Konfliktmanagement : Schule ist der beste Ort zum Streiten

Streit hilft gegen Mobbing und Gewalt. Schüler müssen aber lernen, wie das funktioniert. Mediator Alexander Krohn hilft dabei.

ZEIT ONLINE: Herr Krohn, Sie bilden in Lüneburg Lehrer zu Schulmediatoren aus. Wenn ihre Arbeit erfolgreich ist, wird dann in den Schulen weniger gestritten?

Alexander Krohn: Nein, viele Schulen stellen sich das zwar so vor: Wenn ein paar Schüler zu Streitschlichtern ausgebildet sind und ein paar Lehrer zu Mediatoren, dann haben wir bald keine Konflikte mehr. Das ist aber nicht das Ziel. Streit ist wichtig, er soll nicht abgeschafft, sondern im Gegenteil sichtbarer gemacht werden. Das Wichtige beim Streiten ist, wie ich im Streit miteinander umgehe.

ZEIT ONLINE: Was ist gut am Streiten?

Krohn: Wenn ich konstruktiv streite, bedeutet das, dass ich mir über meine Gefühle und Bedürfnisse klar werde, und die der anderen respektiere. Nur so kann ich mich entwickeln. Wer lernt, sich richtig zu streiten, schult auch andere soziale Fähigkeiten: Zuhören zum Beispiel und Ich-Botschaften zu senden – statt Vorwürfe zu machen; sowie Empathie, also sich in das Gegenüber einzufühlen. Die Folge ist, dass Gewalt und Mobbing seltener werden.

ZEIT ONLINE: Dann ist die Schule der beste Ort zum Streiten. Viele unterschiedliche Menschen müssen miteinander auskommen – in einem Alter, wo sie danach suchen, wer sie sein wollen.

Gefühle bekommen zu wenig Raum

Alexander Krohn

Alexander Krohn ist Diplom-Sozialpädagoge und Mediator im Verein Mediationsstelle Brückenschlag. Seit zehn Jahren bildet er Lehrer in Niedersachsen fort: Er begleitet sie bei der Gewaltprävention, Mobbingintervention und unterstützt Schulkollegien bei Teamklärungsprozessen. Die Mediationsstelle Brückenschlag in Lüneburg hilft seit 1996 Kindern und Jugendlichen, Eltern, Pädagogen und Institutionen mit Fortbildungen, Beratungen und Supervision.

Krohn: Eigentlich schon. Leider bekommen Gefühle zumindest in den weiterführenden Schulen wenig Raum. Im Unterricht ist kaum Platz dafür, denn der Stoff macht Druck. Streit wird oft als Kampf geführt, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Wer glaubt, nicht siegen zu können, vermeidet vielleicht den Konflikt. Und wenn ein Sieger gefunden ist, geht der Streit nicht selten trotzdem weiter. Die Gewinner geben häufig keine Ruhe, Verlierer auch nicht.

ZEIT ONLINE: Was kann man falsch machen beim Streiten?

Krohn: Es gibt drei Streittypen, die alle zu keinem guten Ergebnis kommen: Neben den Kämpfern, denen es ums Siegen geht, gibt es diejenigen, die sich zurückziehen und dem anderen die Schuld geben, und schließlich die Angepassten, die sich unterordnen und ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken. Wer konstruktive Lösungen sucht, sollte lernen, klar zu formulieren, was er will, und trotzdem bereit für Kompromisse sein. Kompromisse sind aber gar nicht immer nötig, wenn ich in der Lage bin, im Streit den anderen zu hören und seine Perspektive zu verstehen. Dann kommen die Schüler oft zu einer Lösung, mit der beide gleichermaßen zufrieden sind.

ZEIT ONLINE: Das hört sich so an, als könnte man das nicht in einer Unterrichtsstunde lernen. Wie bringen Lehrer Schülern richtiges Streiten bei?

Krohn: Am besten fängt man im Kindergarten mit bestimmten Ritualen an, setzt sie in der Grundschule fort, bis konstruktive Kommunikationsregeln verinnerlicht sind und automatisch ablaufen. Geübt wird an den banalen Konflikten: Zum Beispiel am Streit an der Rutsche. Einer sagt: Der hat mich geschubst, der andere: Der hat mich aber nicht mitspielen lassen. Wir nutzen dann zum Beispiel eine Art Teppich, den wir die Friedensbrücke nennen. Schritt für Schritt bewegen sich die Streitenden darauf weiter. Erst erzählen sie jeder, was aus ihrer Sicht passiert ist. Dann sagen sie, was sie gefühlt haben, was ihnen wichtig ist, was sie vom anderen gehört und verstanden haben und anschließend was sie sich vom andern wünschen und was sie ihm anbieten können. Am Ende wird ein Vertrag für die Zukunft geschlossen.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ach ja?

In meiner Schule gab es häufig Streit. Das war vor rund zehn Jahren, in Hamburg Osdorf. Es gab in meiner Klasse zwei Jungs deutscher Herkunft, wir waren die Außenseiter und hatte täglich "Streit".

Wir fanden den Ort leider nicht besonders geeignet, da wir in einer Minderheit waren und uns völlig unsichtbar machen mussten, um nicht "zu streiten". Streit. Was ist das eigentlich? Wenn man in der Pause umzingelt wird und als Deutsche Kartoffel beschimpft und bespruckt wird?

Nach der Schulzeit verlagerte sich der Streit in die S-Bahn, gerade nachts, am Wochenende. Vorzugsweise auf der Linie S3 hatte man es als Deutscher gelegentlich echt schwer nicht "zu streiten".

Ich hasse Streit, bin an den Stadtrand gezogen und fahre Auto. Seit dem werde ich nur noch gelegentelich von meiner Frau beleidigt oder geschlagen, was aber selten passiert und mich bei weitem nicht so sehr stört wie die Streitereien in der Schule oder in der S-Bahn.

Oder verwechsle ich gerade grundlose, rassistische Gewalt und Streit?

Mit Sicherheit ist dies

ein gestelltes Foto.
Aber ich kannte auch mal zwei Jungs, die stritten sich ständig. Wirklich jeden Tag. So, dass es auch die anderen SchülerInnen der Klasse nervte. Und sie gingen sich teilweise hart an.
Dazwischen zu gehen hatte aber als Effekt, dass der Dritte dann angemacht wurde.
Die Beiden sind, auf eine für viele ungewöhnliche Weise, eine Symbiose eingegangen. Man ließ sie dann immer so lange in Ruhe 'streiten', bis man selbst davon genervt war. Nicht mehr um sie zu trennen, sondern um allgemein Ruhe herzustellen.
Ich weiß noch, dass ich die Beiden auch mal angesprochen hatte, weil ich meinte, sie würden streiten. Sie stellten sich nebeneinander an die Wand und schauten mich an, als wäre ich dummbrotig. Danach haben sie einfach weiter gemacht.

Sie wären überrascht.....

....wenn Sie sehen würden, wie "Arzt-Sohn Ben" und "der etwas nerdige Ferdinand" sich auf dem Schulhof verhalten.
Da mutieren gutbürgerliche Söhnchen gerne mal zum handfesten Proll.
Denken Sie bloß nicht, Kloppereien auf dem Schulhof wären ein "Privileg" von Haupt-und Realschulen.
Mag sein, dass an Gymnasien oft subtiler gemobbt wird - körperliche Gewalt findet aber auch dort statt, wird nur nicht gerne an die große Glocke gehängt.

Gruppendynamik und Kommunikation

kann man lernen.

Vom Bewerbungsseminar für Hartz IV Empfänger, bis hin zum Managertraining, zentraler Bestandteil der Ausbildung. Nur bei der Lehrerausbildung wird es als nachgeordnet und wenig wichtig betrachtet, obwohl Präsentation und Führung einer Gruppe, essentiell für den Erfolg des Lehrers beim lehren sind. Was eigentlich jeder bestätigen kann, der bereits Erfahrung mit Lehranstalten und deren "Führungskräften" gemacht hat.

Der "gute" Lehrer ist, bezogen auf die Ausbildung, immer noch ein Produkt des Zufalls oder der Begabung, obwohl durch gezielte Ausbildung, bereits im Studium, sehr viel verbessert werden könnte. Gewinnen würden Schüler und Lehrer. Eine Gruppe die ich führen kann, nervt mich nicht.

Spannende Vorträge des Lehrstoffes werden besser gelernt und die bessere Kommunikation fördert die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Weswegen der Ansatz, dieses Wissen auch den Schülern zu vermitteln, begrüßenswert ist. Lernen, sich auseinanderzusetzen, ist Lernen fürs Leben, weil dieser Lernstoff, über die Schule hinaus, in allen Bereichen des Lebens nützlich sein kann.

Man muss es nicht unbedingt "streiten" nennen, weil das ein Begriff ist, der viel mehr Agression beim Zuhörer/Leser assoziiert, als die "Auseinandersetzung" ;-)

"Miteinander Reden"

Ein kleines Buch, seit vielen Jahren auf dem Markt. Warum nicht so ein Buch im Untericht durcharbeiten. Viele Schüler könnten dann "die gleiche Sprache spechen", sich verstehen und auch ohne die zur Zeit empfohlene Lautstärke diskutieren.
... von Thun, Miteinander Reden. kann ich nur jedem empfehlen.
Nachsatz: ich bekomme keine Provision.