Ehemalige Gesamtschulen mit eigener Oberstufe seien die großen Gewinner der Reform, glaubt Petra Samani vom Berliner Elternverband. Der Schulleiter einer früheren Gesamt- und jetzt Sekundarschule Klaus Brunswicker bestätigt, dass die Umsetzung der Reformen für seine Schule recht unproblematisch verlaufen sei. Denn Ganztag und Heterogenität seien für seine Kollegen schließlich nichts Neues gewesen. Als "großen Gewinner" sieht er seine Schule trotzdem nicht. "Für uns galt es eher, unsere Bedingungen aus der Zeit vor der Reform zu sichern."

Die Bewertung des neuen Schulsystems ist schon allein deswegen schwierig, weil es zurzeit weder Absolventen noch Studienergebnisse gibt. Die Berlin Studie über die Entwicklung der Sekundarschulen erscheint erst 2015. Hamburg will ab nächstem Schuljahr die Ergebnisse der einzelnen Schulen aus den Schülerleistungsvergleichen sowie der Schulinspektion aneinander koppeln und veröffentlichen.

Außerdem sind die Erfahrungen von Schule zu Schule so unterschiedlich, dass auch deshalb eine Bilanz schwerfällt. Einige Schulen kämpfen nämlich viel weniger mit den Anlaufschwierigkeiten als mit ihren alten Problemen. Das gilt vor allem für Schulen in sozialen Brennpunkten.

Manchmal ist nicht Heterogenität, sondern Gleichheit das Problem

"An diesen Schulen liegt die Gefahr nicht in der Heterogenität, sondern in der Gleichheit der Schüler", sagt der schulpolitische Sprecher der Hamburger CDU Robert Heinemann. "Die Zusammensetzung der Schüler dieser Schulen habe sich meist nicht sonderlich geändert", bestätigt Sabine Dübbers von der Gewerkschaft für Erziehung und Gesellschaft – das zeige sich auch bei den Neuanmeldungen. Sie gelten weiterhin als "Restschulen", obwohl die Reform gerade diese mit den Hauptschulen abschaffen wollte. Im Gegensatz dazu gebe es in Berlin inzwischen eine Art inoffiziellen Numerus Clausus an beliebten Schulen, beklagen viele Eltern.

Trotzdem blieb der gefürchtete Run auf die Gymnasien in beiden Städten aus. Der Anteil der Stadtteil- bzw. Sekundarschüler stieg sogar leicht an und umfasst jetzt jeweils etwas mehr als die Hälfte aller Schüler der Sekundarstufe I. Offensichtlich lassen sich die meisten Eltern nicht von den Anlaufschwierigkeiten der neuen Schulen abschrecken. Viele von ihnen sähen in dem Versuch, schulformübergreifend zu arbeiten, große Chancen, bestätigt der Berliner Elternverband. Die Schulreform führe in die richtige Richtung, glaubt auch Gewerkschaftlerin Dübbers, obwohl es bei der praktischen Umsetzung an vielen Stellen noch hapere.

Austauschen von Türschildern reicht nicht

Ob sich die heutigen Anlaufschwierigkeiten zu strukturellen Mängeln entwickeln werden, hängt davon ab, wie ernsthaft Länder und Schulen dagegen vorgehen. An vielen Stellen bedarf es zusätzlicher Mittel und Lehrer, mehr Fortbildungen und klarer Absprachen. "Die Verbesserung von Lernbedingungen ist eben nicht durch das Austauschen von Türschildern zu erlangen", resümiert der Berliner Elternverband.

* Name von der Redaktion geändert.