Waldorfschulen"Die Lehre Steiners ist kein Evangelium mehr"

Waldorfschüler haben mehr Spaß am Unterricht und leiden weniger unter Stress, sagt der Bildungsforscher Heiner Barz. Aber auch an ihren Schulen gibt es Mängel. von 

ZEIT ONLINE: Herr Barz, eine von Ihnen und ihren Kollegen geleitete Schülerbefragung hat ergeben, dass Waldorfschüler weniger gesundheitliche Probleme durch Schulstress und mehr Spaß am Lernen haben und zudem selbstbewusster sind als Schüler aus Regelschulen. Wie kommt das?

Heiner Barz: Waldorfschulen machen offensichtlich, was sie ankündigen: einen altersgemäßen, an den Interessen der Kinder orientierten Unterricht. Die Pädagogen sind im Schnitt besonders motiviert und kreativ. Die Schüler beschreiben jedenfalls eine Atmosphäre, die ihnen wohlgesonnen ist. Das betrifft sowohl die Räume als auch die Lehrer. Die Schüler empfinden den Unterricht als interessant. Sie fühlen sich ernst genommen und in ihren Stärken gesehen.

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ZEIT ONLINE: Sie haben nur Waldorfschüler befragt, nicht Kinder und Jugendliche an anderen Schulen. Wie konnten Sie vergleichen?

Ergebnisse der Studie

Die Bildungsforscher Heiner Barz, Syliva Liebenwein (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) und Dirk Randoll (Alanus-Hochschule Alfter bei Bonn) haben für die Studie Bildungserfahrungen an Waldorfschulen 800 Schüler aus zehn deutschen Waldorfschulen zu ihrer Lernfreude, ihren Lehrern und ihren Problemen befragt und zusätzlich 50 Einzelinterviews mit Eltern und Schülern geführt. Finanziert wurde die empirische Studie von der Pädagogischen Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen und der Software AG Stiftung Darmstadt.

Einige Ergebnisse: 78,6 Prozent der Schüler sagen, sie fänden interessant, was sie im Unterricht machten. Nur 54,5 Prozent der Gesamtschüler sagten dasselbe in einer Studie des DIPF (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung). 83,9 Prozent der Waldorfschüler sagen: Ich habe in der Schule vermittelt bekommen, dass ich Stärken habe. Aber 45,9 Prozent geben an, im letzten Jahr Nachhilfe bekommen zu haben. Sie fühlen sich auch schlechter auf staatliche Abschlussprüfungen vorbereitet als Schüler an Regelschulen. (Sie seien gut vorbereitet sagten 64,3 Prozent der Waldorfschüler und 81,1 Prozent der Gesamtschüler)

Waldorfschulen

1919 wurde die erste Waldorfschule von Rudolf Steiner in Stuttgart gegründet. In Deutschland gibt es derzeit 229 Waldorfschulen mit knapp 85.000 Schülern. Weltweit sind es mehr als 1.000 Schulen. Die Ideen Steiners sind stark umstritten. Die Schüler lernen in stabilen Klassengemeinschaften bis zur achten Klasse gemeinsam, bestenfalls mit dem gleichen Klassenlehrer. Schwerpunkte sind der künstlerische Ausdruck und die praktische Arbeit. So machen die Schüler ein Sozial-, ein Betriebs- und ein Landwirtschaftspraktikum. Es gibt keine Noten und kein Sitzenbleiben.

Barz: Wir haben Ergebnisse aus anderen Studien der letzten Jahre herangezogen. Dabei haben wir teilweise genau deren Fragen übernommen. Deshalb sind die Antworten vergleichbar.

ZEIT ONLINE: Aber die Eltern der Waldorfschüler zahlen Schulgeld, sind also nicht arm und wahrscheinlich auch im Schnitt besser gebildet als der Durchschnitt. Kann das höhere Selbstbewusstsein und Interesse am Unterricht nicht auch daher rühren?

Barz: Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. Eltern von Waldorfschülern sind seltener Arbeiter, dafür umso häufiger Akademiker und Künstler. Hier stellt sich natürlich die Frage, welche Rolle die soziale Auslese spielt und was auf die Pädagogik zurückzuführen ist. Unterm Strich würde ich salomonisch antworten: Beide sind wirksam.

ZEIT ONLINE: Kann man den Erfolg der Waldorfpädagogik mit innovativen Unterrichtsmethoden begründen?

Barz: Vieles, was die Waldorfschule macht, ist gar nicht modern. Zum Beispiel ist dort Frontalunterricht nach wie vor üblich. Individualisierter Unterricht, der jetzt an vielen Regelschulen eingeführt werden soll, stammt eher aus der Montessori-Pädagogik. Der Waldorfschulen-Unterricht ist sehr lehrerzentriert. Im Anschluss an den Lehrervortrag verarbeiten die Kinder, was sie gehört haben in Bildern, Schrift, Bewegung oder in Gesang. Immer unter der Anleitung der Lehrer. Auf diese Weise wird der Frontalunterricht in Handeln umgesetzt und fruchtbar. Trotzdem kommt das selbstständige Lernen nicht zu kurz. Zum Beispiel machen die Kinder eine praktische Jahresarbeit, in der sie sich Rat von Fachleuten holen müssen. Mein Sohn hat zum Beispiel ein solarbetriebenes Boot gebaut.


Leserkommentare
    • tonjin
    • 27. September 2012 9:51 Uhr

    hat ein bekannter deutscher ehemaliger waldorfadept und heutiger comic-zeichner, jamiri, äusserst treffend formuliert;
    wenn einer der putzfrau in den gängen mit ausgesuchter höflichkeit und respekt begegnet, den professor aber kaum zur kenntnis nimmt, dann ist das ein waldorfschüler.

    das sagt genug.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    weil es nach meiner Erfahrung einen wahren Kern hat und offen lässt, ob dieses Verhalten nun positiv oder negativ zu beurteilen ist.

    • scg
    • 27. September 2012 18:00 Uhr

    Ich war auf einer Regelschule und grüße und respektiere eine Putzfrau genauso wie einen Professor, das ist nicht ein Privileg der (ehemaligen) Waldorfschüler

  1. "Auf die Frage eines bekannten Gesamtschullehrers, was er von Waldorfschulen halte, stellte er mir nur eine Frage: "Hast du einen Chemie- oder einen Physikraum dort gesehen?". Als ich das verneinte, meinte er: "Siehst du - das meine ich!""

    Wieso haben denn weder Sie noch der angesprochene Lehrer mal jemanden vor Ort gefragt, wo Physik- und Chemieraum sind?
    Bloss weil Sie nicht in der Lage waren, bestimmte Räume zu finden (Wäre das einem Waldorfschüler auch passiert?), zu behaupten es gäbe sie nicht, das ist doch wohl ein bisschen wenig.

    • tonjin
    • 27. September 2012 10:46 Uhr
  2. Ich bin Gesamtschüler gewesen. Meine Kinder sind zu Waldorfschule gegangen. Für meinen Sohn hat sich das nicht als Förderlich erwiesen, weil man dort nicht damit umgehen konnte, dass er mit 14 schon eine so selbstbewuste Person war, die Petitionen geschrieben hat, damit auf der Klassenereise auch auf die Bedürfnisse der Schüler Rücksicht genommen wird (und hier muß ich sagen, daß man auf der staatlichen Schule bei solchen Veranstaltungen mehr vertrauen, in die Selbstbeschäftigungsfähigkeit der Kinder gesetzt hat). Nichtdestotrotz hat er auch ohne zu wiederholen, nach einem halben Jahr trotz der Anpassung an ein anderen Lernen fast die Gmynasialreife ohne nachhilfeunterricht etc. Insofern kann es auch in Jahrgang 1-8 an der Waldorfschule kein so schlechtes Unterrichtsniveau gewesen sein. Meine Tochter ist sehr Glücklich auf der Schule und wird dort vermutlich auch ihr Abitur machen. Warum müssen Eltern ihre Eigene Unsicherheit damit zur schau stellen, daß sie so dämlich clichebelastet auf das andere Schulsystem einschlagen.

    Und was die Beziehung zu Lehrern angeht, hat das vermutlich mehr mit den unterschiedlichen Schulen oder den speziellen Lehrern zu tun, als mit den unterschiedlichen Schulformen. Ich hatte auch an der Gesamtschule ein wahnsinnig angenehmes und respektvolles Verhältnis zu den meisten Lehrern und bin gerne da hingegangen.

  3. weil es nach meiner Erfahrung einen wahren Kern hat und offen lässt, ob dieses Verhalten nun positiv oder negativ zu beurteilen ist.

  4. Bei meinem Sohn waren Ausländer in der Klasse bei meiner Tochter noch viel meh (Zugegeben weniger als an meiner Gesamtschule, aber das kann man der Schule kaum vorwerfen, wenn sich ausländische Eltern eher für die klassiche Schule entscheiden), und am Finanziellen ist es auch noch nicht gescheitert, wenn eltern ihr Kind unbedingt an eine Waldorfschule bringen wollten. Dafür gibt es einen Spendenfond. Wie es die Lehrerin meines Sohnes ausgedrückt hat: "Am Geld soll es nicht liegen ob ihr Kind zu uns kommt oder nicht."

    Antwort auf "Wiederlich!"
  5. "O-Ton Nachhilfelehrerin für Mathe beim "Lernwerk" am Ende der 10. Klasse: Das ist doch aber schon schon der Stoff vom Ende der 11. Anfang, der 12. Klasse?"

    Nachhilfelehrerin?
    Nachhilfe?
    Wie das?

  6. das er durchaus zur kritischen Reflexion über die Schule fähig ist, die er für seine Kinder ausgewählt hat.

    http://www.waldorf-absolventen.de/rezensionen.html

    im Interview mit der süddeutschen Zeitung.

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  • Schlagworte Anthroposophie | Eltern | Lehrer | Rudolf Steiner | Schule | Schüler
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