Economist-Bildungsvergleich : Deutschland muss nicht Mittelmaß bleiben

Müssen sich die Deutschen mit mittelmäßigen Ergebnissen in Bildungsvergleichen zufriedengeben? Der kanadische Bildungsexperte P. Cappon plädiert für einen Bildungsrat.

Lange Zeit glaubten die Deutschen, ihr Bildungssystem sei genauso erfolgreich wie ihre Wirtschaft. Sie erwarteten, dass deutsche Schüler sich ohne Probleme mit anderen OECD-Schülern messen könnten. Dann kam PISA – und aus war der Traum.

Nach dem ersten PISA-Schock vor gut zehn Jahren, erwachte das Land in einer harschen Realität: deutsche Schüler konnten nicht mit denen der Testsieger-Länder mithalten. Das Bildungssystem bedurfte grundlegenden Verbesserungen – und das schnellstmöglich, denn die Menschen wissen, dass Lernen die Grundlage für die persönliche Entwicklung, den sozialen Zusammenhalt und die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung ist.

Der Economist Intelligence Unit hat  am Dienstag eine neue internationale Bildungsstudie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass die deutschen Leistungen nach wie vor mittelmäßig sind. Die Studie vergleicht vierzig Länder, von denen dreißig zur OECD gehören. Die Platzierung der untersuchten Länder basiert auf ihren Leistungen (Output der Bildungssysteme). Bildungsinvestitionen (Input) werden zwar für die Analyse genutzt, fließen aber nicht in das Ranking ein.

Die Leistungen werden in zwei Kategorien zusammengefasst: Die Kategorie "Bildungsleistungen" setzt sich aus den Schulabgängerquoten und Bildungsabschlüssen sowie aus der Lese- und Schreibfähigkeit der Bevölkerung zusammen. In der Kategorie "Kognitive Fertigkeiten" werden die Ergebnisse internationaler Studien wie PISA, die Internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie (TIMSS) und die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) verglichen.

In der Kategorie "Bildungsleistungen" belegt Deutschland den 23. der vierzig Plätze und liegt damit im Studiendurchschnitt. Hierbei muss man jedoch beachten, dass es sich nicht um den OECD-Durchschnitt handelt, da auch Ergebnisse leistungsschwächerer Nicht-OECD-Länder wie Indonesien oder der Türkei in die Wertung einfließen. In der Kategorie "Kognitive Fertigkeiten" schneiden die deutschen Schüler besser ab. Hier belegt Deutschland immerhin den zehnten der vierzig Plätze.

Kognitive Fertigkeiten

Beim Lesen liegen deutsche Viertklässler 0,6 Punkte über dem internationalen Durchschnitt; Achtklässler 0,4 Punkte. Auch in Mathematik erzielen deutsche Viert- und Achtklässler mit jeweils 0,5 Punkten leicht überdurchschnittliche Leistungen. In den Naturwissenschaften übertreffen die Viertklässler den Durchschnitt ebenfalls um 0,5 Punkte, die Achtklässler um 0,7 Punkte. Insgesamt liegen deutsche Schüler mit ihren "kognitiven Fertigkeiten" damit 0,56 Punkte über dem internationalen Durchschnitt. Zum Vergleich: Finnland befindet sich 1,5 Punkte über – Indonesiens 2,01 Punkte unter dem Schnitt.

Bildungsleistungen

Die Schreib- und Lesefähigkeit deutscher Erwachsenen liegt 0,6 Punkte über dem Durchschnitt. Die Quote der erfolgreichen Schulabgänger beschert Deutschland 0,4 Punkte über dem Schnitt. Im Vergleich der Hochschulabsolventen hinkt Deutschland dem internationalen Standard dagegen mit -0,7 Punkten deutlich hinterher. Insgesamt liegt Deutschland in der Kategorie "Bildungsleistungen" mit nur 0,12 Punkten sehr knapp über dem Durchschnitt der untersuchten Länder.

Finnland und Südkorea sind die Spitzenreiter des Gesamtrankings. Deutschland liegt mit 0,41 Punkten knapp über dem Durchschnitt und landet auf Platz 15.

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Kommentare

53 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Ein nationaler Bildungsrat ist gefährlich!

Die Gefahr besteht das dort eine politische Spitze wie Silvia Löhrmann (B90/Die Grünen) installiert werden würde.

Das Problem in Deutschland ist die Kuh von hinten! Man hat Jahre lang verschlafen die Qualität der Hauptschulen und mittleren Schulen zu verbessern oder war damit überfordert.

In NRW wird ja auch nicht gefragt wie viele schwache Schultern die wenig starken tragen können.

Eine Aufteilung in zwei oder vier Bildungsräte wäre sinnvoller und eine Angleichung des Lehrmaterials in den ersten 6-7 Jahren.

Ideologie

Finnland bildet sicher keine Lernmaschinen aus. Es basiert vor allem auf einer modernen und respektvollen Sicht auf die Kinder.

Wenn man mal sichtbar machen könnte, quasi mit so etwas einer Wärmebildkamera, wie viel Ideologie unsere Gesellschaft antreibt, wäre das wahrscheinlich ein Schock.
Es gibt immer wieder hübsche Dokus wie in "Nano" oder "Quarks" über Erkenntnisse wie Kinder am besten lernen. Dass sie einen natürlichen Drang zu lernen haben der durch bestimmte Rahmenbedingungen freigesetzt wird. Wie hätte die Menschheit sonst diesen (technischen) Fortschritt gemacht, es gibt ja keinen göttlichen Oberpauker der sie in die Schulbank und das Vokabelbuch gezwungen hat?
Aber Erkenntnisse von Hirnforschern und modernen Pädagogen passen nicht ins Bild der sturen, mittelmäßigen, konservativen Schädel in den Kultusministerien. Denn sie zeichnen ein Menschenbild das auf Respekt und Vertrauen basiert, und das können diese Leute, vor allem in Deutschland, nicht ertragen. Kontrolle, Misstrauen und Separation, das brauchen die einfach, sonst bekommen sie es mit der Angst zu tun. Und dann werden sie wütend.

Ein GROOSSES Dankeschön hierfür von einem, dem ....

.
... von den sturen, mittelmässigen konservativen Schädeln mit Kontrolle, Misstrauen und Hierarchien als Selbstzweck sein natürlicher Neugiermotor in jungen Jahren wirkungsvoll abgewürgt wurde.

Einzig positiv: die daraus entstandene profunde Kenntnis jedweder möglichen Wege des zweiten Bildungsweges (die aber alles andere als berauschend sind in Deutschland, wenngleich allemal um Lichtjahre besser als beispielsweise die sehr zuunrecht gehypte bayerische Gymnasialausbildung ...)

@7 sysiphos33: Nicht die Regierung, das Volk ist das Problem

Sie schreiben: "Aber Erkenntnisse von Hirnforschern und modernen Pädagogen passen nicht ins Bild der sturen, mittelmäßigen, konservativen Schädel in den Kultusministerien."

Sie machen es sich zu einfach, die Schuld nur 'denen da oben' zuzuschieben. Es sind nicht die sturen Schädel in den Kultursministerien, die in Massen pädagogischen Schwachsinn kaufen und Bücher wie "Kinder brauchen Grenzen" zu Bestsellern und zum alltäglichen Erziehungsprogramm machen.

Es sind Mann und Frau auf der Straße, die so handeln und die Bildungspolitik in eine Ecke zwingen, in der wieder mal Mitläufertum und Untertanengeist gedeiht.

Albert Einstein

"Es lag Einstein nicht, nur formales Wissen zu erlernen, viel mehr regten ihn theoretisch-physikalische Denkprojekte an. Mit seiner Eigenwilligkeit eckte er oftmals an. Ihm war die abstrakte mathematische Ausbildung ein Dorn im Auge, er erachtete sie als für den problemorientierten Physiker hinderlich.......Diese Ignoranz verstellte ihm nicht nur Karrierechancen an seiner Hochschule, er bereute sie spätestens bei der Entwicklung der mathematisch höchst anspruchsvollen allgemeinen Relativitätstheorie."

http://de.wikipedia.org/w...

Ziemlich schwach

Die gesamte Analyse ist ziemlich schwach, sie basiert nämlich schon auf vorher verfälschten Ergebnissen.

Alleine Schulabgängerquoten ist bereits ein Gummifaktor und somit irrelevant: In Japan und Korea etwa haben rund 90% der Menschen das Abitur (in Japan sogar mehr), allerdings heißt Abitur nichts. Erst ein Abitur an einer renommierten Schule bzw. ein Abschluss an einer renommierten Universität ist weitaus aussagekräftiger als der Abschluss an sich.
Nebenbei bemerkt haben die asiatischen Länder mitunter die geringsten Migrantenquoten der ganzen Welt.
Finnland selbst besitzt 4% Migrantenquote und hat bei mehreren Bildungstests bereits sowieso schwächere Gruppen wie Legasthemiker ausgeschlossen.

Und ausgerechnet ein kanadischer Bildungsexperte möchte Deutschland etwas über Bildungsrat erzählen?!?
Nur zur Info: Kanada und die USA haben gegen die Richtlinien verstoßen und mehr als 5% der repräsentativen Altersgruppe aus den PISA-Tests ausgeschlossen. (2009)

Vielleicht sollte man auch erwähnen, dass der Economist sich selbst zum Manchester-Liberalismus zählt und somit eher ökonomische Interessen vertritt.

Ob damit in Deutschland alles schön ist, wage ich zu bezweifeln.
Es gibt viele Probleme, aber man sollte die Kirche im Dorf lassen und erst einmal sich solche Studien bzw. die Kritiken dazu durchlesen.
Das deutsche Bildungs-System ist nämlich nicht so schlecht wie gerne behauptet.

Finnland

Man kann nicht mit ein paar Reformen aus Deutschland Finnland 2.0 machen. Wir brauchen HIER Veränderungen, die auf das deutsche Bildungssystem zugeschnitten sind. Das fängt bei der Lehrerausbildung an.
Ein finnisches Bildungssystem als Vorbild ist ja gut und schön. Aber wir werden nie da hinkommen. Deutschland ist ganz anders organisiert als Finnland, es sind zwei verschiedene Kulturen. Mal hier eine Modellschule und hier eine Modellklasse bringt nichts. Die Zeit der Rumprobiererei muss vorbei sein.

Wenn alle Unis Harvards und Oxforfs wären

dann wären alle Unis wieder Durchschnitt.

Klingelts?

Vielleicht sollten wir uns nicht an den USA orientieren. Die haben zwar eine kleine Gruppe von Spitzenstudenten, dafür eine unheimliche breite Masse an bildungsfernen Menschen. Vergleicht man dann die (finanzielle) Lebenssituation der Menschen mit unserem deutschen System, dann stellt man fest.:

Viele Menschen in Deutschland sind recht gut ausgebildet und die (finanzielle) Lebenssituation ist weitestgehend ausgewogener und damit besser.

Die USA sind das beste Beispiel

Leider schlägt der Vergleich unserer egalitären Bildungsideologie ins Gesicht. Die USA zeigen, daß man es sich sogar leisten kann, die öffentlichen Bildungseinrichtungen in der Breite vergammeln zu lassen, wenn man nur genügend Elite-Einrichtungen hat, die Spitzenleistungen bringen. Bildungserfolg mißt sich in Nobelpreisen und Patenten, und da sind die USA Spitze. Selbstverständlich ist dies kein Plädoyer dafür, unsere öffentlichen Schulen weiter absacken zulassen. Aber wir brauchen auch Spitzenleistungen, und das bedeutet entsprechende Förderung und eine Abkehr von der Gleichmacherei. Niemand würde erwarten, daß jeder der das Training von Boris Becker bekommt, auch so gut Tennis spielen wird. Aber unser Bildungswesen tut so, als ob aus jedem Kind mit der entsprechenden Förderung ein Einstein werden kann. Ein Grund, warum die frustrierten Einsteins in die USA auswandern.