Bald darauf beschließt der Junge, seine Mitschüler damit zu konfrontieren, wie sehr sie ihn verletzt haben. Doch was, wenn sie ihn wieder demütigen? Wenn er nicht stark genug dafür ist? Ein klassisches Mobbing-Opfer müsste Seiler eigentlich vor dem direkten Streit mit den Mobbern schützen.

Aber Marks Weg ist richtig. Seine Mitschüler erzählen ihm ihre Version der Geschichte. Wie grantig er plötzlich auftrat, wie krass er auf kleine Hänseleien reagierte, und wie überfordert sie sich fühlten, weil er so ganz anders war.

Nachts um drei auf der Suche nach einem Schüler

Trotz der Erfolgsgeschichten, die Seiler erzählt, kann sie den Wunsch vieler Lehrer verstehen, von all dem Ärger verschont zu bleiben und einfach nur zu unterrichten. Denn wer sich auf das einlässt, was die Kinder erleben, läuft Gefahr, sich um alle Probleme später auch selbst zu kümmern. "Ich erfahre von Mädchen, die zu Hause missbraucht werden, von Kindern, die ganz alleine sind. Ich war auch schon mal nachts um drei unterwegs, um einen Jungen zu suchen, weil ich Angst hatte, er würde sich umbringen." Inzwischen weiß Seiler, dass das ein Fehler war und wo sie professionelle Hilfe holen kann – auch für sich selbst.

Eine Beratungslehrerin allein kann ohnehin nicht alle Konflikte an einer Schule begleiten. Für die Jugendlichen da sein müssen vor allem die Klassenlehrer. Sie kennen die Schüler am besten. Aber es fehlt nicht nur die Zeit für die Lektionen im Streitenlernen.

Keine Zeit für Konflikte

Seiler erzählt: "In der Beratungsstunde sage ich natürlich nie so einen Satz wie: 'Reiß dich mal zusammen'. Als Deutschlehrerin bleibt mir oft nichts anderes übrig. Denn wenn eine Arbeit geschrieben wird, dann ist Deutsch dran, auch wenn es gerade für zwei Schüler gar nicht passt. Ich kann ja nicht die 28 anderen am Lernen hindern." Sie verspricht dann, dass sie sich in der großen Pause Zeit nimmt. "Sogar die Verfügungsstunden, die wir früher für den Klassenrat genutzt haben, sind hier in Niedersachsen gestrichen worden."

Als Klassenlehrerin versucht sie, so oft wie möglich außerhalb des Unterrichts Anlässe zum Reden zu schaffen: auf kurzen Reisen oder einfach mal ein Treffen am Abend im Klassenzimmer, wo Lehrer und Schüler gemeinsam Spiele spielen oder DVDs anschauen.

Obwohl all das nicht bezahlt wird, kennt sie keinen Lehrer, der noch behaupten würde: Um die Konflikte sollen sich die Eltern kümmern. "Ein Lehrer kann kein Wissen vermitteln, wenn er nicht erst einmal eine Atmosphäre schafft, in der die Kinder überhaupt etwas aufnehmen können."

Die Erfahrung mit Mark gibt ihr Recht. Er ist noch immer sehr traurig, aber die Trauer bestimmt nicht mehr über sein Leben. "Der ist wieder voll da."
* Namen von der Redaktion geändert