Schulbildung: Musterschüler China, Sitzenbleiber Indien
Zwei Milliardenvölker, zwei Systeme: Das demokratische Indien fällt in der Schulbildung gegenüber Einparteienstaat China zurück. Kann Indien das aufholen?
© SAJJAD HUSSAIN/AFP/GettyImages

Grundschule im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh
"Geht den Chinesen der Nachwuchs aus?", fragt sich mancher, der erstmals in die Volksrepublik China reist. Kinder sieht man dort kaum, nur die Allerkleinsten spielen hier und da mal in den Hinterhöfen und Parks. Doch das ist nicht etwa Folge der strikten Einkindpolitik – Chinas Kinder verbringen die meiste Zeit in der Schule. Wenn sie heimkehren, stehen Hausaufgaben auf dem Programm. Ständiges Büffeln für Prüfungen und Tests lassen keinen Raum für Freizeit.
"Unsere Kinder sind beschäftigter als wir!", hört man scherzhaft von den Eltern. Doch für die Kinder ist das kein Spaß, der Leistungsdruck ist hoch, Berichte von Selbstmord aus Angst vor schlechten Noten sind nicht selten. Deshalb steht die Regierung in Peking häufig in der Kritik. Öffentlich und privat wird heftig gestritten, ob man den Schülern den Druck weiter zumuten darf. Doch was wäre die Alternative? Kann man sich dem Leistungsdruck entziehen, wenn man einer von 1,3 Milliarden ist?
Ganz anders die Lage im benachbarten Indien. Auch hier müsste man etwas vom Leistungsdruck wissen. Auch die Inder sind ein Milliardenvolk. Doch von Schulstress keine Spur. Indiens Kinder sind omnipräsent, jederzeit. Sie toben über die Marktplätze, sie betteln, sie spielen Cricket im Park, in ganzen Banden ziehen sie durch die Gassen. Oft tragen sie dabei Schuluniformen. Nur in der Schule sind sie selten. Auf dem Land gehen viele Kinder nur zum Mittagessen in die Schule.
Die meisten staatlichen Schulen Indiens haben keine Toiletten
Ihre schlecht bezahlten Lehrer, die sich mit Nebenjobs über Wasser halten, haben zudem kaum Zeit für die Schüler. Oder sie nehmen sich diese nicht. Mehr als eine Schulstunde täglich findet auf dem Land selten statt. Kein Wunder, dass die meisten Schulen keine Toiletten haben und das den Verantwortlichen bisher nie auffiel. Erst jetzt läuft eine neue Toilettenkampagne für die Schulen. In Großstädten wie Mumbai oder Delhi ist die Lage zwar besser, aber kaum als gut zu bezeichnen. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind auf teure Privatschulen. So groß ist das Misstrauen gegenüber den staatlichen Schulen.
Ein Trend hin zur Privatschule zeichnet sich aber auch in China ab. Die reichen Städter können es sich mittlerweile leisten, in China wie in Indien. Der Ehrgeiz der Eltern ist in beiden Ländern groß, doch in China ist er durchsetzungsfähiger. Schule und Eltern ziehen hier an einem Strang. Jeder weiß, dass man Jahre braucht, nur um die Schriftzeichen richtig zu können. In Indien dagegen mangelt es überall an schulischer Disziplin. Hier sind viele Eltern noch Analphabeten und nehmen ihre Kinder nach der Grundschule lieber mit aufs Feld oder auf die Baustelle. Viele geben Englisch – die Elitesprache – schnell auf, und glauben leichthin, auf Hindi lohne sich das Weitermachen nicht.
Dabei bleiben die meisten Inder und Chinesen, trotz aller Kritik, auch in Zukunft auf das staatliche Schulsystem angewiesen. Darum war es ein guter Ansatz, dass sich beide Länder 2009 im Rahmen der PISA-Studie erstmals dem internationalen Vergleich stellten. Die zwei bevölkerungsreichsten Staaten der Erde traten zum Duell an, zu ganz ähnlichen Bedingungen. Beide selektierten vor und rekrutierten eine kleine Elite für den PISA-Test. Für China ging Shanghai ins Rennen, für Indien traten die Bundesstaaten Himachal Pradesch und Tamil Nadu an.





Ich kann die Perspektivwahl dieses Artikels insofern nachvollziehen, dass es ja Argumente gibt, Demokratie fördere den Leistungsstand einer Volkswirtschaft. Das demokratische Indien fällt in der Schulbildung gegenüber Einparteienstaat China zurück - so rührt man die "Kontroverse" eben mal umgekehrt an - sie ergibt aber genauso wenig Sinn. Auch unter der britischen Kolonialverwaltung, die sicherlich nicht demokratisch war, sah Indien nicht besser aus.
Demokratie ist ein Wert an sich, den man entweder will oder verneint. Es gibt gescheiterte demokratische Staaten, und gescheiterte autoritäre Staaten.
Ich empfehle ein Interview mit Oskar Weggel. Der ist zwar Sinologe und nicht Indologe, scheint aber auch Indien recht gut zu kennen und kann aber zu den kulturell sehr unterschiedlichen Hintergründen Chinas und Indiens sicherlich eine Menge sagen. Ansonsten: verglichen mit Südkorea oder Taiwan schneiden auch Deutschland oder Spanien bildungstechnisch eher bescheiden ab. Die Demokratie würde aber in dem Zusammenhang wohl kaum jemand ins Spiel bringen wollen.
Noch besser aber wären zwei Berichte, die wirklich versuchen, die jeweiligen Herausforderungen zu beschreiben - sprich: zu informieren, statt zu polit-emotionalisieren. Ich glaube an den "Zeit"-Leser: er würde auch das mit großem Interesse lesen. Vielleicht gerade das.
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