Schulreformen Berlin und HamburgSekundar- und Stadtteilschulen kämpfen noch

Berlin und Hamburg haben die Real- und Hauptschulen abgeschafft. Ein Erfolg? Zweieinhalb Jahre nach den Reformen sind die Anlaufschwierigkeiten noch nicht vorbei. von 

Eine Schule für alle, die individuelle Förderung und gleiche Chancen bietet – mit diesem Ziel haben Hamburg und Berlin im Schuljahr 2010/11 nach der Grundschule das zweigliedrige Schulsystem eingeführt. Von den traditionellen weiterführenden Schulen blieb nur das Gymnasium. Haupt-, Real- und Gesamtschule gingen in der Hamburger Stadtteil- bzw. Berliner Sekundarschule auf, an denen die Schüler nun auch Abitur machen können. Außerdem nehmen immer mehr Kinder mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf am Unterricht der Regelschulen teil – Inklusion heißt der Fachbegriff.

Sekundarschulleiterin Annette Schlüter* glaubt, dass sich die Mischung der Schüler ausgesprochen positiv auf das Klassenklima ausgewirkt habe. Gleichzeitig ärgert sie sich darüber, dass seit der Reform etliche Stellen an ihrer Schule unbesetzt geblieben seien. Ähnlich ambivalent urteilt der Stadtteilschullehrer Wolfgang Plothe-Mitzlaff: Die Reform habe das Schulsystem deutlich übersichtlicher gemacht, sagt er. Doch vor allem die Inklusion sei "ruckartig und ohne Not vorschnell eingeführt" worden.

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Die Idee des zweigliedrigen Schulsystems setzt sich fast überall in Deutschland durch. Die Umstrukturierungen selbst sind auch gar nicht in der Kritik. Problematisch sind jedoch zum einen diverse Anlaufschwierigkeiten, die nun schon zwei Jahre andauern. Zum anderen können manche Schulen ihre alten Probleme trotz Reform nicht überwinden.

Die Rahmenbedingungen sind in beiden Ländern ähnlich: extreme Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen, viele Schüler mit Migrationshintergrund und schlechte Leistungen in bundesweiten Bildungsvergleichen.

Schlechter ausgestattet als frühere Gesamtschulen

Die Umstrukturierung zur Stadtteilschule sei "insbesondere für die früheren Haupt- und Realschulen (...) eine Herkulesaufgabe", schreibt der Deutsche Lehrerverband Hamburg. Diese Schulen seien auch 2012 "in allem schlechter ausgestattet als frühere Gesamtschulen" und müssten daher "eine deutlich bessere Zumessung an Ressourcen jeder Art erhalten".

Außerdem herrscht an vielen Fusionsschulen, in denen ehemalige Haupt- und Realschulen aufgingen, immer noch akuter Platzmangel. Größere Jahrgänge, neue Oberstufen und die Ganztagsbetreuung haben Baumaßnahmen erfordert, die vielerorts nur schleppend in Gang kamen. Eltern erzählen, dass Schulen teils auf kilometerweit entfernte Dependancen oder sogar auf Zelte oder Container ausweichen mussten. Es gebe einen "erheblichen Sanierungsstau", bestätigt die Hamburger Schulbehörde.

Fortbildungen kamen oft verspätet

Zudem mussten ehemalige Haupt- und Realschullehrer erst lernen, mit den verschiedenen Niveaus der Schüler und den neuen Unterrichtsmethoden umzugehen. Die Behörden beider Länder betonen, dass alle Lehrer in mehrjährigen Programmen systematisch im binnendifferenzierten Unterrichten fortgebildet seien. Binnendifferenzierung heißt, dass Schüler aller Lernstände in einer Klasse sitzen und individuell gefördert werden. Alternativ können sich Schulen auch für "äußere Differenzierung" entscheiden, also Lerngruppen mit unterschiedlichen Niveaus bilden.

Eine Umfrage der Berliner Senatsverwaltung ergab, dass siebzig Prozent der Berliner Lehrer weitere Fortbildungsmaßnahmen fordern. Viele Hamburger Lehrer würden sich dem wohl anschließen. Den Eltern sei glaubhaft gemacht worden, "dass die Stadt Hamburg etwas anbiete, was auch gut vorbereitet" sei, sagt der Lehrer Plothe-Mitzlaff. Doch das sei leider nicht der Fall gewesen. Lehrer beider Länder bestätigen zwar, dass es Fortbildungsprogramme gegeben habe, doch diese hätten teilweise erst stattgefunden, als die Reform bereits in Kraft getreten war.

Manch ein Teil der Reform ist für die einen ein Vorteil, für die anderen aber ein Nachteil. Ein Beispiel: Ehemalige Realschüler sitzen heute in kleineren Klassen als vor der Reform. Für frühere Hauptschüler, deren Klassen zuvor weniger als 20 Schüler umfassten, ist eine Klassengröße von 26 Schülern in Berlin und 25 in Hamburg aber faktisch eine Verschlechterung.

Leserkommentare
    • cuxa59
    • 20. Dezember 2012 19:03 Uhr
    9. Genau

    Was besonders perfide ist: Jeder, der sich nicht auf ein Gymnasium "retten" kann, gilt als Verlierer und Restschüler, auch leistungsbereite ehemalige Realschüler.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zusammenfassung"
  1. auf ein vor 22 Jahren wegrationalisiertes hochwertiges Bildungssystem mit 30 Jahren Erfahrung und qualifizierten Abschlüssen! Vielleicht kommen wir auch wieder auf unsere G4 zurück, das wäre ein weiterer Fortschritt!
    Nun ist ja eine Bezeichnung (Gesamtschule) noch keine neue Schule, sondern muss mit Qualität gefüllt werden, d.h. hochgesetzte Bildungsnormen und keine Zwangsvorschiften (unsinnige LP) für Lehrer mehr, so dass sie frei ihre Fachkompetenz entfalten können!

  2. "noch"?!!
    Ist es nicht vielleicht wie bei dem Chef-Alchimisten, der seinem Fürst sagt, dass das mit dem Blei-zu-Gold-Machen *noch* nicht klappt?
    Und damit suggeriert, dass es vielleicht *irgendwann mal* klappt. Vielleicht sogar *bald*.

    Was, wenn es so wie bei dem Alchimisten wäre und es einfach *nie* klappt?

    Dann kann man gespannt sein, wer da die Schuld zugesprochen bekommt: Die Chef-Ideologen, die mit dem Versprechen für mehr Bildungsgerechtigkeit ins Feld gezogen sind und mit dem Versprechen, dass die ach so hochgelobte Binnendifferenzierung die Dinge wohl richten wird. Ohne die Praktiker vor Ort, also die Lehrer, zu fragen.

    Oder ob gerade diese Praktiker nachher mal wieder die Sündenböcke sind. Weil sie die Chef-Ideologen eben nicht richtig verstanden haben. Weil sie geistig zu unflexibel sind, weil sie nicht gut umsetzen können, was von den Ideologen doch so gut gemeint war.

    Um im Bild zu bleiben: Wenn der Chef-Alchimist also letztlich seinen Assistenten für die Gold-Misere verantwortlich macht, dann kann man hoffen, dass der Fürst weiß, wer an den Pranger zu stellen ist.

    5 Leserempfehlungen
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    Die Alchimisten erzählen den (Provinz-)Fürsten von den schönen neuen Kleidern, die nur von den unwissenden Praktikern nicht gesehen werden.
    Und diese Fürsten glauben sogar, dass sie diese Kleider selbst sehen. Die Tatsache, dass es einige Fürsten gibt, die wirklich noch KLeider tragen, wird von den Alchimisten mit der Feststellung weggebügelt, dass sie an diesen Kleidern einige Flecke gefunden haben.

  3. Die Alchimisten erzählen den (Provinz-)Fürsten von den schönen neuen Kleidern, die nur von den unwissenden Praktikern nicht gesehen werden.
    Und diese Fürsten glauben sogar, dass sie diese Kleider selbst sehen. Die Tatsache, dass es einige Fürsten gibt, die wirklich noch KLeider tragen, wird von den Alchimisten mit der Feststellung weggebügelt, dass sie an diesen Kleidern einige Flecke gefunden haben.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf ""... kämpfen noch" ?"
    • Sirisee
    • 22. Dezember 2012 15:15 Uhr

    5. Dauerforderungen mehr Geld (Sachmittel und mehr Personal, bessere Bezahlung).

    Also die im internationalen Vergleich ohne hin schon überbezahlten Lehrer mit ihrem ach so stressigen Beruf sehen die neuen Herausforderungen v.a. als Anlass für Gehaltssteigerungen und bessere Arbeitsmittel. Toller Erfolg.

    Man stelle sich so etwas in der Privatwirtschaft vor: Das Unternehmen produziert seit Jahren Produkte unterhalb des Weltmarktniveaus (Pisa-Studien), die nur noch verkaufen lassen, indem man die Käufer bezahlt (so die Idee Euro-Rettung).

    Lösung: Man senkt die Qualität / Ansprüche weiter (z. B. Rechtschreibreform, Gesamtschule). Der Kunde werde das schon nicht bemerken, aber weil die Qualität senkt, hat man mehr Stress und deshalb bitte mehr Geld.

    Ergebnis: Noch mieseres Produkt mit noch mehr Geld, aber in Goldfolie verpackt und aufgehübscht. Alle bekommen schlimmstens eine 2, alle Mädchen sind kleine Genies usw.

    Einzige Lösung m.E.: Kein Geld mehr in den Laden. Verantwortliche (KMK) rausschmeißen...

    Antwort auf "Zusammenfassung"
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    Eine zweischneidige Sache ist das mit dem so genannten "Migrationshintergrund".

    Eigentlich müsste man gerechterweise die Problemgruppen explizit benennen, aber das wäre nicht so schön politisch korrekt und unverbindlich wie der Begriff "Migrationshintergrund".

    Es klingt halt nicht gut, wenn man beispielsweise sagen würde: "Es sind die Romulaner und die Klingonen (ich verwende jetzt extra SciFi-Bezeichnungen, um üble Diskussionen zu vermeiden), die besonders häufig ein gestörtes Verhältnis zu mitteleuropäisch-aufklärerischen Werten, zu religiöser und ethnischer Toleranz und zu Bildung an sich haben und die sich mit dem Erlernen der Verkehrssprache in Wort und Schrift statistisch gesehen besonders schwer tun."

    Aber man darf das Problem nicht aus politischer Korrektheit ganz unter den Tisch kehren, wenn in Schulen mit einem hohen Anteil von Romulanern und Klingonen bestimmte Probleme gehäuft auftreten. Es darf nicht als Rassismus falsch verstanden werden, wenn solche Probleme benannt werden.

    Aber Sie haben recht: Die Sammelbezeichnung "Menschen mit Migrationshintergrund" ist bei aller scheinbaren politischen Korrektheit extrem ungerecht.
    Doch wehe dem Bildungs-Politiker, der hier von einem Romulanisch-Klingonischen Problem sprechen würde.

    Wo steht ihr Kommentar eigentlich in Bezug zum Artikelinhalt?

    "Also die im internationalen Vergleich ohne hin schon überbezahlten Lehrer mit ihrem ach so stressigen Beruf sehen die neuen Herausforderungen v.a. als Anlass für Gehaltssteigerungen und bessere Arbeitsmittel."

    Lehrer sind also überbezahlte, faule Menschen? Trifft Mensch noch zu? Lassen sie ihren Frust bitte an anderer Stelle ab.
    Des weiteren ist es nicht die Hauptaufgabe der Schulen, hoch gezüchtete Produktionsmittel für die Wirtschaft zu produzieren, ich möchte meine Schüler als mündige, selbstständig denkende Bürger in die Welt entlassen.

    Die Reformen in Hamburg und Berlin sind ein erster Schritt in die richtige Richtung. Das am Anfang nicht alles funktioniert ist völlig normal. Die größten Widerstände kommen leider immer öfter von den Eltern. (siehe Hamburg)

    http://www.zeit.de/gesell...

    So lange die Gesellschaft in gute und schlechte Schulformen unterscheidet und somit "hochwertige" und "minderwertige" Abschlüsse suggeriert werden, so lange werden die sozialen Probleme an den Schulen und in der Gesellschaft bestehen bleiben.

    Ich möchte nur daran erinnern, dass eine Putzfrau für ihre Arbeit mindestens den gleichen Respekt verdient, wie ein Arzt.

  4. ... nochmal überflogen; eine Forderung nach höheren Gehältern habe ich nicht gefunden.

    "Man stelle sich so etwas in der Privatwirtschaft vor [...]"

    Ist ein solches Vorgehen in der Privatwirtschaft so undenkbar?
    Nach einer Änderung der Firmenpolitik merkt das untere Management, dass die vom Vorstand gewollten Veränderungen mit den bisherigen Ressourcen nicht zu stemmen sind. Es fordert daher mehr Geld für neue Werkzeuge und mehr Personal, damit die Firma nicht vollends den Bach runtergeht.

    Wohlgemerkt: Für MEHR Personal, nicht für MEHR Geld für das VORHANDENE Personal.

    Man muss extrem aufpassen, dass aus der (sehr wichtigen) Bildungsdebatte hier nicht wieder eine (höchst kontraproduktive) Neid-Debatte wird, in der immer wieder gerne die angeblich im Geld schwimmenden und faulen Lehrer als Karikatur herumgeistern. Wenn der Lehrerjob tatsächlich finanziell so überbezahlt wäre und das Stress-Argument so widersinnig, dann kann man mir den Mangel an Lehrkräften gerade in Mathematik und Naturwissenschaften schlichtweg nicht erklären.

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  5. ich finde es immer wieder anmassend, wie der Migrationshintergrund so im Vordergrund bei solchen Berichten stehen muss. Dies suggeriert, dass diese prinzipiell schlechter seien. Was gar nicht der Fall ist. typisches Othering-Momentum nenne ich das.

    Statistiken zeigen, dass besonders Menschen mit iranischem,afghanischen, vietnamesischen oder jüdisch-russischen Migrationshintergund zu denen gehören, die am meisten an Universitäten zu finden sind und überdurchschnittlich gut an Schultests abschneiden.

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  6. Eine zweischneidige Sache ist das mit dem so genannten "Migrationshintergrund".

    Eigentlich müsste man gerechterweise die Problemgruppen explizit benennen, aber das wäre nicht so schön politisch korrekt und unverbindlich wie der Begriff "Migrationshintergrund".

    Es klingt halt nicht gut, wenn man beispielsweise sagen würde: "Es sind die Romulaner und die Klingonen (ich verwende jetzt extra SciFi-Bezeichnungen, um üble Diskussionen zu vermeiden), die besonders häufig ein gestörtes Verhältnis zu mitteleuropäisch-aufklärerischen Werten, zu religiöser und ethnischer Toleranz und zu Bildung an sich haben und die sich mit dem Erlernen der Verkehrssprache in Wort und Schrift statistisch gesehen besonders schwer tun."

    Aber man darf das Problem nicht aus politischer Korrektheit ganz unter den Tisch kehren, wenn in Schulen mit einem hohen Anteil von Romulanern und Klingonen bestimmte Probleme gehäuft auftreten. Es darf nicht als Rassismus falsch verstanden werden, wenn solche Probleme benannt werden.

    Aber Sie haben recht: Die Sammelbezeichnung "Menschen mit Migrationshintergrund" ist bei aller scheinbaren politischen Korrektheit extrem ungerecht.
    Doch wehe dem Bildungs-Politiker, der hier von einem Romulanisch-Klingonischen Problem sprechen würde.

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  • Schlagworte CDU | Gesamtschule | Gymnasium | Lehrer | Reform | Schulbehörde
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