Grundschul-RankingReformwahn hilft den Schülern nicht

Dramatische Ergebnisse in Berlin und Bremen, viele wirkungslose Reformen: Sieben Erkenntnisse aus dem Grundschulvergleich. Von Thomas Kerstan von 

Die Ergebnisse des ersten Bundesländervergleiches der Grundschulen liegen vor. Was lernt man daraus? Eine Erklärung in sieben Lektionen:

1. Mutige Kultusminister

Das schlechte Zeugnis, das vielen Kultusministern mit dem Grundschulvergleich ausgestellt wird, haben sie selber in Auftrag gegeben. Welcher Politiker lässt sich schon gern – auch noch von Wissenschaftlern, die er selber bezahlt – regelmäßig seine Versäumnisse vorhalten? Es war ein mutiger Schritt, dass sich die gern geschmähte Kultusministerkonferenz Ende der neunziger Jahre internationalen und innerdeutschen Leistungsvergleichen geöffnet hat – nach Jahrzehnten des bildungspolitischen Blindflugs. Bei aller notwendigen Kritik an der Politik vieler Kultusminister kann man diese historische Leistung gar nicht oft genug loben.

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2. International gut

Der aktuelle Grundschulvergleich zeigt nur die Unterschiede zwischen den deutschen Bundesländern auf. Wie gut die deutschen Grundschüler im internationalen Vergleich dastehen, wird eine Studie zeigen, die im Dezember dieses Jahres veröffentlicht wird. Beim letzten internationalen Vergleich vor rund fünf Jahren landeten die deutschen Grundschüler im oberen Mittelfeld.

3. Dramatisches Gefälle

Die gute Nachricht ist, dass in fast allen Bundesländern die klare Mehrheit der Schüler in Deutsch und Mathematik das kann, was von einem Viertklässler erwartet wird. Im Fachjargon: Sie erreichen die Regelstandards. In Bayern , Sachsen und Sachsen-Anhalt zum Beispiel sind viele Schüler sogar deutlich besser. Die schlechte Nachricht ist, dass in Berlin und Bremen jeder vierte, in Hamburg jeder fünfte Viertklässler nicht einmal die Mindeststandards erreicht. Die Kinder bleiben in Mathematik im Zahlenraum von eins bis zwanzig gefangen. Oder, wie es ein Forscher ausdrückt: Es ist schwer, überhaupt Aufgaben zu entwickeln, die so leicht sind, das sie sie lösen können. Jeder vierte bis fünfte Viertklässler in den Stadtstaaten!

4. Sozialstruktur erklärt nicht alles

Der Grundschulvergleich bestätigt, dass Kinder aus Einwandererfamilien (vor allem jene aus der Türkei und Ex-Jugoslawien) und aus sozial schwachen Familien deutlich schwächere Leistungen in Deutsch und Mathematik bringen als ihre Mitschüler aus deutschen Mittel- und Oberschichtfamilien. Hier bleibt weiterhin viel zu tun. Und hier sind die Bedingungen in Großstädten sicher schwieriger als auf dem Land. Aber beim genaueren Blick auf die Daten fällt auf, dass die Leistungsunterschiede auch bei den Kindern aus höheren Sozialschichten gravierend sind. Das durchschnittliche Akademikerkind aus Berlin hinkt dem entsprechenden Altersgenossen aus Bayern mehr als ein Schuljahr hinterher! Vermutlich spielt auch eine Rolle, wie leistungsorientiert das Schulsystem im jeweiligen Bundesland ist, wie groß das Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Kindern ist, welche Lernkultur gepflegt wird.

5. Schulstruktur nebensächlich

Grundschulen sind in ganz Deutschland Gesamtschulen . Die krassen Leistungsunterschiede und ihre starke Koppelung an den sozialen Hintergrund der Kinder können also nicht mit der Schulstruktur erklärt werden. Das sollte die Debatte um die richtige Schulstruktur in Deutschland entspannen.

6. Fachwissen ist wichtig

Lange Zeit wurde die Bedeutung des Fachwissens von Lehrern in der Bildungsdebatte unterschätzt. Hauptsache, so die gängige Meinung, die Lehrer hätten einen guten pädagogischen Zugang zu den Kindern. Inzwischen haben Studien gezeigt, dass Gymnasiallehrer, die fachlich besser gebildet sind als ihre Kollegen an anderen Sekundarschulen, ihren Schülern mehr beibringen können. Das zeigt sich nun auch an den Grundschulen. Lehrer mit Mathematikkenntnissen sind, so banal das klingt, einfach die besseren Mathelehrer; ihre Schüler lernen mehr, als wenn sie von fachfremden Lehrern unterrichtet werden. In Hamburg zum Beispiel hat jeder zweite Grundschullehrer, der Mathematik unterrichtet, das Fach nicht studiert!

7. Ratlose Kultusminister

Mangelnden Reformeifer kann man den Kultusministern nicht vorwerfen. Viele Lehrer und Eltern stöhnen schon unter ständigen Neuerungen. In allen Bundesländern wurden, als Lehre aus der Pisa-Studie , Programme zur zusätzlichen Sprachförderung gestartet. An einigen Bundesländern wurde jahrgangsübergreifender Unterricht eingeführt. Bundesweit werden Vergleichsarbeiten geschrieben. Doch – man mag es kaum glauben – kaum eine dieser aufwendigen Maßnahmen wird daraufhin überprüft, ob sie auch wirkt. Schaut man auf die Ergebnisse des Grundschulvergleichs, dann wirken viele offensichtlich nicht. Es wird eine der wichtigsten Aufgaben der Schulpolitik der kommenden Jahre sein, genauer zu testen, welche Reformen wirklich nützen und diese dann systematisch und behutsam umzusetzen.

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Leserkommentare
  1. in dem Stadtstaaten, im Vergleich zu den anderen Bundesländern, so z.B in Berlin.

    Habe gehört, dass in diesen Ballungsgebieten die Muttersprache ja nicht immer Deutsch ist? Da fällt Lesen vielleicht schwerer...

    Beste Grüße
    FSonntag

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    • xpeten
    • 05. Oktober 2012 16:14 Uhr

    werden an diesem Problem sicher gar nichts verbessern.

    Mehr als 14% der erwerbstätigen Einwohner in Deutschland sind Analphabeten,

    diese Quote ist schon allein der Beleg dafür, dass Sie mit ihren Äußerungen absolut daneben sind.

    • 15thMD
    • 10. Oktober 2012 17:23 Uhr

    Was macht denn dann derjenige, der starken Dialekt spricht? Der hat es sogar noch schwerer, weil er beim Schreiben häufiger wieder in seine alten Gewohnheiten zurückfällt.

    Außerdem halte ich das für ein Vorurteil, dass viele Kinder zuhause nur die Muttersprache der (Groß-)Eltern sprechen/lernen.
    Die meisten Grundschüler auch mit Eltern, die aus der Türkei oder Osteuropa etc. stammen sprechen auch in Berlin angemessen gutes Deutsch, wahrscheinlich sogar besseres, als der Ur-Berliner. ;)

  2. Aufgrund der KSK können ja die Unterschiede der einzelnen Länder im Bereich der Grundschule doch nicht sein.

    Die Lehrer*innen genießen weitestgehend die gleiche Ausbildung und stammen nicht immer originär aus dem Bundesland in dem sie unterrichten.

    Also wo liegen nun diese Ursachen für ein solches Süd-Nord-Gefälle?

  3. die Eltern in die Schule schicken und denen beibringen wie es geht Kinder erfolgreich bei der Bildung zu unterstützen.

    Vor ewigen Zeiten war ich auch einmal in der Schule und meine Mutter ist eine einfache Hausfrau gewesen und wußte täglich über meine schulischen Leistungen alles was sie wissen mußte um mich bei Schwächen zu unterstützen, leider teilweise auch mit Strafen wie Hausarest oder Fahradfahrverbot, aber einen sehr guten Bildungsabschluß hat es mir erbracht. Damals war ein drittel der Schüler der Klasse nicht deutsch, doch die sprachen alle deutsch, da die Eltern wohl diese radikalen Methoden der Selbstkennzeichnung und Ignoranz einfach freuwillig nicht praktizierten.

    Gestern die Zeilen eines Bürgermeisters als Besteller und heute das als Legitimation dazu?

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    Man redet der Menschheit ein, dass es emanzipierter sei, dass es zwei vollzeit-arbeitende pro Familie braucht um emanzipiert zu sein.

    • Rychard
    • 05. Oktober 2012 14:04 Uhr

    Kinder dem Rennen aussetzen, in dem es immer Verlierer geben wird. Wir müssen alle Kinder fördern, damit sie ihr Leben über unseres hinaus meistern lernen. Punkt.

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    • Rychard
    • 05. Oktober 2012 14:13 Uhr

    Bitte verfassen Sie Kommentare mit Bezug zum Artikelthema. Danke, die Redaktion/fk.

    • Rychard
    • 05. Oktober 2012 18:42 Uhr

    schade, dass die Redaktion keine Zeit hatte, einen Zusammenhang zum Bezug des Artikelthemas und dem dazugehörigen Kommentar zu erkennen. Es war der Kommentar eines Kindes, das jetzt keine Lust mehr hat zu hören, was die Zeitung sagt. So einfach kann die Welt sein.

    Mit freundlichen Grüßen

  4. dass die leistungsschwachen Bundesländer ohne dogmatische Scheuklappen vielleicht doch einmal ihren Blick auf Bayern, BWB, etc. lenken sollten. Und das sage ich als Berliner.

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    • orca62
    • 05. Oktober 2012 17:56 Uhr

    nicht BWB

    Selbst diese Studie wird den Linken keinen Anlass dazu geben, ihre Gleichmacherei zu überdenken.
    Menschen sind nun einmal verschieden. Ein Kind, dessen Eltern Akademiker sind oder evtl. sogar promoviert haben, hat ein ganz anderes Verhältnis zur Bildung, als ein Kind, dessen Eltern aus einem ländlichen Gebiet aus Ostanatolien kommen. Abgesehen davon gibt es auch noch natürliche Veranlagungen, welche Menschen unterschiedlich macht.
    Erst wenn die Linken diese Tatsachen zu Kenntnis nehmen, sind sie fähig, eine vernünftige Bildungspolitik zu machen.

    • ottoNor
    • 05. Oktober 2012 19:07 Uhr

    Glauben Sie mir, Sie brauchen nicht nach Bayern oder BW zu schauen, im internationalen Vergleich liegen diese Länder fast genauso weit zurück und sind nur einen Hauch besser als der Rest der Republik, auch wenn sich diese beiden Bundesländer gerne mit dem hauchdünnen Vorsprung schmücken.
    Nutzen Sie lieber Ihren Reformdrang, wenn ich es mal so positiv nennen darf, für eine weitsichtigere Meinung.

    Alles was ich jetzt und hier in meinem Kommentar geschrieben habe, erhebt nicht den Anspruch die Wahrheit zu sein und gibt lediglich meine Meinung wieder.

    ... wird dafür sorgen, dass das auch bald vorbei ist. (Selbst Schuld, wer wegen eines Bahnhofs Chaoten wählt!)

  5. Wir könnten natürlich alle Mütter zwangsverpflichten, sich zu Hause darum zu kümmern, ihre Kinder beim Bildungserwerb zu unterstützen. Je nach sozialer Herkunft wäre dann das Ergebnis.

    Praktisch wird das nicht funktionieren. Wer kommt dann für den Unterhalt all dieser Frauen nach ihrer Scheidung und im Alter auf? Früher war zwar alles besser - aber zurück geht auch nicht.

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    • FranL.
    • 05. Oktober 2012 20:07 Uhr

    Mit der Berufstätigkeit der Mütter hat das nichts zu tun. Meine Mutter hatte einen Vollzeitjob und schaffte es trotzdem sich mit meinen schulischen Problemen zu beschäftigen, sie wußte immer welche Zensuren ich hatte, und hat auch mit mir geübt. Es kommt eben darauf an, welche Prioritäten man setzt. Warum soll man eigentlich nur die Mütter zwangsverpflichten, warum nicht auch die Väter?

    ... die Verantwortung der Eltern. Die wird nämlich immer sehr gern ausgeblendet und dann der Schule oder den Politikern die Verantwortung zugeschoben.

    Im Übrigen IST Kindeserziehung ein sehr wichtiger, sehr wertvoller Dienst an der Gesellschaft. Und dieser Dienst muss auch so honoriert werden. Mindestens die Rentenansprüche sollten also für den hautsächlich erziehenden Elternteil wieterlaufen. Bis das Kind aus der Schule ist.

    Der aktuelle Vergleich zeigt aber auch, dass es nicht allein an den Eltern liegt. Und die wirklichen Gründe, warum die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen so elendig schlecht abschneiden, die erschließen sich mir einfach nicht. Aber ich werde mal weiterlesen, mir mehr Informationen verschaffen und hoffe sehr, dass hier im Forum auch etwas zum Dazulernen dabei ist.

    Jedenfalls bin ich ein Mensch, der bei dem Satz "Früher war alles besser!" eine Gänsehaut samt einer Bürstenfrisur bekommt. Früher war nichts, aber auch gar nichts besser ...

    • etiam
    • 05. Oktober 2012 14:06 Uhr
    7. [...]

    Doppelposting, entfernt. Die Redaktion/fk.

    • etiam
    • 05. Oktober 2012 14:06 Uhr

    Diese Faustformel scheint sich in allen Schulvergleichen wiederzuspiegeln.

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    Das ist wohl so ähnlich wie mit dem Zusammenhang "viele Störche" gleich "viele Geburten". Das Ergebnis dieses Zusammenhanges ist eben nicht, das der Storch die Kinder bringt!
    Fakt ist, das in den konvervativen Ecken Deutschlands, die traditionelle Famile existiert und gleichzeitig wenig SchülerInnen mit Migrationshintergrund beschult werden.
    Traditionelle Familie geht da, wo anständige Löhne gezahlt werden und die Infrastruktur so ist, dass man von diesen Löhnen auch Leben kann.
    Dies dürfte etwa in München anders sein als in Straubing, wird aber in der Studie nicht differenziert.
    Der Hauptmangel (wurde schon in anderen Artikeln erwähnt) der Studie ist der Vergleich von Bundesländern statt der Vergleich von entsprechenden Regionen.

    • ST_T
    • 06. Oktober 2012 0:20 Uhr

    Sachsen z.B. zieht den großen Vorteil aus dem Solidarpakt, den Länder wie Berlin und NRW nicht bekommen.
    Bayern und BW haben nicht die Migrationsprobleme wie andere Länder und haben dementsprechend besseres Humankapital (so schlecht der Ausdruck ist, mir fällt gerade kein besserer ein!).

    Die Länder die an der Spitze des Rankings stehen, vor allem die asiatischen Länder haben "seltsamerweise" den geringsten Ausländeranteil. Die sonstigen Länder an der Spitze haben z.B. kleinere Klassen, eine vernünftige Bildungsrefinanzierung basierend auf hohen Löhnen der Bevölkerung und/oder Privatisierung der Bildungsinstitutionen, die ihren Standards auch gerecht werden.

    Eine Privatuni in Deutschland ist ein Witz verglichen mit einer japanischen Privatuniversität oder Privatschule. Um weiter auf Japan einzugehen: Eine besser gestellte private Schule garantiert oftmals eine bessere Universität und damit auch einen besseren Job (Stichwort: Gakureki Shakai).

    So etwas kann eine deutsche Bildungsinstitution bisher nicht bieten.
    Dennoch ist Ihr Argument, es läge an einer konservativen Haltung, nur teilweise zu untermauern.
    Der viel gewichtigere Teil dürfte aber die Differenz im finanziellen Potential der Länder sein, ihre Schulen und Universitäten ordentlich aufzustocken.

    Und da dieses System aktuell sich nicht wirklich refinanziert (Niedriglöhne etc.), ist es kein Wunder wenn viele Länder so heruntergewirtschaftet sind.

    • 15thMD
    • 10. Oktober 2012 17:43 Uhr

    Dann Fragen Sie mal Bayerns ersten G8-Jahrgang...

    Das Schulsystem in ganz Deutschland ist einfach Mist. Anders kann man es nicht sagen. Das Ziel besteht nur darin, sich vor der Prüfung irgendein Wissen anzueignen und es danach möglichst schnell wieder zu vergessen (Erfahrung aus Bayern). Und seit der Studienreform scheint sich im Bachelor genau das gleiche fortzusetzen. Es bedarf dringend Reformen, und da ist konservativ sicherlich nicht die beste Lösung. Aber es gibt leider keine (seriöse) Partei, die irgendwelche Lösungsansätze bietet.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gesamtschule | Lehrer | Mathematik | Pisa-Studie | Schuljahr | Schulsystem
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