Die Ergebnisse des ersten Bundesländervergleiches der Grundschulen liegen vor. Was lernt man daraus? Eine Erklärung in sieben Lektionen:

1. Mutige Kultusminister

Das schlechte Zeugnis, das vielen Kultusministern mit dem Grundschulvergleich ausgestellt wird, haben sie selber in Auftrag gegeben. Welcher Politiker lässt sich schon gern – auch noch von Wissenschaftlern, die er selber bezahlt – regelmäßig seine Versäumnisse vorhalten? Es war ein mutiger Schritt, dass sich die gern geschmähte Kultusministerkonferenz Ende der neunziger Jahre internationalen und innerdeutschen Leistungsvergleichen geöffnet hat – nach Jahrzehnten des bildungspolitischen Blindflugs. Bei aller notwendigen Kritik an der Politik vieler Kultusminister kann man diese historische Leistung gar nicht oft genug loben.

2. International gut

Der aktuelle Grundschulvergleich zeigt nur die Unterschiede zwischen den deutschen Bundesländern auf. Wie gut die deutschen Grundschüler im internationalen Vergleich dastehen, wird eine Studie zeigen, die im Dezember dieses Jahres veröffentlicht wird. Beim letzten internationalen Vergleich vor rund fünf Jahren landeten die deutschen Grundschüler im oberen Mittelfeld.

3. Dramatisches Gefälle

Die gute Nachricht ist, dass in fast allen Bundesländern die klare Mehrheit der Schüler in Deutsch und Mathematik das kann, was von einem Viertklässler erwartet wird. Im Fachjargon: Sie erreichen die Regelstandards. In Bayern , Sachsen und Sachsen-Anhalt zum Beispiel sind viele Schüler sogar deutlich besser. Die schlechte Nachricht ist, dass in Berlin und Bremen jeder vierte, in Hamburg jeder fünfte Viertklässler nicht einmal die Mindeststandards erreicht. Die Kinder bleiben in Mathematik im Zahlenraum von eins bis zwanzig gefangen. Oder, wie es ein Forscher ausdrückt: Es ist schwer, überhaupt Aufgaben zu entwickeln, die so leicht sind, das sie sie lösen können. Jeder vierte bis fünfte Viertklässler in den Stadtstaaten!

4. Sozialstruktur erklärt nicht alles

Der Grundschulvergleich bestätigt, dass Kinder aus Einwandererfamilien (vor allem jene aus der Türkei und Ex-Jugoslawien) und aus sozial schwachen Familien deutlich schwächere Leistungen in Deutsch und Mathematik bringen als ihre Mitschüler aus deutschen Mittel- und Oberschichtfamilien. Hier bleibt weiterhin viel zu tun. Und hier sind die Bedingungen in Großstädten sicher schwieriger als auf dem Land. Aber beim genaueren Blick auf die Daten fällt auf, dass die Leistungsunterschiede auch bei den Kindern aus höheren Sozialschichten gravierend sind. Das durchschnittliche Akademikerkind aus Berlin hinkt dem entsprechenden Altersgenossen aus Bayern mehr als ein Schuljahr hinterher! Vermutlich spielt auch eine Rolle, wie leistungsorientiert das Schulsystem im jeweiligen Bundesland ist, wie groß das Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Kindern ist, welche Lernkultur gepflegt wird.

5. Schulstruktur nebensächlich

Grundschulen sind in ganz Deutschland Gesamtschulen . Die krassen Leistungsunterschiede und ihre starke Koppelung an den sozialen Hintergrund der Kinder können also nicht mit der Schulstruktur erklärt werden. Das sollte die Debatte um die richtige Schulstruktur in Deutschland entspannen.

6. Fachwissen ist wichtig

Lange Zeit wurde die Bedeutung des Fachwissens von Lehrern in der Bildungsdebatte unterschätzt. Hauptsache, so die gängige Meinung, die Lehrer hätten einen guten pädagogischen Zugang zu den Kindern. Inzwischen haben Studien gezeigt, dass Gymnasiallehrer, die fachlich besser gebildet sind als ihre Kollegen an anderen Sekundarschulen, ihren Schülern mehr beibringen können. Das zeigt sich nun auch an den Grundschulen. Lehrer mit Mathematikkenntnissen sind, so banal das klingt, einfach die besseren Mathelehrer; ihre Schüler lernen mehr, als wenn sie von fachfremden Lehrern unterrichtet werden. In Hamburg zum Beispiel hat jeder zweite Grundschullehrer, der Mathematik unterrichtet, das Fach nicht studiert!

7. Ratlose Kultusminister

Mangelnden Reformeifer kann man den Kultusministern nicht vorwerfen. Viele Lehrer und Eltern stöhnen schon unter ständigen Neuerungen. In allen Bundesländern wurden, als Lehre aus der Pisa-Studie , Programme zur zusätzlichen Sprachförderung gestartet. An einigen Bundesländern wurde jahrgangsübergreifender Unterricht eingeführt. Bundesweit werden Vergleichsarbeiten geschrieben. Doch – man mag es kaum glauben – kaum eine dieser aufwendigen Maßnahmen wird daraufhin überprüft, ob sie auch wirkt. Schaut man auf die Ergebnisse des Grundschulvergleichs, dann wirken viele offensichtlich nicht. Es wird eine der wichtigsten Aufgaben der Schulpolitik der kommenden Jahre sein, genauer zu testen, welche Reformen wirklich nützen und diese dann systematisch und behutsam umzusetzen.