SchulkonfliktOhne Streit kein Unterricht

Melissa und ihre Freundin reden nicht mehr miteinander, Mark fühlt sich gemobbt. Wie Lehrer ihren Schülern beim Streiten helfen können, erzählt eine Beratungslehrerin. von 

Melissa* hat ein Riesenproblem. Ihre beste Freundin redet seit einer Woche kein Wort mehr mit ihr. Die beiden 16-Jährigen sitzen nebeneinander und müssen ein Referat vorbereiten. Aber wie soll das gehen, wo Melissa den Jungen nicht mag, in den sich ihre Freundin verliebt hat?

Endlich richtig streiten - die Themenwoche

Wir müssen dringend wieder streiten – auch laut und heftig. Denn ohne solche Konflikte gehen gehen unsere Beziehungen kaputt, unsere Identität – und am Ende unsere Demokratie. ZEIT ONLINE will in einer Themenwoche zeigen, wie man sich konstruktiv und erfolgreich auseinandersetzen kann: in der Partnerschaft und der Familie, am Arbeitsplatz und in der Schule, unter Bürgern und im Bundestag, sogar im Internet und in der Religion.

Die Folgen der Serie

Streitkultur: Streitet euch! Ein Essay

Sexualität: Streiten öffnet das Herz und andere Teile der Anatomie

Familie: Wenn Eltern "Ich will" sagen

Schule: Ohne Streit kein Unterricht

Internet: Ist das Netz ein Streitbeschleuniger? Eine Leserdebatte

Arbeit: Lass uns streiten, Chef

Unternehmen: Die Wohlfühl-Lüge

Politik: Geistige Terroristen sind ausgestorben

Wutbürger: Wir lassen Euch nie mehr in Ruhe

Religion: Elefanten-Gott trifft Lamm

ALS E-BOOK

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Es ist ein typischer Zwist unter Mädchen in diesem Alter, von dem Melissa ihrer Lehrerin Stefanie Seiler* in der Beratungsstunde an ihrer Realschule in einer kleinen Stadt in Niedersachsen erzählt. Der nicht ausgefochtene Streit stürzt nicht nur die beiden in eine Krise, sondern versauert das Klassenklima. Melissa will schon gar nicht mehr in die Schule gehen.

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Nun soll Stefanie Seiler es richten: "Reden Sie doch mal mit ihr", fordert Melissa. Die Schüler erwarteten oft, dass die Lehrer ihre Konflikte lösen, so wie sie im Unterricht ja auch die Entscheidungen treffen, sagt die 39-Jährige. Aber genau das will sie als Beraterin vermeiden.

Lieber ermuntert Seiler Melissa, erst einmal nach eigenen Ideen zu suchen. Einen Brief schreiben könnte sie, überlegt das Mädchen. Seiler hilft ihr. Sie ist auch dabei, als die beiden sich schließlich zu einem Gespräch verabreden. Thema ist nicht, wer wen wie verletzt hat, sondern: Wie kriegen wir das wieder hin? Jede schreibt eine Wunschliste. Beide weinen, als sie feststellen, dass es nie wieder so sein wird wie früher.

Aber die Lehrerin sagt, die Mädchen hätten schnell eine neue, erwachsenere Ebene gefunden, miteinander umzugehen. Das hat auch Folgen für den Unterricht: Sie arbeiten weiter an ihrem Referat. Ein halbes Jahr später sind sie sogar wieder beste Freundinnen. Beide haben erstaunt festgestellt: Meine Freundin und mein Freund müssen sich nicht mögen.

Seiler sagt, viele Jugendliche könnten nicht gut kommunizieren. Sie fänden nicht zueinander, weil die eine sich beleidigt zurückzieht und keine Worte findet, während die andere permanent angreift. Sie müssten erst lernen, ihre Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken und dem anderen zuzuhören.

Traurig, allein, zurückgezogen

Dabei ist ein Streit wie der zwischen Melissa und ihrer Freundin eher die Ausnahme in Seilers Alltag an einer Schule mit vielen sozialen Problemen. Da ist zum Beispiel Mark*. Der 15-Jährige fühlt sich seit Jahren gemobbt. In seiner Klasse nennen die anderen ihn Fettie, verdrehen die Augen, wenn er etwas sagt. Er fälscht die Unterschrift seines Vaters, um nicht mehr in die Schule zu müssen.

Seiler hört ihm zu, gewinnt allmählich sein Vertrauen. Nach einigen Treffen versteht sie, dass die Hänseleien in der Schule nicht die Ursache dafür sind, dass er die Schule schwänzt. Er erzählt ihr nämlich, dass ihm seine engste Vertraute fehlt, seit seine Großmutter gestorben ist. Seine Eltern lassen sich scheiden und sind nur mit sich selbst beschäftigt. Er ist ständig traurig, fühlt sich ganz allein und hat sich komplett zurückgezogen.

Anschließend, sagt Seiler, musste sie nicht mehr viel tun. Weil sich Mark einmal geöffnet hat, findet er auch die Kraft, wieder mit den anderen in Kontakt zu treten. Er will mit seiner Mutter sprechen, die nur noch wütend auf ihren Schule-schwänzenden Sohn ist. Seiler lädt sie ein. In dem hoch emotionalen Gespräch gelingt es dem Jungen, der Mutter zu erklären, dass er nicht faul ist, sondern nicht aus dem Bett kommt, weil die Trauer ihn ausfüllt. Sie versteht endlich, was die Großmutter ihm bedeutet hat. Sie hatte ihn nicht einmal zur Beerdigung mitgenommen. Mark überlegt sich ein Ritual, und die Mutter lässt sich darauf ein. Die beiden verabschieden sich nachträglich von der Großmutter mit einem gemeinsamen Ausflug in das Dorf, aus dem sie stammte, und in ihr Lieblingscafé.

Leserkommentare
  1. Ich finde es ja sehr schön, welche Gedanken sich die Beratungslehrerin im Text über ihre Schüler macht.

    Meine unmittelbar persönlichen und mittelbaren Erfahrungen bezüglich meines Sohnes sind allerdings so, das viele Lehrer erwarten, dass die Schüler wie Maschinen einfach funktionieren und es geniessen, uneingeschränkte Macht auszuüben.

    Erst kürzlich ermahnte die Mathe-Lehrerin meines Sohnes (9. Klasse Gymnasium, Bayern) ihn, weil ihm ein Mitschüler "zum Spaß" mit einem Kugelschreiber etwas zu fest in den Rücken gestochen hatte und mein Sohn einen Schmerzensschrei losließ. Es war nicht etwa der Angreifer schuld. Nein! Mein Sohn hätte nicht schreien dürfen.....

    [...]

    Dass eine Mathelehrerin Ursache und Wirkung nicht erkennen kann, ist doch eigentlich eher unwahrscheinlich, oder?

    Gekürzt. Bitte verzichten sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

  2. "Ich gehe davon aus, dass die schmerzliche und hinterlistig begangene Attacke eine gefährliche Körperverletzung gem. § 224 Abs. 1 Nr. 2 und 3 StGB darstellt und dass der Täter mindestens 14 Jahre alt und damit strafmündig ist. Sofern die Lehrerin wissentlich diese Straftat duldet, macht sie sich aufgrund ihrer Garantenstellung der gefährlichen Körperverletzung durch Unterlassen schuldig."

    Es ist gut, dass Sie kein Lehrer geworden sind.

    "Sagen Sie es der Lehrerin bitte nur im Notfall, denn auf juristische Belehrungen reagieren Lehrer nachtragend."

    Woran das wohl liegen mag, wenn man sie derart konfrontiert?

    Immerhin liefern Sie ein sehr plastisches Beispiel dafür, dass der juristische Weg, Konflikte zu lösen, nicht immer der optimale ist.

  3. ...sie wissen schon..

    im obigen fall (der kommentare) ging es um einen schuler der '9ten' klasse. dieser ist a. kein jurist und kann daher auch b. nicht definieren, was eine kv oder gefkv zur normerfuellung beinhaltet. er weiss aber, dass es nicht 'rechtes' ist, mit einem biro schmerz zugefuegt zu bekommen...

    ...und wie sollte in so einem fall die lehrerin agieren? den verursacher zurechtweisen -eventuell mit 'straf'*-konsequenzen-, indem sie die moeglichen folgen seines verhaltens aufzeigt und/oder mit den eltern spricht.

    wir haben uns frueher* auch und nicht nur sprichwoertlich 'die nasen gruen und blau gehauen'! und was waren die konsequenzen? unsere eltern sagten sogar noch, 'selber schuld', war der andere staerker? wir haben konflikte untereinander 'selber' geloest!!! das wort 'mobbing' kannte ich als 15jaehriger nicht, unsere eltern sind in den seltesten faellen eingeschritten und ja, wenn mal die polizei kam, hatte die 'immer' recht!

    fazit: 'juristen' haben in der schule nichts zu suchen! durch sie wird nur verantwortung 'abgeschoben' (weg von dem 'ich', hin zu der 'gesellschaft'), fuer die jeder schueler haette 'selber' geradestehen muessen -> das nennt man dann 'lernprozess' :-)

    cheers

    * untechnisch gesprochen
    * 1980er jahre

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  4. Ich schließe mich roland_s an.

    Das Mobbing-Problem ist das eine. Das muss vom Lehrer früh erkannt und dann von dafür ausgebildeten Kollegen unter die Lupe genommen werden.
    Körperliche Auseinandersetzungen an sich, losgelöst von der Mobbing-Thematik, sind jedenfalls etwas, was tagtäglich dutzendfach vorkommt. Hier Elternabende einzurichten oder direkt zum Anwalt zu rennen, ist nicht selten schlichtweg Mist für die Betroffenen und Mist für das Klassenklima. Meinen Sie, man könne Probleme "wegklagen"?

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  5. Freilich. Und das sollte auch der letzte Ausweg sein, da stimme ich Ihnen vollkommen zu.

    Antwort auf
  6. @ vvmetro Die Durchdringung der Banalitäten des Alltags durch juristische „Weisheit“ wird kein Weg in eine friedvolle Zukunft sein, bestenfalls ein gutes Geschäft für Juristen.
    @ Verfassungspatriotin Natürlich hätte die Lehrerin anders reagieren können, sowie Sie als Mutter und Ihr Sohn, der Schüler, selber auch. Das wissen logischerweise diejenigen am allerbesten, die selber nicht zugegen waren.

    Allgemein sei gesagt, dass Außenstehende überhaupt nur eine blasse Ahnung davon haben, was eine/n LehrerIn erwartet, wenn er/sie sich darauf einlassen will, bei Streitfällen in einem Klassenzimmer Ursache und Wirkung, kurz die Wahrheit über etwas heraus zu finden, um zu dem zu kommen, worum es im Unterricht eigentlich gehen sollte.
    Das Problem heutigen Schullebens besteht allerdings zugegebener Maßen darin, dass solcherlei „Nebenschauplätze“ immer mehr zum Kerngeschäft der Lehrerschaft (gemacht) werden.

  7. Sie wussten ... was? Kann es sein, dass Sie
    1. so voreingenommen sind, dass Sie - schlecht für einen Juristen - Sachinformationen nicht mehr wahrnehmen, sondern nur noch ihre persönliche Interpretation derselben?
    2. zu der Sorte Fachleute gehören, die die ganze Welt nur noch durch die Brille ihres Fachgebietes sehen?

    Der Stich mit einem Stift in den Rücken eines anderen Schülers ist nur mit juristischer Brille eine Straftat im Form einer Körperverletzung. (Das Stichwort Antragsdelikt zu nennen schadet hier dennoch nicht) Dieser gleiche Stich ist aber unter Brille anderer Professionen noch viel mehr. Aspekte, die für Sie nicht existieren. DAS ist mein Vorwurf.

    Wenn Ziel eines Konfliktes ist, den Konflikt zu lösen, dann ist der juristische Weg nur ein möglicher, ggf. nur ein ergänzender, manchmal sogar ein schädlicher. Sie als Jurist müssten am allerbesten wissen, dass die Klärung vor dem Gericht zwar Rechtsfrieden bringen mag, dadurch der Frieden im wahren Leben aber noch lange nicht hergestellt ist.

    Das bedeutet nicht, dass ich dagegen bin, bestimmte Vorfälle an Schulen auch einer juristischen Bewertung zu unterziehen. Das sollte öfter passieren. Dennoch bleibt falsch, Geschehnisse nur unter diesem Blickwinkel zu sehen. Das betrifft nicht nur Schule, auch Nachbarschaft z.b..

    Von daher finde ich völlig richtig, dass derjenige ins Abseits gerät, der solche Vorfälle ausschließlich mit seiner Brille betrachtet, egal ob juristisch oder pädagogisch.

    PS: Ich bin kein Lehrer

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  8. Sie gehören offenbar zu den Advokaten, die in der juristischen Auseinandersetzung das Heil der Welt sehen und ihre Mandanten schon "aus Prinzip" vor Gericht treiben, anstatt außergerichtliche Lösungen zu finden. Zumindest argumentieren Sie hier.

    Ganz eindeutig Straftaten? Gefährliche Körperverletzung wegen eines Pieksens mit dem Stift am Rumpf? Ihnen geht der Gaul durch.

    Ich bin zwar auch kein Jurist, aber hege doch große Zweifel an dieser juristischen Wertung: Die Körperverletzung ist Antragsdelikt, der Geschädigte muss also erst einmal überhaupt wollen, dass es zu einer Strafverfolgung kommt. Will er das nicht, dann stehen Sie ganz schön im Regen. Gefährlich ist eine Körperverletzung dann, wenn sie - u.a. - mit einer Waffe oder einem gefährlichen Gegenstand ausgeführt. Das trifft nach meiner Kenntnis zu, wenn der Gegenstand (auch in der Art der Verwendung) geeignet ist zu nicht unerheblichen Verletzungen zu führen. Ergo: Stift ins Auge / Gesicht = Gefährliche Körperverletzung. Stift in den Rumpf = Nicht.

    Ihre hyperventilierte Art, Sachverhalte zu betrachten, ist sicher nicht geeignet, für ein friedliches Miteinander nach gewissen Vorfällen zu sorgen. Aber ich glaube, der Aspekt interessiert Sie auch nicht.

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  • Schlagworte DVD | Jugendliche | Konflikt | Lehrer | Mädchen | Realschule
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