Inklusion : Eine Förderschule kam nicht infrage

Sie hat eine schwere Behinderung und spricht mithilfe eines Computers. Die siebenjährige Janika besucht die zweite Klasse einer Frankfurter Regelschule.
Janika mit ihrer Freundin © privat

Montagmorgen im Klassenraum der 2a der Valentin-Senger-Schule . Janika erzählt von ihrem Wochenende – ohne zu sprechen. Tante und Großmutter hat sie besucht, mit ihrer Cousine gespielt, abends haben alle gemeinsam gegrillt. Das Mädchen strahlt über das ganze Gesicht, während die Klasse zuhört. Die Stimme, die die anderen Kinder hören, ist jedoch nicht die von Janika. Sie kommt aus einem Sprachcomputer, der vor ihr auf dem Tisch steht. Die Siebenjährige steuert ihn, indem sie die Augen bewegt.

Janika leidet an an Dystonie. Sie sitzt im Rollstuhl, kann sich nur eingeschränkt bewegen, braucht Hilfe beim Essen und Trinken und besucht trotzdem eine Regelschule. Denn sie kann alles verstehen. Mit ihren Eltern hat sie ein System entwickelt, das es ihr ermöglicht, das Notwendigste auch ohne Computer mitzuteilen. Wer ihr eine Frage stellt, streckt ihr Daumen und Zeigefinger hin. Schaut Janika auf den Daumen ist die Antwort ja, schaut sie auf den Zeigefinger, lautet sie nein.

In ihrer Klasse der neu errichteten Grundschule in einem bürgerlichen Frankfurter Wohngebiet lernt Janika gemeinsam mit zwanzig nicht behinderten Kindern. Auf den bunten Bildern in den Fluren des modernen Gebäudes steht "Wir gehören zusammen" und "Eine Schule für alle Kinder". Janikas Klassenraum ist groß und hell. An den Wänden hängen neben den Kunstwerken der Kinder auch die Klassenregeln: Aufzeigen, zuhören, leise sein und flüstern, steht auf vier kleinen Plakaten, die hinter Janikas Platz hängen. Dass sie zwei dieser Regeln nicht erfüllen kann, stört niemanden.

Wenig Inklusion in Hessen

In der Valentin-Senger-Schule wird das gemeinsame Lernen, die Inklusion, praktiziert: Vier Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf nehmen wie alle anderen Kinder am Unterricht teil. Grundlage für diese Art der Schulung ist die  UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 in Deutschland in Kraft getreten ist. Sie beinhaltet unter anderem das Recht für Kinder mit Behinderungen, gemeinsam mit nicht behinderten Kindern zur Schule zu gehen .

Obwohl das inklusive Bildungssystem von allen deutschen Bundesländern befürwortet wird, hapert es an der Umsetzung: Nur wenige Regelschulen nehmen behinderte Kinder auf. Oft gibt es nicht genug Geld und nicht genug Personal. Außerdem sind nicht alle Schulgebäude barrierefrei. In Hessen ist Inklusion zwar im Schulgesetz verankert, die Schulen, die sie anbieten, müssen aber nicht zwingend mehr Geld bekommen. Sie seien im Rahmen der vorhandenen Mittel mit zusätzlicher Ausstattung zu versorgen, heißt es vage. Außerdem dürfen Kinder im Einzelfall abgelehnt werden, wenn diese Art der Schule nach Ansicht der zuständigen Behörden nicht zum Kindeswohl beiträgt.

Nur Niedersachsen hat sich bisher noch weniger als Hessen um die Einführung eines inklusiven Schulsystems bemüht. Besonders aktiv sind hingegen Schleswig-Holstein , Bremen und Berlin .

Förderschullehrer und Integrationshelferin

Für Janika war der Weg in die Valentin-Senger-Schule schwierig. Ihre Eltern mussten lange suchen, bis sie eine Schule fanden, die sich bereit erklärte, ihre Tochter aufzunehmen. Für Ulrike Haarmann-Handouche, ehemalige Schulleiterin der Valentin-Senger-Schule, war der Fall jedoch sofort klar: "Unser Gebäude ist barrierefrei, da gab es keinen Grund für eine Absage." Einmal pro Woche kommt ein Förderschullehrer in die Klasse, der Janika individuell unterrichtet. Ansonsten wird sie von einer Integrationshelferin betreut. Inge Höhne nimmt das Mädchen morgens am Eingang entgegen, hilft ihr im Unterricht, füttert und wickelt sie. "Das ist eine Herausforderung, aber mit ihrer Fröhlichkeit entschädigt Janika mich immer wieder." Allerdings sei vieles an der Schule noch im Aufbau – es fehle beispielsweise ein Raum, in dem sie Janika ungestört umziehen könne. Zurzeit geht sie dafür in das kleine Garderobenzimmer, in dem die Kinder ihre Sachen lagern.

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Förderschule

Nein...sind sie nicht! Ein Kind mit "normaler" geistiger Entwicklung sollte mit Kindern zusammen unterrichtet werden, die einen ähnlichen Entwicklungsstand haben.
In einer Klaase in der ausschließlich Kinder sind die gefördert werden müssen, käme sie zu kurz - schon die hier beschriebene Kommunikation mit den 2 Fingern kann eben nicht jedes geistig oder ebenfalls erheblich körperlich behinderte Kind bewältigen.

Vielleicht mehr Infos gefällig?

Hallo, ich bin die Mutter von Janika und lese die vielen Kommentare mit großem Interesse und sehe hier doch sehr unterschiedliche Kenntnisstände der Kommentatoren. :-)
Wir haben eine UN-Konvention, die Inklusion vorsieht (mit Wahlrecht der Eltern - so leider meist nur die Theorie). Von daher erübrigt sich also die Debatte, OB man das gutheisst oder nicht, es geht nur noch um das WIE. Wer sich mit Inklusion beschäftigt und sehen muss, dass Deutschland im europäischen Vergleich an vorletzter (!) Stelle steht, den muss das Grausen packen. In anderen Ländern ist die Denke anders. Da gehören Behinderte einfach mit zum Bild, da braucht man gar keine UN-Konvention. Wenn man ein Kind hat, dass im eigenen Körper gefangen ist, dann muss man sich überlegen, was dieses Kind zu erwarten hat im Leben. Und offenbar wird sie nicht in einer Werkstatt mit ihren Händen arbeiten können. Und offenbar werden wir auch nicht ewig leben. Stellt man dann fest, dass sie in der Lage ist Memory zu spielen, Dinge zuzuordnen, etc. dann wäre ich vermutlich eine schlechte Mutter, wenn ich nicht alles daran setzte, ihren Geist zu fördern. Förderschulen werden von über 75% ohne Schulabschluss verlassen, was mir nicht gut genug erschien für Janika... So und Inklusion heißt mehr Individualität innerhalb des Unterrichts. Und das hilft auch den Hochbegabten (ist ja im Ernst auch kein Geschenk). Die Schule wird dem Kind angepasst, nicht umgekehrt. Gern würde ich mehr schreiben, aber die Zeichen sind zuende :-)

@ Aoshi

Sie klingen sehr engagiert, und das ist gut! :-) ich bin fast versucht, Sie für unser Netzwerk Inklusion zu werben!
Wenn es vereinte Nationen gibt (UN) die eine Konvention erlassen, dann mag man da anderer Meining sein (bin ich bei der Euroschuldenkrise oder den Subventionen von Hotels - Verlust allein 2010 von 464 Mio € - durchaus auch) aber die von uns gewählten Vertreter sind an diesen Entscheidungen maßgeblich beteiligt.
Wenn es Sie eingehender interessiert, dann googlen Sie doch mal den Begriff Inklusion und die Bertelsmannstudie.
Förderschulen sind bei der Bandbreite der möglichen Behinderungen übrigens wahrlich keine Alleskönner. Ich habe mir einige angesehen und vermag das für meinen Fall zu beurteilen. Ich weiss nicht, wie es da um Ihre konkreten Kenntnisse steht. Den Sprachcomputer, Tobii Ceye, den wir nutzen, kennen die meisten Schulen nicht einmal...

So muss ich Sie enttäuschen: die Debatte, ob man Inklusion unterstützt oder gutheißt, erübrigt sich tatsächlich, denn die UN-Konvention existiert (auch zu googlen).

Ich wünsche Ihnen eine langwährende Gesundheit und hoffentlich Kinder ohne Schwierigkeiten. Und sollte es für Sie eines Tages anders kommen, hoffe ich sehr, Sie erfahren Toleranz und Unterstützung.

Guter Mann,

Sie haben bereits in mehreren Kommentaren deutlich gemacht, was Sie von der "Integration" Behinderter in den "normalen" Alltag und deren Förderung im Rahmen alles Möglichen halten.

Ich halte es schon für eine Bereicherung, wenn nicht-behinderte Kinder lernen, mit behinderten Menschen umzugehen, sie als normal anzusehen und sich nicht vor ihnen zu fürchten oder zu ekeln. Das ist jedenfalls das was ich gelernt habe, als ich einmal einen Tag in einer Behindertenwerkstatt verbracht habe. Glauben Sie mir, die manchmal sehr positive Art einiger behinderter Menschen kann sehr inspirierend sein.

Aber mit derartigen "sozialromantischen Gutmenschenvorstellungen" beiße ich bei Ihnen mit Sicherheit auf Granit. Ihre Art der Fragestellung lässt tief blicken was Sie von Behinderten halten. Daher versuche ich auch nicht weiter, Ihnen Ihren offensichtlichen Wunsch nach größtmöglicher Abschottung von behinderten Menschen auszureden.

Ich wünsche Ihnen jedoch, dass sich bei Ihnen niemals eine Behinderung herausbildet und Sie niemals auf die Fürsorge und Akzeptanz der Gesellschaft angewiesen sind.

Alles sind anders...

Danke für den Beitrag. Es ist ein toller Einblick in eine Schule, in der alle Kinder zusammen lernen, egal ob behindert oder nicht behindert.

Für mich ist der Begriff "Inklusion" nur etwas störend. Ich fände es besser, wenn die Schulen das leben würden, was sich hinter dem Begriff versteckt und die Politik schon lange fordert. Dann bräuchte man ihn auch gar nicht mehr. Solange man etwas noch als "Inklusion" bezeichnen muss, wird es nie richtig in den Schulen ankommen.

"Durch Inklusion lernen Kinder, mit Unterschieden umzugehen...."

und deshalb ist auch die Dreigliedrigkeit im deutschen Schulsystem unnötig; mit Unterschieden (Migranten-, schnelle- langsame , schüchterne- vorlaute- ....Kinder)umgehen zu können ist das Wichtigste. Unterschiede sind gesund. Deutschlands Bildungspolitiker haben es noch nicht begriffen