschen, welche aus sich selbst heraus Verantwortung übernehmen und wahrnehmen können. Das dies nicht allen Marktjüngern passt ist mir auch klar. Dies ist aber für die Gesellschaft kein Grund, Menschen in einer Art und Weise dressieren und dummhalten zu wollen, wie es bei anderen Gattungen zurecht mit dem Tierschutz geahndet würde.

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    Zitat: "Dinge welche früher in jeder Baumschule nach wenigen Klassen als Grundlage galten, und erreicht wurden, werden im Jahre 2012 des Herrn als erstrebenswert für 15Jährige!!! verkauft. Ohne Worte."
    .
    Bloß richtig lesen und rechnen können - das ist in der Tat arg wenig. Ich würde ein neues Bildungsziel formulieren: Ein Schulabgänger sollte drei Viertel der Tagesschau-Meldungen verstehen und in eigenen Worten wiedergeben können.
    .
    Von diesem Ziel ist die Schule heute noch weit entfernt.

  4. Auch andere Faktoren sollten Beachtung finden.

    Wenn es Bevölkerungsteile in diesem Land nicht schaffen, ihre Kinder in dieser Gesellschaft zumindest mitlaufen zu lassen, dann muß hier eben konsequent eingegriffen werden.

    Es besteht kein Grund in solchen Fällen, auch ohne Rücksicht auf "kulturelle Befindlichkeiten", diesen Familien nicht Betreuer zur Seite zu stellen. Und wem das nicht passt, der kann gehen, oder die Erziehung der Kinder wird im erforderlichen Maße durch andere übernommen.

    Dazu braucht man natürlich erst einmal eine Schule die auch etwas bietet. Ganztagsschulen, Gemeinschaftsschulen, Förderung, kleinere Klassen, dies ist hierfür sehr wohl der richtige Weg.

    Dazu gehört auch, den Kindern Lebensziele vermitteln zu können. So blöd, sich mit Freuden auf das heutige erwartbare Arbeitsleben mit Begeisterung vorzubereiten sind sowieso noch nicht einmal die härtesten Analphabeten.

    Das die Schüler genau hierfür lernen wird ihnen aber ständig klar gemacht.

    Das kann nicht funktionieren.

    Freude an Wissen und Erkenntnis, das wäre doch mal ein "Bildungsminimum".

    Ein weiterer extremer Mangel, die starke Abhängigkeit der Bildungsmöglichkeiten von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Die hier häufig herrschenden Realitäten sind einer Gesellschaft mehr als unwürdig. Ein langatmiges Thema.

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  5. Zum Schluß;

    Schule ist ein Teil der Gesellschaft. Krankt die Gesellschaft, krankt folgerichtig auch die Schule und kann Verantwortung nicht wirklich wahrnehmen.

    Und, die Menschen sollten sich erst einmal darüber klar werden, unsere Kinder sind der zukünftige Grundstock der Gesellschaft. Wir sollten ihnen Bildung für eine lebenswerte Zukunft ermöglichen.

    Wir sollten Sprüche der Art "Unsere Kinder müssen für die Märkte fit gemacht werden." als das sehen was sie sind, eine unglaubliche Anmaßung. Welche unsere Kinder lediglich als Verfügungsmasse, als Humankapital erniedrigt.

    Unsere Kinder sollten uns mehr wert sein.

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  6. Ich sehe eher das Problem, dass sich eine bestimmte Gesellschaftsschicht aus den staatlichen Strukturen verabschiedet hat. Diese Klasse versucht ihren Kindern auf Teufel komm raus Wettbewerbsvorteile zu verschaffen und lässt nichts unversucht die "Brut" durch Nachhilfe, Privatschule, Englisch im Kindergarten und dergleichen nach oben zu katapultieren. Auf der anderen Seite steht die Schicht, die in Amerika abschätzig als "White trash" bezeichnet wird. Kinder aus diesem Sozialmilieu haben von Geburt an erhebliche Nachteile. Mit der zunehmenden Segregation im Bildungswesen kommen diese Kinder dann auf einschlägige Schulen mit ihresgleichen. Damit ist ein Aufstieg durch Bildung von vornherein praktisch ausgeschlossen.

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    • akomado
    • 21. September 2012 23:06 Uhr

    um nicht anderes geht es dabei. "Bildunsgferne Schichten" sind in der Regel arm, "bildungsnahe" jedoch wohlhabend oder reich.
    Ein "Bildungsminimum" zu fordern, erscheint auf den ersten Blick zwar als pragmatischer Ansatz, hält aber der Analyse nicht stand: Es geht um eine Art von Erlernung des Pidgin-English für die Epsilon-Minus-Halbimbezillen (vide: Huxley, Brave New World), damit sie wenigstens verstehen, was man ihnen befiehlt. Oder was die Zeitung mit den großen Buchstaben ihnen indoktriniert.
    Dieser Ansatz möchte die Herrschaft der selbsternannten - weil wohlhabenden oder vermögenden - "Elite" zementieren.
    Ich fände es interessanter, diese "Elite" aufzulösen. Und die "Weisheit der Vielen" zuzulassen.
    Mag sein, daß dafür eine Revolution nötig ist. Warum nicht?
    Revolutionen können so schön sein (wie die von '89 in der DDR).

    • akomado
    • 21. September 2012 23:06 Uhr

    um nicht anderes geht es dabei. "Bildunsgferne Schichten" sind in der Regel arm, "bildungsnahe" jedoch wohlhabend oder reich.
    Ein "Bildungsminimum" zu fordern, erscheint auf den ersten Blick zwar als pragmatischer Ansatz, hält aber der Analyse nicht stand: Es geht um eine Art von Erlernung des Pidgin-English für die Epsilon-Minus-Halbimbezillen (vide: Huxley, Brave New World), damit sie wenigstens verstehen, was man ihnen befiehlt. Oder was die Zeitung mit den großen Buchstaben ihnen indoktriniert.
    Dieser Ansatz möchte die Herrschaft der selbsternannten - weil wohlhabenden oder vermögenden - "Elite" zementieren.
    Ich fände es interessanter, diese "Elite" aufzulösen. Und die "Weisheit der Vielen" zuzulassen.
    Mag sein, daß dafür eine Revolution nötig ist. Warum nicht?
    Revolutionen können so schön sein (wie die von '89 in der DDR).

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    Ich kann Thomas Kerstans Ansatz gut nachvollziehen.
    Die Ressourcen, die für das Bildungsminimum nötig wären, sind praktisch sofort abrufbar und damit das Konzept zeitnah umsetzbar.

    Wenn kein Schulabgänger mehr (funktionaler) Analphabet wäre, dann wäre dies tatsächlich ein großer Fortschritt und wir hätten die ansehnliche Alphabetisierungsquote von 100%.

    Das heißt ja nicht, daß das dann alles war. Wenn dieser Status erst einmal erreicht und abgesichert ist, kommt die nächste Stufe der Bildungsoffensive.

    Man kann natürlich immer gleich den Idealzustand fordern, für die Umsetzung ist man ja praktischerweise nicht verantwortlich.

    Oder man kann durch sequenzielles Abarbeiten eines in Einzeletappen zerlegten komplexen Problems zum Ziel kommen. Das wäre die realistischere Alternative.

    Parallel dazu dürfen Sie aber gerne die Barrikaden konstruieren.

    k.

    Nachfolgende Generationen erhalten gar keine neuen Bildungschancen, weil das System mittels manipulierter Eltern das Bild ewiger Überlebenskämpfe aufrecht hält. Die Jugend glaubt also im Streben nach Karriere liegt das Kapital, wodurch wiederum Unabhängigkeit ermöglicht wird. Konsequent betrachtet, handelt es sich allerdings um eine andere Form sklavenähnlicher Abhängigkeiten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Abitur | Ganztagsschule | Gemeinschaftsschule | Schule | Schüler | Bildung
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