Waldorfschulen : "Die Lehre Steiners ist kein Evangelium mehr"

Waldorfschüler haben mehr Spaß am Unterricht und leiden weniger unter Stress, sagt der Bildungsforscher Heiner Barz. Aber auch an ihren Schulen gibt es Mängel.

ZEIT ONLINE: Herr Barz, eine von Ihnen und ihren Kollegen geleitete Schülerbefragung hat ergeben, dass Waldorfschüler weniger gesundheitliche Probleme durch Schulstress und mehr Spaß am Lernen haben und zudem selbstbewusster sind als Schüler aus Regelschulen. Wie kommt das?

Heiner Barz: Waldorfschulen machen offensichtlich, was sie ankündigen: einen altersgemäßen, an den Interessen der Kinder orientierten Unterricht. Die Pädagogen sind im Schnitt besonders motiviert und kreativ. Die Schüler beschreiben jedenfalls eine Atmosphäre, die ihnen wohlgesonnen ist. Das betrifft sowohl die Räume als auch die Lehrer. Die Schüler empfinden den Unterricht als interessant. Sie fühlen sich ernst genommen und in ihren Stärken gesehen.

ZEIT ONLINE: Sie haben nur Waldorfschüler befragt, nicht Kinder und Jugendliche an anderen Schulen. Wie konnten Sie vergleichen?

Barz: Wir haben Ergebnisse aus anderen Studien der letzten Jahre herangezogen. Dabei haben wir teilweise genau deren Fragen übernommen. Deshalb sind die Antworten vergleichbar.

ZEIT ONLINE: Aber die Eltern der Waldorfschüler zahlen Schulgeld, sind also nicht arm und wahrscheinlich auch im Schnitt besser gebildet als der Durchschnitt. Kann das höhere Selbstbewusstsein und Interesse am Unterricht nicht auch daher rühren?

Barz: Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. Eltern von Waldorfschülern sind seltener Arbeiter, dafür umso häufiger Akademiker und Künstler. Hier stellt sich natürlich die Frage, welche Rolle die soziale Auslese spielt und was auf die Pädagogik zurückzuführen ist. Unterm Strich würde ich salomonisch antworten: Beide sind wirksam.

ZEIT ONLINE: Kann man den Erfolg der Waldorfpädagogik mit innovativen Unterrichtsmethoden begründen?

Barz: Vieles, was die Waldorfschule macht, ist gar nicht modern. Zum Beispiel ist dort Frontalunterricht nach wie vor üblich. Individualisierter Unterricht, der jetzt an vielen Regelschulen eingeführt werden soll, stammt eher aus der Montessori-Pädagogik. Der Waldorfschulen-Unterricht ist sehr lehrerzentriert. Im Anschluss an den Lehrervortrag verarbeiten die Kinder, was sie gehört haben in Bildern, Schrift, Bewegung oder in Gesang. Immer unter der Anleitung der Lehrer. Auf diese Weise wird der Frontalunterricht in Handeln umgesetzt und fruchtbar. Trotzdem kommt das selbstständige Lernen nicht zu kurz. Zum Beispiel machen die Kinder eine praktische Jahresarbeit, in der sie sich Rat von Fachleuten holen müssen. Mein Sohn hat zum Beispiel ein solarbetriebenes Boot gebaut.


Lehrer müssen fachlich besser werden

ZEIT ONLINE: Was würden sie als die Hauptstärke der Waldorfschule bezeichnen?

Heiner Barz

Heiner Barz ist Professor für Erziehungswissenschaften und Leiter der Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Barz: Die Entwicklung des Kindes wird in den Mittelpunkt gestellt. In der Regelschule wird beispielsweise im Fach Mathematik aus der Wissenschaft heraus definiert, was zu lernen ist, und das in zwölf Schuljahren verpackt. In der Waldorfschule wird zuerst gefragt: Was hilft der Entwicklung zehn- oder zwölfjähriger Kinder weiter? Danach werden die Unterrichtsinhalte geplant. Die Pädagogen haben den Freiraum, ihren Unterricht so zu gestalten, dass er zu den Kindern passt. Auch der Frontalunterricht soll anders als gewohnt gestaltet sein: spannend und bildhaft erzählt.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es mit Leistungen aus?

Barz: Das können wir anhand der Befragungen natürlich nicht beantworten. Was uns allerdings erstaunt hat, ist, dass der Anteil der Schüler, die Nachhilfe nehmen, sehr hoch ist – höher als an Regelschulen. Die Eltern zahlen schon Schulgeld und zusätzlich noch einen Nachhilfelehrer. Kritiker begründen das damit, dass Waldorflehrer fachlich nicht befähigt genug sind. Das wird auch intern ernst genommen. Lehrer für die Oberstufe müssen auf ein besseres Niveau gebracht werden. Das Problem ist aber nicht nur hausgemacht. Überraschend war für uns, wie viele Quereinsteiger es gibt. Nicht nur nach der Grundschulzeit wechseln Kinder zu einer Waldorfschule, es gibt die Quereinsteiger in allen Klassen. Diese Schüler hatten oft Probleme auf der Regelschule und bringen sie mit. Auch das erklärt den Bedarf an Nachhilfe.

ZEIT ONLINE: Gibt es noch anderes, was nicht gut läuft?

Barz: An Waldorfschulen rauchen mehr Schüler als an anderen Schulen. Auch der Haschischkonsum ist höher. Das ist aber möglicherweise eine Reaktion auf die dogmatische gesundheitsbewusste Lebensweise der Eltern, also ein pubertätsbedingtes Aufbegehren.

ZEIT ONLINE: Wie stehen die Schüler zum umstrittenen Gründer der Waldorfschulen, Rudolf Steiner , und zu der von ihm entwickelten Anthroposophie?

Barz: Die meisten wissen zwar, wer der Schulgründer ist. Wenn man sie jedoch fragt, was Anthroposophie bedeutet, müssen die allermeisten passen. Nur 13 Prozent der Schüler gehören der anthroposophischen Christengemeinschaft an, die meisten sind konfessionslos. Auch die Lehrer scheinen wesentlich pragmatischer mit der Ideologie Steiners umzugehen als früher. Die meisten nutzen das, was sie gut finden und lassen den Rest weg. Die Lehre Steiners ist kein Evangelium mehr. Ein großer Gewinn!

ZEIT ONLINE: Und was halten die Schüler von Eurythmie, der von Steiner entwickelten Bewegung zur Musik?

Barz: Es ist eindeutig kein sehr beliebtes Fach. Allerdings muss man dazu sagen, dass Achtklässler, vor allem die Jungen, alles, was mit Tanz und Bewegung zu tun hat, erst einmal affig finden. Inzwischen versuchen manche Lehrer das aufzufangen, indem sie zum Beispiel die Gewänder weglassen. Manchen gelingt es, anderen nicht.

 

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Kommentare

88 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

"Mein Sohn hat zum Beispiel ein solarbetriebenes Boot gebaut."

Herr Barz hat also eine wohlmeinende Studie über das Schulsystem erarbeitet, das er zuvor für seine eigenen Kinder ausgewählt hat? Gut, daß dort wengstens mehr gekifft wird als anderswo, damit er wenigstens ein klein wenig zu kritisieren hat. So kann man schön den Anschein der Objektivität wahren :-) .

Exakt

Und nach dieser Frage:

"Aber die Eltern der Waldorfschüler zahlen Schulgeld, sind also nicht arm und wahrscheinlich auch im Schnitt besser gebildet als der Durchschnitt. Kann das höhere Selbstbewusstsein und Interesse am Unterricht nicht auch daher rühren?"

Und dieser Antwort:

"Hier stellt sich natürlich die Frage, welche Rolle die soziale Auslese spielt und was auf die Pädagogik zurückzuführen ist. Unterm Strich würde ich salomonisch antworten: Beide sind wirksam.

kann man sich den Rest des Interviews dann auch sparen.

Zweischneidig und teilweise sehr euphorisch

"Tenor meiner Töchter: wenn mal alles zusammenbricht - wir wissen, wie man schmiedet, schreinert, gärtnert! Wir sind survival-Künstler"."

Es ist ja einerseits schön, dass die Kinder dermaßen von ihren nebenschulischen Fähigkeiten beeindruckt worden sind. Aufgrund des 'Erlernens' von Schmieden, Schreinern und Gärtnern unter sterilen und beaufsichtigten Laborbedingungen wird man jedoch noch lange kein Survival-Künstler...

Ich glaube, mein Lebensweg zu mehr Selbstbewusstsein und Sozialkompetenz wurde durch das weitaus unangenehmere "Anecken" mehr gefördert, als durch eine Friede-Freude-Eierkuchen-Schule, in der physikalische Formeln ertanzt werden.

Kommentar

Das mit dem super-guten Abi wird sich mit dem Zentralabitur ändern, glauben Sie mir.

Und wenn ich lese "Meine Jüngste studiert Grundschul-Lehramt und absolviert gerade ihr Praktikum in einer vierten Klasse. Das, was sie da an Stress, Angst und Angst machen in punkto Zukunft, aber auch an Vernachlässigung durch die Elternhäuser erlebt, schockiert sie sehr."

...dann kann ich nur sagen : Das ist eine Frage des Elternhauses - nicht der Schulen.

an Zweischneidig...

"E Aufgrund des 'Erlernens' von Schmieden, Schreinern und Gärtnern unter sterilen und beaufsichtigten Laborbedingungen wird man jedoch noch lange kein Survival-Künstler..."
Ich glaube, mein Lebensweg zu mehr Selbstbewusstsein und Sozialkompetenz wurde durch das weitaus unangenehmere "Anecken" mehr gefördert.."

Sie hätten meine Forenmitteilung richtig lesen sollen: meine Kinder stehen auch wie eine EINS im Leben, sind auch selbstbewusst und sehr sozialkompetent. Sie haben aber nicht nur mentales Wissen , sondern auch handwerkliches - im Fall des Falles eine unschlagbare Kombination - oder?

Aussagekraft sehr schwach

Entweder hat sich hier ein Autor als Werbeträger missbrauchen lassen oder bewusst Werbung gemacht.

Es ist doch klar, dass niemand sagen würde, dass er sein Kind auf eine schlechte Schule schicken würde.
Und mal ganz und gar ohne Kuschelpädagogik: Legt der Mann keine Zahlen vor, hat er nichts zu sagen. Denn ohne Statistik kann man das blaue vom Himmel runterpredigen und es, wenn dann jemand nachhakt, immer noch in die passende Form hämmern. Das geht bei Zahlenmaterial auch, ist aber schwieriger, denn sofern es richtig ist, können Menschen, die ein bisschen Mathe können, schnell die Realität danach beurteilen.
Aber vielleicht ist das auch eines der Vorurteile gegen die Waldorfschule, dass es dort kein Richtig und Falsch gibt. Tja, wer dann in die Realität kommt, hat einen Schock vor sich, denn es gibt sehr wohl richtige und falsche Aussagen.

Zum Beipspiel ist es eine richtige Aussage, dass Waldorfschulen teuer sind, weswegen fast keine Problemschüler dort sind, oder die Klassen sehr klein sind. Das das in bestimmten Bereichen zu besseren Ergebnissen führen kann, hat nichts mit der Art der Pädagogik zu tun.

Zum anderen kommt es auch durch die Eltern zu Auswahleffekten, gehören sie doch meist eher ins linksalternative Spektrum mit höherer Bildung.

Und ganz schlimm wird es dann, wenn Waldorfler (Lehrer und Schüler) auf "harte" Wissenschaft stoßen...

Es ist eine Ideologie unter vielen, und in einer Schule hat Ideologie eigentlich wenig zu suchen.

Kein Zufall

Dass Waldorf-Klassen bis zu 40 Schüler haben, ist kein Zufall. Die Klassengröße ergibt sich ja nicht zufällig, wie etwa bei einer Grundschule, die alle Kinder ihres Einzugsgebiets aufnehmen muss, sondern wird von der Schule aktiv gesteuert.

Für die großen Klassen gibt es unterschiedliche Gründe.

Einer ist bestimmt "Das war in Waldorfschulen schon immer so!".
Was 1919 vielleicht noch fortschrittlich war, z.B. Kinder klassenweise nach Altersstufen getrennt zu unterrichten, hat sich so tradiert.
(Und der weitgehende Frontalunterricht ist sozusagen die logische Konsequenz aus der Klassengröße.)

Da allerdings dieselben Schüler über die ganze Schulzeit eine Klasse bilden (kein Übergang zwischen Grundschule und weiterf. Schule, kein Kurssystem in der gymnasialen Oberstufe, keine Mittelstufengymnasien, kein Sitzenbleiben etc.) ist etwas mehr Auswahl für Freundschaften in der Klasse auch gar nicht so schlecht.

Wichtiger ist aber, dass an Waldorfschulen zusätzliche Fächer unterrichtet werden, für die es keine Förderung durch öffentliche Mittel gibt. (Der Eurhytmie-Unterricht gehört natürlich auch dazu.) Ein Tei der dadurch entstehenden Kosten wird durch die größeren Klassen erspart.

Der Rest kam traditionell daher, dass die Lehrer der Hauptfächer (Mathe, Deutsch etc.) zugunsten der anderen Lehrer auf einen Teil ihres Gehalts verzichtet haben.
(Wird woh immer noch so sein, denn bei Waldorfs sind Änderungen ja nicht so schnell und häufig.)

Waldorfschule als Alternative

@Dielektritum
Sie mögen richtig liegen mit der Aussage, dass in diesem Artikel die Zahlen von Seiten Barz' fehlen, dannach verlieren Sie sich jedoch selbst in unbelegten Feststellungen über die Waldorfschule.
Zumal ich die Aussagen von Barz erstaunlich kritisch finde, kann ich Ihre Kritik nicht ganz nachvollziehen.

Natürlich kann auch ich Ihnen jetzt das Blaue vom Himmel vorlügen, um Werbung für die Waldorfschule zu machen, wenn ich Ihre Aussagen wiederlege: die Klassen von Waldorfschule habe ich immer als sehr groß empfunden. Zeitweise waren wir 30 Schüler. In der Klasse
der staatlichen Schule, die ich jetzt besuche, sind wir 21 Schüler.
Kein Richtig und Falsch? Ebenfalls nicht richtig. Es ist nur einfach so, dass die Schüler sich ihr Urteil selbst bilden und es nicht vorgegeben wird, wie an den staatlichen Schulen oftmals.

Die Waldorfschule hat noch lange, lange nicht Potenzial ausgeschöpft. Aber zeigen sie mir eine staatliche Schule, die es hat und ich ziehe den Hut.
Besser ist die Waldorfschule nicht. Aber sie ist eine gleichwertige Alternative und manchmal ist sie für einen individuellen Schüler die Bessere.
Das sie hierzulande noch nicht einmal als solche akzeptiert wird, bedauere ich sehr.

Undurchdachter und schlecht informierter Kommentar.

Ich glaube kaum, dass Herr Barz es nötig hätte, die Waldorfschule zu verteidigen oder für sie zu werben. Würde er nicht tatsächlich viele positive Aspekte sehen, hätte er seinen Sohn ja problemlos an eine andere Schule schicken können.

Im übrigen gibt es an Waldorfschulen keineswegs kleinere Klassen, und auch Waldorflehrer haben ein reguläres Lehramtsstudium durchlaufen.

Außerdemm ist es unmöglich KEINE Ideologie zu vertreten. Auch Regelschulen vermitteln ein bestimmtes Weltbild, und es ist sicherlich fraglich, ob dieses das bessere ist.