ZEIT ONLINE: Herr Krohn, Sie bilden in Lüneburg Lehrer zu Schulmediatoren aus. Wenn ihre Arbeit erfolgreich ist, wird dann in den Schulen weniger gestritten?

Alexander Krohn: Nein, viele Schulen stellen sich das zwar so vor: Wenn ein paar Schüler zu Streitschlichtern ausgebildet sind und ein paar Lehrer zu Mediatoren, dann haben wir bald keine Konflikte mehr. Das ist aber nicht das Ziel. Streit ist wichtig, er soll nicht abgeschafft, sondern im Gegenteil sichtbarer gemacht werden. Das Wichtige beim Streiten ist, wie ich im Streit miteinander umgehe.

ZEIT ONLINE: Was ist gut am Streiten?

Krohn: Wenn ich konstruktiv streite, bedeutet das, dass ich mir über meine Gefühle und Bedürfnisse klar werde, und die der anderen respektiere. Nur so kann ich mich entwickeln. Wer lernt, sich richtig zu streiten, schult auch andere soziale Fähigkeiten: Zuhören zum Beispiel und Ich-Botschaften zu senden – statt Vorwürfe zu machen; sowie Empathie, also sich in das Gegenüber einzufühlen. Die Folge ist, dass Gewalt und Mobbing seltener werden.

ZEIT ONLINE: Dann ist die Schule der beste Ort zum Streiten. Viele unterschiedliche Menschen müssen miteinander auskommen – in einem Alter, wo sie danach suchen, wer sie sein wollen.

Gefühle bekommen zu wenig Raum

Krohn: Eigentlich schon. Leider bekommen Gefühle zumindest in den weiterführenden Schulen wenig Raum. Im Unterricht ist kaum Platz dafür, denn der Stoff macht Druck. Streit wird oft als Kampf geführt, in dem es Gewinner und Verlierer gibt. Wer glaubt, nicht siegen zu können, vermeidet vielleicht den Konflikt. Und wenn ein Sieger gefunden ist, geht der Streit nicht selten trotzdem weiter. Die Gewinner geben häufig keine Ruhe, Verlierer auch nicht.

ZEIT ONLINE: Was kann man falsch machen beim Streiten?

Krohn: Es gibt drei Streittypen, die alle zu keinem guten Ergebnis kommen: Neben den Kämpfern, denen es ums Siegen geht, gibt es diejenigen, die sich zurückziehen und dem anderen die Schuld geben, und schließlich die Angepassten, die sich unterordnen und ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken. Wer konstruktive Lösungen sucht, sollte lernen, klar zu formulieren, was er will, und trotzdem bereit für Kompromisse sein. Kompromisse sind aber gar nicht immer nötig, wenn ich in der Lage bin, im Streit den anderen zu hören und seine Perspektive zu verstehen. Dann kommen die Schüler oft zu einer Lösung, mit der beide gleichermaßen zufrieden sind.

ZEIT ONLINE: Das hört sich so an, als könnte man das nicht in einer Unterrichtsstunde lernen. Wie bringen Lehrer Schülern richtiges Streiten bei?

Krohn: Am besten fängt man im Kindergarten mit bestimmten Ritualen an, setzt sie in der Grundschule fort, bis konstruktive Kommunikationsregeln verinnerlicht sind und automatisch ablaufen. Geübt wird an den banalen Konflikten: Zum Beispiel am Streit an der Rutsche. Einer sagt: Der hat mich geschubst, der andere: Der hat mich aber nicht mitspielen lassen. Wir nutzen dann zum Beispiel eine Art Teppich, den wir die Friedensbrücke nennen. Schritt für Schritt bewegen sich die Streitenden darauf weiter. Erst erzählen sie jeder, was aus ihrer Sicht passiert ist. Dann sagen sie, was sie gefühlt haben, was ihnen wichtig ist, was sie vom anderen gehört und verstanden haben und anschließend was sie sich vom andern wünschen und was sie ihm anbieten können. Am Ende wird ein Vertrag für die Zukunft geschlossen.