Melissa* hat ein Riesenproblem. Ihre beste Freundin redet seit einer Woche kein Wort mehr mit ihr. Die beiden 16-Jährigen sitzen nebeneinander und müssen ein Referat vorbereiten. Aber wie soll das gehen, wo Melissa den Jungen nicht mag, in den sich ihre Freundin verliebt hat?

Es ist ein typischer Zwist unter Mädchen in diesem Alter, von dem Melissa ihrer Lehrerin Stefanie Seiler* in der Beratungsstunde an ihrer Realschule in einer kleinen Stadt in Niedersachsen erzählt. Der nicht ausgefochtene Streit stürzt nicht nur die beiden in eine Krise, sondern versauert das Klassenklima. Melissa will schon gar nicht mehr in die Schule gehen.

Nun soll Stefanie Seiler es richten: "Reden Sie doch mal mit ihr", fordert Melissa. Die Schüler erwarteten oft, dass die Lehrer ihre Konflikte lösen, so wie sie im Unterricht ja auch die Entscheidungen treffen, sagt die 39-Jährige. Aber genau das will sie als Beraterin vermeiden.

Lieber ermuntert Seiler Melissa, erst einmal nach eigenen Ideen zu suchen. Einen Brief schreiben könnte sie, überlegt das Mädchen. Seiler hilft ihr. Sie ist auch dabei, als die beiden sich schließlich zu einem Gespräch verabreden. Thema ist nicht, wer wen wie verletzt hat, sondern: Wie kriegen wir das wieder hin? Jede schreibt eine Wunschliste. Beide weinen, als sie feststellen, dass es nie wieder so sein wird wie früher.

Aber die Lehrerin sagt, die Mädchen hätten schnell eine neue, erwachsenere Ebene gefunden, miteinander umzugehen. Das hat auch Folgen für den Unterricht: Sie arbeiten weiter an ihrem Referat. Ein halbes Jahr später sind sie sogar wieder beste Freundinnen. Beide haben erstaunt festgestellt: Meine Freundin und mein Freund müssen sich nicht mögen.

Seiler sagt, viele Jugendliche könnten nicht gut kommunizieren. Sie fänden nicht zueinander, weil die eine sich beleidigt zurückzieht und keine Worte findet, während die andere permanent angreift. Sie müssten erst lernen, ihre Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken und dem anderen zuzuhören.

Traurig, allein, zurückgezogen

Dabei ist ein Streit wie der zwischen Melissa und ihrer Freundin eher die Ausnahme in Seilers Alltag an einer Schule mit vielen sozialen Problemen. Da ist zum Beispiel Mark*. Der 15-Jährige fühlt sich seit Jahren gemobbt. In seiner Klasse nennen die anderen ihn Fettie, verdrehen die Augen, wenn er etwas sagt. Er fälscht die Unterschrift seines Vaters, um nicht mehr in die Schule zu müssen.

Seiler hört ihm zu, gewinnt allmählich sein Vertrauen. Nach einigen Treffen versteht sie, dass die Hänseleien in der Schule nicht die Ursache dafür sind, dass er die Schule schwänzt. Er erzählt ihr nämlich, dass ihm seine engste Vertraute fehlt, seit seine Großmutter gestorben ist. Seine Eltern lassen sich scheiden und sind nur mit sich selbst beschäftigt. Er ist ständig traurig, fühlt sich ganz allein und hat sich komplett zurückgezogen.

Anschließend, sagt Seiler, musste sie nicht mehr viel tun. Weil sich Mark einmal geöffnet hat, findet er auch die Kraft, wieder mit den anderen in Kontakt zu treten. Er will mit seiner Mutter sprechen, die nur noch wütend auf ihren Schule-schwänzenden Sohn ist. Seiler lädt sie ein. In dem hoch emotionalen Gespräch gelingt es dem Jungen, der Mutter zu erklären, dass er nicht faul ist, sondern nicht aus dem Bett kommt, weil die Trauer ihn ausfüllt. Sie versteht endlich, was die Großmutter ihm bedeutet hat. Sie hatte ihn nicht einmal zur Beerdigung mitgenommen. Mark überlegt sich ein Ritual, und die Mutter lässt sich darauf ein. Die beiden verabschieden sich nachträglich von der Großmutter mit einem gemeinsamen Ausflug in das Dorf, aus dem sie stammte, und in ihr Lieblingscafé.

Keine Zeit für Konflikte

Bald darauf beschließt der Junge, seine Mitschüler damit zu konfrontieren, wie sehr sie ihn verletzt haben. Doch was, wenn sie ihn wieder demütigen? Wenn er nicht stark genug dafür ist? Ein klassisches Mobbing-Opfer müsste Seiler eigentlich vor dem direkten Streit mit den Mobbern schützen.

Aber Marks Weg ist richtig. Seine Mitschüler erzählen ihm ihre Version der Geschichte. Wie grantig er plötzlich auftrat, wie krass er auf kleine Hänseleien reagierte, und wie überfordert sie sich fühlten, weil er so ganz anders war.

Nachts um drei auf der Suche nach einem Schüler

Trotz der Erfolgsgeschichten, die Seiler erzählt, kann sie den Wunsch vieler Lehrer verstehen, von all dem Ärger verschont zu bleiben und einfach nur zu unterrichten. Denn wer sich auf das einlässt, was die Kinder erleben, läuft Gefahr, sich um alle Probleme später auch selbst zu kümmern. "Ich erfahre von Mädchen, die zu Hause missbraucht werden, von Kindern, die ganz alleine sind. Ich war auch schon mal nachts um drei unterwegs, um einen Jungen zu suchen, weil ich Angst hatte, er würde sich umbringen." Inzwischen weiß Seiler, dass das ein Fehler war und wo sie professionelle Hilfe holen kann – auch für sich selbst.

Eine Beratungslehrerin allein kann ohnehin nicht alle Konflikte an einer Schule begleiten. Für die Jugendlichen da sein müssen vor allem die Klassenlehrer. Sie kennen die Schüler am besten. Aber es fehlt nicht nur die Zeit für die Lektionen im Streitenlernen.

Keine Zeit für Konflikte

Seiler erzählt: "In der Beratungsstunde sage ich natürlich nie so einen Satz wie: 'Reiß dich mal zusammen'. Als Deutschlehrerin bleibt mir oft nichts anderes übrig. Denn wenn eine Arbeit geschrieben wird, dann ist Deutsch dran, auch wenn es gerade für zwei Schüler gar nicht passt. Ich kann ja nicht die 28 anderen am Lernen hindern." Sie verspricht dann, dass sie sich in der großen Pause Zeit nimmt. "Sogar die Verfügungsstunden, die wir früher für den Klassenrat genutzt haben, sind hier in Niedersachsen gestrichen worden."

Als Klassenlehrerin versucht sie, so oft wie möglich außerhalb des Unterrichts Anlässe zum Reden zu schaffen: auf kurzen Reisen oder einfach mal ein Treffen am Abend im Klassenzimmer, wo Lehrer und Schüler gemeinsam Spiele spielen oder DVDs anschauen.

Obwohl all das nicht bezahlt wird, kennt sie keinen Lehrer, der noch behaupten würde: Um die Konflikte sollen sich die Eltern kümmern. "Ein Lehrer kann kein Wissen vermitteln, wenn er nicht erst einmal eine Atmosphäre schafft, in der die Kinder überhaupt etwas aufnehmen können."

Die Erfahrung mit Mark gibt ihr Recht. Er ist noch immer sehr traurig, aber die Trauer bestimmt nicht mehr über sein Leben. "Der ist wieder voll da."
* Namen von der Redaktion geändert