Schulreformen Berlin und HamburgSekundar- und Stadtteilschulen kämpfen noch
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Gesamtschulen gelten als die Gewinner

Ehemalige Gesamtschulen mit eigener Oberstufe seien die großen Gewinner der Reform, glaubt Petra Samani vom Berliner Elternverband. Der Schulleiter einer früheren Gesamt- und jetzt Sekundarschule Klaus Brunswicker bestätigt, dass die Umsetzung der Reformen für seine Schule recht unproblematisch verlaufen sei. Denn Ganztag und Heterogenität seien für seine Kollegen schließlich nichts Neues gewesen. Als "großen Gewinner" sieht er seine Schule trotzdem nicht. "Für uns galt es eher, unsere Bedingungen aus der Zeit vor der Reform zu sichern."

Die Bewertung des neuen Schulsystems ist schon allein deswegen schwierig, weil es zurzeit weder Absolventen noch Studienergebnisse gibt. Die Berlin Studie über die Entwicklung der Sekundarschulen erscheint erst 2015. Hamburg will ab nächstem Schuljahr die Ergebnisse der einzelnen Schulen aus den Schülerleistungsvergleichen sowie der Schulinspektion aneinander koppeln und veröffentlichen.

Schulreform Berlin

Die wichtigsten Versprechungen in Berlin waren Ganztagsangebote an allen Schulen, kleinere Klassen, individuelles Lernen, mehr Berufsorientierung sowie Mittel für unterrichtsergänzende Aktivitäten. Dafür sollten 430 zusätzliche Lehrkräfte, Erzieher und Sozialarbeiter zur Verfügung gestellt werden. Von den Schulen wurde im Gegenzug die Kooperation mit außerschulischen Partnern wie der Jugendhilfe oder auch Sportvereinen verlangt. Schulen an sozialen Brennpunkten würden bei der Vergabe der Stellen gesondert berücksichtigt, hieß es. Auf Nachfrage bestätigt die Senatsverwaltung, dass diese Punkte "wie beschrieben umgesetzt" worden seien.

Hamburg

Die wichtigsten Versprechungen in Hamburg waren kleinere Klassen und mehr Lehrkräfte für bessere Lernbedingungen. Alle Stadtteilschulen sollten einen Weg zum Abitur anbieten; Schüler durch verschiedene Angebote, zum Beispiel mehr Wahlpflichtkurse, individuell gefördert werden. Die Hamburger Schulbehörde bestätigt, dass alle Stadtteilschulen eine eigene Oberstufe bekommen hätten, "mindestens im Verbund mit einer benachbarten Stadtteilschule". Zudem hätten sie "in erheblichem Umfang zusätzliches Personal" bekommen: sowohl Lehrer, um kleinere Klassen anzubieten, als auch Sozialpädagogen und Berufsschullehrer zur Berufsorientierung.

Bildungsausgaben

Laut Bildungsmonitor 2012 geben beide Länder, trotz deutlicher Aufstockungen im vergangen Jahr, immer noch im bundesweiten Vergleich verhältnismäßig wenig für Bildung aus. Im Vergleich zu den Gesamtausgaben pro Einwohner investiert Berlin pro Jahr für jeden Schüler ab der fünften Klasse 8,6 Prozent extra; in Hamburg sind es 15,3 Prozent.

Außerdem sind die Erfahrungen von Schule zu Schule so unterschiedlich, dass auch deshalb eine Bilanz schwerfällt. Einige Schulen kämpfen nämlich viel weniger mit den Anlaufschwierigkeiten als mit ihren alten Problemen. Das gilt vor allem für Schulen in sozialen Brennpunkten.

Manchmal ist nicht Heterogenität, sondern Gleichheit das Problem

"An diesen Schulen liegt die Gefahr nicht in der Heterogenität, sondern in der Gleichheit der Schüler", sagt der schulpolitische Sprecher der Hamburger CDU Robert Heinemann. "Die Zusammensetzung der Schüler dieser Schulen habe sich meist nicht sonderlich geändert", bestätigt Sabine Dübbers von der Gewerkschaft für Erziehung und Gesellschaft – das zeige sich auch bei den Neuanmeldungen. Sie gelten weiterhin als "Restschulen", obwohl die Reform gerade diese mit den Hauptschulen abschaffen wollte. Im Gegensatz dazu gebe es in Berlin inzwischen eine Art inoffiziellen Numerus Clausus an beliebten Schulen, beklagen viele Eltern.

Trotzdem blieb der gefürchtete Run auf die Gymnasien in beiden Städten aus. Der Anteil der Stadtteil- bzw. Sekundarschüler stieg sogar leicht an und umfasst jetzt jeweils etwas mehr als die Hälfte aller Schüler der Sekundarstufe I. Offensichtlich lassen sich die meisten Eltern nicht von den Anlaufschwierigkeiten der neuen Schulen abschrecken. Viele von ihnen sähen in dem Versuch, schulformübergreifend zu arbeiten, große Chancen, bestätigt der Berliner Elternverband. Die Schulreform führe in die richtige Richtung, glaubt auch Gewerkschaftlerin Dübbers, obwohl es bei der praktischen Umsetzung an vielen Stellen noch hapere.

Austauschen von Türschildern reicht nicht

Ob sich die heutigen Anlaufschwierigkeiten zu strukturellen Mängeln entwickeln werden, hängt davon ab, wie ernsthaft Länder und Schulen dagegen vorgehen. An vielen Stellen bedarf es zusätzlicher Mittel und Lehrer, mehr Fortbildungen und klarer Absprachen. "Die Verbesserung von Lernbedingungen ist eben nicht durch das Austauschen von Türschildern zu erlangen", resümiert der Berliner Elternverband.

* Name von der Redaktion geändert.

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Leserkommentare
  1. 1. Es gibt neue Türschilder.
    2. Ehemalige Hauptschüler sitzen nun in größeren Klassen.
    3. Statt der Hauptschule werden nun Sekundar- und Stadtteilschulen als Restschulen diffamiert.
    4. Statt einer "offiziellen" Einteilung nach Leistungsbereitschaft und -fähigkeit gibt es nun in Berlin "eine Art inoffiziellen Numerus Clausus".
    Fazit: Aufsteigen durch Leistung war gestern - heute ist Schilda.

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    • cuxa59
    • 20. Dezember 2012 19:03 Uhr

    Was besonders perfide ist: Jeder, der sich nicht auf ein Gymnasium "retten" kann, gilt als Verlierer und Restschüler, auch leistungsbereite ehemalige Realschüler.

    • Sirisee
    • 22. Dezember 2012 15:15 Uhr

    5. Dauerforderungen mehr Geld (Sachmittel und mehr Personal, bessere Bezahlung).

    Also die im internationalen Vergleich ohne hin schon überbezahlten Lehrer mit ihrem ach so stressigen Beruf sehen die neuen Herausforderungen v.a. als Anlass für Gehaltssteigerungen und bessere Arbeitsmittel. Toller Erfolg.

    Man stelle sich so etwas in der Privatwirtschaft vor: Das Unternehmen produziert seit Jahren Produkte unterhalb des Weltmarktniveaus (Pisa-Studien), die nur noch verkaufen lassen, indem man die Käufer bezahlt (so die Idee Euro-Rettung).

    Lösung: Man senkt die Qualität / Ansprüche weiter (z. B. Rechtschreibreform, Gesamtschule). Der Kunde werde das schon nicht bemerken, aber weil die Qualität senkt, hat man mehr Stress und deshalb bitte mehr Geld.

    Ergebnis: Noch mieseres Produkt mit noch mehr Geld, aber in Goldfolie verpackt und aufgehübscht. Alle bekommen schlimmstens eine 2, alle Mädchen sind kleine Genies usw.

    Einzige Lösung m.E.: Kein Geld mehr in den Laden. Verantwortliche (KMK) rausschmeißen...

  2. ...viele Entscheidungen Hamburgs sind nicht wegen wissenschaftlicher Erkenntnis sondern wegen eigenen Dogmen gefällt. Bezahlen werden andere dafür. Hier die nächste Generation, beim Betreuungsgeld jene Familien, die nicht in das linke Weltbild passen und bei der geforderten Frauenquote Männer, die das Pech haben im "falschen" Jahrzehnt geboren zu sein. Ich möchte auch hier bewusst nicht die Vorteile dieser Ansätze klein reden.

    Aber an SPD-Hamburg ein kleiner Weihnachtswunsch: Bitte orientieren Sie ihre Politik mehr an den Realitäten und wenn Sie Änderungen wie oben angesprochen machen, dann so sorgen sie dafür, dass auch die nötigen Millionen bereitstehen, damit das Projekt erfolgreich sein kann. Denn der Gewinner darf kein Schulsystem sein - es muss die nächste Generation sein, die neben der jetzigen Rentenansprüche (u.A. für die Beamten, für die es keine Rückstellungen gibt) auch noch ihre eigene Rentenvorsorge Schultern soll - und dies vermutlich ohne langjährige Verträge in ihren Berufen.

  3. von Anlaufschwierigkeiten kann also nicht gesprochen werden, wenn es mit der Binnendifferenzierung nicht klappt. Die Gesamtschule in unserem Ort galt lange als Restschule, bis vor einigen Jahren eine neue Schulleiterin kam. Die versprach Binnendifferenzierung und Förderung von Hochbegabten, warb mit Gütesiegel. In 2 Schuljahren war es nur die Klassenlehrerin, die tatsächlich binnendifferenzierten Unterricht versuchte, alle anderen - Fehlanzeige. Inzwischen platzt die Schule zwar aus allen Nähten, aber nicht wegen der guten Konzepte, sondern wegen G8 am Gymnasium, wohin unser Sohn inzwischen gewechselt hat. Mal schauen, wie es weitergeht, wenn nächstes Jahr die Gymnasien wieder G9 anbieten dürfen.

    • iboo
    • 19. Dezember 2012 17:33 Uhr

    Auch wenn die diversen Bildungsreformen mögen vielleicht für die Schüler Verschlechterungen bedeuten, aber immerhin lässt sich damit wohl eine Menge Geld sparen: Schließlich lassen sich durch die dichter gepackten Schulklassen in den Sekundarschulen und das gestrichene Schuljahr in den Gymnasien weitere Lehrerstellen einsparen.
    Die Einsparungen lassen sich in beiden Städten leider kaum vermeiden, da deren Prestigeprojekte (Elbphilharmonie bzw. Großflughafen) leider mehr Geld als geplant verschlingen. Und irgendwo muss man schließlich Prioritäten setzen.

  4. die von Ihnen verlinkte Karte ist beschriftet mit "1. Bundesländer mit 3gliedrigem, 2. Länder mit geplantem zweigliedrigen und 3. Länder mit etabliertem zweigliedrigem Schulsystem".

    Aber in eigentlich zeigen die Farbmarkierungen doch 1. Länder mit gutem, 2. Länder mit durchschnittlichem und 3. Länder mit grottigem Abschneiden in den letzten Bildungs-Tests, oder?

    Eine Leserempfehlung
    • wd
    • 19. Dezember 2012 18:29 Uhr

    sind ein Verbrechen gegenüber den Realschülern, genauso wie z.B. die Gesamtschule ein Verbrechen gegenüber potentiellen Gymnasiasten ist. Oder warum scheut man sich z.B. bei der Abiturprüfung den Gesamtschülern und Gymnasiasten die gleichen Prüfungsaufgaben zu geben. (Ist zu mindestens in Niedersachsen so.)
    Siehe auch Pisa (obwohl ich der Studie nicht viel Aussagekraft gebe, da z.B. in Physik nicht gelehrtes abgefragt wird). Dort rangierten Gesamtschüler zwischen Haupt- und Realschülern. Wo wird das Wissen und Können (das Wort Kompetenz finde ich unangemessen) der Schüler dieser neuen Restschule sein?

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    Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um auf den Irrsinn des auf die Schule folgenden Berufslebens aufmerksam zu machen, bzw. den zugehörigen Arbeits"markt":

    Meine Ex hat nach dem Abi eine Ausbildung gemacht, es wurden von der mittelständischen Firma überhaupt fast nur Abiturienten als Azubis eingestellt.

    Dabei kann den Job auch ein rasierter Affe auf Schlaftabletten.

    Man muss sich mal fragen, wofür die ganzen Qualifikationen überhaupt gut sein sollen. Um Papier von A nach B zu schieben?

    Liebe Personaler, lasst mal den Alarmismus im Dorf. Mit jeder neuen Studie freut ihr euch über den kostenlosen Druck, der aufgebaut wird, und damit euren Job einfacher macht.

    Wenn da HEUTE im Realschulabgangzeugnis "Mathe 3- " steht, so könnte das ein Indiz für die unzureichende Beherrschung der Integralrechnung - und nicht dass der Bewerber nicht "rechnen" kann, so war das FRÜHER mal.

    Anspruch und Wirklichkeit...

  5. Der deutsche Michel ist drauf und dran, seinen Kindern im Schweinsgalopp das amerikanische "Bildungsniveau" überzustülpen - wo sol das alles nur noch hinführen?

    Eine Leserempfehlung
  6. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um auf den Irrsinn des auf die Schule folgenden Berufslebens aufmerksam zu machen, bzw. den zugehörigen Arbeits"markt":

    Meine Ex hat nach dem Abi eine Ausbildung gemacht, es wurden von der mittelständischen Firma überhaupt fast nur Abiturienten als Azubis eingestellt.

    Dabei kann den Job auch ein rasierter Affe auf Schlaftabletten.

    Man muss sich mal fragen, wofür die ganzen Qualifikationen überhaupt gut sein sollen. Um Papier von A nach B zu schieben?

    Liebe Personaler, lasst mal den Alarmismus im Dorf. Mit jeder neuen Studie freut ihr euch über den kostenlosen Druck, der aufgebaut wird, und damit euren Job einfacher macht.

    Wenn da HEUTE im Realschulabgangzeugnis "Mathe 3- " steht, so könnte das ein Indiz für die unzureichende Beherrschung der Integralrechnung - und nicht dass der Bewerber nicht "rechnen" kann, so war das FRÜHER mal.

    Anspruch und Wirklichkeit...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte CDU | Gesamtschule | Gymnasium | Lehrer | Reform | Schulbehörde
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